10.11.2003

TURKMENISTANProbleme mit den Gelenken

Während die internationale Öffentlichkeit auf Ächtung von Diktator Saparmurad Nijasow dringt, machen Deutsche zweifelhafte Geschäfte mit ihm.
Es hatte Gerüchte gegeben. Der "geliebte Führer" und "einzige Nationalheld" habe gesundheitliche Probleme. Möglicherweise wieder etwas mit dem Herzen. Das nämlich ist die Schwachstelle von Saparmurad Nijasow, 63, alias Turkmenbaschi, der im südlichsten der sowjetischen Nachfolgestaaten als Präsident auf Lebenszeit wirkt.
Da traf es sich gut, dass dieser Tage sein Leibchirurg einschwebte, jener Mann, der die "Sonne unserer turkmenischen Herzen" 1997 mit einem zweifachen Bypass versah: Hans Meisner, früher Professor am Deutschen Herzzentrum in München. Am 29. Oktober, nach dem pompös begangenen Nationalfeiertag, sahen die Turkmenen Meisner im ersten Fernsehkanal. Dem Turkmenbaschi gehe es "sehr gut", beruhigte der Deutsche das Volk. Er habe sich an die Ratschläge der Ärzte gehalten und gar das Rauchen aufgegeben ("was sein Organismus ihm dankt"). Nur mit den Gelenken gebe es Probleme - aber das sei "in diesem Alter normal".
Auf die Deutschen kann sich Saparmurad Nijasow verlassen. Nicht nur Meisner sorgt sich seit Jahren um sein Wohl. Ein anderer Deutscher, der Erlanger Professor Rudolf Ott, kümmert sich um das Turkmenbaschi-Gebiss. "Vermittelt" wurden beide vom deutschen Siemens-Konzern, der enge Tuchfühlung zum Präsidenten hält - er ist in dessen Reich die erste Adresse.
So etwas fällt auf in einer Zeit, da der Turkmene mit dem bizarren Personenkult international unter starken Druck gerät. Die zentralasiatische Wüstenrepublik sei inzwischen "eines der repressivsten Länder der Welt", warnt Human Rights Watch; Amnesty International hat Fälle von Folter und Misshandlungen in den Gefängnissen ausgemacht, die USA warnten ihre Bürger vor Reisen nach Aschgabad.
Nach der OSZE forderte Ende Oktober das Europäische Parlament "mehr Demokratie" in Turkmenistan, und selbst die Uno diskutiert bereits über die katastrophale Menschenrechtssituation. Nach einem Umsturzversuch der Opposition voriges Jahr, den Nijasow in ein Attentat umdeutete, zog der Selbstherrscher die Daumenschrauben noch weiter an: Er ließ Regimegegner einsperren, verkündete Sippenhaft und schränkte die Reisefreiheit ein.
Die Deutschen ficht das nicht an, sie buhlen weiter um das Wohlwollen des Diktators. DaimlerChrysler schenkte ihm einen gepanzerten Sportwagen und fertigte eine deutsche Übersetzung des Turkmenbaschi-Werks "Ruhnama" an, einer nationalistisch-religiösen Staatsbibel, die Beamte, Medien und Studenten täglich ausführlich zitieren müssen. Man habe die besten Übersetzer an diese Arbeit gesetzt, um den "großen künstlerischen Wert" des Buchs zu erhalten, betonte der Daimler-Abgesandte bei Übergabe des Elaborats - es war zugleich der Dank für einen kurz zuvor erhaltenen Millionenauftrag.
Die Deutsche Bank wiederum darf drei Milliarden Dollar aus Nijasows Schatullen verwalten - auch wenn eine "Präsidenten-Stiftung" die Begünstigte ist. Das Geld stamme aus Erdgasverkäufen und dem Drogenhandel, meint Nurmuhammet Hanamow, 58. Der turkmenische Ex-Botschafter in der Türkei wechselte wie vier weitere Nijasow-Diplomaten die Fronten. Als Vizechef der Republikanischen Partei im Exil führte er vorige Woche politische Gespräche in Berlin.
Unverständlich ist der Opposition vor allem das Engagement der Siemens-Leute in Turkmenistan. Der Münchner Konzern baute für Turkmenbaschi Kraftwerke, Kliniken und einen Sommersitz, er rüstet dessen Raffinerien mit Steuertechnik aus, modernisiert das Kommunikationsnetz und Nijasows TV-Sender.
Nicht genug damit: Dem schlagkräftigen Geheimdienst, in dessen Kerkern die Nijasow-Gegner schmachten, lieferte Siemens eine Apparatur zum Abhören von Mobilfunk, Telefon- und Faxleitungen. Obendrein sollen die Münchner das Regime mit einer Anlage versorgt haben, die in der Nordregion Taschaus den Empfang des turkmenischen Dienstes von Radio Liberty unmöglich macht.
Mit der Taschaus-Anlage habe man nichts zu tun, behauptet Siemens - was die Opposition nicht gelten lässt. Sie spricht von einem fatalen Schritt auf dem Weg zum Orwellschen Staat. Denn für Normalbürger sind nicht nur das Internet, sondern inzwischen selbst viele russische Medien tabu. Als OSZE-Sondergesandter Martti Ahtisaari vorvergangene Woche bei Nijasow vorsprach und auch im turkmenischen Fernsehen auf Öffnung des Landes drang, formte der Übersetzer seine Sätze einfach in Lobeshymnen um - Radio Liberty war der einzige Kanal, dem die Turkmenen die wahren Äußerungen des früheren finnischen Präsidenten entnehmen konnten.
Professor Meisner müssen die Nijasow-Getreuen nicht zensieren. Vom Fernsehen nach seinen Eindrücken in Turkmenistan befragt, zeigte sich der deutsche Chirurg begeistert von der Militärparade am Unabhängigkeitstag: "Das Land ist vorangekommen." CHRISTIAN NEEF
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 46/2003
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