17.11.1954

DUTTWEILERDie verkürzte Handelskette

(s. Titel)
Auf das kunstvoll geschnitzte Rednerpult des Schweizer Parlaments, im Nationalratsgebäude zu Bern, stützte sich ein grauhaariger Mann, nahm in erregter Folge seine Goldrandbrille auf und ab und schwang sie drohend gegen die Versammlung. Er sprach in aufrüttelnden Worten davon, daß bald wieder Krieg sein werde und daß es deshalb Zeit sei, Lebensmittelvorräte für das Land anzusammeln, notfalls "in Schulen und Kirchen". Aber die Nationalräte zeigten abweisende Gesichter, denn der Beschwörer vorn am Rednerpult hieß Gottlieb Duttweiler. Und das Wort dieses Mannes gilt zwar viel in seinen Hunderten von Schweizer Migros-Läden, das Parlament jedoch stellt sich oft in seltener Einmütigkeit gegen den Makkaronikönig.
Wie in Trance wankte der große schwere Mann nach seiner Rede auf den Wandelgang hinaus. Dort sprach ihn ein Bekannter, der Krawattenfabrikant Schettli, an. Duttweiler winkte ab und murmelte nur erregt: "Geh Schettli, hol mir schnell zwei Steine."
Duttweilers Freund aus dem verträumten Städtchen Biel wagte keinen Widerspruch. Umstehende eilten zum Telephon, um Duttweilers Frau Adele zu alarmieren, da der Gottlieb wieder einmal etwas Fürchterliches vorzuhaben schien.
Als die Glocke des Präsidenten die Abgeordneten wieder in den Saal rief, wurde verkündet, daß nur eine Handvoll von den etwa zweihundert Nationalräten für die Bevorratung von Lebensmitteln gestimmt hatte. Von spöttischen Bemerkungen verfolgt, daß es nun wohl nichts mit einer Umsatzbelebung seiner Migros-Genossenschaft sei, hastete Duttweiler mit rotem Kopf auf eine der vier Ausgangstüren zu.
Genau vor dieser Tür stand Schettli. Der Krawattenfabrikant patschte stolz auf seine aufgebauschten Manteltaschen und wollte gerade mit der Erzählung anheben, daß es ihm in der vorbildlich sauberen Hauptstadt Bern nur am Aare-Ufer möglich gewesen war, die Steine aufzutreiben, da hatte der Nationalrat Duttweiler die kiloschweren Steine schon in der Hand. Im nächsten Augenblick flogen sie durch die Scheiben. Das Glas zersplitterte, und
durch die ehrwürdigen Hallen des Schweizer Parlamentsgebäudes gellte Duttweilers Stimme: "Jetzt holt die Polizei, jetzt holt die Polizei!"
Die Geschichte ist nun schon sechs Jahre her. Aber noch heute zeigt sich Gottlieb Duttweiler, Präsident der berühmten Schweizer Migros-Genossenschaft und Gründer eines politischen Blocks der Unabhängigen, merkwürdig erregt, wenn die Rede auf seinen Steinwurf von Bern kommt. Der 66jährige Großkaufmann, der die von ihm praktizierte Verquickung von Wirtschaft und Politik der "Ganzheit" seines Denkens zuschreibt, hört Stimmen, die nicht jeder hört. Auch damals habe ihn irgend etwas gezwungen, für das Wohl des Volkes die Steine zu werfen*). Auf behutsame Fragen nach seinem Motiv und Auftrag poltert er: "Hat denn der Wilhelm Tell einen Auftrag gehabt? Das hat es doch in der Schweiz schon immer gegeben: den inneren Auftrag!"
Die inneren Aufträge und ihre prompte Ausführung durch den bulligen Zweizentnermann Duttweiler halten die Schweizer Eidgenossen seit nahezu dreißig Jahren in Aufregung. Die Ergebnisse seines Wirkens während dieser Zeitspanne sind unter anderem:
* die Migros-Genossenschaft, die ein Sechstel aller Schweizer Haushalte mit
Lebensmitteln und anderen Waren versorgt, zwölf eigene Fabriken unterhält und fast 400 Millionen Franken Jahresumsatz erzielt;
* der Landesring, eine politische Bewegung, die zur Zeit durch zehn Nationalräte im Schweizer Parlament vertreten ist;
* die Zeitschrift "Wir Brückenbauer" und das Tageblatt "Die Tat", das zu den größten Schweizer Zeitungen zählt;
* die Präsens-Filmgesellschaft, die Filme wie "Vier in einem Jeep" und "Die letzte Chance" gedreht hat;
* die Klubschule, in der in 837 Abendklassen verbilligte Erwachsenenbildung betrieben wird.
Die wichtigste Bedeutung aber, die Gottlieb Duttweiler sich selbst für sein Land beimißt, ist die des nationalen Büttels.
"Unsere Migros hat nur ein Prozent vom gesamten Schweizer Umsatz", sagt er. "Aber es ist gar nicht so wichtig, wieviel wir umsetzen, sondern was wir damit preisregulierend bewirken. Wir sind in Politik und Wirtschaft die Straßenkehrer der Nation und belehren auch die ganz Großen, die Truste und die Konzerne, daß das Gesetz auch für sie da ist. Wir werden immer als Ankläger aufstehen, wo etwas faul ist, denn nur wo ein Kläger ist, ist ja bekanntlich auch ein Richter."
Seit einigen Wochen nun sitzt der Lebensmittelkaufmann Duttweiler als Ankläger über eine Branche zu Gericht, der er durch die Anschaffung einer eigenen Taxiflotte (die mit ihren verbilligten Fahrpreisen die Zürcher Kilometerpreise von 70 auf 50 Rappen herabgedrückt hat) ein wenig nähergekommen ist. Er attackiert die internationalen Erdölgesellschaften. Schon im letzten Frühjahr ließ er seine "Tat" trommeln, die Schweizer Tochtergesellschaften, besonders die Shell, die Esso und die BP, zögen den Schweizer Autofahrern jährlich 60 Millionen Franken Überpreise aus der Tasche. Der Schweizer Benzinpreis von 55 Rappen könne leicht auf wenigstens 50 Rappen gesenkt werden.
Nach diesem Vorgeplänkel gründete Duttweiler eine Genossenschaft für Heizöl und Benzin, die "Migrol". Im Namen dieser Migrol bot er den 5600 Tankstellenbesitzern der Schweiz an, ihnen jährlich etwa 20 000 Tonnen Benzin zu einem Preis zu liefern, der erheblich unter den von den internationalen Trusten verlangten Sätzen lag. Duttweilers einzige Bedingung war, daß die Tankstellen nach Aufschlag ihrer Handelsspanne sein Benzin zu dem verbilligten Preis verkauften. Dieser Endverkaufspreis lag bei 49 Rappen.
Nun sind auch in der Schweiz die Tankstellenhalter meist durch langfristige Verträge an die Ölkonzerne gebunden. Hinzu kommt, daß das gesamte Schweizer Mittelstandsgewerbe dem Hitzkopf Duttweiler von vornherein mißtraut. Die im "Autogewerbeverband" organisierten Tankstellenmänner lehnten deshalb das Angebot der Migrol rundweg ab. Daraufhin drückte der streitbare Alte in seinem Arbeitszimmer
am Zürcher Limmatplatz, hoch über den Kolonialgerüchen des Migros-Verladehofes, nur auf ein paar Knöpfe seines Telephongerätes, und am nächsten Morgen war die Sensation da:
Zunächst an zwei, später an mehr provisorisch errichteten Tanksäulen verkaufte die Migrol selbst Benzin zu 49 Rappen, während die Preisschilder der Trust-Tankstellen weiterhin 55 Rappen anzeigten. An den Migrol-Zapfhähnen drängten sich bald die Autofahrer, und im Hintergrunde drückten sich Spione der Konkurrenz herum. Sie schrieben alle Autonummern abtrünniger Kunden auf. In Bern versorgte eine Migrol-Säule auf einen Schlag fast 20 Prozent des Tagesbedarfs der ganzen Stadt.
Für den Nachschub des enorm anschwellenden Bedarfs sorgte ein 37jähriger Mann, den der Migros-Chef seinen "lieben Jean" nennt. Duttweiler hatte den jungen Ölfabrikanten Jean Arnet zum Präsidenten der neuen Migrol gemacht. Auch Arnet ist ein Außenseiter, ehrgeizig und robust wie Duttweiler. Darüber hinaus brachte er für seinen Posten eine im Hause wichtige Voraussetzung mit. Er haßt die großen Konzerne, von denen er sich schon als Leiter der kleinen Bubenberg AG in Spiez schlecht behandelt fühlte.
Im Sommer 1951 hatte Arnet einen heftigen Zusammenstoß mit der Anglo-Iranian Oil Company, deren Tochtergesellschaft in der Schweiz die BP ist. Er
sagt heute: "Ich hatte schon 1951 die Absicht, der Schweiz eine trustfreie Erdölversorgung zu sichern, und ich stand in Verhandlungen mit Persien über den Bezug von Rohöl aus den nordpersischen Feldern."
Arnet flog damals nach Teheran zu Premierminister Mossadegh, der gerade die britische Anglo-Iranian aus ihren Ölfeldern und der Raffinerie Abadan vertrieben hatte. Mossadegh bot Öl aus den Feldern der britischen Gesellschaft an, der junge Arnet war bereit, es zu kaufen. Die Verträge wurden heimlich im Gebäude der Melli-Bank unterzeichnet. Arnet: "Wir gingen nie mehr als zehn Meter an die Fenster heran, weil im Ölgeschäft sehr leicht auch mal geschossen wird. Einer meiner Verhandlungspartner beispielsweise wurde eines Morgens beim Rasieren angeschossen."
Dann suchte Jean Arnet ein Schiff. Aber kein großer Tankreeder wollte sich wegen eines Außenseiters, der es unternahm, die britische Blockade des persischen Öls zu durchbrechen, mit den mächtigen, international durch Kapitalverflechtungen verbundenen Ölkonzernen überwerfen. Erst ein Grieche namens Nikola Rizi bot Arnet einen alten Kasten an, der unter der Flagge von Honduras fuhr und bereits zum Verschrotten vorgesehen war. Arnet heuerte eine italienische Mannschaft an, und die "Rose Mary" nahm Kurs auf den Persischen Golf.
In Bender Schapur wurde aus den überquellenden persischen Tanks Öl in das Blockadeschiff gepumpt, dann ging es auf die Heimreise. Schon auf dem Hinweg waren dem Kapitän immer wieder Funksprüche zugegangen, die ihn nach Kuweit umdirigieren wollten. Aber die Absender benutzten einen falschen Code, so daß der Kapitän nicht auf den Trick hereinfiel. Auf der Rückfahrt wurde das Schiff Tag und Nacht von Flugzeugen der Royal Air Force angeflogen.
Auf der Höhe der britischen Kolonie Aden qualmte plötzlich ein bewaffneter Schlepper heran, und der britische Major Ferguson führte unerbittlich seinen Sonderauftrag aus. Die "Rose Mary" wurde gestoppt und zum Sequester der Ladung nach Aden gebracht.
In dem Mann, der diese Schlappe hinnehmen mußte, fand Gottlieb Duttweiler einen willigen Mitstreiter für seinen Anti-Trust-Feldzug. Jean Arnet hält die Rohstoffversorgung seiner Migrol für absolut gesichert: "Wir beziehen das Rohöl von der American Independent Oil Company, San Francisco. Das ist eine Gesellschaft amerikanischer trustfreier Erdölfirmen, die über Konzessionen in Kuweit verfügt. Unsere Verträge sind auf lange Sicht angelegt und laufen viele Jahre lang. Wir kaufen jeweils eine ganze Dampferladung von rund 15 000 Tonnen."
Die Migrol läßt das Rohöl in Genua raffinieren. Für die Belieferung der nördlichen Schweiz suchte Arnet in Deutschland eine Raffinerie. Er verhandelte mit der Scholven-Chemie, Gelsenkirchen. Der Scholven-Chemie war bereits eine ganze Schiffsladung Rohöl zugewiesen. Daß der Verarbeitungsauftrag trotzdem nicht zustande kam, führt Arnet auch wieder auf Interventionen der Truste zurück. Bei ihren Verhandlungen mit dem Bonner Wirtschaftsministerium, Abteilung Erdöl, wiesen er und Duttweiler immer wieder eindringlich auf die in der Bundesrepublik reichlich vorhandenen Raffinerie-Kapazitäten und auf den möglichen Devisenerlös aus einem Geschäft mit der Migrol hin. Jetzt verhandeln sie mit Holland und Belgien.
Um die Front der Schweizer Tankstellenhalter aufzusplittern, erklärte Duttweiler
öffentlich, er garantiere jedem bei gleichbleibender Handelsspanne einen täglichen Mindestverkauf von zweitausend Litern, wenn er sein Migrol-Benzin nähme. Aber niemand biß an. Der Autogewerbeverband holte vielmehr zu einem kräftigen Gegenschlag aus. Er inserierte in den Zeitungen:
* "Wo eine Migrol-Säule steht, wird ab Montag, 4. Oktober 1954, durch eine oder mehrere benachbarte Kampftanksäulen unseres Verbandes das Benzin immer zwei Rappen pro Liter unter dem Verkaufspreis abgegeben. Während der Zeit des Angriffs der Migrol opfern alle anderen Tankstellen pro Liter einen Rappen in einen Solidaritätsfonds."
So kommt es, daß den Schweizer Autofahrern das gleiche Benzin zur Zeit zu drei unterschiedlichen Preisen offeriert wird: zu 47 Rappen bei den Kampftankstellen, zu 49 Rappen an den Migrol-Säulen und zu 55 Rappen bei allen anderen. Migrol-Chef Arnet sagt: "Die Automobilisten werden nicht so dumm sein, sich für zwei Rappen kaufen zu lassen. Sie wissen genau, wenn wir besiegt würden, dann wäre der Einheitspreis von 55 Rappen schon am nächsten Tage wieder da."
Aber beim Hauptvorstand des Schweizer Autogewerbes, das seinen alten Lieferanten mehr zutraut als Duttweiler, herrscht die gleiche Entschlossenheit. Präses Oscar Moosmann, von dessen elf Tabakspfeifen auf seinem Schreibtisch immer eine in Brand ist, prophezeit:
"Wenn der schweizerische Benzinmarkt dem Preisdruck der Migrol nachgibt, dann hat die Rechnung in erster Linie der Detaillist zu bezahlen, und zwar a conto seiner Handelsspanne. Die Migrol bestreitet das, aber wir wissen es besser. Duttweilers ganzes System bezweckt eine weitgehende Ausschaltung des Zwischenhandels, und das richtet sich gegen unsere mittelständische Wirtschaftsstruktur. Preissenkungen auf dem Ölweltmarkt werden schon weitergegeben, auch ohne Herrn Duttweiler."
Wieso ist das Migrol-Benzin so billig? Duttweiler begründet seinen Preis hauptsächlich mit dem billigeren Einkauf frei
Schweizer Grenze (13 Rappen, gegenüber 14,54 Konzernpreis) und mit einer wesentlich niedrigeren Großhandels- und Umschlagsspanne (2,60 Rappen, gegenüber 5,73). Seine Gegner behaupten allerdings, er könne deshalb so billig sein, weil die Migrol nur in den Großstädten und in den frachtgünstigen Landesteilen der Schweiz liefere, nicht aber beispielsweise in den entlegenen Berggegenden. In Kreisen der Konzerne werden auch Duttweilers niedrige Einfuhrpreise als "Augenblicksrechnungen" abgetan.
Duttweiler bucht es als einen ersten Erfolg seiner Kampfaktion, daß auch Oscar Moosmanns Autogewerbeverband, den der Migros-Gewaltige verächtlich das Fußvolk der Konzerne nennt, jetzt ein unabhängiges Gutachten über die Rechtmäßigkeit der von den internationalen Ölfirmen verlangten Abgabepreise anfordern will. Duttweiler und Arnet aber haben sich nicht mehr und nicht weniger vorgenommen, als über den Schweizer Benzinkampf den gesamten europäischen Benzinpreis aufzurollen und herabzudrücken.
Die Experten der Migrol sind beispielsweise auch der Ansicht, daß der Benzinpreis in der Bundesrepublik um wenigstens sechs bis acht Pfennig gesenkt werden könnte. Und bei Gottlieb Duttweiler liegt bereits ein Brief aus Köln, in dem Fritz Werth vom Hauptverband des Tankstellen- und Garagengewerbes in der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels anfragt, ob denn das billige Migrol-Benzin auch nach Deutschland komme.
Duttweilers kleiner Ölkrieg ist nur die vorläufig letzte in einer langen Reihe von Auseinandersetzungen mit Konzernen, Trusten und Kartellen*). Seine Raufgelüste gegenüber den großen Firmen sind so alt wie sein Migros-Unternehmen selbst. Seine grundsätzliche Meinung: "Ich bejahe auch die Truste. Manche von ihnen haben eine gewaltige
schöpferische Arbeit geleistet. Aber ich bin gegen die Vergewaltigung und die Ausnützung des Konsumenten. Ich bin gegen die Monopole und gegen die Einmischung der Trustgewalt in die Politik."
Überall, wo er eine solche Ausnutzung der Verbraucher witterte, hat Duttweiler in seinem Leben eingegriffen, "um die Gewinnspannen dieser Großen zu regulieren". Bereits in den ersten Jahren seiner Migros hatte er sich darüber geärgert, daß beispielsweise das Kokosfett Palmin des Unilever-Konzerns seiner Meinung nach als Verkaufspackung ungerechtfertigt teuer - gegenüber dem Preis der Faßware - verkauft wurde. Für die Migros kaufte er daraufhin selbst lose Ware auf und gab sie in eigenen Packungen um 25 Prozent billiger ab als der Konzern. Als ihm danach Unilever verständlicherweise die Lieferungen sperrte, tat Duttweiler etwas, was sich in den Jahren des Fabrikanten-Boykotts gegen sein Unternehmen dutzendfach wiederholte. Er machte eine eigene Fabrik auf.
Auch das Waschpulver Persil des deutschen Henkel-Konzerns schien ihm mit einem Franken in der Schweiz zu teuer verkauft. Also begann er selbst Waschmittel herzustellen und verkaufte die Pakkung für einen halben Franken. Der Verband der Zürcher Einzelhändler, deren Persil-Umsatz durch diese Preisunterbietung stark zurückging, machte der Migros schon damals den gleichen Vorwurf wie heute die Benzin-Gesellschaften, nämlich: Duttweiler picke sich aus dem Geschäft immer nur die Rosinen heraus. Wenn man bedenke, wie viele Jahre man brauche, um ein einwandfreies Waschmittel zu bekommen und wie viele Millionen es koste, ein solches Mittel in den Laboratorien zu entwickeln, dann sei es wohl leicht, das Pulver hinterher zu analysieren, nachzumachen und billiger zu verkaufen.
Selbst auf der Verpackung seines Waschmittels griff "Dutti", wie ihn seine Freunde nennen, den gegnerischen Konzern noch an. Auf der Vorderseite des Pakets ließ er einen Topf zeichnen, dessen Henkel dick durchgestrichen waren. Darüber in Druckbuchstaben noch einmal mundartlich die Worte "Ohne Hänkel".
Als die Henkelmänner in Düsseldorf wegen dieser Verhöhnung ihres renommierten Firmennamens Klage erhoben, überklebte die Migros ihre Pakete mit einem Feigenblatt, so daß nur noch ein aufreizendes "Ohä" übrigblieb.
Ähnlich machte Duttweiler es mit dem Putzmittel Vim, dem er ein Eigenfabrikat entgegenstellte. Vim kostete 75 Rappen das Paket, Duttis Putzmittel nur 25 Rappen. In diesem Falle lautete sein Werbespruch: "WIM-mere nicht über den hohen Preis, nimm mein Putzmittel." Beide Male mußte Duttweiler wegen unlauteren Wettbewerbs Geldstrafen zahlen, aber er klopft sich noch heute auf die Schenkel: "Was meinen Sie, was die Leute gelacht haben. Das war doch eine blendende und billige Reklame."
Noch im vergangenen Jahr nutzte Gottlieb Duttweiler eine Gelegenheit, das seiner Überzeugung nach überlegene Verteilungssystem seines Unternehmens zu demonstrieren. Diesmal ging es gegen die weltbekannte Lux-Seife, die von der Sunlight AG. in der Schweiz für 80 Rappen das Stück verkauft wird. Die Migros hat in vielen Weltstädten eigene Einkaufsbüros. Duttweilers New-Yorker Vertreter kaufte zweitausend Kisten zu je 144 Stück dieser Lux-Seife auf, und kurze Zeit später lag "die Seife der Filmstars von Hollywood" zu 50 Rappen in den Migros-Läden. Auch daraus entwickelte sich ein Prozeß, Duttweilers dreiundfünfzigster.
Der massige alte Mann hat die Unruhe einer Schweizer Präzisionsuhr im Leibe. Immer wieder treibt es ihn zu diesen und ähnlichen Aktionen, mit denen er sich die Gunst des Volkes erhalten und seine Rolle als Beschützer der Kleinen spielen will. Bei ihm ist alles innerer Auftrag. Wie es bei dem Steinwurf in Bern offenbar wurde - er macht Freunden manchmal das mysteriöse Bekenntnis, die beiden Löcher in den Fensterscheiben hätten ihn angestarrt wie die Augen eines Unwesens, das es zu bekämpfen gelte - , fühlt er sich immer unter dem Zwang: "Einer muß es tun."
Nur am Anfang seiner Laufbahn stand offensichtlich kein innerer Auftrag, sondern bittere Existenznot. Der Sohn eines Zürcher Genossenschafts-Leiters, dem schon
mit dem Konsumbrei genossenschaftliches Gedankengut eingegeben wurde, war während des ersten Weltkrieges Teilhaber seiner Lehrfirma Pfister & Sigg geworden. 1920 brach diese Firma zusammen. Der Juniorchef verkaufte ein seiner jungen Frau Adele gehörendes Grundstück und ging mit ihr auf eine Kaffee- und Zuckerplantage nach Brasilien. Schon 1924 war er wieder in der Heimat, auf Stellungssuche. Man wies ihn überall ab, denn er war ein miserabler Buchhalter, konnte keinen Strich Stenographie schreiben und tippte nur stümperhaft auf der Schreibmaschine herum.
Aber in seinem Kopf rumorten Gedanken, die in dem damals noch nahezu mittelalterlichen und durch ein starres Preisgefüge gekennzeichneten Lebensmittelhandel der Schweiz neu waren. Duttweiler spintisierte im Freundeskreis von einer Verkürzung der Handelskette und von einem schnellen Warenumschlag.
Der gesamte Schweizer Einzelhandel saß damals ächzend auf Waren, die zu teuren Kriegspreisen eingekauft worden waren. Am Weltmarkt purzelten die Notierungen. In dieser Sternenstunde begann der junge Mann, dem zehn Jahre später ein staatlicher Preis-Untersuchungsbericht "eine handelsmessianische Besessenheit" bescheinigte, sein Experiment.
Am Morgen des 25. August 1925 rumpelte ein alter Fordwagen, nach dem sich die Leute umdrehten, den Zürcher Limmatquai entlang. Der Laderaum des kleinen Lastwagens war von sechs Regalen ausgefüllt, in denen, schlicht verpackt, die ersten Standardartikel der neugegründeten Migros AG. zum Kauf angeboten wurden: Kaffee, Zucker, Fett, Teigwaren, Reis und Seife. Am Steuer des Wagens saß ein schnurrbärtiger Mann im weißen Kittel, der an bestimmten Straßenecken seine Schlägermütze ins Genick schob und mit dem Verkauf begann. Am meisten beeindruckte die herbeieilenden Hausfrauen, daß seine Preise im Durchschnitt um ein Drittel unter den Ladenpreisen der Stadt lagen.
Wie heute eine ganze Lkw-Flotte modernster Fahrzeuge, so fuhren auch die ersten fünf Fordwagen Duttweilers nach einem bestimmten Fahrplan die Straßen Zürichs ab, hielten an 178 Stellen der Stadt für
etwa zehn Minuten, um dann weiterzufahren. Am ersten Tage waren alle Fahrzeuge der Migros zweimal ausverkauft. Duttweiler schaffte mehr Wagen an und schickte sie auch über Land. Noch heute fahren seine etwa achtzig Verkaufsautos pünktlich wie die Straßenbahn.
Das Schweizer Handelsgewerbe, das nach Beendigung der Preiskämpfe mit den Ende des vorigen Jahrhunderts stark werdenden Genossenschaften wieder in Beschaulichkeit versunken war, zeigte sich einige Zeit wie gelähmt. Dann aber gingen die Krämer dem "Mörder des Mittelstandes", Duttweiler, an die Kehle. Seinen Autos ließ man die Luft aus den Reifen, Ladeninhaber bildeten um die Migros-Autos johlend einen Kreis, um niemand hindurchzulassen, und in Bern sorgten sie dafür, daß die Migros-Autos samt Verkäufern in das Spritzenhaus eingesperrt wurden. Als bei St. Gallen
in irgendeiner hohlen Gasse Revolverschüsse auf seine Verkäufer abgegeben wurden, teilte Duttweiler Pistolen aus.
Die kostensparenden Hauptmerkmale der Migros-Verkaufsfahrzeuge waren damals und sind heute:
* Mindestmenge der verkauften Ware meist zwei Kilo;
* runde Preise anstatt der üblichen Gewichte (ein Paket Kaffee bester Wahl kostet fünf Franken, enthält aber kein Pfund, sondern 452 Gramm. Steigt der Kaffeepreis, so wird entsprechend weniger Kaffee in die Tüten gegeben);
* grundsätzlich nur ein bis zwei Qualitäten für jede Warengattung;
* Verkauf nur gegen bar.
Allein durch die runden Preise stieg die Verkaufsleistung infolge des schnelleren Geldwechselns und -abrechnens pro Kopf des Personals um 50 Prozent. Auf diese Weise verkürzten sich die Haltezeiten der Autos, so daß weitere Stadtteile beliefert werden konnten. An Migros-Fahrzeugen wird im Durchschnitt täglich fünf bis sechs Stunden effektiv verkauft, während Ladengeschäfte vielfach nur drei oder vier Stunden täglich mit dem Verkaufen selbst beschäftigt sind.
Auf Druck der Einzelhändler boykottierten die meisten Schweizer Fabriken den Emporkömmling. Die Folge war, daß Duttweiler noch mehr Ware importierte und schließlich eigene Lebensmittelfabriken aufbaute. Keine Bank traute sich, mit ihm zu arbeiten, keine Zeitung nahm Inserate der Migros auf. Duttweiler ging daraufhin in die Luft. Aus einem Eindecker-Flugzeug warf er den Schweizern Blätter auf die Köpfe, die seine Schlachtparolen verbreiteten:
* "Wir, die Migros, wollen die Krämerei weiterbringen. Das Rad der Entwicklung hat sich zwanzigmal gedreht, und die Schusterei ist längst zur Schuhfabrik geworden. Nur im Spezereiladen sieht es heute noch aus wie Anno 1500. Darum kauft bei uns!"
Der fahrende Verkaufsladen bildete den Anfang und die Grundlage des Unternehmens Migros. Schon im Jahre 1927 aber machte Duttweiler in Bezirken, deren
Kantonalämter ihm die Erlaubnis für die Verkaufsautos verweigerten, Ladengeschäfte auf, so daß heute die Zahl der Verkaufsläden mit 275 mehr als das Dreifache der Verkaufsautos beträgt. Ein großer Teil dieser stehenden Läden ist nach dem Vorbild der amerikanischen Supermarkets eingerichtet und arbeitet nach dem Prinzip der Selbstbedienung, d. h. die Hausfrau packt sich selbst die Ware in einen Gitterkorb und bezahlt am Ausgang.
In den Jahren zwischen 1933 und 1945 war durch ein vorwiegend auf Duttweilers Unternehmen zugeschnittenes Schweizer Gesetz allgemein die Gründung weiterer Filialbetriebe verboten.
Diese Zeit nutzte Duttweiler für seine betriebswirtschaftliche Expansion. Die zwölf Jahre genügten, um die Migros zu einem der bestrationalisierten Großbetriebe Europas zu machen.
Kennzeichnend dafür ist schon die tägliche Beladung der Verkaufsautos in der Zürcher Migros-Zentrale. Im Geleitzugsystem fahren jeden Morgen die Chauffeure ihre Fahrzeuge in die 120 Meter lange Lagerhalle hinein. Jeder Wagen übernimmt nicht, wie es sonst üblich ist, eine vorher zusammengestellte, geschlossene Sendung, sondern er passiert jede Warenabteilung, und seine Quer-Regale werden von rechts beladen. Jedes Migros-Auto verkauft nur an einer Seite.
Auch in der Halle herrscht dieses Durchschiebeverfahren von rechts nach links, bei dem nie Ware alt werden und verderben kann. Dem Verkaufsauto folgt eine fahrbare Registrierkasse, die am Ende der Beladungshalle die totale Abrechnungssumme addiert. Jeder Fahrer hat einen kleinen Tresor und zahlt die Summe der frisch geladenen Ware in bar aus seinen Einnahmen vom Vortage. Das erspart die halbe Buchhaltung.
Auf der westdeutschen Rationalisierungsausstellung in Düsseldorf 1953 wurde der Migros eine goldene Medaille zuerkannt. Duttweilers Ideen wirken im Ausland noch stärker als daheim. Fachleute aus aller Welt treffen sich jährlich einmal in dem Duttweilerschen Institut zur Förderung neuer Vertriebsformen, um Erfahrungen auszutauschen und bei der Migros abzugucken. Auch der Frankfurter Versandhändler Josef Neckermann, der mit seinen billigen Radios, Kühlschränken und neuerdings auch Fernsehgeräten den westdeutschen Handel in Aufruhr versetzt (SPIEGEL 1/1954), hat in Zürich Duttweilersche Verkaufsmethoden studiert.
Die Migros hat 1930 bis 1933 mit ihren Verkaufsautos eine Zeitlang auch in Berlin gearbeitet. Ihr Chef ist nur zu gern bereit, deutsche Fachleute mit seinen Erfahrungen zu unterstützen. Jetzt plant die Hamburger Margarinefirma Hans Gesche, in Anlehnung an das Migros-System fahrbare Läden einzurichten, die besonders auf dem flachen Lande in Norddeutschland den Hausfrauen die Waren bis vor die Haustür fahren sollen. Auch Gesche hat sich bei Duttweiler genau informiert. In der Türkei ist bereits im vergangenen Jahr eine Migros-Türk gegründet worden, deren Chef der Sohn des türkischen Staatspräsidenten ist.
In vielen Volkswirtschaften ist der "Sektor Distribution" in Bewegung geraten, weil die Verteilung der Ware bis zum Käufer nicht mit den Produktionsverbesserungen Schritt gehalten hat. Auch in Deutschland zeigt sich bei einigen großen Firmen das Bestreben, den Großhandel weitgehend auszuschalten und für die Verteilung der Ware einen eigenen Vertrieb aufzuziehen. Grossisten, die von bedeutenden Markenfirmen jahrzehntelang beliefert wurden, erhielten in der jüngeren Vergangenheit Kündigungen zum
Jahresende, in denen es gnadenlos hieß, "daß die Entwicklung uns zu einer Umstellung im Vertriebssystem zwang".
Im Gebiet der Bundesrepublik gab es
* 1939 insgesamt 82 923 Großhändler,
* 1950 waren es 126 356 Großhändler.
Auf tausend Einwohner berechnet, ist mithin die Zahl der Betriebe von 2,11 auf 2,65 gestiegen. Gottlieb Duttweiler meint, für bestimmte Branchen, in denen man den Grossisten entbehren kann, sei die Dezimierung des Großhandels eine "evolutionäre Erscheinung".
Die Vertriebskosten der Zürcher Migros liegen mit 12,5 bis 15 Prozent außerordentlich niedrig. Der Tagesumsatz pro Kopf des Duttweilerschen Verkaufspersonals beträgt ein Vielfaches der Konkurrenz. Die beiden tragenden Pfeiler der niedrigen Duttweiler-Preise aber sind
* der direkte Großeinkauf beim Produzenten - 20 Prozent der Ware werden in eigenen Fabriken erzeugt - bei weitgehender Einschränkung der Großhandelsspanne und
* die Rationalisierungsmaßnahmen, von denen der schnelle Warenumschlag und die Beschränkung des Sortiments auf 550 Artikel (gegenüber mehreren tausend Artikeln in landläufigen Geschäften) die wichtigsten sind.
Zürichs Detaillisten benutzen gerade die relativ geringe Auswahl der Migros als Hauptwaffe. Im Verbandsbüro hat man dafür sofort praktische Beispiele zur Hand. Bis vor kurzem sei zum Beispiel in Schweizer Geschäften ein Qualitäts-Drehbleistift verkauft worden, der für etwa sechs Franken Ladenpreis abgegeben wurde. Duttweiler habe diesen Drehbleistift nun im großen eingekauft und ihn für vier Franken angeboten, worauf das neonbeleuchtete Zürcher Warenhaus "Jelmoli" an der Bahnhofstraße den Bleistift für 3,95 Franken ins Schaufenster legte.
Sagen die Detaillisten: "Dieser Artikel ist für den Einzelhandel verloren. Der Konsument überlegt sich ja nicht, daß der Fachhändler auch zwei Dutzend anderer Bleistifte einkauft, bezahlt und auslegt,
um eine Auswahl zu bieten. Wenn man nun sagt, der Verbraucher könne sich mit diesem einen Modell begnügen, dann sind wir auf dem Wege der Vermassung. Denn dann hat jeder den gleichen Drehbleistift, jeder das gleiche Schlafzimmer, und dann sind wir alle nur zu bald uniformiert."
Das Verblüffende an Gottlieb Duttweiler, dem billigen Jakob der Schweiz, ist die Tatsache, daß er trotz niedrigster Preise mit seiner Migros AG. in wenigen Jahren ein Millionenvermögen zusammengetragen hat. Noch verblüffender ist, daß er dieses Vermögen nicht behalten wollte.
Im Herbst 1940 fuhr eine Gruppe von Rechtsanwälten in dem schmalen Fahrstuhl der Migros-Hauptverwaltung zu Duttweilers Arbeitszimmer hoch. Dort machte ihnen der Chef die kurze Mitteilung, er wolle sein Vermögen, die auf 10 Millionen Franken geschätzte Migros AG. samt ihren Fabrikationsbetrieben, seinen Kunden schenken. Auch seine Luxusvilla und der große Park sollten der Allgemeinheit gehören. Nur eine Million wolle er als Notgroschen behalten.
Die Verträge wurden aufgesetzt, und tatsächlich schenkte Duttweiler das Aktienkapital des Migros-AG.-Unternehmens seinen etwa 120 000 Stammkunden, und zwar in Form eines neuen Kapitalanteils an der neuen Firma, der Migros- Genossenschaft. Seitdem ist Duttweiler frei gewählter und den Statuten nach absetzbarer Präsident des Riesenunternehmens, was aber seine starke moralische Stellung als Herr im Hause nicht verändert hat. Mit ihren zwölf Einzelgenossenschaften zählt diese Genossenschaft heute fast eine Viertelmillion Mitglieder.
Die Migros, die den Kaufmann Duttweiler über den billigen Brotkorb mit einigen hunderttausend Menschen verband, hat durch ihre Verbraucherpolitik und durch ihre Hauspresse eine Macht entwickelt, die weit über die Breitenwirkung einer normalen Handelsfirma hinausgeht. Sie reizte um so mehr zum politischen Gebrauch, als Duttweiler über die Politik besser gegen die seine Arbeit einengenden Gesetze oder auch gegen die vom Handel mobilisierten Kantonal-Behörden ankämpfen
kann, die seine Verkaufswagen mit immer höheren Abgaben belasten.
Duttweiler konnte bei keiner der politischen Parteien auf Hilfe rechnen. Ganz rechts war man ihm wegen seiner Anti-Konzern-Attacken böse, der Mittelstand fühlte sich durch ihn sowieso am meisten geschädigt, und auch von den Sozialdemokraten konnte der Migros-Chef nur Haß ernten, weil er die den Sozialisten nahestehenden anderen Schweizer Genossenschaften als undemokratisch geführte und den kämpferischen Prinzipien untreu gewordene Konsumenten-Organisationen herunterputzte. Duttweilers Einfluß stützte sich allein auf seine billigen Makkaroni.
Schon 1935 hat der Großkaufmann deshalb den Schweizer Landesring der Unabhängigen vorbereitet. Dank seiner Kundschaft, die ihren Volksbeglücker Dutti nur zu gern auch auf den politischen Schild hob, zog er bereits bei der ersten Wahl mit sechs Gesinnungsfreunden in das Schweizer Parlament ein.
Sein Landesring hat kein Parteiprogramm, sondern nur lose, allgemein gehaltene Grundsätze, die stark mit Duttweilers wirtschaftspolitischen Gedanken über den Schutz des Verbrauchers durchsetzt sind. Duttis stärkster Wahlrückhalt sind die Frauen, die es ihm auch hoch anrechnen, daß in der Migros kein Alkohol verkauft wird. Bereits auf der zweiten Seite der politischen Leitgedanken streichelt Dutti denn auch den Hausfrauen das Konsumentenkinn:
* Der Schweizer schätzt den Rat der Frau, die in manchen Fragen mit ihrem Gefühl oft richtiger urteilt als der Mann. Die Frau ist das ausgleichende Element in Politik und Wirtschaft und soll deshalb mehr als bisher zur Mitarbeit
im öffentlichen Leben herangezogen werden.
Gestützt auf die Migros als nur schlecht verschleierte Parteikasse, plant Duttweiler, seinen Ring zu einer großen Sammlungsbewegung der Mitte zu machen. Nicht zuletzt deshalb propagiert er gegenwärtig in der Schweiz die 44-Stunden-Woche. Mit seinem im Parlament eingebrachten Antrag auf diese Arbeitszeit-Verkürzung hat er besonders die Sozialdemokraten in die fatale Situation hineinmanövriert, an diesem Plan, weil er von Dutti stammt, herummäkeln zu müssen. Gleichzeitig sammeln Duttweilers Parteigänger vom Landesring die fünfzigtausend Unterschriften, die nötig sind, um eine Volksbefragung über den Erlaß eines scharfen Anti-Trust-Gesetzes herbeizuführen. Auch hier macht Dutti aus seinem Hobby Politik.
Auf dem Gebiet der Außenpolitik empfiehlt der Nationalrat Duttweiler eine völlige Abkehr von der bisherigen passiven Neutralität seines Landes. Er warnt davor, die Respektierung der schweizerischen Neutralität für alle Zeiten als gegeben anzusehen, zumal die heutigen Großmächte Rußland, Amerika und China diese Neutralität noch nie ausdrücklich anerkannt hätten. Die in den vergangenen drei großen Kriegen von 1870 bis 1945 bewährte Neutralität muß seiner Meinung nach auf moderne Weise gefestigt werden.
Im Sommer dieses Jahres empfahl Duttweiler deshalb in einer ausführlichen Eingabe an den Nationalrat, die Schweiz solle den Vereinten Nationen für den Fall eines Weltkonfliktes offiziell anbieten:
* die Aufstellung einer Schweizer Sanitätsarmee, die im Kriegsfalle auf den
Schlachtfeldern "beiden Parteien zur Verfügung stehen würde ...";
* die Errichtung eines Schweizer Hortes für Kunstschätze der kriegführenden Nationen;
* die Umgestaltung der Schweiz im Kriegsfalle zu einem "Land der Hospitalisierung". Danach soll das ganze Schweizer Hotelgewerbe, dem im Falle eines neuen Konfliktes ohnehin die Gäste fehlen würden, für die Aufnahme großer Flüchtlingsmassen, besonders aber für die Unterbringung von Schwerverletzten und von evakuierten Kindern, mobilisiert werden.
Die Insellage der Schweiz und ihr Zwang, exportieren zu müssen, haben die Eidgenossen schon im zweiten Weltkrieg vor schwierige Arbeits- und Ernährungsprobleme gestellt. Schweizer Diplomaten mußten in Berlin und in den westlichen Hauptstädten regelmäßig ausfeilschen, welche Exporte nach Deutschland und welche zu den Alliierten gehen sollten. Beide Kriegsparteien wachten eifersüchtig darüber, daß jedem Zeitzünderzubehör, das mit Genehmigung Berlins durch das besetzte Gebiet Frankreichs etwa nach England ging, eine Gegenlieferung nach Deutschland entsprach und umgekehrt. An den Schweizer Exportzahlen läßt sich noch heute der Wandel des Kriegsglücks ablesen (siehe Graphik). Duttweiler will den für die Schweiz lebensnotwendigen Warenaustausch auch im Atombombenkrieg gesichert wissen.
Er sagt: "Wenn wir viele Hunderttausende in der Schweiz aufnehmen, darunter hauptsächlich Kinder, und wenn wir Schwerverletzte pflegen, dann wird man uns auch eine gesicherte Einfuhr nicht verweigern können."
Zwischen der Erarbeitung und Propagierung solcher Pläne hat der rastlose Alte, der ohne Kinder geblieben ist, auch noch Zeit genug, hier einen Konzerndirektor öffentlich "verbrecherischen Trusthalunken" zu schimpfen (500 Franken Strafe) oder dort von einem leitenden Trustangestellten zu behaupten, er habe sich seinen Oberstengrad in der Schweizer Armee damit erkauft, daß er seinen militärischen Vorgesetzten Verwaltungssitze in der Konzernfirma zugeschustert habe (5000 Franken Buße, zehn Tage Gefängnis).
Sein Hauptaugenmerk aber ist gegenwärtig auf die von ihm entfesselte Schlacht auf dem Schweizer Benzinmarkt gerichtet: Gottlieb Duttweiler leitet den Kampf mit großem persönlichem Vergnügen. Wird der billige Saft an seinen Säulen knapp, so macht es ihm nichts aus, sich selbst in seinen Fiat zu setzen, um irgendwie den Aufkauf von Benzin zum offiziellen Preis von 55 Rappen zu organisieren, das dann bald für 49 Rappen aus Duttis neuen Schläuchen rinnt.
Als kein Reeder ihm Tankraum für das Migros-Öl zur Verfügung stellen wollte, gab Duttweiler den Auftrag, Schiffe seiner eigenen Migros-Überseeflotte in Tanker umzubauen. Seit die Schweizer Behörden ihm den Bau von Tanklagern auf Schweizer Boden untersagten, errichten deutsche Arbeiter auf seinen Befehl im Eiltempo ein Benzindepot im deutschen Weil am Rhein, keine zwei Kilometer von der Grenze entfernt. Dutti prahlt: "Wir sind auf einen langen Krieg gefaßt."
Mit seiner jüngsten Attacke hat Gottlieb Duttweiler sich nicht nur bei den Zeitungen, sondern auch direkt bei einigen Hunderttausend motorisierten Eidgenossen in tägliche Erinnerung gebracht. Es gibt nicht wenige Schweizer, denen angesichts der engen Verflechtung Duttweilerscher Politik und Wirtschaft gerade der Zeitpunkt zu denken gibt, zu dem Duttweiler an den Zapfsäulen des Erdöl-Empires rüttelt. Im nächsten Jahr sind wieder Schweizer Nationalratswahlen.
[Grafiktext]
SCHWEIZER BALANCE-AKT
zwischen den Kriegsparteien 1939/1945
1939 40 41 42 43 44 45
Schweizer Export nach Deutschland 191 285 577 656 598 294 11
Schweizer Export in die alliierten Länder 450 366 239 191 240 199 583

Millionen Schweizer Franken
[GrafiktextEnde]
*) Weniger als zwei Jahre nach Duttweilers Steinwurf, im Juni 1950, brach der Korea-Konflikt aus, der zu einer Verknappung und Verteuerung von Waren und Lebensmitteln führte.
*) Kartelle bezwecken zwischen rechtlich und wirtschaftlich selbständigen Unternehmen ein gemeinsames Vorgehen auf dem Markt, etwa in bezug auf die Preisfestsetzung, Absatzregelung usw. Ein Konzern ist eine durch Kapitalbeteiligungen miteinander verbundene Gruppe von Unternehmen, die auch verwaltungsmäßig einheitlich geleitet wird. Bei einem Trust sind die angeschlossenen Firmen wirtschaftlich völlig von einem übergeordneten Unternehmen abhängig.

DER SPIEGEL 47/1954
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/1954
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DUTTWEILER:
Die verkürzte Handelskette

  • Britische Parlamentswahl: Der Brexit-Beschleuniger
  • Schottland nach der Briten-Wahl: "Mandat für Unabhängigkeitsreferendum"
  • Neue Saurierarten entdeckt: Gestatten: Nullotitan Glaciaris
  • Trotz Eruptionsgefahr: Soldaten bergen Opfer von White Island