21.02.1951

„SIE HABEN ETWAS GUTZUMACHEN“

Ein Tatsachenbericht vom Einsatz der Strafsoldaten
Die letzte Fortsetzung schloß: Das Holzfäller-Kommando wurde gern von Stammleuten begleitet, die ihre Kater-Stimmung oder gähnende Langeweile, die ihnen der täglich grauenhafter werdende Todeskampf des 999er-KZ bereitete, loswerden wollten. Gummiknüppel. Füße und Pistolen halfen ihnen dabei, sich aufzumuntern.
3. Fortsetzung
Der Obergefreite Lüneburg übernahm gern die Begleitung der Wasserträger, gelegentlich auch das Kommando über die Asphodeloswurzel-Küche.
Vor der Untersuchungskommission im 307. PW-Camp MELF sagte Karl Lüneburg am 13. August 1947 unter Eid aus:
"Ich Karl Lüneburg, geboren am 23. 9. 21 in Stolzenberg, wohnhaft Berlin SW 61, Barutherstraße 2, Kriegsgefangenennummer Middle East 089 520, erbiete mich zum Eid und sage folgendes aus:
"Im Frühjahr 1945 war ich Teilnehmer eines Erschießungskommandos in Calitea auf Rhodos. Es handelte sich um die Hinrichtung von vier Häftlingen. Diese wurden erschossen, weil ... drei Häftlinge zu fliehen versucht hatten, von denen einer entkommen war. Die Erschießung erfolgte auf Grund eines Befehls von hauptmann Stuckmann, wonach bei Flucht eines Häftlings der Stubenälteste und drei Mann als Strafmaßnahme erschossen werden sollten.
"Die Erschießung fand an der Friedhofsmauer von Calitea statt, an der Stelle, wo die Verstorbenen des Lagers begraben wurden. Das Erschießungskommando bestand aus dem Kommandoführer Oberfeldwebel Atzler und neun Freiwilligen aus der Kompanie, wozu außer mir auch die Obergefreiten Schmitz und Bräu gehörten. Ferner war Hauptmann Stuckmann, Oberfeldwebel Karl Schmidt ... anwesend. Ein Geistlicher war nicht anwesend, einen Arzt habe ich nicht gesehen ... gezeichnet Karl Lüneburg."
Becker erinnert sich: "Ich begleitete die Holzfäller unter Feldwebel Gerlach und den Unteroffizieren Paschen und Siegwart. Die Häftlinge waren durch Hunger und Mißhandlungen völlig heruntergekommen und ausgezehrt. Sie sollten im Akkordtempo Bäume fällen und wurden dabei immerzu sinnlos über Hände, Kopf, Gesicht und alle Körperteile geschlagen.
"'Das nennt man Strafvollzug, Mensch!' erklärte mir Hauptfeld Hallberg im Lager. Da ich das Kommando als Posten zu begleiten hatte, holte ich mir einzelne der Antreiber heran und fragte sie, ob sie nicht auch schon längst den Tod, bzw. das KZ Calitea verdient hätten. Denn wir alle hätten doch schon mal aus Hunger Gemüse gestohlen. Paschen nahm mir das sehr übel und versprach, mit mir abzurechnen."
Vor der Untersuchungskommission im 380 PW-Camp erklärte Paschen:
"Ich, Fritz Paschen, geb. am 11. 9. 1921 in Rostock, wohnhaft in Rostock, Ulmenstraße 43, entbiete mich zum Eid und sage folgendes aus: Ich ... kam Mitte Juli 1943 nach der Insel Rhodos. Ab Mitte März 1945 wurde ich zum Personal des Straflagers Calitea versetzt. Es war meine Aufgabe, die Häftlinge zur Arbeit einzuteilen ... In der kurzen Zeit von Mitte März bis zur Kapitulation sind ca. 30 bis 35 Häftlinge verhungert, erschlagen oder erschossen worden ... Ich selbst habe einmal den Häftling Mondrischewski mit einem Gummiknüppel geschlagen ...
"Folgende Leute des Straflager-Personals haben Häftlinge erschossen:
Obergefreiter Schmitz, drei oder vier Häftlinge,
Obergefreiter Lüneburg, drei oder vier Häftlinge,
Unteroffizier Lüttringhaus, zwei Häftlinge,
Obergefreiter Angermann, einen Häftling,
Obergefreiter Neuer, einen Häftling.
"Anfang 1945 erschoß Hauptfeldwebel Hallberg einen bettlägerigen Italiener, Anfang April 1945 der Obergefreite Ade einen Häftling hinter der Kantine wegen angeblicher Befehlsverweigerung. Gezeichnet: Fritz Paschen."
In seiner eigenen eidlichen Vernehmung ergänzte Karl Becker, geb. 26. 8. 05 in Dorum/Wesermünde, wohnhaft in Cuxhaven, Papenstr. 97:
"Hans Tischler ist Mitte April 1945 vom Obergefreiten Schmitz beim Holzfällen ermordet worden (das war der Uhrmacher). Der Stabsgefreite Bräu berichtete mir dazu: Schmitz schrie 'Tischler, willst du Hund nicht arbeiten?'
'Mach die Brust frei, du Hund, damit ich dich umlegen kann', sagte Schmitz und ging in Anschlag.
Tischler: 'Posten, schonen Sie mich, nicht meinetwegen, aber ich habe zu Hause eine Frau und sieben unmündige Kinder.'
"Zwei Stunden später befahl Schmitz:
'Los, Tischler, stell dich an den Baumstumpf dort'.
"Schmitz ging einige Schritte zurück und knallte Hans Tischler ab.
"Die Häftlinge mußten zusätzlich zu ihrer schweren Holzlast die Leiche des Uhrmachers ins Lager tragen. Die Meldung an die Division lautete: 'Tischler wurde wegen Arbeitsverweigerung erschossen.' Gez. Karl Becker."
"Vom KZ Calitea, dessen Belegschaft laufend wegstarb, blieben zum Schlusse etwa zehn Mann am Leben. Wer nicht den Hungertod starb, ging schon vorher seelisch und körperlich in den Eimer. Nach General Wagner sollte niemand das KZ überleben". Für die brutalsten der Aufseher hält Becker die Obergefreiten Lüneburg, Amend und Schmitz.
Calitea-Strafsoldat Rudi Hager aus. Plauen im Vogtland hatte im August 1944 ein paar Konservenbüchsen in den Werkzeugkasten seines Krad-Zugs versteckt, die von der Ladung des kurz danach in den Grund gebohrten Transporters "Simphera" herstammten. General Wagner legte ihn acht Monate in Rodi auf Rhodos in Ketten und bedachte ihn mit einer mehrjährigen Zuchthausstrafe. Das bedeutete den Tod, denn das Strafsoldaten-KZ Calitea sollte auch das Zuchthaus ersetzen.
Als Hager schon halb verhungert war, bat er Becker, von dem rhodesischen Likörfabrikanten Aliotti ein paar Lebensmittel für ihn zu erbetteln. Den kannte er noch von früher. Da Becker nicht abkam, übernahm der Kompanietischler Stabsgefreiter Steck den Auftrag für den Sterbenden, empfing nach Beckers Erinnerung viermal Freundesgaben von Aliotti und fraß sie selber auf.
Zwei Pakete holte Steck noch ab, obgleich Hager schon verhungert und an der Kirchhofsmauer in der üblichen Weise verscharrt worden war. Die übliche Weise sah so aus: Die verhungerten Strafsoldaten wurden nackt auf zwei kreuzweise übereinander befestigte Kopfstücke von eisernen Bettstellen gelegt. Das war die Trage. Auf das mit durchsichtiger Haut überzogene Skelett warf man dann Spitzhacken und Schaufeln. Dann ging es im Laufschritt zum Friedhof. Kommandos im Laufschritt ausführen war überhaupt eine Strafsoldaten-Spezialität.
Da die entkräfteten Totengräber das Grab selbst schaufeln mußten, brachen sie schon nach wenigen Hackschlägen und einigen Schippen voll Erde zusammen, so daß die verscharrten Verhungerten nur eine erbärmliche Decke von Erde bekamen. Um das Grab zu kennzeichnen und die wildernden Hunde fernzuhalten, wurden Steine auf das Grab geworfen.
General Wagner hatte es der Heeresgruppe Afrika in Tunesien zu dieser Zeit gerade nachgetan und der geringen Transportmöglichkeiten zum Festland wegen eine eigene Briefmarke herausgebracht. Tunesiens nachmals so berühmter "Feldpostpäckchen-Marke" mit dem blauen Gummistempel "Von der Feldpost entwertet" folgte die "General-Wagner-Briefmarke" von Rhodos, die durch einen Diagonalaufdruck "Inselpost" auf der gewöhnlichen braunen Zulassungsmarke der Feldpost hergestellt wurde.
Gegen Fluchtversuche aus dem Strafsoldaten-KZ wußte sich General Wagner zu helfen. Er gab einen Befehl heraus, daß für jeden entflohenen Häftling vier weitere zu erschießen seien. Der Befehl galt rückwirkend. Zwei Tage danach wurden für 19 Uhr Freiwillige zum Erschießen der Geiseln gesucht. Lüneburg, Schmitz und Amend meldeten sich.
Erschossen wurden zur Sühne nicht Kranke, dem Tode ohnehin kurzfristig Verfallene, sondern solche, die noch bei Kräften waren, und hauptsächlich die Intelligenten.
Die Geiseln wurden von den Schergen angetrieben, Flüche und Steine flogen hinterher: Laufschritt, marsch, marsch. Mit geschulterten Schippen. Dann mußten sie ihr Massengrab selber auswerfen, Prügel und Beschimpfungen munterten die Kräfte auf. Lüneburg, Schmitz und Amend hatten sich dabei eine rationelle Methode erdacht: Einer nach dem andern wurde vor die Grube gestellt und abgeknallt. Die noch nicht Erschossenen mußten jeden Toten gerade hinlegen, nach militärischer Ordnung, wie es sich gehört, dann durften sie untereinander ausmachen, wer als nächster verrecken sollte. Wenn der letzte schließlich erschossen war, mußten sich die Henker selber um seine Einbettung kümmern. Die war dann weniger ordentlich. Die Stiefelabsätze halfen nach, ihn in sein Grab einzupassen.
Der Gefreite Becker vom Rhodos-KZ der Strafsoldaten schrieb im 307. PW-Camp Middle East über die Lüneburg, Schmitz und Amend ans Gericht:
"Die flehentlichen Bitten der gepeinigten Strafsoldaten aber sollen diese Leute vor Gericht selber wiedergeben. Es ist diesen Tieren in Menschengestalt nicht ein einziges Mal klar geworden, daß Väter und Mütter, Frauen und Kinder ein ganzes Leben lang um die an der Friedhofsmauer verscharrten Opfer von Calitea trauern und weinen müssen, und es leuchtete ihnen nicht ein, daß alle diese armen Menschen nur unschuldige Opfer der Verbrecher an diesem Kriege waren."
Als Spieß Hallberg mit einigen Stammleuten ein Gelage hatte, ging ihm um Mitternacht das Holz für den Ofen aus. Das war wieder ein guter erzieherischer Auftrag für die Strafsoldaten. Unteroffizier Lüttringhaus und Obergefreiter Schmitz sausten ins Lager und knüppelten vier Strafsoldaten heraus. Ein kranker Soldat namens Meier fiel dabei auf die Knie. Einer jammerte unter einer Wucht von Gummiknüppelhieben: "Ich kann bei dieser Verpflegung und Mißhandlung nicht auch noch nachts arbeiten." Schmitz und Lüttringhaus schlugen sie bewußtlos, stellten sie nacheinander an die Wand und jagten ihnen aus nächster Nähe ein Magazin aus der Maschinenpistole in den Leib.
Meldung: "Zwei Verbrecher wegen Befehlsverweigerung erschossen."
Unteroffizier Lüttringhaus aber schwört am 9. August 1947 im 307. PW-Camp MELF:
"Ich, Hermann Lüttringhaus, geboren am 21. 3. 1921 in Wuppertal-Barmen wohnhaft in Wuppertal-Barmen, Wittersteinstr. 49, entbiete mich zum Eid und mache folgende Angaben. ... Ich habe im Februar 1945 während meiner Wachtzeit den Häftling Meier erschossen. Ich hatte von Hauptmann Stuckmann den Auftrag, ihn beim Holzhacken zu bewachen. Bei dieser Tätigkeit versuchte Meier, mich mit der Axt anzugreifen. Darauf schoß ich ihn mit der Maschinenpistole nieder. Ich meldete den Vorfall sofort Hauptmann Stuckmann und Oberfeldwebel Hallberg. Hauptmann Stuckmann nahm die Meldung ohne weitere Rückfragen über die Einzelheiten entgegen. Eine Untersuchung der Angelegenheit fand nicht statt ... Bei der Einführung der Gummiknüppel wies Hauptmann Stuckmann beim Antreten darauf hin, daß diese nicht nur zur Zierde getragen würden.
"So weit mir bekannt ist, haben Obergefreiter Schmitz und Obergefreiter Amend je einen Häftling erschossen, Obergefreiter Lüneburg hat zwei Häftlinge erschossen."
In einer ergänzenden eidesstattlichen Erklärung auf den Vorhalt hin, er habe noch mehr Häftlinge erschossen, erklärt Lüttringhaus:
"Ich habe keinen zweiten Häftling erschossen. In derselben Nacht, in der ich den Zwischenfall mit Meier hatte, ist in dem Arbeitsraum ... ein Häftling mit Namen Kwinawski oder ähnlich in meinem Beisein an Unterernährung verstorben. Es ist möglich, daß ich bei dem späteren Vorfall mit Meier den Toten mit meiner Maschinenpistole mitgetroffen habe."
Die Todesursache "Unterernährung" oder "Feldnephritis" löste General Wagner in dieser Zeit ab. Er belehrte Oberstabsarzt Dr. Korsukewitz darüber, daß der Hungertod kein rechter Soldatentod sei:
"Schließlich hat jeder Landser Anspruch darauf, im Einsatz zu fallen."
Korsukewitz belehrte achselzuckend weiter: "Todesursache in Zukunft nur noch: Rhodoseinsatz."
Am 18. April befahl der Kommandierende General Ost-Aegäis Dr. h. c. Wagner die Einheitsführer kurzfristig zur Kommandeurbesprechung in sein Hauptquartier nach Rodi.
Die Schwarzseherei der Einheitsführer, selbstmörderische Kritik und unverhohlene Drohungen ließen eine Bestrafung einzelner Offiziere gefährlich erscheinen. Wagner wollte keine Märtyrer
schaffen. Er fragte schroff, was das ständige Meckern bezwecken solle. Die Treue zum Führer ginge ihm über den Tod.
Die Opposition war stärker, als Wagner hatte annehmen können. Führer: Major Graf Wedel:
"Herr General, übergeben Sie die Insel, hinter mir stehen 80 Prozent des Offizierkorps!"
Wagner: "Ich übergebe auf keinen Fall. Wir halten die Insel. Ich, meine Herren, bin der Oberbefehlshaber der Insel und der Ost-Aegäis!"
Graf Wedel: "Und ich, Herr General, befehlige die Truppe!"
Es war eine echte preußisch-deutsche Offiziersrevolte. Die 80 Prozent fuhren zu ihren Einheiten zurück, ohne daß der General einen Revers unterschrieben hätte, mit dem er sich für die Uebergabe entschied. Es genügte den Revoltanten, gehört worden zu sein.
Im Gegenteil: Am 20. April ließ der General 100 Gramm Brot als Sonderration ausgeben und nahm einen Vorbeimarsch ab.
Seinen Führer und obersten Befehlshaber grüßte Baltikumoffizier, "Alter Kämpfer" der NSDAP und Gutsbesitzer Dr. h. c. Wagner auf folgende Weise:
"Kameraden, wir sind die Garanten unseres Führers auf dem äußersten Stützpunkt von Großdeutschland.
"Wenn auch die Not an unsere Türen klopft, so haben wir hier doch nicht die furchtbaren Luftangriffe wie unsere Lieben daheim.
"Eine beschauliche Ruhe liegt auf unserer Insel, und ich möchte ihr den Namen die Insel der Seligen geben. Diese Ruhe aber verpflichtet uns, die Insel zu halten."
Die Aerzte sahen sich verdutzt an. Aber der Mann da auf der Freitreppe zeigte in seiner körperlichen Verfassung und Haltung keine sichtbaren Anzeichen von Geisteskrankheit. Er redete munter weiter:
"Wir müssen Rhodos halten bis zur letzten Patrone, weil wir leben wollen. Wir wollen leben, weil wir leben müssen. Wir müssen leben, weil wir siegen müssen. Wir müssen siegen, wenn wir leben wollen.
"Unser wird der Sieg sein, und wir werden leben!"
Die folgenden Tage brachten den sichtbaren Ausdruck des Tausendjährigen-Reichs-Wahns. Die Verhexung in corpore:
Im Kastell zu Rodi präsidierte der General bei einer Reihe von Sitzungen des Stabes und referierte über seine neueste, die Offiziers-Opposition in jeder Weise entwaffnende Idee.
Die Tatsache, daß der Tommy sich nicht weiter um die Insel kümmerte, weil sie durch den Hungertod eine munitionsersparende Selbstvernichtung erlebte, hatte in dem weltfremden Peiniger der Strafsoldaten und der eingeborenen Bevölkerung die Ueberzeugung gebildet, die Insel sei unangreifbar. So propagierte er vor dem Stabe und stellte zur ernsthaften Erörterung seinen Plan, den "Staat Rhodos" zu gründen.
Wagner: "Unsere Insel wird ein Eigenstaat werden, ein wichtiger Stützpunkt am Rande Europas, der unserem Deutschland helfen wird, seinen Welthandel über das Mittelmeer und die Insel Rhodos zu leiten."
Die 999er hätten, so meinte der General, noch vieles gutzumachen, ihrer Verbrechen gegen Volk und Führer wegen. Immerhin sei es möglich, daß einzelne von ihnen das leuchtende Kleinod der Wehrwürde gewinnen und somit auch Bürger dieses freien Insel-Staates werden könnten.
"Rhodos muß wieder das werden, was es in der Antike war, die Insel des Handels, der Kultur und der Rhetorik."
Zur Nationalflagge bestimmte der General das Malteserkreuz:
"Dies wird ein Wahrzeichen des neuen Staates sein, ein Symbol und gleichzeitig eine Anerkennung der großen Geschichte des Malteserordens. Unter der Leitung deutschen Geistes wird Rhodos wieder Weltgeltung erlangen", frohlockte der General, "unsere Aufgabe ist es, vorzubereiten. Ich gründe daher heute die Rhetorenschule Rhodos und lege die Leitung dieser Anstalt in die bewährten Hände des Professors Wagenführ."
Eine "Rhetoren-Schule" mit der Bestimmung, auch nach einer möglichen Kapitulation als "Universität des Widerstandes" weiter zu bestehen. Praktisch: Nicht weit davon lag das Soldaten-KZ Calitea und das Zivilisten-KZ, nach bewährtem Muster angelegt, in dem Strafsoldaten, Italiener und griechische Einheimische bei kleinsten Vergehen eingesperrt wurden. Haft, qualvoller Hungertod oder die Erlösung vor den Läufen des Exekutionszuges ergaben den Hintergrund für die antik-humanistischen Ziele des ungewöhnlichen Generals.
Aus Offizieren, Unteroffizieren und Dienstgraden der Stammmannschaften wählte er die künftigen Künder des nur provisorisch untergehenden tausendjährigen Reiches aus, die vom Dodekanes aus - den ostägäischen Inseln - die Welt zu einer neuen nationalsozialistischen Revolution gegen die Siegermächte führen sollten, allen Panzern und zukünftigen Atombomben zum Trotz und nur auf die erbärmliche Ernährung der Inseln selbst gestellt.
Der "Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts" lieferte dem humanistischen "Universitäts"- und KZ-Kommandanten Wagner das
gern zitierte Motto dazu: "Die größten Träumer werden einst die größten Tatsachenmenschen sein!"
Wagenführ, der, mit Sonderverpflegung ausgestattet, einen "Einsatz" rundum bei allen Einheiten auf den ägäischen Inseln hinter sich gebracht und die Geheimwaffen des Führers anschaulich dargestellt hatte, ließ denn auch aus allen Einheiten wehrwürdige Soldaten zu Kursen bei Sonderverpflegung auf die Rhetoren-Schule konzentrieren.
Die Abwechslung im tödlichen Einerlei der Not wurde sehr begrüßt und am Abgrund einer weltgeschichtlichen Epoche ein Häuflein dilettantischer Volksredner im Stile referierender Obleute der Deutschen Arbeitsfront herangebildet.
Sonderführer (Z) Wagenführ wurde Hauptmann. Seine närrische Schule selbst brachte niemand einen Schaden. Für Strafsoldaten war sie verboten.
Am 29. April feierte General Wagner, nach seiner Gründungsrede "Der König von Rhodos" genannt, seinen Geburtstag. Die Strafsoldaten feierten nicht mit. Die Elendsgestalten und von den Hunden ausgescharrten Hungertoten im Soldaten-KZ bei Calitea, unweit von Rodi, sollten indes die Ehre haben, Nachbarn der Geburtstagsfeier zu werden.
Zwei Ordonnanzoffiziere hatten ein umfängliches Programm ausgearbeitet, das die Liebe zur Kunst und die Humanitas des großen Feldherrn und Staatsmannes Wagner zu berücksichtigen hatte. Zwei Schiffe mit etwa sechzig geladenen Gästen waren in der Programmfolge vorgesehen. Die sollten am Sonntag, dem 30. April, mittags 12 Uhr, vom Hafen der Stadt Rodi nach den caliteischen Bädern fahren.
Am Samstagabend, dem Geburtstagskehraus, wurde alles wieder abgeblasen: Der König von Rhodos hatte sich mit Paratyphus in das Lazarett der ersten Sanitätskompanie einliefern lassen.
Es handele sich, wurde den Truppen bekanntgegeben, um einen Rückfall des russischen Wolhynienfiebers.
Erst Tage danach sickerte die wirkliche Ursache durch:
Die Offiziersopposition hatte die als Ehrenkompanie abgestellte Einheit dazu bestimmt, den General der Strafsoldaten festzunehmen und bei Widerstand niederzumachen. Das Geburtstagskind, das tatsächlich seit Tagen an dem jährlich wiederkehrenden russischen Andenken litt, zog es deshalb vor, sich unter den Schutz der im Lazarett bei den Hungertodes-Kandidaten diensttuenden WU-Soldaten und Sanitätsdienstgrade zu stellen.
Major Wedels Opposition hatte sich für den Fall des Mißlingens eine weitere Chance offengehalten, den Wahnwitzigen von der Tafel der Weltgeschichte im Mittelmeer abzuservieren:
Am 1. Mai wollte der General wie alljährlich einen Feiertag der deutschen Nation mit Sportdarbietungen der Stammmannschaften begehen und dabei eine Festansprache halten. Aber auch diese letzte Chance, den General während der Ansprache zu erschießen, zerschlug sich. Der General blieb im Bett.
Vierzehn Tage nach Wagners Schwur, die "Insel der Seligen" bis zur letzten Patrone zu halten, obgleich sie gar nicht angegriffen wurde, fuhr der König von Rhodos ganz unvermittelt auf die Nachbar-Insel Simi und kapitulierte. Der Freistaat Rhodos platzte, bevor er seine erste Staats-Tat, eine Briefmarke mit dem Malteserkreuz, ausgedruckt hatte. Ein Verlust, den niemand mehr bedauert als Briefmarkensammler Wagner.
Der Engländer ist für Disziplin unter den Kriegsgefangenen. Die Offiziere sollen als Ordnungsorgane respektiert werden.
Am nächsten Morgen um 10 Uhr steht die 1. Sanitätskompanie angetreten. Der General spricht. Der Mann der 1300 Hungerdiebe und Verzweifelte erschießen ließ, bittet friedlich: "Kameraden, wir alle sind doch Deutsche! Wir haben doch allen Grund,
zusammenzuhalten, heute, wo unser Reich zertreten und zerstampft ist. Wir alle haben doch eine Heimat und möchten sie wiedersehen.
"Ich habe ein Gut daheim, ich gebe gern ein Stück davon an Euch, wenn Ihr keine Heimat mehr habt. Ich möchte doch auch wieder heim, möchte den Hof bewirtschaften und leben.
"Ich möchte auch Euch, die Ihr mit mir durchgehalten, wieder in die Heimat zurückführen, und gemeinsam, jeder an seinem Platz, wollen wir ein besseres Reich, ohne Zank und Hader, wieder aufbauen.
"Ich hoffe, daß Ihr vernünftig seid wie bisher und wir bald zusammen heimkehren!"
Er hob die Hand zum "Deutschen Gruß", ließ sie auf halbem Wege abschweifen und dirigierte sie an den Mützenrand:
"Auf Wiedersehen, Kameraden."
Hinter einem Holzstoß und im Hintergrunde einiger benachbarter Stubben hatten sich mit freiem Schußfeld vor Beginn dieses bemerkenswerten Abgesanges einige "Politische", etwa in Gruppenstärke, verborgen, um - ohne die Engländer zuvor um Erlaubnis zu fragen - den Generalmajor Wagner, nach Verabredung, aus Maschinenpistolen und Gewehren umzulegen, wenn er den Gruß "Heil Hitler" gebrauche. Die umdirigierte Rechte hatte ihm fürs erste das Leben gerettet.
Am nächsten Morgen wurden vier der Hintergrundschützen wegen verbotenen Waffenbesitzes von den Engländern festgenommen, aber nach Verhör wieder freigelassen und in einen anderen Haufen gesteckt.
Noch zwei Tage nach der Kapitulation hat Wagner drei Todesurteile an 999ern vollstrecken lassen. Ein Urteil war wegen Fahnenflucht gefällt worden, die beiden übrigen Landser starben achtundvierzig Stunden nach ihrer Befreiung aus der Gefangenschaft der Bewährungs- und Strafdivision 999, weil sie Gemüse gestohlen hatten. Die drei Urteile wurden von Stanun-Mannschaften vollzogen.
Die englische Militärregierung von Rhodos ließ nach der Kapitulation stichprobenweise Soldatenleichen auf dem Feldfriedhof Camiro ausbuddeln, wo etwa 2200 Opfer der Strafjustiz und des Hungers eingegraben worden waren. Die Todesursachen sollten ergründet werden, nachdem Paul Knolls 1. Sanitätskompanie/999 bei den Vernehmungen geschlossen ausgesagt hatte, daß Wagner den Hungertod verboten habe. Auch im Soldaten-KZ in Calitea taten es jetzt ein paar Spaten den wildernden Hunden nach und
warfen befehlsgemäß einige fleischlose Hungerskelette auf den Sand.
An denen konnte selbst der objektive englische Armeearzt keine Todesursache mehr feststellen.
Buddel-Grund: Die Summe der Wagnerschen Kriegsverbrechen sollte nach englischem Recht aktenkundig gemacht werden.
Die Italiener machten sich die Sache dann einfacher und schickten den Dr. h. c. Wagner wegen Erschießung hungernder Zivilbevölkerung und italienischer Soldaten auf fünfzehn Jahre ins Zuchthaus.
Nur der Gefreite Goldberg fiel den Engländern bei den Ausgrabungen auf dem Friedhof Camiro wohlerhalten und unvermodert in die Hände:
Unter militärischen Ehren nämlich hatte der General in den letzten Herbsttagen seines rhodesischen Zukunftsstaates "zwei wehrwürdige Gefreite" beisetzen lassen, deren einer den nichtarischen Namen Goldberg trug. Todesursache: Unfall.
Der Gefreite Goldberg und sein Kamerad hatten sogar wohlgezimmerte Särge erhalten.
Als der Sargdeckel geöffnet wurde, kam der "Goldberg" dann unversehrt zutage: Ein wirres Durcheinander von Gold und Edelsteinen, Münzen und Geschmeide. Herkunft unbekannt. Auch die Engländer fragten nicht weiter danach, sondern überführten den exhumierten Gefreiten unter stärkerer Bewachung, als sie für gewöhnlich einem verblichenen Helden zukommt, nach London. Der zweite Sarg wurde trotz allen Buddelns nicht mehr gefunden. Wagner oder ein Mitwisser mag ihn wieder ausgegraben und als Zehrpfennig für die Zukunft an einem verschwiegenen Orte seiner Insel der Seligen versteckt haben.
Bis Juni 1945 blieben die kriegsgefangenen Strafsoldaten, zum letzten Male entwaffnet und als "PW"-Nummern weiterhin im Verein mit Verbrechern, auf Rhodos.
Einem Teil half auch Colonel Ries' gute Verpflegung, die den beiden Zügen von Paul Knolls Sanitätskompanie in der Stadt Rodi und auf dem Monte Profeta im Malaria-Süden sofort zugeleitet worden war, nur zu rascherem Tode. Die erschöpften Körper nahmen die Nahrung nicht mehr an oder reagierten negativ darauf
In Düsseldorfs Industriehaus, Am Wehrhahn 96, sitzt fünf Jahre später, im Januar 1951, politischer Strafsoldat a. D. Karl Ibach als Nordrhein-Westfalen-Chef des Bundes der Verfolgten des Naziregimes (BVN) und streicht mit Rotstift eine Meldung aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" an:
* "Der Landessekretär des (nichtkommunistischen) BVN, Karl Ibach, Düsseldorf, erklärte, der Bund wolle unter Aufgebot von 5000 Personen nach einer Protestversammlung in der Rheinlandhalle in Düsseldorf die Aufführung des ersten Veit-Harlan-Films verhindern und in Frankfurt ähnliche Maßnahmen in die Wege leiten."
"Natürlich verhandeln wir vorher gütlich mit dem Kinobesitzer", lenkt Ibach ein. "Wenn er dann den Film trotzdem aufführen will, so kann ich dem Herzog-Film-Verleih nicht helfen, dann geht der Film eben hoch, mit allen Mitteln, die gesetzlich möglich sind."
Wer, wie Harlan, filmische Mordhetze getrieben habe, der müsse sich damit abfinden, daß die überlebenden Opfer solcher Mordhetze
sich geschworen hätten, Männer seines Schlages von der Film-Bildfläche verschwinden zu lassen.
Oberst Wolfgang Müller, nach dem 20. Juli 1944 zum Schützen zurückbefördert, bläst den Tenor dazu in seiner BVN-Zeitung "Das freie Wort". Die will auch den vielen idealsozialistischen 999ern das Wort reden, die es mit Heuberg-Kamerad Ibach halten:
Der ist nach 19jährigem vermeintlichen Kampf um eine Arbeiterbewegung 1949 aus der KPD ausgetreten und hat sein Amt als Düsseldorfer VVN-Sekretär niedergelegt, weil die sozialistische Wirklichkeit in Sowjetrußland nicht zu finden ist. Stalin sei weder Kommunist noch Sozialist, und die westdeutsche KP nebst der ostdeutschen SED seien nur Anhängsel seiner aggressiven und expansiven Kreml-Politik und opferten bedenkenlos und in einer Art Bewußtseins-Spaltung alle Grundsätze der Bewegung vor 1933 der Unterwerfung unter die panslawistische Machtpolitik Iwans des Schrecklichen, Peters des Großen und Stalins. Deshalb habe er mit WU-Kameraden der Hitlerzeit die VVN-Konkurrenz BVN gegründet und das Parteibuch der SPD erbeten.
Jeder wehrunwürdige Soldat erinnert sich an eine andere Einzelheit des in der Kriegsgeschichte einmaligen Ersatztruppenteils 999.
In den Zuchthäusern hatten mit bewährter Gründlichkeit ab November 1942 fortlaufend Kommissionen des Justizministeriums unter Leitung einiger Oberstaatsanwälte die Strafakten geprüft und die Auserwählten der ärztlichen Musterungskommission vorgestellt. Während von den in Freiheit befindlichen ehemaligen Zuchthäuslern zunächst ausnahmslos politische Täter eingezogen worden waren, gingen die Staatsanwälte schon etwas weiter und kassierten außer den Politischen auch leichtere Kriminelle.
Organisator Ibach notierte sich aus der wachen Anschauung das folgende Schema:
Am liebsten und in der Mehrzahl zogen diese Kommissionen den Zuchthauskittel der nachfolgenden Kategorie aus:
* Wilddieben
* Betrügern
* Unterschlägern
* Schwarzschlächtern
* Affekttätern
Zu dieser Zeit waren noch völlig ausgeschlossen:
* Sittlichkeitsverbrecher
* Blutschänder
* Totschläger
* Mörder
* Raubmörder
Bei der Auswahl der Politischen sah das Schema die Einziehung aller Gefangenen vor, die bis zu zehn Jahren Zuchthaus bekommen hatten.
Später machte der ungeheure Menschenverschleiß an den zusammenbrechenden Fronten die staatsanwältlichen Zuchthauskommissionen gänzlich überflüssig. Keiner war mehr zu schlecht für das Hoheitsabzeichen.
Die Fantasie-Zahl 999 hatte sich Oberst Thomas im Führerhauptquartier ausgedacht, um durch möglichst hohe Numerierung jedem Verdachte vorzubeugen, als handele es sich bei diesen Einheiten um Truppen mit Pflichten und Rechten regulärer Einheiten.
Die Zahl 999 war am populärsten geworden als "Verbrechernummer" des Londoner Fernsprechamts. Dreimal die "9" gewählt, und schon rast ein Kommando von Scotland Yard zur Stelle des Ueberfalls.
Die "Afrika-Brigade 999" hatte noch aus regelrechten Regimentern bestanden: 960 bis 968. Nach der Vernichtung der Afrika-Brigade wurde der Heuberg erst in neuem Sinne militärisch durchorganisiert. Seit dem Sommer 1943 wurden Feldeinheiten aufgestellt, und zwar kompanieweise durchnumeriert, von Komp. 1 bis Komp. 21. Dann wurden nur je vier Kompanien numeriert: Kp. 1 bis 4, und zu Bataillonen zusammengestellt.
Fortsetzung folgt.
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