27.10.2003

ZEITGESCHICHTE„Tiefstehende Idioten“

In Brandenburg werden in dieser Woche Gehirnteile von drei Euthanasie-Opfern beigesetzt. In der betroffenen Familie wurde das Verbrechen über Jahrzehnte verschwiegen.
Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätte es nie erfahren. Die Frau sitzt da, in einem Café in Norddeutschland, klein und zerbrechlich, mit starrem Blick, die Stimme dünn und brüchig. Sie wusste, es sollte um ihre Familie gehen, um die Vergangenheit. Aber als sie begreift, dass es keine Verwechslung ist, wirklich keine Verwechslung, schluckt sie, dann weint sie.
Sie hatte also tatsächlich Brüder, Herbert und Günther, und sie hatte einen Cousin, Alfred. Drei Jungen, tot seit etwa 60 Jahren, aber etwas von ihnen ist jetzt wieder aufgetaucht. Von ihren Gehirnen, man hat Teile gefunden, in Wien.
Ein Organ, eingelegt in Formalin, drei dünne Hirnschnitte in Parafin, was dort aus einem Keller der Uniklinik ans Tageslicht kam, ist nicht viel - und ist doch viel mehr: der wohl letzte Fund von Menschenteilen, die von Opfern der Nazi-Euthanasie stammen und an denen Wissenschaftler auch nach dem Krieg weiterforschten - für Fortschritt und persönliches Fortkommen. Und es ist die Entdeckung eines Familiengeheimnisses: drei tote Kinder, über die 60 Jahre lang nicht gesprochen wurde.
Ihr Leben endete in Brandenburg an der Havel, in der Landesanstalt Görden. Alfred starb mit sieben Jahren, Günther mit zwei, Herbert mit einem Jahr, die ersten beiden im Februar 1942, Herbert später, im April 1944. Drei Jungen auf den Namen K., alle mit einer seltenen Erbkrankheit, die sie in der damaligen Terminologie der Nervenärzte zu "minderwertigen Persönlichkeiten" machte - und ihre Gehirne zu einzigartigen Forschungsobjekten, die nur einen Fehler hatten: dass sie noch in den Köpfen steckten.
In Görden war so etwas zu jener Zeit kein Problem, sondern Programm. Der Psychiater Hans Heinze, ein SS-Mann mit der Mission, "asoziale Persönlichkeiten" rücksichtslos "auszuscheiden", zog in der Anstalt seit 1938 verhaltensgestörte und geisteskranke Kinder aus der ganzen Provinz Brandenburg zusammen. Bis August 1944 rund 4000.
In seiner Klinik wurde Heinze zum Herrenmenschen über Leben und Tod, zur Schlüsselfigur der Kindereuthanasie. Er war einer von drei Gutachtern jenes "Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden", der entschied, wer umgebracht wurde; seine Anstalt bekam die erste von 30 Kinderfachabteilungen, die der Ausschuss im ganzen Land aufbaute. Dazu den Status "Reichsschulstation" - Vorbild und Bildungszentrum für all die anderen Kindermörder im Weißkittel.
Von Görden schickte Heinze Kinder zunächst ins Gas der Tötungsanstalt im alten Brandenburger Zuchthaus, später ließ er kleine Patienten in seiner Klinik mit dem Betäubungsmittel Luminal einschläfern. Vor allem solche, die als "lebensunwert" galten - aber tot umso wertvoller für die Wissenschaft waren.
An seiner Seite stand ein Mann, der sich von Heinze "magisch angezogen" fühlte. Julius Hallervorden, Mediziner des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung in Berlin-Buch, war vernarrt in Ventrikelsysteme und Stammganglien, regelrecht berauscht von einer "großen Revue wunderbarer Gehirne", die er 1939 in Görden sah. Und von Heinze, der sie ihm lieferte, aus den Köpfen der Kinder mit den interessantesten Krankheitsbildern.
Das konnten die drei Jungen K. nicht überleben. Nicht mit einer Krankheit, die so selten ist wie eine Briefmarke mit Fehldruck. Und nicht bei Hallervorden, der Gehirne sammelte, "je mehr, desto besser", und am passioniertesten die mit den seltenen Fehlern. Er fand in Görden "wunderbares Material", mit "schönen Geisteskrankheiten" und "Deformationen", er schwärmte noch nach dem Krieg von ihnen. Die der drei Jungen K. mussten zu den "wunderbarsten" gehören.
Sie kamen aus Malsow und Tauerzig, zwei Dörfern aus dem Kreis Oststernberg in Brandenburg, ihre Mütter waren Schwestern, ihre Väter Brüder, deshalb hießen sie alle K., deshalb hielt man sie in den Krankenakten fälschlicherweise für Geschwister. Und natürlich auch wegen der gleichen Symptome: Sie konnten nicht gehen, nicht stehen, nicht sprechen, konnten den Kopf nicht heben oder halten. Diagnose: "Hochgradige Idiotie", vererbbar. Nach nur 33 Ta-
gen in Görden starb Günther, nach 17 Tagen Alfred, nach 90 Herbert, und es war immer das Gleiche: Mal drei, mal einen Tag vor dem Tod schickte Heinze einen Brief in den Kreis Oststernberg, er begann mit der Floskel "Zu meinem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen ..." und eröffnete den Müttern, dass "Ihr Söhnchen" erkrankt sei, an Grippe, an einer Magen-Darm-Störung, an einer Lungenentzündung. Die Prognose? Schwierig; in einem Fall, bei Herbert, müsse schon "mit dem Ableben gerechnet werden".
Wer wunderte sich noch, als es so weit war, und wer ahnte schon, dass etwa Herbert gar nicht an einem Magen-Darm-Infekt starb, sondern an einer Lungenentzündung - das, was ein Kind bekommt, wenn man ihm Luminal in genau berechneten Dosen verabreicht?
Zumindest bei ihm und Alfred deutet vieles darauf hin, dass sie ihr Leben an eine Wissenschaft ohne Gewissen verloren, eine Disziplin, die Triumphe damit feierte, dass sie mal im Kleinhirnstiel, mal in der Medulla oblongata graue Markinseln aufspürte.
In den Hirnen von Alfred, Günther und Herbert verschwand dieses Mark, mit jedem Lebensjahr mehr, das war so merkwürdig wie bemerkenswert. Und auch wenn der Krieg verloren ging, achtete Hallervorden darauf, dass dieser Schatz und sein Geheimnis ihm nicht verloren gingen.
1944 ließ er seine Hirnsammlung verpacken und nach Dillenburg in Hessen schaffen, nach dem Krieg nahm er sie mit zu seinem neuen Arbeitsplatz, nach Gießen, wo er Abteilungsleiter im Max-Planck-Institut für Hirnforschung wurde. Dort kam er endlich dazu, an jenen Hirnen zu arbeiten, die er in den Nazi-Jahren zusammengerafft hatte, auf Halde gelegt für eine Zeit, in der man nicht mehr einfach Kinder umbringen konnte, um sie zu sezieren.
Gut 40 Jahre dauerte es von da an noch bis zum großen Ausräumen in den Hirnarchiven deutscher Kliniken, 40 Jahre, in denen Generationen von Wissenschaftlern an Hallervordens Hirnen und den Präparaten der anderen furchtbaren Mediziner herumdokterten. Erst 1990 war der Skrupel größer als die Faszination; Hallervordens Sammlung an Hirnschnitten wurde feierlich bestattet, auf dem Münchner Waldfriedhof. Doch sie war nicht komplett. Mindestens drei Organe fehlten.
In Gießen hatte nämlich 1952 ein junger österreichischer Neuropathologe seine Chance auf einen Platz im Akademikerhimmel gewittert. Oder wenigstens auf einen Lehrstuhl. Franz Seitelberger, 36, Mediziner mit Vergangenheit bei der SS-Einheit Sturm 1/89, suchte ein Habilitationsthema, und bei Hallervorden fand er den Stoff, aus dem Karrieren waren: die drei Hirne der Knaben K. Er beschrieb drei "tiefstehende Idioten" mit einer Sonderform der "Pelizaeus-Merzbacher-Krankheit". Schon die war selten, die Krankheit der Kinder dagegen so einzigartig, dass man sie später nach ihm benannte: die Seitelberger-Krankheit.
Seitelberger wurde Vorstand am Neurologischen Institut der Universität Wien, Rektor der Uni, Direktor des Instituts für Hirnforschung der österreichischen Akademie der Wissenschaften. Eine Fußnote in seiner Habilitationsschrift erinnerte ihn immer daran, wer ihm den Start ermöglicht hatte: "Für die freundliche Überlassung der Krankengeschichten und des Untersuchungsmaterials sei Hr. Prof. Heinze an dieser Stelle gedankt." Die Hirnpräparate durfte er behalten; er nahm sie aus Gießen mit nach Wien.
Hallervorden starb 1965, hoch angesehen, Heinze 1983, er hatte sechseinhalb von sieben Jahren Haft abgesessen, die er vor einem sowjetischen Militärtribunal bekommen hatte. Schon 1954 leitete er wieder die jugendpsychiatrische Klinik im niedersächsischen Wunstorf; der Versuch, ihn später noch mal wegen Beihilfe zur Tötung an
3000 Kindern und mindestens 80 000 Erwachsenen zu verurteilen, scheiterte an Verhandlungsunfähigkeit.
Und Seitelberger? Er lebt, aber sein Verstand ist gebrochen, und seine Frau, die für ihn spricht, kann sein Gedächtnis nicht ersetzen: "Mein Mann war nicht bei der SS", sagt sie, seine Akte im Bundesarchiv Berlin sagt etwas anderes.
Es würde auch keine Rolle mehr spielen, wären die Gehirne, seine drei Gehirne, nicht doch wieder aufgetaucht. Vor zwei Jahren - deutsche Universitäten und Forschungsstätten hatten ihre Sammlungen längst überprüft - durchforstete Seitelbergers Nachfolger Herbert Budka das Hirnarchiv des Klinischen Instituts für Neurologie in Wien.
Was er fand, waren Präparate von Euthanasie-Opfern der berüchtigten "Kinderfachabteilung Am Spiegelgrund", ebenfalls eine Klinik, in der Ärzte zu Totmachern verkamen. Die Überreste der österreichischen Opfer wurden im April 2002 in Wien bestattet, nur die von drei Gehirnen gehörten nicht hierher. Budka schrieb an den Medizinhistoriker Thomas Beddies von der Freien Universität Berlin. Die Organteile sollten zurück, nach Görden.
Vielleicht wäre es besser gewesen, man hätte die Schwester von Günther und Herbert nie gefunden. Die Täter sind tot, die Frau im Café in Norddeutschland aber lebt und muss mit allem leben. Mit den Fragen: Was hat ihre Mutter geahnt, was gewusst, war sie sogar einverstanden? Warum hat sie nie geredet, und das Schlimmste, vielleicht noch schlimmer als die Ungewissheit: Was würde sie jetzt sagen? Die Mutter lebt.
Sie wird sie nicht fragen, sie hat auch so schon eine Antwort zu viel. Sie weiß jetzt, dass auch ihr eigener Sohn in den sechziger Jahren an einer Geisteskrankheit starb, die nach einem Mann namens Seitelberger benannt wurde, der die Hirne ihrer Brüder in der Hand hatte. Damit muss man erst mal fertig werden.
An diesem Dienstag werden Günthers, Herberts und Alfreds Gehirnstücke beigesetzt, in Görden, auf dem Gelände der Anstalt, die immer noch eine Landesklinik ist. Es ist der Jahrestag eines Massenmordes; am 28. Oktober 1940 waren 59 Kinder aus Görden im Brandenburger Zuchthaus ins Gas gegangen. Es wird einige Reden geben, Vorträge, und Beddies und die Potsdamer Historikerin Kristina Hübener werden die Ergebnisse ihrer Nachforschungen über die drei Jungen K. vorstellen*. Man wird gedenken, still und gemessen. Ein letzter Akt.
Sie wird nicht hingehen.
JÜRGEN DAHLKAMP
* Am 28. April 2002 auf dem Wiener Zentralfriedhof. * Thomas Beddies, Kristina Hübener (Hg.): "Dokumente zur Psychiatrie im Nationalsozialismus". Be.bra Wissenschaft Verlag, Berlin; 336 Seiten; 27,90 Euro.
Von Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 44/2003
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