10.11.2003

AUTORENOpa Odin auf Rachefeldzug

Der Brite Neil Gaiman schafft mit seinen Fantasy-Romanen in den USA Riesenauflagen. Nun soll sein Werk „American Gods“ auch deutsche Leser begeistern.
Mit Horror habe er nichts im Sinn, sagt der Mann, nippt am Tee und nimmt einen Keks vom Teller. "Erzähle ich von Eltern, die ihre halb verhungerten Kinder im Wald aussetzen, wo sie einer irren alten Kannibalin in die Hände fallen? Den Jungen sperrt sie in einen Käfig, das Mädchen versklavt sie - aber zum Glück schaffen es die beiden, die Alte lebendig zu verbrennen."
Nein, Schrecklichkeiten wie im Grimmschen Märchen würde man in seinen Geschichten nicht finden, beteuert Neil Gaiman, "aber genau jene Eltern, die meine Bücher für zu brutal und unheimlich halten, lesen Märchen wie das von Hänsel und Gretel bedenkenlos ihren Kindern vor".
Der Brite Gaiman, 43, ist so was wie der Märchenonkel der Generation Nirvana. Zumal in den USA hat er eine Riesengemeinde von überwiegend jüngeren Fans, die sich sein Autogramm schon mal auf den Arm tätowieren lassen und ihn wie einen Popstar verehren. Seine Comics, Fantasy-Romane und Kinderbücher erzielen Millionenauflagen. Mit der deutschen Ausgabe seines vor zwei Jahren in den USA erschienenen Bestsellers "American Gods" unternimmt nun der Münchner Heyne Verlag den Versuch, ihn auch auf dem deutschen Markt jenseits der Comic-Welt zu etablieren*.
In den USA landete der Wälzer, ein sehr unterhaltsamer Mix aus Thriller, Fantasy und Roadmovie, in den oberen Bereichen der Literatur-Bestsellerlisten. Das Buch erzählt die Story eines Ex-Sträflings, der von einem exzentrischen alten Mann als Assistent angeworben wird - der Opa erweist sich als nordischer Götter-Chef Odin und rüstet zum Kampf gegen die Konsum- und Mediengötter Amerikas. Die eher abstru-
se Geschichte funktioniert dank Gaimans Charme und versponnenem Humor. Seine Götter irren mal als matte Rentner, mal als smarte Dressmen durch die Welt. Der Roman sei der "etwas arrogante Versuch eines Zugereisten, den Wahnsinn und die Faszination Amerikas zwischen Buchdeckel zu pressen", sagt der Autor, der mit Frau und jüngster Tochter in Minneapolis lebt.
Um die Filmrechte für "American Gods", so berichtet der Autor stolz, habe sich unter anderem die Produktionsfirma von George Clooney und Steven Soderbergh beworben. Auch Auszeichnungen hat er für das Werk bereits bekommen - Trophäen, die die Horror-, Fantasy- und Science-Fiction-Gemeinde verleiht.
Aus deren Grenzen aber will Gaiman heraus - nur leider nimmt man bislang im seriösen Literaturbetrieb von seinem Schaffen wenig Notiz. Er bekomme eben Preise, für die ein Publikum und nicht irgendeine Jury abgestimmt hat, bemerkt er etwas säuerlich.
Immerhin wurde der Roman "Ein gutes Omen", den er gemeinsam mit Terry Pratchett schrieb, unlängst in einer Abstimmung der BBC zu einem der hundert beliebtesten Bücher in englischer Sprache gewählt. Wie kommen die Literaturkritiker also dazu, ihm den verdienten Respekt zu versagen und ihn frech zu ignorieren? Die "gedrechselten überlangen Sätze von Don DeLillo, Philip Roth und Co." findet er "zwar clever, aber langweilig". Zu seinen literarischen Helden zählen F. Scott Fitzgerald, P. G. Wodehouse ("Der unvergleichliche Jeeves"), A. A. Milne ("Pu der Bär") oder der Krimi-Autor Elmore Leonard - "klassische Geschichten-Erzähler eben!"
Gaiman ist ein Missverstandener. Neulich habe er in einer amerikanischen Zeitung tatsächlich gelesen, dass der Literat Neil Gaiman sich auch schon mal an Comics versucht habe. "Das ist ungefähr so treffend wie die Aussage, dass der Spitzenpolitiker Arnold Schwarzenegger darüber nachdenkt, sich mal an Actionfilmen zu versuchen", sagt er mit schmalem Lächeln.
Denn der Mann, der im englischen Portsmouth aufwuchs und zunächst als Journalist arbeitete, wurde mit der Serie "Sandman" früh zu einem Star der Comic-Welt. Der virtuos und behutsam erzählte Fantasy-Comic-Zyklus entführt die Leser ins Reich des Herrn der Träume, eben des Sandmanns, und seiner Göttersippe.
Gaimans Ideenreichtum, sein trockener Witz und sein Sinn für klugen Erzählaufbau bescherten den "Sandman"-Comics tolle Auflagen - und das Lob Norman Mailers: Der befand, dass "Sandman" ein Comic für Intellektuelle sei.
Gaiman verzückte mit seinen Comics - im Genre eine gewaltige Ausnahme - auch viele Frauen; vor allem aber gewann er so viele oft exzentrische Fans, dass er bei amerikanischen Comic-Messen bis heute mit Bodyguards auftritt.
1996 erklärte Gaiman die "Sandman"-Serie für beendet. Ein im September in den USA nachgereichter Band mit neuen "Sandman"-Kurzgeschichten - "Endless Nights" - brachte es in die "New York Times"-Bestsellerliste: ein Comic-Erfolg, wie er zuletzt nur Art Spiegelman mit "Maus" gelungen war.
Doch es hilft nichts: Gaiman will raus aus der Comic-Welt. "American Gods" ist Teil eines hoch dotierten Romanvertrags, von dem sich die Beteiligten erhoffen, dass aus Gaiman ein neuer Stephen King wird.
Und weil er immer an mehreren Projekten gleichzeitig arbeitet, ist Gaiman auch in Hollywood schon im Geschäft. Für Harvey Weinstein von Miramax hat er den japanischen Zeichentrick-Hit "Prinzessin Mononoke" ins Englische übertragen - und überhaupt begeistert er sich derzeit für Märchen aller Art.
Auf der Frankfurter Buchmesse habe ihn jüngst ein Journalist gefragt, wo er bloß die ganzen Ideen herhabe, berichtet Gaiman. Dem habe er dann erzählt, jeden Freitag klopfe ein Zwerg an seine Tür und bringe einen Bastkorb voll kleiner gerollter Zettel mit Ideen. "Das Unglaublichste an der Geschichte ist", freut sich der Autor, "für ein paar Augenblicke hat der Kerl sie tatsächlich geglaubt." CHRISTOPH DALLACH
* Neil Gaiman: "American Gods". Aus dem Amerikanischen von Karsten Singelmann. Heyne Verlag, München; 624 Seiten; 24 Euro.
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 46/2003
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