10.01.1951

SCHWARZHÖRER / RUNDFUNKDer Nachbar zahlt

Sechs Wochen lang, die ersten im neuen Jahr, will sich der NWDR an "das Gute in Herrn Schwarzhörer" wenden. Getreu dem oftbewährten Wahlspruch "Hansemann, geh'' Du voran" hat der größte westdeutsche Sender allen kleineren Stationen den Vortritt gelassen und wertet, ohne sich in geistige Unkosten stürzen zu müssen, deren Erfahrungen bei der Schwarzhörer-Gewinnung aus.
Sie liegen in genügender Anzahl vor, sowohl was die Schwarzhörer als auch was die Erfahrungen im Umgang mit nichtzahlenden Rundfunkhörern anbelangt. Im süddeutschen Senderaum ist man diesen illegalen Programmteilnehmern schon vor geraumer Zeit zu Leibe gerückt und hat dabei teilweise sehr zweckmäßige Methoden entwickelt.
Sie spiegeln sich deutlich wider in den Maßnahmen des NWDR, der seinen nichtzahlenden Hörern beikommen will
* durch Appelle an die Anständigkeit, die in möglichst lockerer Form in die musikalischen Unterhaltungsprogramme eingeblendet werden;
* durch von Haustür zu Haustür ziehende Werber, denen Geld- und Sachprämien winken;
* durch die Drohung mit dem "Wellen-Detektiv", einem Suchgerät, das gegen besonders hartnäckige Schwarzhörer eingesetzt werden soll;
* durch Hinweis auf die Ungesetzlichkeit einer unerlaubten Teilnahme am Rundfunkprogramm nebst nachfolgender Strafanzeige.
Methode Punkt eins, die "unblutigste" von allen Maßnahmen, ist vor allem beim nicht nur in der Hörerwerbung vorbildlichen Südwestfunk erprobt und entwickelt worden. Intendant Friedrich Bischoff hatte die vom 15. Februar bis zum 31. März 1950 laufende Aktion unter das Motto gestellt: "Wir wollen neue Hörer gewinnen!" Das diffamierende Wort Schwarzhörer kam in der ganzen Werbung nicht vor.
Beim NWDR, der sich um gleichen Takt bemüht, erscheint die ominöse Bezeichnung schon in den Werbeplakaten (Hörer mit schwarzem und weißem Kopf). Bezeichnend war auch, daß die Leiter wie die Diskussionsteilnehmer der eröffnenden Schaltkonferenz in den NWDR-Funkhäusern Hamburg, Hannover und Köln fortwährend über den zwar unerwünschten aber nicht ersetzten Ausdruck stolperten.
Er erscheint schließlich auch im Hauptwerbespruch der NWDR-Aktion:
"Dein Rundfunknachbar ist empört: Er zahlt, und du hast schwarzgehört!"
Dagegen war der Werbevers der von vornherein auf eine allgemeine Hörer-Gewinnung zugeschnittenen SWF-Aktion frei von jeder Anspielung auf den "Schwarzhörer":
"Rundfunkhören ist sehr wichtig, doch es ist gebührenpflichtig."
stempelte die Bost auf Hunderttausende von Briefen. Ergebnis: 78 000 geworbene Rundfunkteilnehmer plus 16 000 Direktanmeldungen bei der Post. Das entspricht einem Teilnehmerzuwachs von 13 Prozent.
Ueber das mögliche Ergebnis der gestarteten Aktion bestehen beim NWDR sehr unklare Vorstellungen. Auf die Frage nach dem zahlenmäßigen Ergebnis beim zweitgrößten deutschen Sender, dem Bayerischen Rundfunk, blieb der Konferenzleiter Dr. Günther Sawatzki die Antwort schuldig *). Man dürfe aber so optimistisch sein, durch die NWDR-Aktion den Zuwachs eines Zehntels der bisherigen Rundfunkteilnehmer zu erzielen. Das würde bei über 4 Millionen NWDR-Hörern (4 253 645 am letzten Stichtag 15. 12. 1950) einen Zugang von 400 000 bedeuten.
Was der NWDR offenbar nicht wußte, war eine Mitteilung, die Bayerns Rundfunkintendant vor etwa einem Jahr machte: der Bayerische Rundfunk habe 520 000 Schwarzhörer. Diese Zahl wurde von dem Hörerbefragungsinstitut Wolf Ernst ermittelt, das im Auftrag des Bayerischen Rundfunks arbeitet und durch die Einführung des Audimeters in Deutschland bekannt wurde.
Wenn die bayerische Zahl in etwa stimmt, dann müßten ca. 35 Prozent der regulären Rundfunkteilnehmerzahl noch für die
Schwarzhörer hinzugerechnet werden. Umgerechnet auf 8 Millionen Rundfunkteilnehmer in Deutschland ergäbe das eine Zahl von 2,5 bis 3 Millionen Schwarzhörer. Fachleute schätzen die Zahl der Schwarzhörer im Gebühren - Einzugsgebiet des NWDR auf 1 bis 1,4 Millionen. Das beabsichtigte Ergebnis des NWDR in Höhe von 400 000 Neuzugängen nimmt sich daneben bescheiden aus.
Der NWDR erhofft sich dieses Ergebnis nicht zuletzt vom Einsatz zahlreicher Werber. Lockspeise ist, nach dem Vorbild vor allem des Südwestfunks, ein ausgeklügeltes Prämiensystem. Für die drei ersten Werbeerfolge zahlt der NWDR zusammen 6. - DM, für jeden folgenden geworbenen Schwarzhörer 2, - DM.
Der Südwestfunk zahlte für fünf neue Hörer 5, - DM, für jeden weiteren 2, - DM. Als ein Werber 21 neue Hörer zuführte, erhielt er bereits ein Fahrrad. Für 53 neue Hörer gab die Baden-Badener Station einem Briefträger ein Motorrad. Daraufhin jagten sich die Rekorde.
Der erfolgreichste Werber kam auf 700 Werbungen und erhielt als ersten Preis eine Zweizimmer - Wohnungseinrichtung mit Küche. Dahinter lagen zwei Werber mit 622 und 555 Werbungen, die gleichfalls namhafte Preise erhielten.
Die Auszahlung dieser Prämien erfolgte durch die Post, die auch bei der NWDR-Aktion den organisatorischen Teil trägt. Die Gewinner wurden in der werktäglichen SWF-Sendung "Hörerwerbung" bekanntgegeben. Bei dieser Prämiierung war nicht immer das Ergebnis ausschlaggebend. Um auch dem nur gelegentlichen Werber einen Anreiz zu bieten, wurde etwa der tausendste Tageseingang ausgezeichnet. Für die Abgabe der 75 000. Werbung erhielt ein Werber eine Einzimmer-Einrichtung mit Küche.
Im Bereich des Süddeutschen Rundfunks (Radio Stuttgart) und des Bayerischen Rundfunks sind feste Werber verpflichtet. Der Stuttgarter Sender setzte Anfang 1950 30 Mitarbeiter ein, die gegen Provision auf Schwarzhörer-Suche gingen.
Die Werber kommen dabei durchschnittlich auf 200 bis 300 DM monatlich. Die Höhe ihrer Einnahmen wechselt mit der Landschaft, da sich die Schwarzhörer häufig auf bestimmte Ortschaften oder Bezirke konzentrieren. Besonders die Dörfer haben entweder so gut wie gar keine oder fast nur Schwarzhörer. Hat ein Werber das Pech, längere Zeit in unfruchtbaren Gebieten grasen zu müssen, so werden gelegentlich auch Spesen ersetzt.
Inzwischen ist das gesamte Einzugsgebiet des Süddeutschen Rundfunks einmal durchgekämmt worden. 70 000 Neuzugänge sind das Resultat. Bisher hatte der Süddeutsche Rundfunk mit 715 000 Hörern gleich 18 Prozent der Einwohner die prozentual günstigste Hörerzahl aller westdeutschen Sender. (Radio Bremen das, allerdings nur im Stadtgebiet, eine Hörerdichte von 22,5 Prozent erreicht, bleibt hier außer Betracht.) Der Hessische Rundfunk hat kürzlich diesen Rekord gebrochen.
Auch der Bayerische Rundfunk verpflichtete Mitarbeiter als Werber auf Provisionsbasis. Ihre Zahl ist inzwischen auf 400 angewachsen. Diese 400 Werber sind förmlich "organisiert", in jedem der sieben bayerischen Regierungsbezirke gibt es einen Ermittlungsleiter, dem die Inspektion und die "Schulung" der ihm unterstellten Ermittler obliegt.
Vierzig von vierhundert Ermittlern erhielten außerdem einen provisionsfreien Auftrag: Sie stellen in ihren Ermittlungsbezirken genaue Listen sämtlicher Rundfunkhörer auf. Andere besonders ausgesuchte
Mitarbeiter sind sogar berechtigt, auch rückständige Gebühren einzuziehen, was normalerweise nur der Post obliegt.
Die Provision dieser Ermittler beträgt 3, - DM für jede erfolgreiche "Erfassung". Spesen werden nicht erstattet, dafür sind sie jedoch mit Billigung des Bayerischen Rundfunks als Werber für die "Bayerischen Rundfunkzeitung" engagiert. Die zehn erfolgreichsten Werber bekamen eine Weihnachtsgratifikation von 50, - DM. Jeder hatte seit Mai etwa 1000 Schwarzhörer ermittelt.
Der NWDR will seine Werbung nicht derart straff organisieren. Mit einem anfeuernd roten Werber-Ausweis, der nach dem ersten Werbeerfolg ausgestellt wird, spekuliert er allerdings auf die Ausweisfreudigkeit der Deutschen.
Ein gut Teil Spekulation ist auch bei der Drohung mit dem "Wellen-Detektiv" im Spiel. Dieses verhältnismäßig einfache Suchgerät ist von sehr begrenztem Wert und mehr von psychologischer Wirkung. Praktisch müßte damit jedes Haus einzeln untersucht werden, ein gar nicht durchzuführendes Unternehmen.
Endlich wird die Strafanzeige als Mittel zur Schwarzhörerbekämpfung bislang nur in ganz wenigen Fällen angewandt. Die gesetzlichen Bestimmungen weichen vorläufig in den einzelnen Ländern noch voneinander ab. Erst ein künftiges Bundesrundfunkgesetz wird wahrscheinlich die einheitliche Handhabe in Schwarzhörer-Delikten schaffen.
*) Bisher sind seit Beginn der Schwarzhörer-Ermittlungsaktion im Bereich des Bayerischen Rundfunks 160 000 Neuanmeldungen erfolgt.

DER SPIEGEL 2/1951
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