24.01.1951

STAATSANWÄLTEGute und schlechte

Kurz hintereinander ist Oberstaatsanwalt Hans-Krafft Kosterlitz in Frankfurts Gerichtsstraße dreier seiner 30 Staatsanwälte auf besondere Weise verlustig gegangen: des Staatsanwalts Dr. Otto Grünig, des Staatsanwalts Milsch und zuletzt des Staatsanwalts Graf Krockow-Krockowski.
Der Graf galt unter Kollegen als ein Unikum. Er war klein, dick, ölig, lächelte stets, wenn er nicht am Mundstück seiner Pfeife nagte und war überdies ein Mann mit sex-appeal. Mit Vornamen hieß er Vinzenz.
Charakteristisch für seine Art, des anvertrauten Amtes zu walten, war eine Szene im Gerichtssaal: Ein Strichmädchen wird hereingeführt. An einer Leine trippelt ein aufgeputzter Zwergspitz auf Streichholzbeinchen neben dem Mädchen her. Graf Krockow - Krockowskis Schweinsäuglein, die das sahen, blicken böse zwischen den geröteten Hamsterbäckchen hervor:
"Iich mag nicht, wenn Damen und Härren schmirriges klaines Hunderl an Laine fiehren."
Das Strichmädchen wendet ein, daß eigentlich nicht sie die Angeklagte sei, sondern der Hund. Der habe nämlich den Mann in die Waden gezwickt. Umsonst. Der Hund muß hinaus.
Seiner holprigen deutschen Aussprache wegen wurde Graf Vinzenz des öfteren von seinen Kollegen gehänselt:
"Sagen Sie mal, Graf, warum sprechen Sie eigentlich so furchtbar schlecht deutsch?"
"Wissen Sie, maine Härren, iich habe möhrere Jahre an der Sorbonne in Paris studiert. Da verlernt ainer die deitsche Sprache."
"Dann können Sie aber doch sicher französisch?"
Statt die erwartete Antwort zu geben, begann Krockow-Krockowski an seiner Pfeife herumzuschrauben. Das tat er immer, wenn er um eine Antwort verlegen war.
Im Amt war er der fleißigsten einer, wenn ihm auch zu Anfang seiner vierjährigen Tätigkeit als Staatsanwalt gelegentlich Irrtümer unterliefen. So passierte
es hie und da, daß er für ein alltägliches Verkehrsvergehen Gefängnis, für ein Notzuchtverbrechen aber nur Geldstrafe beantragte. Indes, Oberstaatsanwalt Hans-Krafft Kosterlitz hat gegen den pummeligen Grafen vier Jahre lang nach außen hin nichts unternommen.
Wenn Graf Krockow eine Verhandlung hatte, schmiegte er seinen Spitzbauch an den Staatsanwaltstisch und stierte in seine Akten. Während der ganzen Verhandlung sprach er kein Wort. Sobald er aber merkte, daß die Zeugenvernehmung beendet war, schoß er wie ein Bolzen hoch und schnarrte stereotyp: "Ich bitte den Angeklagten im Sinne der Anklage für schuldig zu befinden und zu verurteilen."
Als er eingearbeitet war, wurden seine Strafanträge gefürchtet. Besonders hart war er gegen Leute, die Pferde gestohlen hatten. Diese Marotte war insofern erklärlich,
als die Krockow-Krockowskis von alt-litauischem Adel waren. Nach litauischer Auffassung war Pferdediebstahl ein höllisches Delikt.
Wenn ihn in einem solchen Fall die Richter in seinem Amtszimmer aufsuchten und um Herabsetzung der beantragten Strafe baten, zog Krockow-Krockowski grimmig an seiner Pfeife. "Nix zu machen, meine Härren."
Seine Sympathie erwarb dagegen eine Frau, die sich an der Frau ihres Geliebten dadurch gerächt hatte, daß sie sie umbrachte Es war eine Frau Zentmaier. "Verfahren ist einzustellen, da Tatzeuge nicht vorhanden", schrieb Staatsanwalt Krockow-Krockowski an den Aktenrand. Staatsanwalt-Kollege Dr. Kayser, der nach zwei Jahren den Mordfall mit Erfolg wieder aufgriff, vervollständigte diese Entscheidung mit der Marginalie: "Das pflegt bei Mord so zu sein".
Es fiel niemandem auf, daß der Graf bei kniffligen juristischen Fragen kniff.
Niemand wußte, daß Krockow-Krockowski wie ein Pascha in einer mit orientalischem Pomp ausgestatteten Wohnung in Frankfurts Grüneburgweg hofierte, wohin er aus dem DP-Lager in Hanau, zu welchem er geheime Beziehungen unterhielt, Nes-Kaffee, Konserven, Wodka, Zigaretten und andere Genußmittel bringen ließ. Niemand wußte auch, daß Frau Alexandra ihn dort besuchte, um diese und andere Genüsse mit ihm zu teilen.
Das alles dauerte so lange, bis das Glück unter der siebenzackigen Grafenkrone plötzlich zerbrach. Es zerbrach daran, daß Grafengeliebte Alexandra Geld wieder haben wollte, das sie dem ewig in Geld-Geldnöten steckenden Grafen Vinzenz geliehen hatte.
Der Graf weigerte sich. Er drohte, Alexandra wegen Schwarzhandels anzuzeigen. Daraufhin schrieb die robuste Dame einen Drohbrief, der jedoch den Verflossenen nicht erreichte, da er dem Oberstaatsanwalt Hans-Krafft Kosterlitz vorher in die Hände fiel.
Es dauerte dann auch gar nicht lange, bis der Oberstaatsanwalt aus seinem staatsanwaltschaftlichen Original- und Attraktionsgrafen Vinzenz Krockow-Krockowski den ehemaligen Justizsekretär und litauischen Armee-Kapo Vinzentas Metschislaw Krokauskis herausgeschält hatte.
"Himmel, wer hat denn nur sowas zum Staatsanwalt gemacht?"
Das war leicht festzustellen. 1945 hatte die Entnazifizierungssense den juristischen Altbestand abgemäht. Staatsanwälte waren rar. Das hessische Justizministerium in Wiesbaden war daher froh, daß ihm der "Volljurist" Vinzenz Graf von Krockow seine Dienste antrug. Der gräfliche Fragebogen war blütenweiß wie selten einer. Es fehlten zwar die juristischen Zeugnisse, aber man brauchte den Mann.
Von einer solchen Karriere hatte schon der Memeler Untersekundaner Vinzentas Metschislaw geträumt. Sein Aufstieg auf der Sprossenleiter des Erfolgs sah so aus:
Nach dem Schulabgang als "Einjähriger", wird Vinzentas Justizsekretär. Als ihm der Amtsstubenmief über ist, mustert er bei den Soldaten an und avanciert zum Sergeanten bei einem litauischen Divisions-Feldgericht. Feldwebel wird er nicht. Grund: Er liebt.
Er heiratet, langweilt sich und verläßt seine Frau. Er begibt sich ins Großdeutsche Reich. Hier brilliert er als deutsch-radebrechender Baron Wilhelm von Krockow-Krockowski. Sein Ahnenschloß liegt bei Kowno. Eine verliebte Leipzigerin wird Frau Baronin.
Es verlangt sie, das Stammschloß der Krockow-Krockowskis zu sehen. Wilhelm weicht aus. Aber die Baronin-Mutter besteht auf die Reise. Herr und Frau Baronin
fahren schließlich gemeinsam ins Land der litauischen Ahnen. Erschüttert erfahren sie hier, daß der Stammsitz kurz vor ihrer Ankunft rutzeputz heruntergebrannt ist. Durch Blitzschlag.
Das hochgeborene Paar wird gleich darauf von einem zweiten Blitzschlag betroffen. In Memel stürzt nämlich auf der Straße eine Frau heran, reißt die Baronin von der Seite ihres Wilhelm hinweg und entpuppt sich als die ungeschiedene Frau Krokauskis. Das liebende Auge hat den Gemahl, trotz Monokel und abgenommenem Schnauzbart, wiedererkannt. Das kostet ihn drei Monate wegen Bigamie.
Vinzentas begibt sich abermals ins Großdeutsche Reich. Diesmal als wider Willen litauisierter deutscher Sproß Krockau. Der wird Justizsekretär in Berlin.
Die Krockaus hätten ursprünglich Krockowskis geheißen und seien vom Zaren geadelt worden, erzählt er beiläufig. 1795 sei ihnen aber der Grafentitel wegen einer Rebellion gegen den Zaren wieder entzogen worden.
Angesichts solcher Unbillen, einem deutschen Aristokraten unter der russischen Knute widerfahren, empfehlen die Kollegen dem bescheiden widerstrebenden Krockau, seinen gräflichen Stammbaum künftig nicht mehr zu verschweigen. Vinzentas nimmt den Rat an.
Erst als der Krieg aus ist, legt er aus Abscheu vor den deutschen Kriegsverbrechen den Grafentitel ab. Auf Grund seines wieder hervorgekramten litauischen Militärpasses findet er als Medschislaw Krokauskis im Hanauer DP-Lager eine Bleibe. Zum Grafen beförderte er sich erst wieder, als er sich beim hessischen Justizministerium um eine Anstellung als Staatsanwalt bewirbt. Das ging bis zum Drohbrief der Alexandra gut.
Nun sollte Medschislaw Krokauskis vor Gericht gestellt werden. Aber Medschislaw war krank. Als er an dem Morgen, an dem die Verhandlung sein sollte, in seiner Zelle erwachte, war seine linke Körperseite ganz blau angelaufen. Der Gerichtsarzt wurde gerufen. Medschislaw erklärte, daß er gelegentlich unter Kreislaufstörungen leide. Deshalb sei er so blau.
Der Arzt, der sich die kranke Stelle besah, nahm einen Schwamm und wusch die Farbe herunter. Medschislaw hatte sich mit Tintenstift eingeschmiert.
Als er nun wirklich vor Gericht stand, hatte er sich, um den anwesenden Fotoreportern keine Gelegenheit zu en face-Aufnahmen zu geben, ein breites Leinenhandtuch rund um den Kugelkopf geschlungen, so daß nur der Nasengipfel herausragte.
Zu dieser Aufmachung trug er einen weißen Regenmantel, so daß der Ex-Staatsanwalt wie ein Gespenst aussah. In solcher Aufmachung nahm er den Spruch des Amtsrichters Dr. Hofmann (20 Monate Gefängnis) gefaßt entgegen. Dem Richter konnte er nicht einmal sagen, aus wieviel Teilen das Bürgerliche Gesetzbuch besteht. "Es gibt gute und schlechte Juristen", erklärte er dem Richter. "Ich bin ein schlechter. Sie tun gerade so, als ob das was Besonderes wäre."
Seitdem schiebt Vinzentas, zwei Häuser weiter, in der vergitterten Klapperfeldstraße, allmorgendlich seine Runde. Dabei wird er gelegentlich von Staatsanwalt a. D. Dr. Otto Grünig in kollegialer Weise begleitet. Der hat anderthalb Jahre wegen Schwarzhandels abzusitzen.
Bei diesem Duo fehlt nur der Kollege Staatsanwalt Carl Milsch, von dem feststeht, daß er die vergangenen tausend Jahre nicht im juristischen Staatsdienst, sondern hauptsächlich im Irrenhaus verbracht hat.
Außer in Frankfurt, war der 60jährige Milsch nie zuvor Staatsanwalt gewesen. Lange Zeit hegte er die fixe Idee, seinem, Krockows und Grünigs gemeinsamen Chef, Oberstaatsanwalt Hans-Krafft Kosterlitz, nachzuweisen, daß sich der durch die Annahme einer Stoffpuppe habe bestechen lassen. Das brachte Milsch eine Verurteilung wegen übler Nachrede ein.
Seitdem mault er: "Schließlich steht ja der Kosterlitz im Kalender für Reichsjustizbeamte von 1939 auch nicht drin."

DER SPIEGEL 4/1951
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