31.01.1951

LANDSBERGMeine liebe Prinzessin

Es kommen wieder welche an den Galgen." Das telefonierte Geistlicher Rat Morgenschweiß, Gefängnispfarrer im Landsberger Kriegsverbrecher-Gefängnis, vor Wochen nach Ebenhausen, Rufnummer 625.
Da meldet sich helene Elisabeth Prinzessin von Isenburg, 50jährige Gattin des Historikers und Genealogen Prinz von Isenburg. Die 550 War-Criminals in Landsberg und deren Angehörige nennen sie einfach die "Mutter der Häftlinge" - weil sie sich so um sie sorgt. Seit diesem Anruf hat die Prinzessin keine Ruhe mehr.
Sie telegrafierte noch am selben Abend an Präsident Truman und Außenminister Acheson. Vier Tage später schrieb sie nach Bad Homburg, Haus im Walde: "Liebe Mrs. McCloy! Ich komme als die Mutter der Gefangenen von Landsberg in unserer größten Not zu Ihnen, von Frau zu Frau. Mit Schrecken haben wir erfahren, daß jetzt - fünf Jahre nach Kriegsende - doch noch Exekutionen in Landsberg im Bereich des Möglichen stehen, und zwar in allernächster Zeit. Ich bitte Sie inständig, helfen Sie, dies Furchtbare abzuwenden ..."
Zehn Tage danach wurde die Bittstellerin zu den McCloys nach Bad Homburg zum Essen eingeladen.
Zweieinhalb Stunden lang sprach die Prinzessin für die letzten 28 Todeskandidaten in Landsberg, die seit ihrer Verurteilung rote Jacken tragen müssen. Sie sind dem Strang bisher entgangen, seit nach dem Rekordhängen in Landsberg (277 wegen Kriegsverbrechens zum Tode Verurteilte kamen an den Galgen) im Mai 1946 die Exekutionen gestoppt wurden. Amerikanische Juristen und Politiker hatten Einspruch erhoben, weil sie manches bei den Militärgerichts-Verhandlungen nicht in Ordnung gefunden ...
Die Prinzessin bat nun Mr. McCloy, "daß diese 28 Uebriggebliebenen endgültig die roten Jacken ausziehen dürfen und keiner mehr gehängt werden soll. Sie haben in den 1650 Tagen und Nächten ihres Urlaubs vom Tode schon so viel Qual erlitten und sind jetzt dem Wahnsinn nahe, denn bis in ihre Einzelzellen drang die Nachricht, daß zum Schluß noch einmal der Henker kommen soll". Was Oberkommissar McCloy nicht dementierte.
Die Prinzessin schluckte nur wenige Bissen an der Oberkommissars-Tafel hinunter. Immer wieder kam sie auf ihr Anliegen zurück, in Abwandlung einer amerikanischen Warntafel für Autofahrer: "Death is so permanent. Judge carefully!" In den sogenannten Kriegsverbrecherprozessen sei nicht sorgfältig geurteilt worden. Deshalb Ueberprüfung der noch nicht vollstreckten Todesurteile. Nicht alle Rotjacken seien wirklich schuldig und die wirklich Schuldigen durch ständige Todesangst so bestraft, daß sie jetzt ein milderes Strafmaß verdient hätten.
Ahnfrau Heilige Elisabeth. Die Prinzessin von Isenburg kann so um Menschlichkeit bitten, weil sie im braunen KZ-Zeitalter mutig für die Häftlinge von Dachau eingetreten ist. Nach Dachau brachte die Gestapo einen Bekannten der Familie, den heutigen Präses im Priesterseminar Freising, Dr. Höck. Der Eitelkeit der SS-Lagerführer schmeichelte es, daß eine Prinzessin zu ihnen bitten kam. Sie drückten öfter ein Auge zu, wenn sie Spenden durch den Stacheldraht steckte. Bald kümmerte sich die Prinzessin, die eher eine einfache als eine hohe Frau ist, auch um andere Dachauer Häftlinge.
Prinzessin von Isenburg: "Heute fragen mich die Leute oft: 'Warum kümmern Sie sich ausgerechnet so um Landsberg?' - Das hat seine Gründe: an die Landsberger Häftlinge denkt keine Organisation und ihre Angehörigen bekommen keine Unterstützung. Wenn es heute noch verfolgte Juden gäbe, ich würde mich ihrer genau so annehmen.
"Caritas ist bei uns erblich. Sowohl mein Mann als auch ich stammen in direkter Linie von der heiligen Elisabeth, der barmherzigen thüringischen Landgräfin, ab."
Nur fehlt oft das Geld für die Landsberger Caritas. Die Prinzessin hat nicht einmal eigene Möbel in ihrer kleinen Dorfwohnung in der Nähe des Starnberger Sees - die Münchner Wohnung wurde ausgebombt. Sagt die Prinzessin: "Ich bin meiner Verwandtschaft schon ganz schön auf die Nerven gefallen mit meiner Bettelei. Meinen Bekannten auch, darunter zahlreichen Münchner Geschäftsleuten."
Auch ausländische Organisationen wurden angezapft. "Besonders der deutschafrikanische Hilfsausschuß unterstützt uns tatkräftig und auch die Gräfin Hamilton aus Schweden ..."
Jede Woche werden 40 bis 50 Häftlinge oder deren Angehörige mit Kleidung, Wäsche oder Lebensmitteln bedacht. Zuerst Landsberger Häftlingsangehörige, die in der Ostzone wohnen, dann die Familien der Hingerichteten. Drei entlassene KV-Häftlinge, denen die Prinzessin im Dorf Ebenhausen eine Schlafstelle besorgte, helfen ihr jetzt beim Packen und Versenden. Weihnachten haben sie 600 Pakete abgeschickt.
Auch Mrs. McCloy schickte etwas, nach dem Homburger Tischgespräch. Dazu einen Brief: "Meine liebe Prinzessin! Anbei eine kleine Spende für Ihre Pakete. Ich wünschte, wir könnten Ihnen mehr schicken. Aber sicher hilft Ihnen auch dieser kleine Beitrag etwas weiter ... Auch ich fühle, daß wir eine Brücke über
gemeinsame Probleme geschlagen haben, und es war für Mr. McCloy und mich nicht nur eine Ehre, sondern auch eine große Freude, Sie bei uns haben zu dürfen ..."
Mit Schillerkragen. Prinzessin von Isenburg war über diese Brücke als Ergebnis ihres Tischgesprächs etwas enttäuscht. Darauf machte sie Männer mobil. Aktiver Bundesgenosse: Weihbischof Neuhäusler in München. Auch der Papst sollte für die Allianz gewonnen werden. Er ließ antworten: "... daß ich die Angelegenheit der Gefangenen in Deutschland mit wachsamen Augen verfolgen werde."
Am 8. Januar intervenierte eine vierköpfige Delegation der inzwischen gebildeten Arbeitsgemeinschaft zur Rettung der Landsberger Rotjacken bei Hochkommissar McCloy, darunter Professor Sigmund-Schulze, Präsident des Weltversöhnungsbundes, und Dr. Nikolaus Ehlen, Studienrat a. D. aus Velbert. Der kam mit Schillerkragen und selbstgewebtem Anzug. ("Damit war ich sogar beim Papst.")
Als nun die Delegation von der Notwendigkeit sprach, die Rache- und Haßgedanken endgültig abzutun, stand McCloy von seinem Stuhl auf, trat feierlich zurück und umfaßte die Lehne mit beiden Händen: "Ich sage Ihnen vor Gott, daß in meinem Herzen keine Spur von Haß ist." Dann wurde den vier Interpellanten ein Aktenstapel gezeigt, für jeden der 28 Red-Jackets in Landsberg eine Mappe, mit persönlichen Notizen McCloys.
In einigen Fällen, erklärte der Hochkommissar, habe er erkannt, daß eine Vollstreckung des Urteils ungerechtfertigt sein würde. McCloy: "Ich habe noch keinen Fall in meiner Amtszeit gründlicher behandelt, ich habe unzählige Menschen aller Richtungen dazu gehört und angeordnet, daß alle Häftlinge nochmals eingehend dazu verhört werden ... Besonders die Todeskandidaten, soweit die Entscheidung darüber in meiner Hand liegt."
Was sind das für Rotjacken? Hundert Häftlinge hat John McCloy in der Hand, darunter die dreizehn Todeskandidaten aus dem Nürnberger Einsatzgruppenprozeß mit SS-General Otto Ohlendorf an der Spitze, dessen Liquidierungskommandos in der Sowjet-Union 90 000 Juden den Genickschuß gaben. Heute behaupten die Verteidiger Ohlendorfs, daß Heydrich diesem "eingefleischten Anthroposophen und intellektuellen Querkopf", den er nicht leiden konnte, das blutrünstige Ostkommando verpaßt habe, um ihn kirre zu machen.
Für die Mordtaten seiner Männer aber sei Ohlendorf nicht verantwortlich, Hitler selbst habe das Judenmassaker befohlen, und Ohlendorf habe es noch glimpflich durchgeführt. Das hat Dr. Spengler, ehemaliger SD-Standartenführer aus Ohlendorfs Amt, die Prinzessin von Isenburg wissen lassen, die es nur allzu gern glaubte.
"Für Ohlendorf gibt es keinen Pardon", opponierten Vertreter der jüdischen Kultusgemeinde, als in Landsberg die politischen Parteien geschlossen gegen jede weitere Exekution demonstrierten. Daß bei diesem Zusammenprall der Meinungen Rufe laut wurden wie: "Juden raus!", machte für McCloy die Entscheidung nicht leichter. Und auch nicht für Thomas Handy, den Chef der US-Streitkräfte in Europa, dem sogar die Schicksale von 400 Landsbergern zum letzten Entscheid in die Hand gegeben sind; darunter sechs Rotjacken aus dem Malmedy-Prozeß, an der Spitze Sepp Dietrichs ehemaliger Panzeroberst Joachim Peiper (Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern).
Oberst Peiper führte die Kampfgruppe, die im Dezember 1944 während der Ardennen-Offensive einen Stoßkeil in Richtung Malmedy vortrieb. Die Amerikaner wurden zunächst überrumpelt, drückten aber mit starker Materialüberlegenheit die Waffen-SS wieder zurück und fanden dann an einer Straßenkreuzung südlich Malmedy 71 tote GIs. Sie seien nach der Gefangennahme von den Deutschen erschossen worden, behaupteten Einwohner.
Spiel mit dem Strang. Nach dem Zusammenbruch wurden 1200 ehemalige Angehörige der 6. Waffen - SS - Panzerarmee verhört. Die meisten im Zuchthaus Schwäbisch-Hall mit Methoden, die 1949 der republikanische US-Senator McCarthy vor dem Kongreß geißelte. In Scheinverhandlungen und mit Scheinurteilen seien den Angeklagten Geständnisse erpreßt worden: "Dabei wurden Todesstrafen ausgesprochen, die innerhalb 24 oder 48 Stunden zu vollziehen seien - nur als psychologisches Druckmittel, um schließlich die am wenigsten Standhaften restlos weichzukneten: 'Warum wollen Sie alle Schuld allein auf sich nehmen?'
"In einzelnen Fällen wurden die Häftlinge in eine Todeskammer gebracht, wo ihnen unter dem Hinweis, daß ihre Hinrichtung bevorstehe, die Kugelspuren in den Wänden gezeigt wurden, oder sie wurden unter einen Galgen geführt, wo ihnen der Strick um den Hals gelegt wurde, um auf diese Weise Geständnisse zu erpressen. Nicht einmal die letzte Oelung wurde bei diesem Spiel vergessen. Endergebnis: 74 erzwungene schriftliche Geständnisse von 74 Angeklagten."
Einer beging Selbstmord. Die übrigen 73 wurden verurteilt, 43 zum Tode. Davon sind inzwischen 37 Todesurteile wieder aufgehoben worden. Von den 73 Urteilen wurden 62 revidiert. Schon diese Zahlen kennzeichnen die Fragwürdigkeit einer Militärgerichtsbarkeit, bei der, wie später von offizieller amerikanischer Seite gesagt wurde, "ein überraschend hoher Prozentsatz von Personen aus erst kürzlich naturalisierten Amerikanern bestand, die als ehemalige Verkäufer, Vertreter oder in anderen der Ermittlungsarbeit durchaus nicht verwandten Berufen Beschäftigte die Voruntersuchungen durchführten und auch die Anklage im Prozeß vertraten".
Als auch der amerikanische Chefverteidiger im Malmedy-Prozeß, Oberst Everett, dem höchsten amerikanischen Gerichtshof eine Berufungsklage einreichte, worauf sich auch der damalige US-Heeresminister Royall mit den Fehlurteilen der Militärjustiz befassen mußte, stoppte im Mai 1948 General Clay die Exekutionen in Landsberg.
Die Leichen der bis dahin gehängten 277 War-Criminals sind auf dem Friedhof in Spöttingen bei Landsberg eingegraben worden Auf den Hügeln stehen nur Holzkreuze mit Nummern, und nur der Gefängniskommandant weiß, wer darunter liegt. Auch die nächsten Angehörigen kennen die Grabnummer ihres "Kriegsverbrechers" nicht.
Ob noch weitere Hügel in Spöttingen aufgeworfen werden, wissen nur McCloy und Thomas Handy.

DER SPIEGEL 5/1951
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