03.11.2003

TV-SPIELFILMEAls Gott mitbohrte

Der Sender Sat.1 erinnert mit dem Zweiteiler „Das Wunder von Lengede“ an die Rettung von elf totgeglaubten Bergleuten - und schafft tatsächlich ein Fernseh-Highlight.
Wann ist es so weit, dass der am Wasser gebaute Zuschauer seinen Tränen freien Lauf lassen darf? Schwer zu sagen. Wenn Armin Rohde in der Rolle des unermüdlichen Bohrmeisters am Gestänge zum ersten Mal die Klopfzeichen seiner Kameraden aus der Tiefe hört? Wenn der kleine Junge mit dem Zettel der Namen von elf Überlebenden in die Kirche rennt, wo gerade die Trauerfeier für die toten Kumpel stattfindet? Wenn die alte Bergmannsfrau spontan das Vaterunser anstimmt? Oder wenn Heike Makatsch, die sich in ihrer Rolle von der kulleräugigen Provinzhasserin zur umflorten Witwe wandelt, das Trauerkleid aus dem Versandhauspaket nimmt und erklärt: "Man sagt, Schwarz steht uns Bergarbeiterfrauen am besten"?
An diesem Sonntag und dem darauf folgenden Montag beschwört Sat.1. eine bis heute unvergessene Rettungsaktion aus der frühen Zeit der BRD - das Unglück von Lengede.
Am 24. Oktober 1963 waren eine halbe Million Kubikmeter Wasser und Schlamm aus einem durchgebrochenen Klärteich in die Eisenerzgrube eingedrungen, in der gerade 129 Kumpel arbeiteten. Die Rettungsanstrengungen der folgenden 14 Tage, das sensationelle Aufspüren und Heraufholen von elf Bergleuten, ist als "Wunder von Lengede" (so auch der Sat.1-Filmtitel) in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen.
Das niedersächsische Zechendorf wurde für die Sechziger-Jahre-Zeitgenossen zu einem mythischen Ort: Die Deutschen erlebten sich als Schicksalsgemeinschaft voller Hilfsbereitschaft. Das Fernsehen berichtete live, der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard reiste an, um mit den 330 Stunden lang Eingeschlossenen zu sprechen, "Bild" ließ sich beinahe zu der blasphemischen Schlagzeile hinreißen: "Gott hat mitgebohrt" (die Chefs des Blatts machten dann doch ein "Gott hat mitgeholfen" draus) - welch ein TV-Movie-Stoff.
"Powered by emotion" lautet der oft nervige Sat.1-Slogan, mit dem der Sender dem Zuschauer hinterherhechelt, selbst wenn es um eine schwachsinnige Movie-Plotte geht - doch an diesem Sonntag trifft der Spruch zu. "Das Wunder von Lengede" ist mehr als eine hochbesetzte und filmtechnisch aufwendige Rekonstruktion der Folgen eines verhängnisvollen Wassereinbruchs in einer Erzgrube. Der Zweiteiler demonstriert, was modernes fiktionales Fernsehen inzwischen zu hoher Perfektion entwickelt hat: die Zerlegung und Erklärung der Welt mit Hilfe einer Mechanik von ununterbrochenen Gefühlserregungen.
Emotionen sind es, die im "Wunder von Lengede" die Herrschaft über die Wahrnehmung übernehmen. Die Welt scheint erklärt, wenn die Tränen fließen, solche des Mitleids und solche der Freude. Ist das verkehrt? Ist das pervers oder Ausdruck hoher TV-Kunst?
Dem Sender Phoenix ist zu verdanken, dass der Zuschauer die Veränderung der Fernsehgrammatik vom faktenhuberischen Rekonstruieren zum Nachfühlen, kurz, vom Trockenen zum Feuchten so richtig nachvollziehen kann.
Der Sender wiederholte vorvergangenen Sonntag ein altes ZDF-Dokumentarspiel von 1969 - es hieß wie das neue Movie "Das Wunder von Lengede", Mirakel wie dieses lassen der Titelphantasie wenig Spielraum.
Und siehe da, damals, in dem von Rudolf Jugert inszenierten Stück, geht es vor allem um technische Erklärung. Der Zuschauer sieht, wie sich Ingenieure andauernd über Karten beugen, damit er bloß nicht verpasse, wohin sich die Wassermassen ergossen haben, welche der Sohlen überflutet sind und wo unter Überdruck stehende Luftblasen entstanden sein können. Ebenso verfährt man mit der Rettungsbohrung - kein Detail bleibt unerklärt.
1969 war eben noch eine Zeit, in der der Schulfunk unerbittlich den Zeigestock erhob. Auf Kosten der Gefühle, auf Kosten von Trauer, Angst und Glück. Deshalb wirkt das alte Spiel zugeknöpft. Die Todesangst der in dem engen Bergverlies mit Leichnamen von Kollegen Eingeschlossenen schildert Jugerts Film als Hörspiel: Der Bildschirm bleibt dann einfach schwarz. Und über Tage breitet sich phasenweise eine Art deplatzierte Aufgeräumtheit aus. Lauter korrekte Herren, vom Direktor über den Ingenieur bis zum einfachen Hauer kommunizierten während der Rettungsarbeiten sachlich-höflich: Jawoll, danke, meine Herren, selbstverständlich. Es wird klar, was diese erste Version des Lengede-Dramas vor allem verhindern wollte: den unkontrollierten Ausbruch von Emotionen.
Anders der Sat.1-Film (Regie: Kaspar Heidelbach, Buch: Benedikt Röskau). Er befreit den Stoff von allem überinformierenden Ballast und rückt das Seelendrama in den Mittelpunkt. Wie die Wasser durch den Berg toben, wie das Gestein im "Alten Mann" - so nennt der Kumpel mit poetischer Sprache einen brüchigen, ausgeweideten Stollen - auf die Kumpel niederstürzt, das interessiert die sieben Millionen Euro teure Produktion der Firma Zeitsprung (Produzent: Michael Souvignier) nicht technisch, sondern ästhetisch, als Beschwörung einer unberechenbaren, heimtückischen Natur.
Auch die technischen Probleme sind gnadenlos personalisiert und emotionalisiert: Da ist der ökonomisch stets besorgte, aber nicht hartherzige Bergwerksdirektor (Günther Maria Halmer), dem als quasi natürlicher Widersacher der geradlinig schlichte Bohrmeister Grabowski (Rohde) gegenübersteht, der sich bedingungslos für seine bedrohten Kameraden einsetzt. Dazwischen rackert und rechnet unermüdlich der Ingenieur Hansen (Sylvester Groth).
Was hier anrührt und in der heute herrschenden herzlosen globalen Ökonomie heimliche Sehnsüchte auslöst, ist das harmonistische Abbild der Arbeitsgesellschaft der Wirtschaftswunderzeit: Rastloser Technikerfleiß, paternale Sorge des Unternehmers für seine Leute und die unverbrüchliche Kameradschaftlichkeit des proletarischen Arbeitsmanns - es scheint, als wäre damals im Moment der Katastrophe Erhards ominöses Modell einer "formierten Gesellschaft" Wirklichkeit geworden.
Viel unbefangener als die erste Lengede-Version geht der Sat.1-Film die Todesangst und die Verzweiflung der Angehörigen an. Regisseur Heidelbach und Autor Röskau denken gar nicht daran, es in den Szenen im unterirdischen Gefängnis auf dem Bildschirm Nacht werden zu lassen, obwohl es der Wirklichkeit entsprochen hätte.
So erhalten bei flackrigem Taschenlampenschein die Eingeschlossenen-Darsteller, allen voran Heino Ferch, Jan Josef Liefers, Jürgen Schornagel und Axel Prahl, Gelegenheit, dem Zuschauer ihr Verzweiflungsdrama vor Augen zu führen, ein intensives Spiel um Leben und Tod zwischen Heldentum, Wahnsinn und beinahe zärtlichen Männerversuchen, einander zu trösten. Ein versteinerter Narr, den das nicht rührt.
Die Übertage-Welt, das Frauenleben in den Familien der Vermissten, von Makatsch und Nadja Uhl darstellerisch dominiert, hält dem von den Machern beabsichtigten Gefühlssturm stand. Dass Makatsch bei der Lektüre des Drehbuchs in Tränen ausbrach, wie sie im Programmheft erzählt, glaubt man sofort. Sie fügt sich vollkommen ungekünstelt in die Rolle der Pechmarie, die nicht nur ihre Träume vom glücklichen Auszug aus dem Kaff Lengede begraben, sondern auch begreifen muss, dass Liebe manchmal erst entsteht, wenn alles zu spät ist.
Dass aus dem "Wunder von Lengede" jenes Fernsehwunder wurde, das der Film nun ist, verdankt sich auch einem kleinen Mirakel: Ursprünglich sollte der Film mit einer Wiedersehensfeier der Überlebenden nach vielen Jahren enden. Die Maske hatte sich schwer ins Zeug gelegt, um Ferch, Uhl und Makatsch in Senioren zu verwandeln. Vergebens.
Die auf alt getrimmten Schauspieler sahen wie Figuren aus der "Muppets-Show" aus. Das könne, darauf wiesen Journalisten bei der Voraufführung die Macher hin, den ganzen Zweiteiler verderben. Die Verantwortlichen schnitten einsichtig die Szenen heraus. Wunder haben ihre eigenen Gesetze. NIKOLAUS VON FESTENBERG
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 45/2003
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