14.03.1951

„SIE HABEN ETWAS GUTZUMACHEN“

Ein Tatsachenbericht vom Einsatz der Strafsoldaten
Die letzte Fortsetzung schloß mit dem Erlebnis des Soldaten Heß, der sich aus dem bulgarischen Zentralkriegsgefangenenlager Bojana bei Sofia hinausschleicht, um beim NKWD die Befreiung der politischen 999er aus bulgarischer Kriegsgefangenschaft zu erreichen. Der NKWD versprach Hilfe und setzte Heß in der Nähe des Lagers wieder ab.
6. Fortsetzung
Drei Tage nach seiner Flucht passierte der abenteuerliche Sachse kurz vor Mitternacht den Stacheldraht und grüßte kollegial den verschlafenen Bulgarenposten, der ihn sofort um eine Zigarette oder sonst etwas ansprach. Das beste war in solchem Fall ein kaltblütiger Hustenanfall, der keine Antwort zuließ. Dann verschwand der Strafsoldat in seiner Baracke.
Am nächsten Morgen war die Sensation im Lager Bojana herum. Das Aktivisten-Komitee wurde wieder keck und sandte auf die Gefahr einer neuen Eisschikane ein regelrechtes Ultimatum an den bulgarischen Kommandanten:
* Wir haben verschiedentlich versucht, über Sie mit einigen Stellen in Sofia in Verbindung zu treten.
* Sie haben diese unsere ehrlichen Bemühungen verhindert.
* Wir haben Ihnen vor einigen Wochen erklärt, daß wir auf alle Fälle in die Oeffentlichkeit treten werden. Dies ist jetzt geschehen.
* Unser Freund Helmut Heß war drei Tage in Sofia, hat dem NKWD unsere unhaltbare Lage berichten können und ist in dieser Nacht zurückgekehrt.
Die Antwort der bulgarischen Lagerleitung war vernichtend:
Völlig unbelehrt, ließ der Kommandant sämtliche Maschinengewehre auffahren und über den Köpfen der im Freien zusammengetrommelten 999er eine Art Böllerschießen veranstalten. Danach wurde das Lager augenblicklich bis auf einen kleinen Rest von Kranken und Kommandierten geräumt, die Insassen wurden in kleine Gruppen aufgeteilt und zum Eisenbahnbau in der Länge des Strumatals auf Baustellen verteilt.
Da das ganze Lager nur zwölf Mäntel, also unter ein Prozent der notwendigen Menge, bekommen hatte, und da einzelne Gefangene bis auf die zerrissene Hose, den Rock und die zerschabte Decke bereits alles in Zigaretten umgetauscht hatten, die Vernünftigeren aber auch nur noch das wenige besaßen, was die unmenschlichen Strapazen überstanden hatte, war der Haufen für den Arbeitseinsatz keineswegs brauchbar.
Neuer Befehl: Alles vom Lagerhof in die Baracken zurück und mit sämtlichem Gepäck in den eingeteilten Gruppen abmarschbereit machen.
Wieder pfeift eine MG-Garbe über die Barackendächer. Dann steht eine vor Kälte zitternde, in Lumpen gehüllte Masse zu vier Gliedern, in den Händen verrostete Konservenbüchsen. Hier und da auch, wie ein ersterbendes Fünkchen Geist, ein selbstgefertigtes Schachbrett.
Dann werden harte, muffige Schiffszwiebäcke als Marschration verteilt, und sich gegenseitig stützend kriecht der aufs neue bestrafte Haufen auf Händen, Füßen und Hosenboden ins Tal.
Aus der Traum mit der Offiziersabordnung. Da steht eine andere Macht zwischen dem Kommissar und dem Lagerkomitee, und diese Macht war noch vor kurzer Zeit eine königliche Armee. Mit der aber hatten die Ibach und Schulz, der Oeltzner und Heß nicht gerechnet.
Es ist Januar 1945. Schlotternd zieht die Schlange an den Verladebahnhof. Je dreißig bis vierzig Mann belegen einen Eisenbahnwagen. Frierend hocken sie zusammen, die Füße versagen den Dienst.
Die Rotarmisten, die dem Traueüzug begegnen, blicken ihn mit fremden Augen an.
Dann setzt sich der Zug, durch dessen Ritzen der Eiswind weht, in Bewegung.
Der gefährliche Haufen ist unschädlich gemacht. Er arbeitet mit Pickel und Spaten und muß die gefrorene Erde zuvor durch Feuerbrände auftauen. Wenn die nackten Hände das kalte Eisen berühren und der Strafsoldat nicht aufpaßt, reißen ihm festgefrorene Hautfetzen dabei ab.
Die Bulgaren planen, eine strategisch wichtige Bahnverbindung von Sofia zum Aegäischen Meer herzustellen. Die WU-Leute, der Rest, der ihren Granaten und den Strapazen entronnen ist, hat ja seit einem Jahrzehnt nichts anderes verrichtet als Sträflingsarbeit. So paßte das hier ganz gut.
Nach zwei Wochen sickerte es durch, daß nach dem von den Bulgaren so eilig inszenierten Abmarsch tatsächlich eine Offizierskommission der Roten Armee das Lager Bojana besichtigt und das Versprechen des NKWD-Offiziers damit eingelöst hatte. Sie traf nur noch auf die Reste der Kriegsgefangenen, meist Kranke und Reguläre, und mochte erstaunt gewesen sein über den Alarm, den
Heß geblasen hatte. Um nur irgend etwas durchzuführen, setzten die roten Offiziere einen alten Stabsfeldwebel vom Stamm ab, den die Bulgaren zum deutschen Lagerkommandanten gemacht hatten, und empfingen auch einen 999er, der über Wachmannschaften einen Nachrichtendienst zu den Streckenarbeitern im Strumatal aufrecht erhielt und versicherten ihm auf seine dringenden Vorstellungen, der Wunsch der Politischen werde erfüllt. Sie kämen bald in die Sowjet-Union. Sie hinterließen auch einige deutschsprachige Exemplare der Zeitung "Freies Deutschland" des National-Komitees und zogen sich wieder zurück.
Das Versprechen, in die Sowjet-Union überführt zu werden, bewahrheitete sich auch bald, "aber in einer von uns Politischen nicht erwarteten und überraschenden Form, die uns den Atem verschlug", berichtet Ibach, wir hatten erwartet, als Freunde nach Rußland zu gelangen, um dort wie die Emigranten als gleichberechtigte freie Menschen leben und nach Beendigung des Krieges wieder in unsere Heimat zurückkehren zu können."
Sie wußten nicht, daß auf Grund des Waffenstillstandsvertrages zwischen Rußland und Bulgarien sämtliche deutschen Kriegsgefangenen der Bulgaren an Rußland auszuliefern waren. Das Aussieben wirklicher sowjetfreundlicher Elemente überließ die Rote Armee dem National-Komitee und mischte sich zur großen Enttäuschung der Politischen in diese weltanschaulichen Dinge nicht ein.
Unter Hunderttausenden von Kriegsgefangenen gibt es keine Sonderbehandlung, das hatten die niedergeschlagenen Roten ebenso übersehen wie die Aversion zwischen dem exköniglichen bulgarischen Offizierskorps und der Roten Armee. Politiker, auch idealistische, sind nicht immer Diplomaten. Organisator Ibach und Spanien-Freiwilliger Oeltzner von der Internationalen Brigade waren keine.
März 1945. Die 999er aus Bojana treffen sich wieder vor einem leeren Güterzug. Der steht auf der Station Simitli. Ein kurzer militärischer Akt: Ein Bulgaren-Offizier übergibt den ganzen Haufen, an dem kaum mehr ein deutscher Uniformfetzen zu erkennen ist, einem russischen Kommando. Eingehende Inspektion, dann beginnt eine Fahrt von 18 Tagen, ein Kriegsgefangenentransport wie tausend andere, die seit Kriegsbeginn kreuz und quer, nach der Laune des Kriegsglücks, durch Europa fahren. Und die Strafsoldaten wollen es noch immer nicht begreifen, daß die russischen Wachmannschaften keine Befugnis haben, Politische, Kriminelle und Reguläre voneinander zu trennen.
Erwin Bartz allerdings hat es gescheiter angefangen in Griechenland.
Sein Radebrechen hat allmählich sprachähnliche Gestalt angenommen, und mit: "Extra prima, en daxi!" (Sehr gut, in Ordnung!) und mit der Zauberformel: "Aide, Synagonistes!" (Vorwärts, Mitstreiter!), mit "Cato o Nazissos!" (Weg mit den Nazis!) kann man leicht das Mißtrauen zerstreuen. Als höchste Anerkennung aber spenden die Politischen im Umgang mit der Bevölkerung die wunderliche griechische Uebersetzung aus der Feldwebelsprache "Poly en daxi!" (Sehr in Ordnung!)
Als die 3. und die 4. Kompanie des XXI. Festungs-Infanterie-Bataillons 999 Kardizza verläßt, marschiert hinter ihnen die Partisanenarmee in die Stadt ein. Kaum ein Schuß fällt. Die Griechen ahnen, daß die Deutschen nicht wiederkehren werden. Neuer Standort ist der Hafen Volos.
Ein Politischer der 4. Kompanie setzt sich mit einem Trick zu den Partisanen ab. Im Bataillonsstab heißt es zwar, der Mann sei bei der Beaufsichtigung griechischer Gefangener und Zivilinternierter von Banditen niedergeschlagen und verschleppt worden, und die Stammannschaften verspotten die Politischen wegen der mangelnden Solidarität ihrer Freunde von drüben.
Es war aber wirklich nur ein Trick. Der Arbeitsplatz wurde etwas in Unordnung gebracht, um ein vorangegangenes Handgemenge zwischen dem WU-Mann und seinen Gefangenen vorzutäuschen, dann verschwand die ganze Gesellschaft in bester Eintracht in den Bergen, ohne daß ein neues Strafgericht über das Bataillon hereinbrach.
In Volos wird auch der Zeitpunkt einer Meuterei der Politischen bis auf die X-Zeit 5.30 Uhr genau für die 1., 2. und 4. Kompanie vereinbart. Der erste organisierte Aufstand von Heuberg-Soldaten überhaupt seit der militärischen Mißgeburt der Strafdivision 999.
Man kann es sich erlauben, die entfernter stationierte 3. Kompanie einfach durch Partisanen benachrichtigen zu lassen. Das Netz ist fein gefädelt. Die einzelnen Trupps der Verschworenen pauken sich ihre Aufgaben ein:
* Telefonleitung nach Agria am Aegäischen Meer unterbrechen
* Mit Pak Straße sichern
* Schreibstube besetzen
* Offiziere entwaffnen.
Diesmal hat jeder vor den Kriminellen dicht gehalten.
Aber Bartz hat trotzdem eine Sorge: Der Vertrauensmann der Aktivisten-Gruppe des Bataillons, der im Bataillonsgefechtsstand Dienst tut, hat schon am Abend vorher gemeldet, vom Divisionsgericht
sei das Todesurteil für den WU-Mann Karl Fladerer eingetroffen, den Mann, der das Huhn ablehnte, weil er kein Räuber sei.
Der Mann muß verschwinden, und die X-Zeit wird abgeblasen.
Längst nicht jeder Politische ist ein Mann von Charakter Einer, ein Großsprecher, der einst als Mitwisser von der Gestapo verknackst wurde, heißt Martinak. Als ihm Fladerer kurz vor dem hastigen Abhauen ein Wort zuwirft, hält der nicht dicht, und der Erfolg ist ein Bataillonsbefehl:
"Alle Beschuldigten sofort verhaften. Alle Sicherheitsmaßnahmen zur Unterdrückung einer Meuterei ergreifen. Alle Viertelstunden berichten."
Fladerer ist bei den Partisanen. Drei, vier andere hinterher. Da Martinak über nichts Näheres unterrichtet ist, reimt er sich unter dem Druck des Verhörs wahllos eine Gruppe, darunter Bartz, zusammen; denn den Bartz hat er öfter mit Fladerer gesehen.
Eingesperrt werden acht Mann, die ebensoviel oder ebensowenig an der X-Stunde beteiligt sind, wie die vierhundert Politischen. Sie lassen den übrigen Verschworenen durch Kassiber den Tip zukommen, die Stunde X mit der Stunde der Erschießung der acht zusammenfallen zu lassen. Wenn die acht, die auf ihr Todesurteil warten, erst einmal aus ihren Zellen heraus sind und zur Exekution geführt werden, sind sie leichter zu befreien.
Die Führung des Bataillons, der Bewegung nicht mehr recht Herr, verzichtet auf Geisel-Erschießungen politischer Strafsoldaten, als die Ueberläufe sich mehren. Man steckt in einem Sack und fühlt sich nicht wohl darin. An jeder Straßenecke standen in Volos zum Schluß griechische Kinder, die den 999ern zuriefen: "Komm, Kamerad, parti, partisan, partisan extra prima!"
Als die acht Strafsoldaten aus dem Gefängnis von Volos dem Kriegsgericht vorgeführt werden, wird gerade der Unteroffizier Vollmer vom Stamm erschossen, weil er angeblich Kenntnis von der Verschwörung hatte und keine Meldung machte.
Die Gruppe hat nichts mit ihm zu tun. Der Mann stirbt aus Versehen. Ganz Volos aber ist auf den Beinen, als die acht Partisanenfreunde vor dem Richter stehen.
Die Stunde X scheint näher zu rücken. Aber "... das Kriegsgericht sieht sich auf Grund der besonderen Umstände nicht in der Lage, die Beschuldigungen hinreichend zu klären. Die Angeklagten werden deshalb zur sondergerichtlichen Behandlung nach Deutschland überführt."
Auch eine Beförderung gibt es an diesem Tage:
* Strafsoldat Martinak wird wehrwürdig gesprochen.
Als der Stadtkommandant zur Vorbereitung des Rückzuges die berühmte Zigarettenfabrik von Volos in die Luft sprengen will, wagt sich die ELAS offen in sein Quartier. Zum ersten Male stellt ein Partisanenparlamentär Bedingungen, und der Kommandant darf nicht mehr wagen, ihn als Freischärler nach der Haager Landkriegsordnung standrechtlich umlegen zu lassen. Der Parlamentär bietet Zigaretten als Lösegeld für die Fabrik. Nimmt der Stadtkommandant dieses Angebot nicht an, so werden sämtliche gefangenen deutschen Offiziere erschossen. Die Fabrik bleibt stehen, und es gibt Zigaretten wie noch nie.
Die Stunde X geht im Taumel des Rückzuges und der Auflösung unter. Wer in Volos türmen will, der türmt. Aber es traut nicht jeder den Partisanen. Es könnte manchem wie Witte ergehen. Und es ist auch nicht jeder ein den Partisanenregeln eingeschworener ELAS-Mann, der jetzt plötzlich Morgenluft spürt...
Die acht Gefangenen werden in Handschellen mitgenommen. Dazu sämtliche übrigen Insassen des Gefängnisses, soweit sie der Wehrmacht angehören. Die Begleiter schelten: Die acht haben
es gar nicht eilig. Es ist ein Fußmarsch, und Larissa im Norden am Partisanengebiet des Olymp ist noch fünfzig Kilometer weit.
Nach dreißig Kilometern sind die acht lästigen Gefesselten endlich abgeblieben. Die Begleitmannschaft ist vorneweg marschiert. Bartz und seine Freunde desertieren. Mit gefesselten Händen.
Dann hilft ein Schäfer, schreit in ein Gehöft hinein: "Min pirowollas, ferno germanus lipotaktes!" (Nicht schießen, ich bringe deutsche Ueberläufer.)
Und dann hilft ein ganzes Dorf den wunderlichen Soldaten und steckt die italienischen Karabiner, die sich die Männer beim Heranrücken der acht Deutschen schon gegriffen hatten, wieder unter die Kopfkissen.
Es hält schwer, dem ersten Partisanenoffizier, der zur Vernehmung der Gruppe ins Dorf kommt, Wesen und Art des ganzen Undings 999 klarzumachen.
Der erste Partisanenauftrag besteht aus einem Stoß deutscher Flugblätter und einem Sprechrohr. Die acht sollen eine versprengte größere Einheit der Wehrmacht, die vor einer gesprengten Brücke steckengeblieben ist, etwa ein Bataillon, propagandistisch bearbeiten. Strafsoldat a. D. und Griechen-Partisan Erwin Bartz steht auf einem vorspringenden Felsen und peilt die Deutschen, Reguläre irgendeiner Einheit, per Megaphon an:
"Achtung, Kameraden, hier sprechen deutsche Soldaten bei der ELAS. Ihr wißt, daß Ihr in den Tod geht, wenn Ihr den Rückzug weiter mitmacht. Schluß mit dem Wahnsinn, kommt zu uns, denkt an Eure Frauen."
Der Erfolg ist höchst unerfreulich. Das Bataillon da drüben knallt aus allen Rohren, und die Partisanen hatten recht, den Haufen zum Ueberlaufen aufzufordern, statt anzugreifen.
Strafsoldat Fred Faatz hat als ELAS-Partisan bessere Erfahrungen gemacht als der unglückliche Student Arthur Witte oder die deutsche Partisanenkompanie, die nach Sofia marschierte.
Der heutige Arbeitsgerichtsrat Faatz, als Student SPD-Mitglied geworden, bestand im Januar 1933 seine Eignungsprüfung für die höhere Kriminallaufbahn. Man empfahl ihm Hitlers NSDAP als neue Ideenheimat, garantiert erfolgversprechend für jegliche Karriere.
Nun lehnte der Herr Anwärter ab und verlegte sich auf die Herstellung illegaler Flugblätter. Drei Jahre Zuchthaus wegen Vorbereitung zum Hochverrat waren die Quittung.
Am 9. September 1943, am Tage des Badoglio-Putsches, zog der zum Nahkämpfer und Telefonisten gedrillte Strafsoldat Fred Faatz auf der jonischen Insel Zante ein, mit der 4./VII. Fest.-Inf.-Btl. 999, und avancierte als Mann der Feder zur Schreibstube. Seine erste Aufgabe war, mit dem Spieß die Vorschlagslisten zu einer der seltensten Handlungen in der Strafdivision 999 aufzustellen, nämlich zur "Verleihung der Wehrwürdigkeit an bewährte Strafsoldaten". Die vierte Kompanie brachte ausnahmslos Ganoven mit mindestens zehn Vorstrafen in Vorschlag. Fünf davon wurden vor der angetretenen Kompanie zu ehrbaren Kämpfern für Volk und Reich erklärt und sofort zu "Bonbon-Soldaten" befördert: Der Chef überreichte jedem der geehrten Räuber und Strolche den "Bonbon" des Obersoldaten, den Stern, am Arm zu tragen.
Anlaß zur Beförderung und Wehrwürdigkeit war in sämtlichen fünf Fällen "Bewiesenes Bekenntnis für Volk, Führer und Reich". Die Beförderten hatten defaitistische Aeußerungen politischer Verbrecher gemeldet. Die erlebten dann die Beförderung ihrer ehrbaren Verräter nicht mehr.
Als Zante geräumt wurde, am 9. September 1944, genau ein Jahr nach Faatzens Ankunft, ging die 4. Kompanie von Patras aus den männermordenden Rückzugsweg über das Parnass-Gebirge, die Thermopylen und das Olymp-Massiv. Marschziel sollte Saloniki sein.
Auf der Höhe von Veria kam neuer Befehl: Das VII. Bataillon sollte sich quer durch Albanien schlagen und in Wien neu aufgestellt werden. Ein Armeegruppenbefehl stellte den Wehrunwürdigen als Anerkennung für die geplante Leistung, durch die Partisanengebiete bis zur deutschen Donaumetropole vorzustoßen, ganz gegen die Uebung einen vierwöchigen Heimaturlaub in Aussicht.
Strafsoldat Faatz veranschlagte die Chance für den Durchbruch nach Oesterreich als sehr gering. Sonderlich, da es ohne Winterbekleidung durch Balkangebirge und Alpen gehen sollte. Und in Wien erwartete ihn doch nur die "Entlassung über Buchenwald" oder bestenfalls zu den Himmelfahrtskommandos der Strafeinheiten der "Organisation Todt" bei den Abschußbasen der V-Waffen in St. Omer am Kanal.
In der Nacht vor dem Aufbruch von Veria beendete Strafsoldat Faatz für seinen Teil den zweiten Weltkrieg. Er brachte sich bei einigen griechischen Zivilisten in Sicherheit und wurde vor der Stadtgrenze von einem Spähtrupp der ELAS gefangengenommen, der ihn zu seinem Abteilungsgefechtsstand einbrachte.
Die erste Begegnung mit dem Kommando erschien bedrohlich. Denn Faatz versuchte sich vergeblich auf englisch, französisch und endlich sogar durch einige jura-lateinische Brocken als Antifaschist
zu erklären. Da er aber keinen einzigen Beweis außer seinen unverständlichen, wenngleich temperamentvollen Beteuerungen vorzubringen hatte wurde er zunächst einmal bis aufs Hemd ausgezogen, damit seine zerschlissenen Uniformstücke auf Spionagematerial hin kontrolliert werden konnten. Als man nichts fand, warf man ihm die Lumpen wieder zu, war aber keineswegs gewillt, ihn als Mitstreiter anzuerkennen oder als Pensionsgast zu verpflegen, sondern hieß ihn Latrinen ausheben, Stube fegen und Karren schieben.
Dann kam der Abteilungsführer, khakibraun uniformiert wie alle ELAS-Truppen, und schickte ihn sofort mit einer bewaffneten Begleitung zum Divisionsstab. Das schien Faatz noch unangenehmer als das Latrinenputzen, denn es konnte ja immerhin sein, daß die beiden Leute den langen Weg scheuten und ihn im nächsten Gebüsch abschossen.
Die beiden Khakibraunen nahmen ihre Aufgabe aber sehr genau, steckten ihm Zigaretten in den Mund, gaben ihm Feuer und ließen ihn nicht, wie Leute, die jemand loswerden wollen, vorneweg laufen, sondern nahmen ihn in die Mitte und lieferten ihn ordnungsgemäß und gesund im Divisionsgefechtsstand ab.
Der Adjutant des Divisionärs, ein Major mit gelben Reitstiefeln, schien ein polyglottes Talent, denn er sprach Faatz hintereinander auf englisch, französisch, italienisch und zum Schluß endlich auf deutsch an und nickte, als er bis auf das Italienische mit Antworten prompt bedient war:
"An Intelligenz fehlt es nicht, an Wissen auch nicht. Aber vielleicht sind Sie ein Faschist oder ein Spion. Der Abwehroffizier wird Sie vernehmen."
Der Abwehroffizier war nicht da, der Divisionär interessierte sich selber für den Mann, der den Krieg beendet hatte.
Faatz stand vor einem kleinen, schmalen Mann mit leidenschaftlichem Gesicht, der viel einfacher gekleidet war als der Adjutant und den man unter Umständen für dessen Fahrer hätte halten können:
"Sie haben keine Papiere, Deutscher?" fragte er auf griechisch, und der Adjutant dolmetschte.
"O doch, hier mein Soldbuch. Division 999. Die kennen Sie doch, Oberst?"
"Da gibt's auch Halunken drunter."
"Mehr als genug. Wir haben genügend unter ihnen zu leiden gehabt."
"Würden Sie als ELAS-Partisan auf diese Halunken schießen, Deutscher?"
"Das ist ein dreckiges Gefühl, Oberst, auf den eigenen Haufen schießen und dann womöglich die eigenen früheren politischen Kumpels abknallen."
Der Oberst nickte befriedigt, bot dem WU-Mann eine Zigarette an und hieß ihn Platz nehmen:
"Ich bin Kommandeur, kein Räuberhauptmann. Ich bekenne mich zu einer zukünftigen griechischen Volksdemokratie. Das ist meine persönliche Sache. Ich kämpfe auf meinem Posten hier für eine kommunistische Republik. Ich bitte Sie nicht, mir nach dem Munde zu reden. Ich kenne Ihre politische Herkunft nicht. Ich frage Sie nur, sind Sie Kommunist und wollen Sie mir und meinem Volke dabei helfen, alle Fremden, nicht nur die Deutschen, hinauszuwerfen, die geh'n ja ohnehin von selber?"
Der Mann, der damals Gestapomajor in Deutschland hätte sein können, wenn er es nicht vorgezogen hätte, den Leuten sozialdemokratische Flugblätter in die Briefkästen zu werfen und des Nachts hektographierte Drohungen gegen Göring und Goebbels an die Bretterzäune zu pappen, dieser Mann erhob sich nachdenklich:
"Oberst, Sie sind offen und schenken mir Ihr Vertrauen. Sie haben das Recht, von mir das gleiche zu verlangen: Ich bin für die zweite Internationale ins Zuchthaus gegangen und will den Glauben an die Wiederkehr der deutschen Sozialdemokratie nicht aufgeben. Sie wird klüger sein, als sie es vor Hitler war."
Der Divisionär war enttäuscht und befriedigt zugleich:
"Dann werde ich Ihnen keine Waffen, sondern Handwerkszeug geben. Einverstanden, Sozialist?"
Fred Faatz nickte.
"Das war die längste Unterredung, die der wortkarge Oberst jemals in diesem Kriege mit einem Fremden gehabt hat", lachte der Adjutant, "ich gratuliere Ihnen."
Am gleichen Abend stand Faatz, eine ELAS-Binde am Arm, mit einem Dutzend anderer 999er, die gleichfalls ohne Waffen eingesetzt waren, an einer hochgelegenen Lichtung und horchte auf Motorengeräusch aus dem Süden. Nach einiger Zeit war das Geräusch von Flugzeugmotoren zu hören, ein ELAS-Sergeant, braunhäutiger Bergsohn mit hellen Haaren, trat aus dem Gebüsch in die Lichtung hinaus, schaute befriedigt auf die Armbanduhr und schoß plötzlich eine grüne Leuchtpatrone hoch. Fast unmittelbar danach senkten sich aus dem abendlichen Dunstschleier Fallschirme pfeilgerade auf die Lichtung herunter.
"Fallschirmjäger?" fragte Faatz einen langen Hamburger Heuberg-Partisanen. Der grinste nur zurück:
"Nö, viel wat Besseres!"
Was da heruntertorkelte, waren Proviantsäcke und Bündel von khakibraunen Uniformen, made in England.
"Wat seggst du nu, Professor?" lachte der Hamburger, hängte sich an einen Fallschirm und zog ihn von den drohenden Baumkronen weg und zu Boden, lud die Fracht auf Karren und Schultern und brachte sie zu versteckten Depots im Tale.
In diesen Tagen ließ der Kommandant drei griechische Spitzbuben erschießen, die aus einem Arbeitshaus entwichen waren und sich unter falschem Namen in eine ELAS - Einheit eingeschmuggelt hatten. Jetzt waren ihre respektablen Verbrechen an der eigenen Bevölkerung bekannt geworden. Ihre Spezialität waren nächtliche Raubzüge durch die Dörfer.
Später hatte das Dutzend Deutsche selber Gelegenheit, beim Arbeitseinsatz als Transportkommando eine ganze Räuberbande kennenzulernen, die sich ELAS-Uniformen angeeignet hatte und, den politischen Idealisten, die von der ganzen Bevölkerung unterstützt wurden, sehr unähnlich, einen Privatkrieg auf eigene Faust gegen Freund und Feind führten.
Die deutschen ELAS-Leute waren diesen Kuckuckseiern im immer stärker bevölkerten Nest des Divisionärs willkommene Arbeitsknechte. Bis Faatz als Wortführer der Gruppe den falschen Helden des Nachts entlief und im Divisionsgefechtsstand aufkreuzte.
Als der aufgebrachte Divisionär die Bande dann hochgehen lassen wollte, hatte die bereits Wind bekommen und war in die Berge getürmt. Vier Deutsche, die politischen 999er Ernst Hansch, Rudolf Müller, Fred Faatz und ein wehrwürdiger Luftwaffengefreiter, dessen Eltern als literarische Pazifisten nach Schweden emigriert waren, fanden sich noch zusammen. Der Luftwaffenmann hatte sogar griechische Sprachkenntnisse und wagte es, im Divisionsgefechtsstand zu erklären:
"Wir haben hier keine Sicherheit mehr. Jeder Batzenwirt pappt sich schon drei Sterne auf und nennt sich Capitano. Wir haben für Euch gearbeitet, jetzt laßt uns in unsere Heimat zurück."
Der Oberst gab den vieren tatsächlich eine Bescheinigung, die ihnen freies Geleit durch ganz Griechenland gewährleistete. Die sollten sie jedem ELAS-Führer vorweisen. Ein imposanter Stempel prangte auf Vorder- und Rückseite, und der Oberst entließ seine vier Helfer mit Handschlag und frischen ELAS-Binden.
Das Marschziel war die Heimat, der Marschweg aber problematisch. Die Absicht der mit der Waffe in der Hand kämpfenden deutschen ELAS-Leute von 999, sich nach Bulgarien durchzuschlagen, um als geschlossene Einheiten in der Roten Armee weiterzukämpfen, schied zumindest für Faatz aus. So blieb das Klügste, in entgegengesetzter Richtung der von den Tommies eingebrachten, nach Süden ziehenden endlosen deutschen Kriegsgefangenen-Kolonnen, über Albanien, Jugoslawien, über Laibach nach Oesterreich durchzustoßen.
Die drei verproviantierten sich, machten sich auf den Weg und - wurden bereits am ersten Tage von einer englischen Streife aufgegriffen, mitgenommen und eingesperrt.
Der britische Ortskommandant hatte beste Verbindung zur ELAS und ließ die vier, zu ihrem Erstaunen, sofort frei, als sie den Schein des Obersten vorwiesen. Es war ein wunderwirkendes Papier, denn auch auf dem Fußmarsch fortan in die sich immer rauher gebärdende Jahreszeit öffnete es alle Türen der griechischen Bürgermeister, der ELAS-Stäbe und der britischen Kommandanten.
Zerfetzt und erschöpft, aber kameradschaftlich verpflegt, kamen die vier Deutschen in Saloniki an. Das war zwar ein Umweg, schien aber das Sicherste zu sein.
Die große griechische Kaserne von Saloniki, auf deren Hof die Strafsoldaten im Hochsommer noch in dicken Tuchuniformen bei 40 Grad im Schatten exerziert hatten, da sie ja auch außerhalb der Einsätze etwas gutzumachen hatten, war jetzt von der ELAS-Garnison belegt, und die vier kamen mit ihrem Ausweis und ihren Binden unbehelligt als gleichberechtigte Nationalarmisten hinein. Sie faßten Ausrüstung und Verpflegung, auch erbeutete fabrikneue deutsche Knobelbecher und meldeten sich beim ELAS-Garnisonschef. Der ließ sofort einen deutschen Major rufen, der bei der ELAS Verwaltungsdienst leistete. Und nun schien endgültig alles in Butter.
Der Major war einmal Leiter der Sozialistischen Studentenschaft in Berlin gewesen, hatte in der illegalen Zeit nach 1933 mit seinen Gesinnungsfreunden an den deutschen Universitäten in Verbindung gestanden und kannte so auch den abenteuerlichen Partisanen vom Heuberg, Fred Faatz.
Fortsetzung folgt.
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