27.10.2003

TV-GEBÜHRENDie Versorgungs-Lücke

Was ist das Programm von ARD und ZDF monatlich wert? 16,15 Euro, 18,15 Euro oder gar nichts? Die wahren Probleme der Anstalten sind nicht ihre Finanzen, sondern Ideenlosigkeit, Expansionswahn und Missmanagement. Ihre Aufgaben müssen endlich neu definiert werden.
Manchmal ist es ganz gut, wenn man ein Problem von ganz weit draußen betrachtet - oder betrachten lässt. Etwa von der US-Westküste aus. Mit den Augen eines Amerikaners wie Haim Saban, 59, zum Beispiel.
Herr Saban firmiert hier zu Lande neuerdings als Medien-Mogülchen. Er hat mit viel Geld die Stimmenmehrheit an der ProSiebenSat.1 Media AG gekauft, die vorher einem richtigen Mogul gehörte, der Kirch heißt und gern sinistre Sonnenbrillen trägt. Herr Kirch ist bleich und pleite. Herr Saban ist braun gebrannt und kontrolliert jetzt die Hälfte des deutschen Privatfernsehens.
Es ist noch nicht ganz klar, was er damit machen will. Aber nun muss er natürlich häufiger nach Deutschland fliegen, um Hände zu schütteln, Leute rauszuschmeißen oder Ansprachen zu halten, weshalb ihm seine Schwiegermutter eine Übersetzungshilfe schenkte ("German for Dummies") für Auftritte wie am vergangenen Mittwoch in München.
Seine Rede bei den dortigen Medientagen hat er vorher stundenlang einstudiert. Gattin Cheryl guckte, ob Anzug und Pointen saßen. Es ist nicht anzunehmen, dass in Schwiegermamas Ratgeber Begriffe erklärt wurden wie "duales Rundfunksystem", "Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs" (KEF) oder die "Gebühreneinzugszentrale" (GEZ). Das war aber auch nicht wichtig. Herr Saban sprach ohnehin lieber von "zweierlei Maß" und der "schiefen Spielfläche" in Deutschland.
Er muss sich nun mit einer Flut von Abkürzungen vertraut machen, von ARD über ZDF bis RTL, von KEF bis GEZ und CSU bis NRW. Für jeden Quatsch, so scheint es, gibt es hier zu Lande Ausschüsse und Kommissionen und Gesetzentwurf-Änderungsanträge. Nur eines ist dabei noch klar: Alle streiten gerade um Reformen.
Hohe Arbeitslosenquote. Marode Sozialsysteme. Mörderschulden. Miese Stimmung. Das Land geht den Bach runter und leistet sich dabei noch einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie keine andere Nation der Welt. So sieht das Herr Saban, der dazu einfache, amerikanische Fragen stellt.
Wieso werden die Privatsender für Schleichwerbung bestraft, ARD und ZDF aber nicht? Weshalb müssen sich alle kommerziellen Kanäle zusammen knapp 4 Milliarden Euro Werbeeinnahmen teilen, während die Öffentlich-Rechtlichen 6,6 Milliarden Euro an Zwangsgebühren zugeschanzt bekommen und obendrein Reklame machen dürfen? Und warum wollen die jetzt noch mehr?
Wieso, weshalb, warum? "Das verstehen wir nicht", sagt Herr Saban. Viele andere auch nicht.
Zurzeit müssen deutsche TV-Zuschauer jeden Monat 16,15 Euro Gebühren zahlen - ob sie wollen oder nicht. ARD und ZDF forderten dann 2 Euro mehr, weil das immer so war. Die Finanzfachleute sagten, 1,07 Euro reichten. Und ein paar Ministerpräsidenten wie Edmund Stoiber (CSU) und Peer Steinbrück (SPD), die den Krach nächstes Jahr entscheiden sollen, verlangen eine Nullrunde, weil heute alles anders sei. Arbeitslosigkeit, Schulden, miese Stimmung, siehe oben.
Alle lästern und fordern und keifen durcheinander, dass sich sogar die "Financial Times" wunderte: "Im deutschen Fernsehgeschäft ist Krieg ausgebrochen."
Fakt ist: In keinem anderen Land der Welt hat sich öffentlich-rechtlicher Rundfunk ein derart weit verzweigtes Imperium geschaffen. In keinem anderen Land gibt es dafür so viel Geld. Und nirgends wird mit einer solchen Leidenschaft darum gestritten, auch wenn es in Wahrheit nicht um Finanzen, sondern um die schlichte Frage geht: Ist das Programm von Erstem und Zweitem überhaupt sein Geld wert?
Damit dreht sich die Debatte sofort um Inhalte. Inhalte sind Geschmackssache. Geschmack ist schwammig wie jene "Grundversorgung", die das Bundesverfassungsgericht den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten 1986 befahl - oder garantierte, je nach Interpretation.
Grundversorgung klingt nach Krankenhaus und Feuerwehr, Müllabfuhr und Essen auf Rädern in einem: überlebensnotwendig. Leute wie der ARD-Vorsitzende Jobst Plog beschwören deshalb sofort und reflexartig den Untergang des Standorts Deutschland inklusive Abendland für den Fall, dass er am Ende des Gebührengeschreis ein paar Cent weniger zugesprochen bekommen sollte.
Am vergangenen Freitag sah abendländische Grundversorgung zur Aufrechterhaltung eines geregelten bundesrepublikanischen Staatsbetriebs in Plogs ARD ausschnittweise so aus:
10.30 UHR "Klinik unter Palmen" (Wiederholung einer Kitschserie von 2000)
17.15 UHR "Brisant" (Rot- und Blaulicht-Neuigkeiten vom Boulevard)
17.55 UHR "Verbotene Liebe" (Endlos-Seifenoper)
18.25 UHR "Marienhof" (Endlos-Seifenoper)
18.50 UHR "Herzblatt" (Flirtshow)
20.15 UHR "Mein Weg zu dir" (triviale TV-Schnulze)
21.45 UHR "ARD-exclusiv" (Untertitel: "Tierisch gut drauf ... im Altenheim am Möhnesee")
22.15 UHR "Loriot" (Uralt-Wiederholung)
23.10 UHR "Endstation Hölle" (US-Katastrophen-Thriller von 1972)
Man kann nicht meckern: erstens, weil das wirklich Krankenhaus, Feuerwehr, Müllabfuhr und Essen auf Rädern in einem war. Zweitens liefen dazwischen ja noch ein paar "Tagesschauen".
An solchen Tagen - und dank so genannter "Stars" wie Karl Moik, Jens Riewa oder Cherno Jobatey gibt es viele solcher Tage - fragt man sich zumindest: Wo versickern die Milliarden, wenn doch offenkundig nicht in Inhalten?
Qualität taugt als Argument nicht mehr. Die Versorgungs-Lücke existiert nicht im Finanzplan, sondern im Programm. Beim gerade vergebenen Deutschen Fernsehpreis gewannen ausgerechnet die gebeutelten Privaten in 15 von 26 Kategorien: unter anderem für die beste TV-Serie ("Abschnitt 40", RTL), die besten Reportagen (Antonia Rados, RTL) und die beste Nachrichten-Moderation (Peter Kloeppel, RTL).
Schnelle Nachrichten? Nicht gerade eine Spezialität der föderalen ARD. Gut gemachtes Reality-TV? Wurde vom Ersten und Zweiten einfach ignoriert. Der Quiz-Boom à la "Wer wird Millionär?"? Verschlafen.
Wenn der Erfolg der Konkurrenz nicht mehr weggelächelt werden kann, wird er konsequent kopiert: "Deutschland sucht den Superstar" heißt dann "Die Deutsche Stimme 2003". Aus Dieter Bohlen wird Ralph Siegel. Und aus einer Traumquote bei RTL ein Trauerspiel beim ZDF. Ein säftelnder Schlager-Lemure im Casting-Rausch als Qualitätsoffensive zur Hauptsendezeit? So viel zum Thema Innovationen.
Der Potsdamer Wissenschaftler Hans-Jürgen Weiß untersucht im Auftrag der Landesmedienanstalten zweimal pro Jahr die Inhalte der großen Kanäle. Eine Woche lang schaut er sich die Programme an. Im Frühjahr kam er zu dem Ergebnis, dass es allenfalls bei Nachrichten und politischen Magazinen noch klare Unterschiede zu den Privaten gebe.
Für solche Fälle schicken die Anstalten gern den Kölner Medienforscher Udo Michael Krüger an die Studien- und Statistikfront. Für gewöhnlich kommt er dann zu dem Ergebnis, dass ARD und ZDF wirklich gut sind. Ehrlich. Es gebe nach wie vor eine qualitative Kluft.
Die Intendanten nicken beifällig. Auf Krüger ist Verlass. Man sollte vielleicht erwähnen, dass der Wissenschaftler letztlich von ihnen - und damit über Gebühr - bezahlt wird: Seine Studie wird von der Medienkommission der beiden Anstalten in Auftrag gegeben.
Und selbst die Grundversorgung hat als Entschuldigung für die enormen Kosten ausgedient, weil sie einer Ära entsprang, als ARD und ZDF die einzigen bundesweit empfangbaren Kanäle waren. Heute gibt es davon Dutzende. Manche sind sogar gut. ProSieben bringt frischere Serien, RTL die witzigere Unterhaltung, N-tv Nachrichten rund um die Uhr. Und während sie sich Marktanteile und Publikumsgunst erkämpften, drohen Erstes und Zweites mit der Restkundschaft in die Grube zu fahren. Durchschnittsalter ihrer Zuschauer: 58.
Bleibt als Ausrede für das Milliarden-Geschacher nur der politische Wille. Sicher gäbe es ohne den damaligen Kanzler Helmut Kohl das deutsch-französische Gemeinschaftsprojekt Arte gar nicht. Guckt zwar kaum einer hin, finden aber alle toll. 300 Millionen Euro kostet es allein die deutschen Partner dieses Jahr.
Und ohne Zweifel profitieren vor allem parlamentarische Hinterbänkler von Phoenix, das seinen Ruf als "Ereigniskanal" noch immer mit der Übertragung sturzlangweiliger Bundestagsdebatten zu untermauern sucht.
Die Öffentlich-Rechtlichen spielten das Expansions-Monopoly der Politik indes
dankbar mit. In der Folge wurden Quo-
te und Quantität die beiden wichtigsten Messlatten eines aufgeblähten, aber letztlich maroden Fernsehapparats.
In den vergangenen zehn Jahren haben ARD und ZDF die Zahl ihrer Sendeminuten fast verdreifacht. Mit rund 24 000 fest angestellten Mitarbeitern produzieren sie 21 TV- und 61 Radio-Programme. Bezahlt wird das nicht nur aus Gebühren. Viele weitere Millionen kommen aus der Reklame - das einzige Geschäft, das bei ARD und ZDF heute wirklich kreativ gehandhabt wird.
Thomas Gottschalk muss die Schleichwerbung bei "Wetten, dass ...?" gar nicht mehr rechtfertigen, nur noch ausbauen und von Zeit zu Zeit milde ein paar störrischen Journalisten erklären. Aber wer weiß schon, dass das ZDF arg- bis schamlos Kooperationen mit T-Online, Kaufhof oder Norddeutscher Klassenlotterie unterhält? Dass selbst die Kindersendung "1, 2 oder 3" von Lego gesponsert wird?
Muss das alles sein, wenn man auf der anderen Seite auch noch an Programmverkäufen und sogar Hotlines kassiert? Die ARD kobert in einer Vielzahl ihrer Sendungen inzwischen mit 0190-Telefonnummern. Dafür darf der Zuschauer beim Gewinnspiel zum "Tor der Woche" mitmachen oder das Wetter abfragen.
Aber die öffentlich-rechtliche Drückerkolonne legt ihr Geld gut an: Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) zum Beispiel hat nicht nur durch sein grottiges Programm und die Stasi-Verstrickungen etlicher Mitarbeiter neue Maßstäbe in puncto Peinlichkeit gesetzt. Die MDR-Manager spekulierten auch noch an der Börse. Mit einer Ecuador-Anleihe verlor der Sender dann dummerweise Millionen.
Was hat man überhaupt in Südamerika verloren? Solche Fragen gibt es viele: Ist es Qualitätssicherung oder Grundversorgung, wenn das ZDF Frauenboxen überträgt? Und sind die Rechte an der Fußball-Bundesliga wirklich 60 Millionen Euro pro Jahr wert?
Wofür unterhält die ARD noch immer 26 so genannte Klangkörper, also Orchester, Big Bands und Chöre? Wie kann es sein, dass die ARD bis Ende 2004 mehrere hundert Millionen Euro Überschuss erwartet und dennoch jetzt mehr Geld will?
Und wer bitte kennt Sender wie EinsMuxx oder den ZDF-Theaterkanal? In solchen digitalen Prestige-Projekten wurden ebenfalls dreistellige Millionensummen vergraben, was selbst der ARD-Vorsitzende Plog nicht mehr erklären kann.
Dabei wäre eine echte Reform eigentlich ganz einfach: Ein Verzicht auf Werbung würde der privaten Konkurrenz helfen oder ihr wenigstens den Hauptkritikpunkt nehmen. Ein Abschied von all den Spartenkanälchen brächte die Anstalten selbst voran. Und die dann mögliche Konzentration auf ein schlankes, gutes statt bislang mal dümmliches, mal nur teures, mal trostloses Programm würde dem Zuschauer nutzen und Gebühren auch rechtfertigen.
Premiere-Chef Georg Kofler lästert gern, man könne zwar aus der Kirche austreten, doch aus der öffentlich-rechtlichen Gebührenmühle gebe es kein Entrinnen. ZDF-Intendant Markus Schächter sagt dann, dass man auch nicht einfach das Steuerzahlen einstellen könne.
Unfreiwillig zieht er damit eine Parallele zwischen seiner Anstalt und dem Bundesfinanzministerium. Zumindest was den Unterhaltungswert angeht. FRANK HORNIG,
MARCEL ROSENBACH, THOMAS TUMA
* Oben: Dieter Bohlen mit den Finalisten von "Deutschland sucht den Superstar"; unten: Ralph Siegel mit den Finalisten der "Deutschen Stimme 2003".
Von Frank Hornig, Marcel Rosenbach und Thomas Tuma

DER SPIEGEL 44/2003
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