21.03.1951

BESCHLAGNAHMELiebesschule an der Grenze

Beim Kreispolizeichef in Kleve ging das Telefon, die Zollabfertigungsstelle Beek rief an. Ein dringlicher Fall: die "Schule der Liebe".
Dieses Buch - pseudonyme Verfasserin "Diotima" - war im Verlag Eugen Diederichs, damals in Jena, zuerst 1930 herausgekommen. Eine Publikation, von der Thomas Mann sagte, daß man "das Ewigweibliche noch nie mit so viel gesundem Freimut" habe sprechen hören. Und dem "weitgefaßten Umriß einer Philosophie der Liebe" wird auch heute noch "echte moralische Aktualität" nachgesagt.
Die Auflage kletterte - mit Lizenzausgaben in der Schweiz - in die Zehntausende, niemand nahm Anstoß. Das "erste Stück" des Buches hat die programmatische Ueberschrift "Wovon dies Buch nicht handelt". Doch gibt es auch das
"sechzehnte Stück": "Wie, wo, wann, wie oft, wie viel und andere wichtige Umstandswörter."
Jetzt liegen 5023 Exemplare der "Schule der Liebe" in Wyler nahe der deutsch-holländischen Grenze. Hinter Schloß und Riegel.
Das 27. bis 32. Tausend der "Liebesschule" hatte Dr. Peter Diederichs, des Verlagsgründers jüngster Sohn, der nach 1945 den Verlag in Düsseldorf wieder aufbaute, für 16 000 Gulden*) in Holland drucken lassen. An der Zollabfertigung Beek wurde die Buchsendung in Empfang genommen.
Normalerweise werden Buchsendungen nur überprüft, ob sie nicht auch Kaffee oder anderes Schmuggelgut enthalten, die Bücher selbst läßt man ungeschoren. Diesmal griff ein Zufall ein: eine "Schule der Liebe" fiel hin, die Verpackung löste sich, ein Zöllner hob das Buch auf, blätterte darin und stieß auf Stellen, wo weniger von Philosophie als von "kleinen praktischen Winken" zu lesen war.
Die Anmerkung zur Anlage A der Einfuhrverordnung vom 3. 10. 1950 kam zur Anwendung: "... Werden unzüchtige Schriften, Abbildungen oder Darstellungen von den Zollstellen vorgefunden, so werden die Sendungen von den Zollstellen angehalten ..." Und der Fall kommt zur Anzeige.
Der hinzugerufene Zollrat hatte jenes Telefongespräch mit dem Klever Kreispolizeichef. Der entsandte dienstlich Kripomeister Puff nach Beek.
Puff stellte die Bücher sicher, außer einem, das er mit nach Hause nahm und las. Sein Urteil: "Wenn ich Zöllner gewesen wäre, hätte ich es an die Polizei nicht weitergegeben. Ich finde nichts dabei" Fünf Kollegen Puffs fanden nach der Lektüre auch nichts dabei.
Aber - sagt der Kripomeister - "ich habe als Vertreter der Polizei zu handeln. Die ist in diesem Fall Hilfsorgan der Staatsanwaltschaft". Und trug anderntags die Akte über den Vorgang "Schule der Liebe" zum Klever Amtsgericht in der
Schwanenburg, in der einst Else von Brabant zu Hause war.
Staatsanwalt Scherf sah den Tatbestand des § 184 StGB. als gegeben an: Ein Jahr Gefängnis und Geldstrafen für den, der unzüchtige Schriften "feilhält, verkauft, verteilt an Orten, welche dem Publikum zugänglich sind, ausstellt oder anschlägt oder sonst verbreitet".
Die Beschlagnahme der "Schule der Liebe" rechtfertigte sich aus § 94 StPO.: "Gegenstände, die als Beweismittel für die Untersuchung von Bedeutung sein können oder der Einziehung unterliegen, sind in Verwahrung zu nehmen oder in anderer Weise sicherzustellen."
Den richterlichen Befehl für die Beschlagnahme holte Staatsanwalt Scherf nachträglich bei Amtsgerichtsrat Brautlacht ein. Erich Brautlacht ist auch literarisch ein Mann vom Fach: Autor beim Piper-Verlag, mit Romanen und Erzählungen in Literatur - Lexika verzeichnet. ("... mit meist humoristischer ... Kleinmalerei. In manche seiner Darstellungen sind auch Berufserfahrungen eingegangen".)
Brautlacht zum Fall "Diotima": "Die ''Schule der Liebe'' ist zweifellos von hohem philosophischem Wert. Aber wenn da ein Zöllner kommt, der weder den Diederichs-Verlag noch das Buch kennt und sich nur einige Stellen rauspickt, kann man ihm nicht übel nehmen, wenn er etwas anstößig findet. Es gibt immerhin einige zweifelhafte Stellen."
Bei Amtsgerichtsrat Brautlacht erhob Dr. Peter Diederichs persönlich Einspruch gegen die Beschlagnahme. Man einigte sich schließlich: Diederichs zog seinen Einspruch zurück, dadurch wurden die Akten frei für die nächsthöhere Instanz, die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf.
Dort ordnete Staatsanwalt Dr. Theis die Freigabe der "Liebesschule" an, nach eingehender Prüfung auf moralische Laufmaschen.
Danach aber bekam Dr. Diederichs vom Hauptzollamt den Bescheid, daß die Beschlagnahme bestehen bleibe. Nun nicht mehr gemäß der zuerst zitierten Anmerkung zur Anlage A der Einfuhrverordnung vom 3. 10. 1950 - , unzüchtige Schriften anhalten! - sondern auf Grund einer anderen Anmerkung dieser Verordnung: "Eine
Einfuhr ohne mengenmäßige Beschränkung ist nur für solche Bücher statthaft, die in der Landessprache des Herkunftslandes gedruckt sind ..."
Aber - erfährt Diederichs beim Bundeswirtschaftsministerium - diese Anmerkung ist am 28. 11. 1950 aufgehoben worden, laut Bekanntmachung im Bundes-Anzeiger Nr. 229. Das Hauptzollamt, darauf aufmerksam gemacht, hat sich noch nicht geäußert. Die "Schule der Liebe" ist nach wie vor, seit Wochen nun schon, in Gewahrsam.
"Es erscheint mir als ein Grundschaden unserer gesellschaftlichen Zustände, daß man der Liebe in ihrer sinnlichen Bedeutung so verständnislos, ja übelwollend gegenübersteht oder sie zu roher Lustbarkeit erniedrigt. Wer die unbefangene Sinnesweise glücklicherer Völker kennt, kann dies nur bedauern ... - Goethe zu Eckermann am 29. Februar 1830." Steht als Motto der "Schule der Liebe" voran.
*) Die "Rheinische Post", größte CDU-Zeitung am Niederrhein, fragte, ob die für den Druck in Holland bewilligten Devisen keine bessere Verwendung finden können.

DER SPIEGEL 12/1951
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