10.11.2003

US-FERNSEHENBlitzkrieg für Ronnie

Eine eher harmlose TV-Mini-Serie des US-Senders CBS über das Leben von Ex-Präsident Ronald Reagan geriet zum gewaltigen Politikum und zeigt einmal mehr: Die amerikanische Rechte gewinnt mittlerweile alle Medien-Scharmützel, noch bevor die Linke überhaupt weiß, was los ist.
Weil er das lästige Regieren für heute hinter sich hat, zieht Ronald Reagan seinen Pyjama an und lechzt seiner Lieblingsbeschäftigung entgegen, einem geruhsamen Abend vor dem Fernseher. Doch da passiert, was immer passiert, wenn ihn Gemütlichkeit sanft umfängt - Gattin Nancy kann das Regieren nicht lassen.
In ihrem blutroten Nachtgewand baut sie sich vor ihm auf und fängt wieder mit dieser leidigen Geschichte an. Sie will unbedingt, dass er endlich seinen Außenminister Alexander Haig rauswirft, diese Kanaille, die sich erdreistet hatte, zu behaupten: "Bei mir liegt jetzt alle Verantwortung!" Und das in einem Moment, als der Präsident, niedergestreckt von einem Attentäter, mit dem Tode rang.
"So schlimm war das doch auch wieder nicht", murmelt Ronnie lahm und schielt an ihr vorbei auf den Fernseher. Aber da holt Nancy voller Furor zum ultimativen Schlag aus: "Schmeiß Al raus, Ronnie", sagt sie, "oder du wirst den Kalten Krieg nie gewinnen."
Die kolportagehafte Szene stammt aus dem insgesamt vierstündigen Film "The Reagans", den der US-Sender CBS drehen ließ. Bei diesem kleinen Epos haben die Drehbuchschreiber Wirklichkeit und Fiktion mal mehr, mal weniger geschickt vermischt. Der pompöse Auftritt des Außenministers Haig im März 1981 samt seinem berühmten Satz "I''m in charge here" ist historisch verbürgt. Und selbst die erfundene Auseinandersetzung im Schlafgewand klingt durchaus plausibel.
Denn so ungeheuer entspannt, so wenig gebeugt von der Mühsal des Amtes, so sehr zu Hause in seiner ganz eigenen Welt hat Amerika den 40. Präsidenten in Erinnerung behalten. Und hätte der alte Mime, der selbst Fiktion und Realität gern und ausdauernd miteinander vermengte, nicht Verständnis für die Gesetze des Fernsehens aufgebracht?
Er vielleicht schon, aber nicht die Heerscharen seiner Bewunderer. Sie haben mittlerweile einen heiligen Schrein um Reagan gebaut und verteidigen ihn gegen jedwede Schändung. Dazu sahen sie jetzt wieder Anlass, als CBS anfing, die Werbetrommeln für seinen Zweiteiler zu rühren, der eigentlich nächste Woche zur besten Sendezeit laufen sollte. Daraus wird nun nichts. Eine Dampfwalze hat sich in Bewegung gesetzt und das Projekt platt gedrückt. Es wurde abgesetzt.
Politisch betrachtet hat das bestens organisierte konservative Amerika einen Blitzkrieg geführt gegen alles, was es für links hält: gegen CBS, Hollywood, das liberale Clinton-Amerika. Und solche Kriege gehen neuerdings fast immer gleich aus - die Rechte gewinnt, weil die Linke viel zu spät kapiert, was überhaupt passiert.
"The Reagans" ist halb Liebesgeschichte, halb Volkshochschule. Das Opus beginnt damit, dass der glänzend aussehende Ronald Reagan, frisch geschieden von Jane Wyman, auf einer Party einer jungen Schönheit namens Nancy Davis begegnet. Sie verlieben sich, heiraten und ziehen ins Weiße Haus. Er regiert Amerika, sie ihn. So einfach ist das.
Eigentlich kommt Reagan gut weg. Der Film-Präsident ist, wie das Original, ein phlegmatischer Träumer, der seinen Mitarbeitern lange Leine lässt. Die Autoren machen sich sogar die umstrittene Version zu eigen, dass Ronnie schuldlos am größten Skandal seiner Präsidentschaft war: der illegalen Finanzierung der Contras in Nicaragua aus Waffengeschäften mit Iran.
Die Mini-Serie endet mit seinem anrührenden Abschied von Amerika, als ihn die Alzheimer-Krankheit umfasst: "Ich breche nun auf zu meiner langen Reise in den Sonnenuntergang." Heute ist Reagan 92 und lebt in seiner Schattenwelt, betreut von Nancy.
Kurioserweise kennen den kompletten Zweiteiler eigentlich nur ein paar Eingeweihte bei CBS, am besten wohl der Sender-Boss Leslie Moonves, der sein Prestigeprojekt erst etlichen Überarbeitungen unterwarf, ehe er es vorige Woche aus dem Programm nehmen ließ. Alle anderen kennen nur einen Sechs-Minuten-Ausschnitt, den CBS in aller Unschuld verbreiten ließ. Dazu berichtete die "New York Times" detailliert über die Handlung des Zweiteilers.
Die Dampfwalze setzte Michael Reagan in Bewegung. Das ist Ronnies Sohn aus der ersten Ehe mit Jane Wyman und dazu einer der konservativsten Radio-Moderatoren in Kalifornien, die Sitte und Anstand mit Wonne und Wut vor dem Verfall retten. "Diese Mini-Serie wird meinen Vater in ungünstiges Licht rücken", sagte er.
Jerry Falwell, der berüchtigte christliche Prediger, wusste bald genau, dass Reagan als "kaltherziges Ungeheuer" porträtiert werde. Matt Drudge, der große Beschleuniger etlicher Skandale, veröffentlichte die CBS-Auszüge auf seiner Website. Dann warfen sich noch ein paar Wasserträger aus der Reagan-Ära, vom Pressesprecher über den gehobenen Ratgeber bis zum Bodyguard, in die Schlacht - als hätte CBS das Heldenbild besudelt.
Zu diesem Zeitpunkt hielt CBS-Chef Moonves das Ganze vermutlich sogar noch für einen gelungenen PR-Gag: Schließlich erhöht Aufregung
die Quote. Mit "The Reagans" wollte der Sender seine Marktführerschaft - vor NBC und ABC - im Herbst untermauern. Der Erfolg des Neun-Millionen-Dollar-Projekts schien sicher. Denn Amerika ist fasziniert von seinen Präsidenten, vor allem, wenn sie so lässig sind wie Ronald Reagan. Und Moonves wollte einem breiten Publikum Unterhaltung bieten. Da war die Liebesgeschichte von Ronnie und Nancy wichtiger als etwa Kritik an Abenteuern wie der Invasion Grenadas.
Ohnehin ist CBS, das dem Mediengiganten Viacom gehört, jeder Agitation ziemlich unverdächtig. Keiner der alten Sender, auch ABC oder NBC nicht, zieht freiwillig politische Kontroversen auf sich. Das gibt nur Ärger - mit Kongressabgeordneten, mit der Werbewirtschaft, der Regierung, der christlichen Rechten oder dem Konzern, dem der Sender gehört.
Wahrscheinlich war Moonves auch deshalb zu Kompromissen bereit. Ein paar erfundene Episoden, die das Reagan-Bollwerk aufgespießt hatte, ließ er klaglos entfernen. So unterhielten sich Ronnie und Nancy über Aids, in den achtziger Jahren ein neues Phänomen. Der Film-Präsident tat die Krankheit als Problem der Homosexuellen ab und sagt im Anklang an die Bibel: "Die in Sünde leben, werden durch die Sünde umkommen."
In der von ihm autorisierten Biografie hat Reagan sich weniger beziehungsreich ausgedrückt: "Vielleicht hat Gott die Plage in die Welt geschickt."
Eine andere Szene drehte sich um die Urheberschaft an seiner Lieblingsidee, Amerika durch ein irrsinnig teures Raketenabwehrsystem im Weltall zu sichern. Die Drehbuchautoren ließen Reagan die Anregung aus "Murder in the Air" gewinnen, einem zweitklassigen Film aus dem Jahr 1940, in dem er die Hauptrolle spielte. Historiker meinen etwas vorsichtiger, der Streifen möge ihn bei seiner "Star-Wars"-Entscheidung beeinflusst haben.
Im Grunde handelte es sich um Lappalien und nicht etwa um Fälschungen. Aber bald ging es nicht mehr um einzelne Korrekturen am Film. Es ging um die Verhinderung des gesamten Projekts. Von nun an war Reagan Mittel in einem größeren, schöneren Spiel.
Auf dem Kabelkanal Fox, der Rupert Murdoch gehört und Traditionssender wie CBS routiniert schmäht, gab Michael Reagan die neue Parole aus: "Sie legen es darauf an, meinen Vater und die konservative Bewegung zu zertrümmern, jetzt, da ein Wahljahr bevorsteht."
Gleich darauf verlangte Ed Gillespie, der Vorsitzende der
Republikanischen Partei, dass CBS ein Team aus Historikern und Reagan-Vertrauten zusammenstellen solle, um den Film auf Authentizität zu prüfen. Endlich schrieb das konservative "Media Research Center" 100 große Unternehmen an und forderte sie auf, keine Werbespots für den CBS-Film zu schalten.
Die Linke - oder das, was Rechte in den USA für Linke halten - war in diesem Kulturkampf nur schwach vertreten. Dazu zählen die beiden Produzenten Neil Meron und Craig Zadan, die zuvor TV-Biografien über Judy Garland, Dean Martin und Jerry Lewis in Szene gesetzt hatten. Von den beiden stammen aber auch Schmachtfetzen, in denen Homosexuelle gegen die Vorurteile ihrer Umwelt ankämpfen - ein Tabu-Bruch für die Puritaner im Land.
James Brolin spielt Ronnie. Er ist keine Größe im Gewerbe, aber mit einer verheiratet: Barbra Streisand. Über deren Meinungsäußerungen und Vorliebe für Bill Clinton heult das anständige Amerika in den Brüll-Shows des Kabelfernsehens regelmäßig auf. Brolin tat den Gralshütern des Reaganismus außerdem den Gefallen, dem Film einen politischen Sinn zu geben: Er solle das Misstrauen gegenüber jedem Präsidenten mehren.
Weiter noch ging Judy Davis, die im Film Nancy spielt: Über Amerika hänge seit dem 11. September 2001 "das hässliche Gespenst des Patriotismus".
Damit war die Kontroverse endgültig dort angekommen, wo sie für die konservativen Kreuzzügler von Anfang an hingehörte: in der Gegenwart. Mehr als um Reagan geht es um George W. Bush. Mehr als um Geschichtsdeutung geht es selbst bei dem bescheidenen CBS-Film um die kulturelle Hegemonie in Amerika.
Mit berstender Energie führt die neokonservative Heerschar, wann immer sich die Gelegenheit bietet, eine Kampagne gegen die "Achse des Bösen" aus den traditionellen Fernsehsendern, Hollywood und dem Clinton-Clan. Der Erfolg macht sie blutdürstig.
Gegen die entfesselte Medienmacht war CBS am Ende hilflos. Leslie Moonves kapitulierte."The Reagans" soll nun nächstes Jahr auf einem Pay-TV-Kanal laufen, der ebenfalls Viacom gehört und an guten Tagen 500 000 Zuschauer anzieht - ziemlich wenig für ein Neun-Millionen-Dollar-Projekt. GERHARD SPÖRL
* Mit Anchorman Dann Rather und "60 Minutes"-Korrespondent Ed Bradley.
Von Gerhard Spörl

DER SPIEGEL 46/2003
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