27.10.2003

„Sofort Feuer und Flamme“

Starsängerin Cecilia Bartoli über ihre Leidenschaft für den Komponisten Antonio Salieri
SPIEGEL: Signora Bartoli, lohnt es sich, für einen Außenseiter wie Antonio Salieri so viel Energie und Engagement aufzubringen, wie Sie das in den nächsten Monaten müssen?
Bartoli: Erstens: Salieri war ein Genie, ein herrlicher Komponist mit Herz und Verstand. Zweitens: Alle meine Energie kommt aus seiner Musik, ich leite sie nur weiter. Wir alle kennen Salieri - vom Namen her. Aber wer kennt schon seine Werke? Als ich jetzt in England meine zweijährige Tour mit dem Salieri-Programm gestartet habe, spürte ich sofort eine riesige Begeisterung beim Publikum. Die gibt mir die Kraft, die Strapazen des Unternehmens durchzustehen.
SPIEGEL: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee verfallen, sich ausgerechnet mit Salieri abzugeben?
Bartoli: Nach meinen beiden vergleichbaren CD-Projekten mit unbekanntem Vivaldi und unbekanntem Gluck lag das nahe. Salieri war immerhin ein Schüler von Gluck, da bin ich einfach neugierig geworden, wollte mal sehen, was der wohl so alles komponiert hat und wie das klingt.
SPIEGEL: Und - Ihr Eindruck?
Bartoli: Na ja, meine erste Erfahrung war die, dass ich gar nicht so leicht an seine Stücke rankam. Die meisten seiner Opern - und um die ging es mir ja - liegen nämlich nicht in gedruckten Partituren vor, sondern verstauben als Autografen in irgendwelchen Wiener Archiven. Da habe ich mich mit Hilfe eines befreundeten Musikologen langsam herangetastet und konnte nach aufwendigen Vorarbeiten endlich die Originale einsehen.
SPIEGEL: Und in höchsten Tönen jubeln?
Bartoli: Ja, ich war sofort Feuer und Flamme: Liebe auf den ersten Blick. Über 200 Jahre war diese Musik nicht gespielt, nicht gesungen worden, ich war überwältigt: welch ein Kunstsinn in Komposition und Instrumentierung, wie viel Emotionen in der Stimmführung und Stimmfärbung! Ich spürte sofort: Salieri war Stimmlehrer gewesen. Da habe ich mir geschworen: Für diesen Mann gebe ich alles.
SPIEGEL: Wird Ihre Begeisterung eine echte und andauernde Rehabilitierung Salieris auslösen können?
Bartoli: Das hoffe ich. Andere Künstler sollten nachziehen. Daniel Barenboim beispielsweise hat mir gegenüber in New York schon angedeutet, dass er demnächst womöglich eines von Salieris Klavierkonzerten einstudieren will. Wenn das Schule macht, könnte das längst überfällige Comeback Salieris glücken.
SPIEGEL: Und würde Cecilia Bartoli auch bei der Bühnenaufführung einer vollständigen Salieri-Oper so überzeugt und überzeugend mitmachen?
Bartoli: Na klar! Bei so großartigen Werken wie "Armida" oder "La scuola de' gelosi" würde ich keinen Augenblick zögern. Auch die Opern, zu denen ihm Mozarts späterer Textdichter Lorenzo da Ponte die Libretti geschrieben hat, könnten mich reizen.
SPIEGEL: Würde es womöglich ohne Salieri keinen Mozart geben?
Bartoli: Das wissen wir nicht, eine hypothetische Frage. Aber was ich erfahren habe, ist dies: Bislang war die Contessa in Mozarts "Figaro" für mich eine der ganz großen Partien, eine Traumrolle. Nun habe ich bei meinen Studien jene Gräfin kennen gelernt, die - einige Jahre früher - in Salieris "La scuola de' gelosi" auftritt. Oh, là, là, da spitzt man die Ohren.
SPIEGEL: Hat Mozart bei Salieri geklaut?
Bartoli: Natürlich nicht. Aber Salieri war unüberhörbar einer jener Zeitgenossen, die ihn stark beeinflusst haben. Der Genius Mozart hat viele Quellen.
SPIEGEL: Gibt es noch andere Salieris, die Sie künftig zu entdecken gedenken?
Bartoli: Natürlich, etwa Alessandro Scarlatti oder Antonio Caldara. Die Musikgeschichte hat genug vergessene Meister.
SPIEGEL: Und wann begeistern Sie sich mal für einen zeitgenössischen Komponisten?
Bartoli: Ich habe bei den diesjährigen Salzburger Festspielen mit großem Vergnügen "L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe", die neue Oper von Hans Werner Henze, gehört. Henze ist zweifellos ein Künstler, der die menschliche Stimme liebt und deshalb für sie schreiben kann.
SPIEGEL: Wird was draus?
Bartoli: Henze ließ das offen, ich jedenfalls wäre sehr interessiert. Wir haben ein neues Meeting in Rom vereinbart, danach sehen wir weiter.
SPIEGEL: Mit ihren künstlerischen und kommerziellen Erfolgen müsste Cecilia Bartoli doch ein gefundenes Fressen für die Crossover-Apostel der maroden Plattenbranche sein. Haben die Produzenten nie versucht, Sie zu verführen?
Bartoli: Aber sicher, und wie! Sie schlugen mir beispielsweise vor, mit drei Sopranen oder drei Mezzos auf die Bühne zu gehen, nach dem bekannten Vorbild der drei Tenöre.
SPIEGEL: Was hat Sie abgehalten?
Bartoli: Eine Sache wie den gemeinsamen Auftritt von Pavarotti, Domingo und Carreras zu wiederholen und zu imitieren wäre albern, ja, es wäre unmöglich gewesen. Das war ein Event und als solcher auch ein grandioser Erfolg, zumindest am Anfang, in den Caracalla-Thermen 1990. Da war eine richtige, echte Erregung zu spüren.
SPIEGEL: Und nachher?
Bartoli: Nachher war es ein rein kommerzielles Dacapo und Dacapo und Dacapo, nichts weiter, ein Aufguss. Und es war falsch, die ganze Sache mit klassischer Musik zu bestreiten.
SPIEGEL: War damit Crossover für Sie ad acta gelegt?
Bartoli: Nein, ich verstehe Crossover nur anders. Über 600 000 CDs mit Vivaldi-Arien zu verkaufen und so eine Brücke zu schlagen zu jenen Menschen, die außer den "Vier Jahreszeiten" noch nie etwas von Vivaldi gehört haben - das ist für mich echtes und sinnvolles Crossover. Nicht andersrum, so nach dem Motto: Bartoli makes HipHop. INTERVIEW: KLAUS UMBACH
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 44/2003
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