10.01.1951

CEBOTARI-KINDERZwischen Park und Stübchen

Wir lassen uns nicht verkaufen", rief der kleine Peter. Und schrie immer wieder: "Ohne die Deta fahren wir nicht."
Frau Deta Catarius ist seit vielen Jahren die Betreuerin des siebenjährigen Fritz und seines vierjährigen Bruders Peter, der Kinder der Sängerin Maria Cebotari und des Schauspielers Gustav Dießl. Als die Eltern innerhalb eines Jahres*) gestorben waren, standen die Kinder nach der zweiten österreichischen Währungsreform ganz mittellos da. Frau Catarius vermietete rasch entschlossen die große Villenwohnung und zog mit den Buben in ein Mansardenstübchen.
Die internationale Presse nahm sich in zum Teil rührenden Artikeln der "Künstler-Kinder" an und rührte die Frage nach Adoptiveltern auf. Verschiedene meldeten sich, darunter Curt Götz. Doch erschien die infolge vieler Gastspielreisen zwangsweise etwas ambulante Lebensweise des Schauspieler-Ehepaares Götz-von Martens dem Vormundschaftsgericht offenbar etwas unruhig.
Dagegen gediehen zunächst, von Ministerialrat Hilpert, dem Leiter der österreichischen Bundes - Theaterverwaltung, empfohlen, die Bemühungen des englischamerikanischen Ehepaares Curzon aus London N. 6.
Er, Clifford Curzon, war Professor an der Londoner Königlichen Musikakademie und ist ein in Amerika sehr bekannter Pianist. Sie, Lucille Curzon-Wallace, Erbin einer großen pharmazeutischen Fabrik in USA, studierte in Wien Musik. Beide, 52 und 43 Jahre alt, sind seit 19 Jahren verheiratet, kinderlos, doch sie wünschen sich Kinder.
Die Curzons sind keine Oesterreicher, aber, erklärte Frau Lucille, "uns ist das österreichische Wesen nicht fremd, vielmehr lieb und vertraut. Ich beherrsche die deutsche Sprache in Wort und Schrift wie meine englische Muttersprache.
"Unsere Familie ist in Oesterreich auch begütert. Wir besitzen in Litzlsberg am Attersee ein schönes Anwesen mit einem großen Park und allen Einrichtungen, welche heranwachsende Jungen erfreuen können."
Die Kinder Peter und Fritz besuchten im Sommer 1950 die Curzons am Attersee. Der Vormund der Jungen, Dr. Hugo Zörnlaib, hatte dem Besuch zugestimmt. Die Curzons und die Kinder hatten nach Frau Lucilles Worten Freude aneinander, die Absicht des Ehepaares, Peter und Fritz zu adoptieren, festigte sich während des Besuches.
Der Wiener Anwalt der Curzons und der Vormund Dr. Zörnlaib besprachen den Adoptionsvertrag. Es war u. a. die Rede davon, daß der Name der Kinder Curzon-Dießl oder Dießl-Curzon lauten solle, und es wurde vereinbart, daß die Kinder zu Besuch nach London kommen sollten. Mr. Curzon würde eine Tournee in Amerika unterbrechen, um die Kinder näher kennenzulernen.
Ein- und Durchreisevisa für die Kleinen wurden besorgt, aber aus dem Londoner Besuch wurde nichts. Im Gegenteil, Mrs. Curzon-Wallace sah sich veranlaßt, einen neuen Antrag wegen "Maßnahmen bezüglich einer in Aussicht genommenen Adoption der mj. Peter und Fritz Dießl"
beim Bezirksgericht Döbling, Wien XIX, zu stellen.
Nach der Antragsbegründung hat der kleine Peter die Worte "Ohne die Deta fahren wir nicht" und "Wir fahren nicht, wir lassen uns nicht verkaufen, wir wollen keine Juden werden" an dem Tage vor der geplanten Abreise gesagt, zu Frau Maria Aichinger, Rechtsanwaltsgattin in Vöcklabruck. Sie, die die Kinder schon mehrere Jahre kennt, sollte sie auf der Fahrt nach London begleiten.
Frau Aichinger erklärte, die Aeußerungen der Knaben seien in einer Form gegeben worden, "daß man daraus nur den Schluß ziehen könne, daß diese Aeußerungen den Minderjährigen eingegeben wurden."
Vormund Dr. Zörnlaib verwies auf ein ärztliches Attest, nach dem Klein-Peter aus gesundheitlichen Gründen nicht reisefähig sei, wogegen ein von der Gegenseite vorgelegtes Attest bescheinigt, Reiseunfähigkeit liege nicht vor. Weiter schrieb der Vormund:
Ein Herr Donnee, ein alter guter Bekannter der verstorbenen Kammersängerin, habe sich verpflichtet, für die Minderjährigen monatlich 200 Schweizer Franken zu bezahlen. 200 000 Schilling seien an Spenden für die Minderjährigen schon eingelaufen,
Die Jesuiten in Kalksburg**) wollten die Kinder kostenlos erziehen. Der kleine Peter komme schon im Herbst in das dortige Gymnasium. Das Unterrichtsministerium habe eine Rente von 1000 Schilling ***) monatlich bewilligt.
Die Kinder hätten in der ganzen Welt so viele Gönner, daß er, der Vormund, es nicht verantworten könne, sie durch eine Adoption durch die Curzons aller dieser Vorteile zu berauben.
Frau Lucille fühlte sich "brüskiert". Wenn die Sammlungen für die Dießl-Kinder bezweckten, "eine Adoption unnötig
zu machen oder zum Ausdruck zu bringen daß lieber eine Institutserziehung ohne Pflegeeltern anzustreben sei, so wäre zu erwarten gewesen, daß dies allen Personen mitgeteilt würde, die eine Adoptionsabsicht äußerten".
Die Curzons meinen auch, daß "Elternliebe, wie wir sie gewähren wollen, durch Geld nicht aufgewogen werden könne". Darum bleiben sie bei ihrer Adoptionsabsicht und bei ihrer Einladung an die Kinder. Es würde "den Begriffen von Liebe zu Kindern widersprechen, wenn wir die geschilderten Vorgänge diese entgelten ließen".
Allerdings bitten sie, davon abzusehen, Fritz und Peter durch Frau Catarius begleiten zu lassen. Sie sei nicht imstande gewesen, "die Minderjährigen von solchen Personen abzuhalten, welche die Minderjährigen gegen die Adoption einzunehmen versuchten und sie zu verhetzen".
Der Antrag von Mrs. Lucille Curzon-Wallace: Das Gericht möge beschließen, daß zur Vorbereitung der beabsichtigten Adoption kein Einwand dagegen erhoben wird, daß Peter und Fritz Dießl das Ehepaar Curzon in London besuchen. Die Curzons übernehmen alle Kosten, der Besuch soll höchstens 4 Wochen dauern.
Schlußsatz: "Ich würde mich freuen, wenn durch die Uebernahme zweier österreichischer Waisenkinder in amerikanischenglische Obhut wieder ein Beweis der freundschaftlichen Verbundenheit zwischen dem österreichischen und dem anglo - amerikanischen Wesen erbracht würde. Lucille Wallace-Curzon."
Die "Große Oesterreich - Illustrierte" brachte eine Reportage "Wie steht es um die Cebotari-Kinder?" und setzte die Verdienste von Deta Catarius recht ins Licht. Der reportierende Journalist gewann den Eindruck glücklichen Familienlebens in der Mansarde.
Dazu die Curzonsche Antragsbegründung: "Der Inhalt dieses Artikels läßt klar erkennen, daß der bezügliche Aufsatz unter Frau Catarius'' Einfluß entstanden sein muß. Jedenfalls war sie diejenige, welche die vielen Photos zugelassen hat, was sicherlich nicht im Interesse der Minderjährigen liegt, weil sich dieselben dadurch überflüssigerweise in den Mittelpunkt einer Affäre gesetzt fühlen, was für das jugendliche Gemüt nicht gut sein kann."
Die Entscheidung des Gerichts in Sachen Schicksal der Cebotari-Dießl-Kinder steht noch aus.
*) Gustav Dießl starb im März 1948 an einem Herzschlag, wenige Stunden nach der Premiere seines ersten Nachkriegsfilms, G. W. Pabst''s "Der Prozeß". Seine Frau, Kammersängerin Maria Cebotari, starb am 6. Juni 1949 an Gallenkrebs.
**) Im Jesuiten-Internat Kalksburg bei Wien wuchs einst die vornehme Beamtenjugend der Donaumonarchie auf.
***) 1000 österreichische Schilling = 150 DM. 200 Schweizer Franken = 1220 ö. Schilling = 183, - DM. 200 000 ö. Schilling = 30 000 DM.

DER SPIEGEL 2/1951
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