14.03.1951

TITOISTENAus Selbsterhaltung

Unter Osterglockengeläut wollen sich abtrünnige Genossen Max Reimanns am 25. März zur Unabhängigen Deutschen Arbeiterpartei (UDAP), einer moskaufeindlichen kommunistischen Sekte, zusammenschließen. "Demonstrativ in der alten Konkordats- und Reichstagsstadt Worms", sagt Parteigründer Josef Schappe. In Worms wurden bei der letzten Gemeinderatswahl am 14. 11. 48 fünf Kandidaten der "Unabhängigen Kommunisten" (jetzt "Sozialistische Union") in den Stadtrat gebracht, neben drei KPD- und 15 SPD-Stadträten.
Den Stachel gegen Walter Ulbrichts SED-Zentralkomitee und die Achse Pankow-Moskau trug der 44jährige Jupp Schappe schon in der Westentasche, als er noch Chefredakteur des KP-Zentralorgans "Freies Volk" war. Altkommunist Schappe plädierte für einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus und kam so in Kontrast mit der Parteilinie. Februar 1950 fiel er vom Chefredakteurstuhl. Einige Monate später machte er seine eigene Zeitung auf: "Freie Tribüne", Auflage 30 000. Eindeutiger Kurs: linkskommunistisch, aber gegen die Moskauer Parteidiktatur.
Wie in verschiedenen westeuropäischen Ländern*) reifte nun auch unter den deutschen Kommunisten die "Los-von-Stalin-Bewegung", Gegenpol der Moskauer Direktive, alle kommunistischen Parteien zu Parteien "neuen Typus" umzuformen, d. h. sie nach dem Muster der KPdSU (Bolschewiki) zu einer schlagkräftigen Kadergruppe des Kreml umzuformen, da in Westeuropa ohnehin alle Voraussetzungen dafür fehlen, daß die KP Massenpartei wird Diese Taktik ist eine logische Konsequenz aus dem Versagen der westeuropäischen kommunistischen Parteien, als Massenorganisation in die Breite zu wachsen und die Macht zu erobern. Deshalb permanente Säuberung und Kaderauslese der reinen Stalinisten, die den Alten im Kreml wie
einen Herrgott verehren und sich für ihn notfalls in Stücke reißen lassen.
Anders die Schappianer.
Schappe sei, tönte Radio Moskau, ein Mietling des amerikanischen Monopol-Kapitals, und Hochkommissar McCloy habe ihm eigenhändig 250 000 DM in die Taschen gesteckt.
Es waren aber nur 100 000 DM, und die kamen nicht vom Petersberg herein, sondern durch 2500 zirkulierende Spendenlisten für Schappes Anti-KP-Kampfschatz.
Der richtige warme Wind wehte aber erst in die Parteigründungskasse, als aus Münchens Forstenriederstraße 452 der Mitgründer Georg Fischer, 52, nach Düsseldorf anreiste. Fischer war im ersten Kabinett Ehard Staatssekretär für Wirtschaft gewesen. Im Landessekretariat der Bayern-KP wurde er im September 1949 mißliebig, weil er nicht kritiklos auf der Parteilinie marschierte. Er wurde als "Objektivist" gebrandmarkt und ausgestoßen. Schorch Fischer hatte mehr noch als Jupp Schappe Einblick in das politische Sündenkonto seiner Genossen und ihres zahlenden Rückversicherer-Anhangs gewonnen.
Der Exkommunikant zog nun abgegriffene Spendenlisten aus der Brieftasche und rechnete vor, was er früher so im Vorübergehen in Münchens Geschäfts- und Industriewelt für Bayern-KP-Filiale abkassiert hatte. "Woas gloabens denn", sagte er, "die zoahln halt immer wieder, wann i vorkomm!". Die Taktik machte sich bezahlt.
Auch ideologische Kernsätze hat Schorsch Fischer für die Stalin-Abtrünnigen beigesteuert, etwa über die Notwendigkeit einer dritten deutschen Arbeiterpartei neben SPD und KPD: "Während die KPD-Führung durch ihre bedingungslose Gebundenheit an die sowjetische Außenpolitik und deren Maßnahmen von Tag zu Tag mehr Einfluß und mehr Arbeiterpositionen einbüßt, hat die SPD ihre nach dem ersten Weltkrieg übernommene Rolle des Arztes am Krankenbett des Kapitalismus mit Erfolg fortgesetzt. Jedem Marxisten wird klar sein, daß die SPD ihre relative Stärke dem Fehlen einer Partei der Arbeiterklasse zu verdanken hat."
Inzwischen war auch Schappe aktiv. Als Mitglied der Bezirksleitung kannte er die
intimen Machtkämpfe in Max Reimanns Befehlsstab, der nach der Beschlagnahme des neuen Düsseldorfer Parteipalastes durch britische MP in Herne unterschlüpfte. Etwa zehn Prozent der Funktionärs-Hierarchie ließen sich durch Schappes individuelle Flugblatt-Attacken auf titoistische Abwege locken. Auch die Mitglieder schwiegen nicht. Sie gingen gruppenweise zu den Rebellen über.
Den Zerfall von Westdeutschlands KP belegte Schappe mit Pleite-Zahlen. Noch am 16. April 1948, zu Thälmanns Geburtstag, sind auf einer Sekretariatssitzung der Rhein-Ruhr-KP 131 000 zahlende Mitglieder ausgezählt worden. Ende 1949 waren es noch knappe 50 000.
Für die Abdrift des Zentralorgans "Freiheit" gab Schappe an: 1946 = 312 000 Abonnenten. Vor der zweiten Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen (Juni 1950) noch 180 000. Das Nachfolgeblatt "Freies Volk" begann am 1. Januar 1949 mit 84 000 Lesern, hatte im August noch knappe 60 000 und sackte im Herbst 1950 auf 28 000 Unentwegte ab.
600 Funktionäre der Partei traf der Bannstrahl des Partei-Ausschlusses.
Schappe selbst stolperte schließlich - nach Absetzung als KP-Chefredakteur - über die Oder-Neiße-Linie aus der KP. Er hatte in einer Funktionärsitzung die Annexionen unmarxistisch genannt mit Hinweis auf Altvater Lenin; der schrieb 1918: "Ein gerechter oder demokratischer Friede ist ein sofortiger Friede ohne Annexionen und ohne Kontributionen. - Solche Friedensbedingungen werden bei den Kapitalisten keine wohlwollende Aufnahme finden, bei allen Völkern aber eine ungeheure Sympathie erwecken ..."
Das war Ekrasit für Reimanns angeknockten Führungsapparat. Bald darauf bekam Opponent Schappe von Wilhelm Piecks persönlichem Referenten Walter Bartels eine Einladung nach Berlin - angeblich zu einer internen Tagung des Komitees der ehemaligen Buchenwald-Häftlinge. Schappe, der zehn Jahre im SS-KZ gesessen hat, fürchtete, daß er abermals in Buchenwald landen werde, diesmal im Sowjet-KZ. Also fuhr er nicht nach Berlin, sondern kündigte Pieck und Ulbricht den Gehorsam und sammelte die proletarische Opposition der Moskau-Untreuen. Das hatten schon andere Abtrünnige vor ihm versucht - es wurde nie etwas daraus.
Schappe ließ seine Rebellion gegen Moskau sehr vorsichtig anlaufen, trommelte in Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hamburg die Unzufriedenen-Haufen mit Linksdrall zusammen. Länder-Komitees und Arbeitsausschüsse entstanden in 50 größeren Städten, dann die ersten 100 festen Ortsgruppen. Ideologisch will Schappe da anknüpfen, wo der linke Flügel der deutschen Sozialdemokratie (USPD = Unabhängige Sozialdemokratische Partei) 1920 endete*). Dazu brachte Dichter-Sohn Wolfgang Leonhard, 36, noch eine Dosis Titoismus aus Belgrad mit. (Vater Rudolph Leonhard lebt als Literat auf einem SED-Ausgedinge in der Ostzone).
Leonhard junior wurde stalin-untreu trotz zehnjähriger Komsomolzenschule in
der Sowjet-Union. 1949 brannte er mit seiner Braut aus der SED-Theoretiker-Kaserne in Klein-Machnow, wo er ein Jahr lang Dozent war, nach Belgrad durch. Jugoslawische Freunde verschafften ihm Paß und Flugticket zum Hauptquartier Titos. Dort ging Wolfgang nochmals in die Theoretiker-Schule und hämmerte danach die Thesen für den Osterspaziergang der Abtrünnigen nach Worms:
* Die UDAP erkennt weder die Bundesrepublik noch die Ostzonenrepublik als demokratisch-legitim an. Sie verlangt Frieden ohne Annexionen und Wiederherstellung des deutschen Territoriums nach dem Stand von 1937.
* Sonderforderungen gegenüber den stalinistischen Genossen in Pankow: Freilassung aller politischen Gefangenen, Auflösung der Sowjet-AGs, unbeschränkte Meinungs- und Diskussionsfreiheit, Einstellung der Russifizierung des Geisteslebens.
Auch Georg Fischer würde gern einmal nach Jugoslawien fahren. Aber er fürchtet, daß es dann heißt: "Erst hat er seine Direktiven von Stalin bezogen, und jetzt holt er sie von Tito. Allerdings: "Es gibt viele Grundprinzipien, in denen wir mit Tito sympathisieren, z. B die Frage der Gleichberechtigung der verschiedenen kommunistischen Parteien untereinander." Eine sozialistische Bewegung ohne internationale Solidarität könne nicht erfolgreich sein.
Zweiter politischer Souffleur des UDAP-Aktivs ist Werner Sicher. Bei dem wissen die Genossen manchmal nicht, ob er überhaupt Sicher ist. Mit Rußki-Akzent hämmert er seine Thesen herunter. Sicher ist nur, daß der etwa 40jährige Radek-Typ von 1923 bis 1926 in Moskau Sekretär der Komintern war, später soll er in deutschen
Oppositionsgruppen der KPD eine bislang nicht geklärte Rolle gespielt haben.
Als ideologischer Wachhund soll er offensichtlich für die gleichmäßige Verteilung von Licht und Schatten nach Ost und West in der politischen Argumentation und Propaganda der UDAP sorgen.
Von der politischen Oberaufsicht der Besatzer wird Schappes kommunistische Sekte ruhig links liegen gelassen. Amtsgerichtsrat a. D., Ernst Schmalz, Generalsekretär der CDU in Kölns Marienburg und Chef der "Ersten Legion", bekam sogar Winkzeichen, seine Legionäre von der Treibjagd auf die neue Partei und ihre Spendenzahler zurückzuhalten. Man brauche sie als Bundesgenossen gegen die östliche Infiltration.
Tito-Satellit Schappe entlarvt rücksichtslos die ihm bekannten Agenten von drüben. Schon aus Selbsterhaltungstrieb.
* Letztes Beispiel: Italien. Seit der Revolte der beiden kommunistischen Abgeordneten Magnani und Cucchi gegen die Parteilinie habe die KP schon 10 000 Mann verloren, ragte Ignazio Silone, selbst alter Moskau-Renegat.
*) USPD wurde im Oktober 1920 auf einem Parteitag im Volkspark zu Halle von dem damals 34jährigen Gregorij Sinowjew (Apfelbaum), Gastdelegiertem der Bolschewiki, gespalten. In viereinhalbstündiger Rede, einem Meisterstück von Demagogie, brachte Sinowjew es fertig, die Partei mit 4,5 Millionen Wählern, 160 Zeitungen und einem großen Organisationsapparat so zu zerschlagen, daß ihre Reste im nächsten Frühjahr die Selbstauflösung beschlossen. Die Mehrheit ging zur neugegründeten KPD, die Minderheit kehrte reumütig unter die Fittiche der SPD zurück. Später wurde Sinowjew ein Opfer der ersten großen Säuberungsaktion in der UdSSR. Stalin ließ ihn erschießen.

DER SPIEGEL 11/1951
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