04.04.1951

„SIE HABEN ETWAS GUTZUMACHEN“

Ein Tatsachenbericht vom Einsatz der Strafsoldaten
Die letzte Fortsetzung schloß mit Berichten über die Verfolgung politischer WU - Soldaten durch nationalsozialistische Fanatiker in den Kriegsgefangenenlagern. Eine Zeugenaussage über Mißhandlungen im amerikanischen Kriegsgefangenenlager Voves aus dem November 1944 bekundet, daß der Soldat Carl Schneider an einem Zementbalken aufgehängt und mit dicken Knüppeln bearbeitet wurde, obwohl er um sein Leben bat.
9. Fortsetzung
"Bei seinen letzten Atemzügen wurde er wieder abgeschnitten und wie ein Kadaver auf einen Reisighaufen bei der Küche geworfen.
"Schon um Mitternacht wurde die Parole des Lagerleiters ausgegeben: Morgen früh Lagerappell. Das ganze Lager, das sonst ununterbrochen in verschiedenen Schichten auf Arbeit war, trat im Viereck an. Der Lagerappell entpuppte sich, wie von vielen, besonders älteren Landsern vorausgesehen, nur als ein Appell an die niedrigsten Instinkte auf der Basis der vorangegangenen Mordnacht. Der Lagerführer führte sinngemäß aus:
"''Ein Verräter ist nicht mehr unter uns. Seine Strafe hat ihn ereilt. Warum er von uns ein Verräter genannt wird, möge euch der Brief sagen, den ich anschließend verlesen werde. Dieser in englischer Sprache abgefaßte Brief ist nicht seine eigene Arbeit gewesen, da dieser Verräter nicht Englisch verstand, er hat also Helfer gehabt. Wir kennen diese Helfer im Lager sehr genau. Auch die werden wir zur Strecke bringen. Am Nachmittag gehen wir wieder arbeiten. Der Appell ist beendet.''"
Der Brief wurde verlesen: Eine Beschwerde über die Mißhandlungen politischer Gegner im Lager von Voves, adressiert an eine amerikanische Zeitung. Die deutsche Lagerleitung hatte den Brief kurzerhand kontrolliert und beschlagnahmt. "Ordnungsgemäß", wie beim Hitlerkommiß.
Auch Strafsoldat Herbert A. Tulatz hat einen Bericht aus der Gefangenschaft mitgebracht:
"Im deutschen PW-Camp Oklahoma beschloß die Lagerfeme, den 999er-Festungsinfanteristen Kuhnert, Vater mehrerer Kinder, aus Leipzig, in die Hölle zu schicken. Da die Amerikaner das Lager ab 17 Uhr regelmäßig von eigenem Personal räumten und die Leitung ausschließlich der deutschen Verwaltung überließen, wurde ein Kompanie-Appell auf 17 Uhr in die geräumige Lagerküche einberufen. Dann hielt der Kompanieführer eine kurze Anklagerede gegen Kuhnert als Feind des Großdeutschen Reiches und seines obersten Befehlshabers und verließ die Küche. Das andere besorgte die versammelte Kompanie. Sie schlug Kuhnert auf eine bisher neuartige Weise tot. Er wurde mit den schweren Porzellantassen, in denen morgens der Kaffee ausgegeben wurde, gesteinigt und hinterher verbuddelt."
Die Ueberführten der sechzig Morde an Strafsoldaten in den verschiedenen Lagern wurden gehenkt.
Am 11. April 1949 wurden vor dem Militärgerichtshof Nr. 4 in Nürnberg 19 nationalsozialistische Politiker für sieben bis fünfundzwanzig Jahre ins Gefängnis geschickt. Die Höchststrafe, ein Vierteljahrhundert, heimste der General der Waffen-SS Gottlob Berger ein.*) Wegen Kriegsverbrechen, Menschlichkeitsverbrechen von 1938 bis 1945 und Mitgliedschaft in verbrecherischen Organisationen.
"Es war ein Einfall Bergers", kommentieren Hauptankläger Dr. Robert M. W. Kempner und Verteidiger Dr. Carl Haensel, "zur Bekämpfung der Partisanen im Osten ein aus Wilddieben zusammengesetztes Bataillon aufstellen zu lassen. Himmler stimmte diesem und Bergers weiterem Vorschlag zu, daß der Obersturmbannführer Dr. Dirlewanger dieses Bataillon ausbilden und befehligen solle."
Diesen Dr. Dirlewanger kannte der SS-General Berger schon vom Weltkriege her. Er war ein Draufgänger und kluger Taktiker, aber einer mit einem sittlichen Knacks. In diesem Zusammenwirken eines klaren Verstandes für militärische Notwendigkeiten und einer ungehemmten Triebhaftigkeit ersteht vor den Augen des Generals und Chefs des Kriegsgefangenenwesens Berger in der Gestalt von Dirlewanger die Vorstellung eines vor nichts zurückschreckenden Räuberhauptmanns. Der muß nicht nur brutal, sondern auch taktisch klug sein, nicht nur grausam, sondern auch verschlagen.
Als Dr. Dirlewanger aus der SS ausgestoßen und in Haft genommen worden war, weil die Eltern mehrerer vergewaltigter minderjähriger Mädchen beim SS-Hauptamt immer aufdringlicher vorsprachen, holte ihn Berger aus dem Loch und schickte ihn "zur Bewährung" zum Caudillo Francisco Franco nach Spanien. 1936 schlägt sich der triebhafte Doktor wacker in der Legion Condor und kehrt auf Bergers Fürbitte bei Himmler als Obersturmbannführer in die SS zurück; 1942 wird er "zu weiterer Rehabilitierung wegen begangener Verfehlungen" als Chef von 180 vorbestraften Wilddieben aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen im "SS-Sonderkommando Dirlewanger" eingesetzt.
* Aufgabe: Bandenbekämpfung hinter den Fronten im Osten.
Das war der rechte Räuberhaufen nach Bergers Geschmack, und Dirlewanger schwor, mit den Wilddieben größere Heldentaten zu präsentieren als mit jedem Bataillon der Leibstandarte Adolf Hitler.
Seinen Wunsch, das Todeskommando gegen Partisanen im Rücken der Front durch wehrwürdige Freiwillige auffüllen zu dürfen, lehnte ihm der Reichsführer SS eindeutig ab, denn es sollte bewußt ein zu allem fähiger "verlorener Haufe" ältester Landsknechtsvorbilder geschaffen werden, eine in der Geschichte der deutschen Wehrmacht einmalige Erscheinung: Das SS-Sonderkommando Dirlewanger.
Statt Freiwilliger wurden straffällig gewordene SS - Leute - Diebe, Plünderer, Urkundenfälscher, Veruntreuer, Totschläger und Vergewaltiger - zur ersten Auffüllung der bald in die Pfanne gehauenen Wilddiebe in den Räuberhaufen gesteckt. Der trug weder Hoheitsabzeichen noch Kragenspiegel, unterschied sich von der Strafdivision 999 auch vor allem dadurch, daß hier die Führer und Unterführer degradierte SS-Leute oder Wehrmachtsangehörige waren. Die waren im ersten Weltkrieg einmal Unteroffiziere oder Offiziere, kamen später ins Zuchthaus und wurden jetzt als einfache "Dirlewanger-Männer" in den Konzentrationslägern rekrutiert.
Diese degradierten Leute, die sich äußerlich durch nichts von den ungedienten Wilddieben unterschieden, wurden nach Gutdünken des Kompaniechefs, zum Beispiel eines zum Untersturmführer (Leutnant) degradierten SS-Generals, vor dem Einsatz mit weißen Stoffstreifen am linken Unterarm dekoriert:
* Ein Streifen: Gruppenführer.
* Zwei Streifen: Zugführer.
* Drei Streifen: Kompanieführer.
Hatte ein Partisan den doppelstreifigen "Zugführer" abgeknallt, so durfte sich der nächste Anwärter, etwa ein wegen Totschlags verurteilter Reichswehrfeldwebel, den Rock mit den Streifen anziehen. Ein Unterschied im Sold bestand dabei nicht, die Leute mit den Streifen aus Hemdenstoff durften sich auch nicht Führer oder Unterführer nennen, sondern hießen: "Dirlewanger-Chargen".
Hatten sie ihre Sache vor dem Feinde schlecht gemacht, so erschoß sie der Kompaniechef höchst persönlich ohne jedes weitere Verhör wegen Feigheit oder ließ sie bewußtlos schlagen und gab den Rock mit den Streifen an das nächste Opfer weiter. Wenn der Rock nicht paßte, so hatte sich der neue "Chargierte" selber die Streifen zu schneiden und aufzunähen.
Als die Partisanen auf diese merkwürdigen Rangabzeichen aufmerksam geworden waren und die "Chargen" fleißig als Erste aufs Korn nahmen wurde befohlen, nur noch schmutzigen Hemdenstoff zu Streifen zu verschneidern oder den Aermel des Waffenrocks zwecks Tarnung vorsorglich durch eine Pfütze zu ziehen.
Aus dem Sonderkommando Dirlewanger wurde die Sturmbrigade Dirlewanger und diese mauserte sich später zu der klangvollen "SS-Waffen-Grenadier-Division 36", Kommandeur SS-Oberführer und General Dr. Dirlewanger. Ihr Charakter, besser: ihre Charakterlosigkeiten, blieben die gleichen, wenn auch Gottlob Berger in Nürnberg Ankläger und Verteidiger glauben machen wollte, Dirlewangers Degradierung und Entlassung aus der SS sei lediglich einer infamen Intrige zu verdanken: Freund Dirlewanger habe nur einmal einem nationalsozialistischen Beamten allzu deutlich die Meinung gesagt.
Die Anklagebehörde hatte nach Kempners und Haensels Angaben den SS-Richter Konrad Morgen als Belastungszeugen gegen den "Dirlewanger" - Initiator Berger vorgeladen. Morgen war 1939 zu einem Totenkopf-Verband der SS eingezogen und im Oktober 1941 zum Richter beim SS - Obergericht ernannt worden. Beim Höheren SS- und Polizeifeldgericht VI in Krakau änderte er im Mai 1942 einen befohlenen "T"-Fall (Todesurteil) gegen einen SS - Mann in Freispruch und wurde dafür vor dem angetretenen SS-Führerkorps degradiert und als Sturmmann an die Front geschickt.
Nach einem Monat war Sturmmann Morgen, frontbewährt, wieder am Polizeigericht und als Untersuchungsrichter in korrumpierten Konzentrationslägern eingesetzt, er lieferte Ilse Kochs traurig-berühmten Ehemann, den Buchenwälder Kommandanten, ans Messer und begann, am
laufenden Bande Dr. Dirlewangers Räubergarde abzuurteilen. Sehr zur Empörung des Unzucht-Doktors. Der hatte nämlich als einziger deutscher Truppenführer für seinen Haufen bei Sondereinsätzen
* Mord-, Raub- und Schändungsfreiheit.
Als Gegenleistung wurde Draufgängertum bis zur Selbstvernichtung verlangt.
Morgen zählte nach: Gegen Dirlewanger selbst lagen zehn Strafanzeigen vor.
Nachfrage beim Obersten SS- und Polizeiführer Ost: "Wie sollen wir Soldaten be- und verurteilen, die von Beruf Verbrecher sind und allem Anschein nach dieses Berufs wegen in dieser Sondereinheit Dienst tun?"
Die von Morgen inzwischen Verknackten selber waren ebenso überrascht und empört wie Räuberchef Dirlewanger.
Da mußte Klarheit geschaffen werden.
Antwort des Höheren SS- und Polizei-Führers:
"Maßstäbe mit dem notwendigen Einfühlungsvermögen wählen! Nebenbei: Betrachten Sie diese Einheit nicht als Teil der Waffen-SS, sondern als Hilfspolizei, aber auch wiederum nicht Polizeireserve."
Richter Morgen war nun orientiert. Da er nicht wieder wegen zu milder Urteile in den Frontschlamm geschickt werden wollte, hielt er die bemerkenswerte Anweisung jederzeit zur Abwehr parat und wurde so eine Art verständnisvoller Ganovenrichter.
Stiegen Jurist Konrad Morgen gelegentlich wieder die Haare zu Berge, so kramte er nur seinen Bescheid hervor und meditierte kurz SS-Rechtsphilosophie. Das war besonders dann notwendig, als die Wilddiebe den Zuzug aus den Konzentrationslägern bekamen, die ein schier unerschöpfliches Reservoir für Dr. Dirlewangers Todeshaufen abgaben: Keinen KZ-Mann brauchte Himmler der Wehrmacht abzugeben. Die Wehrmacht durfte lediglich die Zuchthäuser leeren und auf früher bereits entlassene KZ-ler zurückgreifen, als sie ihren eigenen Verbrecherhaufen 999 uniformierte.
Außer der erheblich höheren Todesgefahr und der feldgrauen statt bisher blau-weiß-gestreiften Kleidung stellten die KZler bei Dirlewanger keine wesentliche Veränderung in ihrem Leben fest. Von Waffendienst war zunächst keine Rede. "Hinhalten und schießen" war der ständig wiederkehrende Befehl. Bewegung im Gelände schien überflüssig zu erlernen. "Die Wucht des Angriffs muß es machen!" sagte Sonderkommando-Adjutant und vorübergehender Kommandeur, SS-Sturmbannführer Erwin Walser. Ging ein Karabiner dementsprechend zur unrechten Zeit los, und der Vordermann kippte tot um, so focht das weder Walser noch sonst jemand an, denn es war ein Sonderkommando.
Und deshalb waren auch die Strafmaßnahmen des tödlichen Haufens Dirlewanger dieselben wie in den Konzentrationslagern. Es wurde frisch geprügelt wie in vorfritzischer Zeit. Statt Arrest zu verhängen, hauten die Stammannschaften auf die zum Heldentod begnadigten Verbrecher und politischen Gesinnungstäter ein.
Nach Disziplinarstrafordnung Dirlewanger:
* 25 Stockhiebe - leichte Vergehen,
* 50 Stockhiebe - wiederholte leichte Vergehen,
* 75 Stockhiebe - schwerere Vergehen,
* 100 Stockhiebe - wiederholte schwerere Vergehen.
Vom 50. Stockhieb ab mußten die Delinquenten in das Lazarett eingeliefert werden.
Als "schwerere Vergehen" galt versuchte Widersetzlichkeit. Vollendete Widersetzlichkeit wurde auf der Stelle mit dem Tode bestraft. Da brauchte es im Einsatz keines Gerichts unter Gerichtsherrn Dirlewanger.
Seine selbsterdachte Spezialstrafe war der "Dirlewanger-Kasten".
Der Verurteilte sollte dabei in einem engen Kasten bis zu vierzehn Tagen aufrecht stehen. Schloß man den Kasten nach drei bis vier Tagen auf, so fiel der Delinquent allemal bewußtlos, mit unförmig angeschwollenen Beinen der Länge nach auf die Nase.
Als Richter Morgen noch mehr wissen wollte und bei Dienststellen des Generalgouvernements in Lublin und beim SD nachfragte, blieb ihm hernach nur stummes Staunen für die Auskunft. Ohne jede Bestrafung erfahren zu haben, hatte die Sturmbrigade Dirlewanger
* die Ghettos von Lublin geplündert,
* Juden unter Beschuldigung des Ritualmordes verhaftet diese
* bis zu 15 000 Zlotys (7500 Mark) erpreßt und
* bei Nichtzahlung erschossen.
Dr. Dirlewanger selbst hatte sein bisheriges Meisterstück sexualpathologischer Raffinesse vollbracht:
* Zeugenaussagen und Meldung der Kriminalbeamten der Gestapo besagten, daß er u. a. ein halbes Dutzend Jüdinnen von 13 bis 18 Jahren festgenommen, dann ein paar Freunde eingeladen und Radiomusik angestellt habe. Danach wurden die Frauen nackt ausgezogen, mit Lederpeitschen bis zum Zusammenbrechen bearbeitet. Zum Abschluß der Orgie wurde ihnen eine Strychnin-Spritze versetzt. Der Abschluß des musikalischen Tanzfestes nach Dirlewanger-Art bestand dann, nach dem eingehenden Bericht der anwesenden SD-Leute, in den wilden Todeszuckungen der Vergifteten.
Dr. Dirlewanger hielt bei alledem streng auf die Wahrung der Nürnberger Rassegesetze. Vergewaltigt wurden die ausgepeitschten Mädchen nicht. "Das sind wir unserer Rasse schuldig."
SS-Richter Morgen wagte einen bescheidenen Vorstoß, er schrieb an Obergruppenführer Krüger, den Höheren SS- und Polizei-Führer in Krakau, und meinte, man sollte doch eigentlich diesen Dirlewanger killen. Es spräche sich schon herum, und er bäte also um einen haftbefehl. Der höhere Krüger bedauerte:
"Bin nicht zuständig, die Brigade untersteht ausschließlich General Berger."
Immerhin telefonierte Krüger dann mit Berger. Der saß in Berlin und ärgerte sich über Krügers "Meckerei". Der hatte nämlich ganz offen gedroht und war immerhin selber General:
"Falls die Verbrecherbande nicht innerhalb einer Woche aus dem Generalgouvernement verschwindet, werde ich sie selbst einsperren. Gez. Krüger, SS-Obergruppenführer".
Da werde er natürlich "alles tun, was er könne", knurrte Berger ins Telefon.
Vierzehn Tage lang geschah gar nichts. Dann wurde die Brigade versetzt, auf Berliner Befehl Bergers. Aber nicht zu Festnahme und Prozeß nach Hause, sondern nach Mogilev im mittleren Frontabschnitt des Ostens.
Richter Morgen bekam also keinen Haftbefehl gegen Dirlewanger und durfte auch keinen Prozeß gegen ihn führen. Er durfte im Gegenteil noch dankbar sein, daß der Mörderhauptmann nichts von seinen zaghaften juristischen Versuchen erfahren und ihn in Klump geschlagen hatte. So sandte er denn die Akten mit einem Bericht an das SS-Sicherheits-Hauptamt in Berlin und harrte mit eingezogenem Kopf der Folgen.
Es geschah nichts.
Zwei Wochen später aber wurde Dirlewanger zum SS-Obergruppenführer befördert und damit als Divisionskommandeur bestätigt.
Gottlob Berger will in seiner Zelle nicht viel von Richter Morgen wissen. Er verdarb ihm in Nürnberg das Konzept, und daß die Amerikaner 1951 seine Strafe von 25 auf 10 Jahre Gefängnis herabsetzten, rührte nur daher, daß die Mordbeschuldigung im Falle des zur Vergeltung hingerichteten Generals Mesny - mangels Beweises - fiel.
Am 22. Juni 1942 klopfte Berger dem nach Mogilev abgeschobenen Dirlewanger in einem Bericht an den Reichsführer SS im Geiste auf die Schulter:
"Vielleicht ist es jetzt auch eine Warnung, daß man ein wildes Land auf ''feine Art'' nicht regieren kann, und daß der Grundsatz des Kommandos Dirlewanger, lieber zwei Polen zuviel als einen zu wenig zu erschießen, der richtige war.
"In Anbetracht der zahlenmäßigen Schwäche dieses Kommandos bitte ich um die Erlaubnis ... noch einmal die Strafanstalten durchzukämmen und alle wegen Wilddieberei mit der Waffe vorbestraften Männer nach eingehender Ueberprüfung auszubilden und zur Verstärkung des alten und zur Neuaufstellung eines zweiten Sonderkommandos einzusetzen."
Dieser Berger, der im Verlauf der weltpolitischen Spannung zwischen Ost und West nicht mehr an den Osten ausgeliefert und also dort nicht rund zwanzigtausendmal zum Tode verurteilt werden konnte, besaß in der nunmehrigen Brigade Dirlewanger einen Sturmbock von höchster Kampfkraft, dem er als geschickter Dompteur wie einem hungrig gemachten Arena-Raubtier immer etwas vor die Zähne zu werfen wußte. Die Dirlewangerschen hatten (laut Gerichtsakten) die Methode, bei Strafexpeditionen Dörfer zu besetzen. die Einwohner in Scheunen oder Schulen zusammenzusperren, die Gebäude dann anzuzünden und jeden einzelnen, der brennend und schreiend zu entfliehen versuchte, abzuschießen.
Die Zeugen bewiesen auch, daß Bergers Räuberhaufen, an dem nur die Uniformen entfernt an eine militärische Einheit erinnerten, die Wege und Rollbahnen dadurch auf Verminung zu prüfen pflegte, daß er eingefangene Geiseln, Männer und Frauen aus den Dörfern, über die Straße trieb. Gingen ein paar Minen dabei hoch. so konnten Dirlewangers Zuchthaus- und KZ-Soldaten getrost hinterher marschieren, die Strecke war entmint.
Im August 1943 wurde dem Dr. Dirlewanger das Deutsche Kreuz in Gold verliehen. Nach seinem eigenen Bericht hatte sein kampfkräftiger Verbrecherhaufen 15 000 Partisanen liquidiert. An
eigenen Verlusten gab Dirlewanger nur 92 Tote, 218 Verwundete und acht Vermißte an. Der Reichskommissar für Weißrußland bemerkte dazu lakonisch nach Berlin: "Nach solchen Großaktionen nimmt die Zahl der Partisanen nicht ab sondern zu Eine Propaganda, die nach solchen Massenerschießungen einsetzt, ist völlig zwecklos ... Wird in der bisherigen Form fortgefahren, dann haben wir im nächsten Winter nicht Partisanen, sondern den Aufruhr des ganzen Landes ... Das Regiment Dirlewanger tut sich bei derartigen Aktionen stark hervor. Es besteht fast ausschließlich aus Vorbestraften aus Deutschland."
Dieser Reichskommissar war der ehemalige brandenburgische Gauleiter Wilhelm Kube, der die Raub-, Mord- und Schändungs-"Soldaten" des Sexualpathologen und Schützlings von Gottlob Berger zum Teufel wünschte und die im Blutrausch schwelgenden Schwerverbrecher als Schande an der deutschen Wehrmacht empfand.
Dr. Dirlewanger konnte aber auf Bergers Schutz rechnen. Der schreckte noch nicht einmal davor zurück, in einem Rechenschaftsbericht nach Berlin in seinem miserablen Schreibstil die Dirlewanger - Strafsoldaten als "zumeist ehemalige Parteigenossen" zu bezeichnen, "die ehemals wegen Wilddiebstahls oder wegen einer Dummheit bestraft wurden, jetzt herausgenommen und sich bewähren können und das auch mit einem unerhörten Einsatz an blutigen Verlusten tun."
Die Parteigenossen in Berlin bedankten sich nachdrücklich, der paar (wegen krimineller Verbrechen degradierten) SS-Pgs wegen, die bei Dirlewanger "etwas gut zu machen hatten", den ganzen sich zu Tode tobenden Berufsverbrecherhaufen als inoffiziellen Bestandteil der NSDAP anzuerkennen.
Offiziell setzt Dirlewanger-Initiator Berger am 4. Mai 1944 an Ost-Kommissar Rosenberg einen entschuldigenden Brief auf: "Ich habe die Ueberzeugung, daß Sie es durchaus verstehen können, wenn ich zur Zeit SS-Standartenführer Dr. Dirlewanger, den ich zur Sicherung dieses Raumes so überaus notwendig brauche, nicht in eine Untersuchung verwickeln kann."
Inoffiziell aber bekennt Berger in einem Brief an Himmlers Stabschef Brandt, als ihm eine Zigarre hineingewürgt wurde:
"Veranlaßt ist wohl diese Aenderung durch das unqualifizierte Verhalten meines Sonderkommandos Dr. Dirlewanger, das sich jedenfalls, so weit ich feststellen konnte, in jeder Beziehung vorbei benommen hat."
Was Oberst Thomas mit seiner heuberg-Division von Anfang an gewußt hatte, erkannte Berger erst im Herbst 1944: daß ein rein krimineller Haufen ihm auf die Dauer, und ebenso seinem Sonder-Dirlewanger den Strick um den Hals verdienen würde, mischte von nun an auch politische Häftlinge in sein zur Sturmbrigade erhobenes Sonderkommando:
Am 15. Oktober 1944 wurde im KZ Dachau beim abendlichen Appell bekanntgegeben, daß sich alle deutschen Häftlinge bis acht Uhr freiwillig zum Heeresdienst melden könnten. Die auf alles gefaßte Belegschaft geriet in große Aufregung, weil sie plötzlich befürchtete, alle, die sich nicht meldeten, könnten in das Liquidationslager Auschwitz oder Mauthausen abgeschoben werden. Um acht Uhr hatten sich rund 1300 Häftlinge gemeldet. Drei Wochen später, am 8. November, wurden 196 von den ältesten politischen Häftlingen, die das Dritte Reich fast alle noch niemals in Freiheit erblickt hatten, aufgerufen. Die Lager-Gestapo hatte sie ausgesucht.
Die Männer tauschten die Zebra-Kluft gegen abgelegte SS-Klamotten, von denen die Schneiderei-Häftlinge alles abgetrennt hatten, was einem Soldaten den Charakter einer Nation und Truppengattung gab, also Kragenspiegel, Schulterklappen und den SS-Vogel am Arm und an der Mütze.
Ohne Waffen und ohne Eid, unter bewaffneter Bewachung von Totenkopf-Leuten, wurde der über nichts näher orientierte Haufen von Dachau nach Krakau geschafft. Von dort wurde er in zwei Gruppen nach Diviaki in der Slowakei transportiert, dabei auch der heutige Pfarr-Rektor Franz Doppelfeld, damals Kaplan unter dem jetzigen Erzbischof von Köln, Kardinal Frings. Doppelfeld aus Neuß am Rhein war Hitler unbequem geworden mit seinem dauernden Friedensgerede von der Neußer Kanzel und zur "Umschulung" ohne Prozeß ins KZ gesteckt worden Durch den Irrtum eines polnischen Häftlings und Blockschreibers war er als Freiwilliger auf die Dirlewangerliste geraten.
Jeder dieser 196 KZ-Verteranen war mit Wesen und Praktiken der Gestapo aus langjähriger Anschauung bestens bekannt. So griff die Lagergestapo sie, die Alterfahrenen, am längsten Geschundenen, heraus und schickte sie auf ein Himmelfahrtsunternehmen für unbequeme Mitwisser. Die hier in Dachau rekrutierte 10. Kompanie Dirlewanger hatte die erste Hälfte ihrer verflossenen Haft in Zuchthäusern, die zweite in verschiedenen KZs verbracht. Der Heilbronner Wilhelm Murrweis war schon zwölf Jahre in Haft. ebenso der Nürnberger Hans Kipfmüller und der Augsburger Josef Wagner, 11 Jahre saß bereits der Stuttgarter Walter Ohldorf auf des Dritten Reiches Aussterbe-Etat und mit ihm die Stuttgarter Karl Wilhelm, Fritz Sutter, Richard Heim und Heinrich Thunig, Redakteure, Geistliche, Politiker aus den Parlamenten, der Regierungsrat Dr. Rudolf Collmar, das ganze "andere Deutschland", durch alle Berufe hindurch, das in der Versenkung des "SS-Staats" versunken war und nun durch den Soldatenmangel an allen Fronten aus den Rattenlöchern des Dritten Reiches hervorgeholt und in die Partisanengebiete geschickt wurde.
Zusammen mit 300 Politischen aus dem KZ Sachsenhausen bildeten sich hier in Diviaki insgesamt die 9., 10. und 12. Kompanie des III. Bataillons des nunmehrigen SS-Waffen-Grenadier-Regiments Nr. 2 Dr. Dirlewanger, ein stolzer Name für einen in jeder Weise namenlosen, ehr- und eidlosen Haufen, dessen jetzt starker Anteil politischer Häftlinge der Sonderformation freilich in jeder Weise den "Charakter" nahm. Diese Männer waren ja politische und religiöse Kämpfer, bei Gott keine Feiglinge, aber auch alles andere als Dirlewanger-Löwen.
In Sachsenhausen wurden am gleichen 8. November die Dreihundert vor den Lagerkommandanten geführt. Der hielt eine gedruckte Ansprache in der Hand und las mit allen Anzeichen innerer Abneigung den Verdammten des Großdeutschen Reiches die vorgeschriebene Formel vor:
"Ihr wart Sozialdemokraten, Kommunisten, Romknechte und andere Feinde des Führers. Reißt euch zusammen. Ihr habt jetzt Gelegenheit, zu beweisen, daß ihr dies nicht mehr seid, sondern nur noch Deutsche, und daß ihr euch für Führer und Reich an der Front bewähren wollt."
"Nur noch Deutsche", das hieß: "Nur noch Kämpfer für Hitler", erinnert sich Dirlewanger-Mann Franz Siebert in Essen, der Bergmann und Baptist, der nach dem großen Linksrutsch der Reichstagswahlen
von Anno 28 der SPD beigetreten war und nach Hitlers Machtantritt im Ruhrpott eine revolutionäre Gruppe von fünfhundert Bergleuten organisierte, 1935 in Düsseldorf von der Gestapo geschnappt und vor dem ersten Senat des Berliner Volksgerichtshofes zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. In dem einzigen öffentlich ausgetragenen politischen Prozeß wurden zur gleichen Zeit Sieberts Mitverschworene nach einer besonderen Verhandlung in Essen abgeurteilt.
"Die SS wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen", meint Siebert, der heute, nach Zuchthaus, Emslandmoor, Dirlewanger und russischer Gefangenschaft ein körperlich gebrochener und arbeitsunfähiger Mann ist und von seiner Haftentschädigung vegetiert. "Die Partisanenkämpfe wendeten sich, je ärger das seitherige Verbrecher-Sonderkommando Dirlewanger gewütet hatte, desto übler gegen uns. Denn die russische ''Partisanenvorschrift'' war in hunderttausenden Exemplaren herausgekommen, und dem Bandenkrieg war die tödliche Guerilla der versteckten Baum- und Sumpfschützen gefolgt, die jeder ein halbes Dutzend von uns abschossen, bevor sie selbst zugrunde gingen."
Das war die eine Fliege. Die andere war die innenpolitische. Das Internationale Rote Kreuz hatte gewisse, wenn auch geringe Einblicke in die deutschen Konzentrationsläger, und die immer verzweifelter werdende militärische Lage ließ es im 44er Jahr der NS-Führung doch unklug erscheinen, die Zehntausende von politischen KZ- und Zuchthaus-Veteranen so mir nichts dir nichts wie zuvor die Juden in Polen und Rußland zu liquidieren. Für diese zweite innenpolitische Fliege taugte die große KZler-Klatsche "Dirlewanger" ausgezeichnet.
Als der Lagerkommandant, sehr kalt und ohne jede persönliche Bindung, sein Sprüchlein heruntergeschnarrt hatte, hob er mechanisch die Rechte schräg gegen den Himmel und rief:
"Unserm Führer und Obersten Befehlshaber ein dreifaches Sieg Heil, Sieg Heil, Sieg Heil!"
Die Dreihundert schwiegen mit eisernen Gesichtern. Weiß und verdattert trat der Kommandant ab. Eigentlich hätte er sofort Meldung nach oben erstatten müssen. Die Dreihundert wären vor ein SS- und Polizei-Feldgericht gestellt und wegen Verachtung des Führers an die Wand gestellt worden.
Aber der militärische Karren war schon zu tief in den Dreck gefahren. Keiner wagte mehr, etwas Ungünstiges ins Führerhauptquartier zu melden. Man hatte mit Mühe und Not nach der Auswahlliste des Reichssicherheitshauptamtes die Dreihundert ausgesucht und uniformiert; jetzt sollten sie in Dreiteufelsnamen irgendwo krepieren, möglichst weit weg von den Kommissionen des Roten Kreuzes.
Als "Häftlings-Transport" ging die neue Mannschaft des Dritten Reiches im KZ-gewohnten Gleichschritt bis zum Bahnhof. Dort warteten mit Stacheldraht überzogene Güterwagen, und die Begleitmannschaften behaupteten, der Transport ginge nach Polen, wahrscheinlich nach Krakau. Das wahre Ziel war dann das Partisanengebiet der Slowakei. Dort war einige Zeit zuvor ein Aufstand innerhalb der slowakischen Tiso-Wehrmacht niedergeschlagen worden. Ein Teil machte jetzt als Freischärler die Hohe Tatra unsicher, der andere lag hinter Stacheldraht bei Bad Stuben.
Hinter Stacheldraht wurden jetzt am gleichen Ort auch die Dirlewanger-Männer zu Soldaten gedrillt. Aber das war hier eine ganz andere Sache als bei den 999ern auf dem Heuberg und in Baumholder. Sieberts 9. Kompanie im III. Bataillon des 2. Regiments der Sturmbrigade Dirlewanger hatte sich vorgenommen, die Waffen- und Geländeausbildung mit allem Ernst mitzumachen.
Siebert: "Bei uns gab es keine Spitzbuben, die uns hätten verraten können, wir waren unvermischt Politische."
Und als solche wollten sich die drei "politischen" Kompanien, 9, 10 und 12, bei der ersten besten Gelegenheit in voller Bewaffnung zu den Slowaken in die Berge absetzen und ein eigenes "Freikorps Dirlewanger" auf die Beine stellen, das aus politischem Haß gegen Himmler eine Waffentugend gemacht und ohne Pardon Abrechnung genommen hätte.
Es kam also der Regimentsführung darauf an, die ganz anders gearteten neuen Dirlewanger-Kompanien genügend gesichert einzusetzen. Die Wilddiebe und Schwerverbrecher des "Sonderkommandos" hätten sich auf keinen Fall gefangennehmen lassen dürfen; Siebert und seine politischen Genossen aber warteten nur darauf, dem Partisanenchef Tito feldmarschmäßig zu melden: "Partisanen-Freikorps Dirlewanger zur Stelle. Hitler, verrecke!"
Das Detachement aus dem dritten KZ, Buchenwald, das die 11. Kompanie bilden sollte, blieb aus; so blieb die "Elfte" nur auf dem Papier. Ein Oberstleutnant der Luftwaffe, der wegen irgendeiner Schweinerei zum Oberleutnant degradiert worden war, übernahm das III. Bataillon, Sozialdemokraten, Kapläne und Kommunisten, schüttelte sich und paßte sich, so gut er konnte, in die Lage. Neben den abgetragenen SS-Uniformen war der Haufen neuerdings auch in vermottete Marine- und Luftwaffen-Kluften eingekleidet.
Fortsetzung folgt.
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*) Die Strafe wurde 1951 auf 15 Jahre herabgesetzt.

DER SPIEGEL 14/1951
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