04.04.1951

UFA-SCHWARZHANDELDie besten Sachen

Im Salon des Schneidermeisters Stollberg, Hamburg, Adolfstr. 38, vermittelte Erich Boomkens seine ersten größeren Schwarzgeschäfte mit Ufa-Filmen.
Boomkens hatte mit dem Hamburger Beauftragten der Ufa-Treuhandverwaltung Düsseldorf, Direktor Karl Löwer, ein gentleman-ähnliches agreement getroffen, nach dem es seine Aufgabe war, illegal gehandelte Filmkopien der früheren Ufa aufzuspüren. Direktor Löwer zahlte ihm für jede vermittelte Kopie eine Provision.
Die Geschäfte ließen sich gut an. Boomkens hatte bald eine Menge Leute an der Hand, die ihre in den Kapitulationstagen "organisierten" Filmstreifen zu Geld machen wollten. Zu dem ersten Großabschluß bestellte Boomkens seine Dunkelmänner mit den Filmen und Karl Löwer in die Adolfstraße. Denn Stollbergs hatten das, was bei dem Handel eine wichtige Rolle spielte: eine eingebaute komplette Tonfilm-Vorführapparatur.
Meister Stollberg führte die offerierten Filmstreifen vor. Seine Frau kredenzte Kaffee und Schnäpse. Boomkens' erschienener Dunkelmann war eine Frau. Löwer erkannte sie als eine frühere Angestellte der "Terra" wieder und nannte sie schlicht Inge.
Boomkens schilderte den vertraulichen Dialog zwischen den beiden, die sich aus den Terratagen kannten, wie folgt. Löwer: "Inge, was sollen die Kopien kosten?"
Inge: "Kolberg 6000 Mark, Frauen sind doch bessere Diplomaten 3500. Und für Peer Gynt müssen wir mindestens 2500 haben."
Löwer: "Ihr habt ja ganz schön hohe Hausnummern ... Es handelt sich schließlich um unsere Ufa-Kopien. Wenn wir beide nicht so gut bekannt wären, würde ich jetzt die Kripo kommen lassen."
Die Polizei kam nicht. Man wurde sich auch so handelseinig. Boomkens bekam für seine Aufspürdienste 250 DM. Insgesamt will er für seine Ufa-Tätigkeit 5000 DM erhalten haben. "Damit sind nicht mal meine Unkosten gedeckt."
Allein der UFA-Agent Boomkens gibt an, 167 Schwarzweiß-Kopien, 47 Farbfilm-Kopien und 36 Kulturfilme vom schwarzen Markt zur Ufa-Nachfolgegesellschaft geleitet zu haben.
Bei durchschnittlichen Einspielergebnissen errechnete Boomkens aus dieser seiner Tätigkeit einen Ufa-Gewinn von 10 Millionen DM. Er fühlte sich deshalb immer noch übers Ohr gehauen, als er sich in einem Vergleich seine gegen die Ufa-Film GmbH. aus dem "Ausfindigmachen von Filmkopien" hergeleiteten Forderungen mit einem Barscheck über 2000 DM abhandeln ließ.
Die Zahl der illegal gehandelten Ufa-Kopien geht in die Tausende. Seit der Kapitulation beleben sie im Schutze der ungeklärten Ufa - Vermögensverhältnisse den schwarzen Markt. Einzelne Ufa-Beauftragte wie Karl Löwer in Hamburg scheinen keinen anderen Weg zu sehen, das rechtmäßige Ufa-Eigentum zurückzuerlangen, als sich als Abnehmer in die Schwarzmarktgeschäfte einzuschalten. Auf manchmal nicht ganz geraden Wegen.
Als Herkunft der schwarzgehandelten Filmkopien lassen sich vier Hauptquellen erkennen:
* Veruntreutes Ufa-Eigentum. Material, das beim Zusammenbruch in Lichtspielhäusern, Verleihunternehmen, Kopieranstalten und sonstigen Ufa-Betrieben von ungetreuen Angestellten beiseite geschafft wurde. Zuständig: Der Staatsanwalt.
* Kriegsbeute. Kopien, die bei der Besetzung Deutschlands ausländischen Zivil- und Militärpersonen in die Hände fielen und von diesen auf den deutschen oder ausländischen Schwarzmarkt gelangten: Sache der alliierten Gerichtsbarkeit.
* Ostzonale Produktion. Die Sowjets vereinnahmten das gesamte Ufa-Eigentum, dessen sie habhaft werden konnten. Die Sovexportfilm GmbH., Berlin, treibt mit neu kopierten oder gedoubelten alten Ufa-Filmen einen schwunghaften Handel.
* Ehemalige Wehrmachtsbestände. Die zur Truppenbetreuung verwendeten Streifen waren wehrmachteigen, wenn auch die Ufa nach wie vor die Vertriebsrechte besitzt. Hierfür ist die "Verwaltung für Reichs- und Staatsvermögen" zuständig.
Von der letzten Sorte waren auch die Kopien, die Herbert Tank, Hamburg, Maacksgasse 3 lange Jahre bei sich versteckt hatte. Er wollte die Filme Frau meiner Träume, Der Postmeister, Akrobat schöön und Germanin für 13 000 DM verkaufen. Erwischt und vor Gericht gestellt berief sich Tank später auf den Unbekannten aus der Ostzone.
Heute gibt Tank offen zu, daß er die Filme 1945 in Flensburg beiseite schaffte, als die Engländer Dönitzens Hauptquartier liquidierten. Herbert Tank hatte dort als uniformierter Filmvorführer bis zuletzt truppenbetreut.
"Die besten Sachen schnappten sich die Tommies weg". Aber Tank konnte doch noch einige Filmpakete unbemerkt ins heimatliche Hamburg retten.
Dort lagen sie wohlverwahrt, bis Tank eine Zeitungsannonce las: "Deutsche Filmkopien von Ausländer zu kaufen gesucht. Angebot mit Preis und Titelangabe unter KN 30 278 ..."
Tank besprach sich mit seinem Nachbarn Willem Klatser. Auch der riet, die Filme anzubieten. Vorsichtig nahmen sie Beziehungen zu dem Aufgeber der Anzeige auf. Es war Erich Boomkens. Tank erkundigte sich nach ihm. Er erhielt die Auskunft: "Vorsicht, Ufa-Agent".
Trotzdem glaubten Herbert und Willem gesichert zu sein, als sie sich in Hamburgs Bahnhofswartesaal zweiter Klasse den Ausländer vorstellen ließen, den ihnen Erich Boomkens mitgebracht hatte. Sie ließen sich genaue Bankauszüge und Referenzen zeigen.
So gesichert verabredete man die Vorführung der Kopien zwecks Abschluß des Geschäftes. Tank und Klatser konnten nicht ahnen, daß der Wartesaal bereits bei dieser ersten Verhandlung von Kriminalpolizisten besetzt, daß der angebliche Ausländer ein Hamburger Kriminalbeamter namens Wiesler und daß sein Ausweis eben so falsch war wie die honorigen Bankauszüge.
Und sie konnten vor allem nicht wissen, daß Boomkens nicht nur Ufa-, sondern auch Polizeiagent war.
Die Vorführung der Kopien am nächsten Tage wurde eine bewegte Sache. Diesmal fand sie nicht in Stollbergs Salon statt. Tank und Klatser als Verkäufer erschienen in einem Opel, die Käufergruppe in einem roten BMW-Cabriolet. Unauffällig fuhr ein Wanderer-Wagen hinterher, als die Fahrzeuge auf vielen Umwegen mit hoher Geschwindigkeit durch Hamburgs Vororte zu den Waldesruh-Lichtspielen in Wellingsbüttel sausten. Das Kino liegt nur einige hundert Meter vom Ausgangspunkt der Fahrt weg.
Fünfzig Mark Vorführspesen mußte Boomkens vorweg bezahlen, dann begann die Vorstellung. Der ausländische Geschäftsfreund zeigte sich befriedigt. Man ging zum geschäftlichen Teil über. Die Filmrollen wurden nochmals geprüft, durchgezählt und verpackt. Vom "Postmeister" hatte Tank, immer noch mißtrauisch, nur vier Akte eingepackt. Als das Geschäft perfekt war, erklärte er: "Jetzt ist die Sache ja in Ordnung" und schleppte vertrauensselig auch die fünfte Rolle herbei.
Erst jetzt zückten die Kriminalisten Pistolen und Blechmarken: "Hände hoch". Boomkens war der einzige, der (pro forma) protestierte. Er erhielt auch (ebenfalls pro forma) einen Stoß, daß er über die Filme stolperte. Tank wurde aufgefordert, die schweren Filmpakete zum Kripo-Wagen zu bringen. Da gewann er seine Schlagfertigkeit wieder. "Nee", weigerte er sich, "damit schleppen Sie sich man selber ab, es sind ja jetzt Ihre."
Das stimmte nicht ganz. Denn die Kripo lieferte die Filme bei Ufa-Direktor Löwer ab. Als die Strafsache Tank-Klatser in Hamburg verhandelt wurde, nahm Boomkens sich den angeklagten Herbert Tank beiseite: "Passen Sie auf, die Sache dauert nicht länger als 10 Minuten".
So war es auch. Nach kurzer Verhandlung wurde das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt.
"Und nun will ich Ihnen noch was zeigen", sagte Boomkens. Er führte Tank in die Gastwirtschaft "Feldeck" gegenüber dem Gerichtsgebäude. Dort saßen die als
Zeugen geladenen Kriminalbeamten Wiesler und Düvel mit einem zivilen Zeugen treulich vereint: Mit Ufa-Direktor Karl Löwer.
"So wird es gemacht", sagte Boomkens und packte aus. Er hat sich inzwischen mit Ufa und Kripo überworfen. Denn als er sich bei Löwer über seine mageren Provisionen beschwerte, hatte der ihm geantwortet: "Die Kripo kostet letzten Endes ja auch Geld. Oder meinen Sie, die machen alles umsonst?"
Inspektor Grimm, Leiter des Einsatzstabes der Kriminalpolizei Hamburg, weist darauf hin, die Uebernahme gewisser Spesen für kriminalpolizeiliche Ermittlungen durch den Geschädigten sei in bestimmten Fällen durchaus statthaft.

DER SPIEGEL 14/1951
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/1951
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UFA-SCHWARZHANDEL:
Die besten Sachen

  • Korallenforscherin Verena Schoepf: Im Wettlauf gegen den Klimawandel
  • Bewegendes Video: Zehnjähriger Skateboarder ohne Beine
  • Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer
  • Explosion in Chemiefabrik: Metallteile werden zu gefährlichen Geschossen