27.03.1951

HEUSS-PORTRÄT / MALEREIEinen deutschen Menschen

Bundespräsident Heuss war in Köln selbst dabei, als sein von Oskar Kokoschka gemaltes Porträt zum erstenmal im Original der Oeffentlichkeit gezeigt wurde. Professor Leopold Reidemeister, Leiter der Kölner Museen, hatte sich dieses Privileg frühzeitig gesichert, als der ehrliche Makler zwischen Künstler, Mäzen und Modell.
"Kokoschka*), der so viel von dem Deutschland Hitlers zu erdulden hatte,
malte zum erstenmal wieder einen deutschen Menschen, seinen repräsentativsten Vertreter. Damit war vor aller Welt deutlich ein Strich unter die Vergangenheit gezogen. Deutschland hatte sich zu Kokoschka und Kokoschka zu Deutschland bekannt. Dies war es, was uns vor allem am Herzen lag!" So Professor Reidemeister bei der festlich zelebrierten Eröffnung der Kölner Kokoschka-Ausstellung.
Das "O. K." - signierte Heuss-Bildnis, 104,5 X 79,5 cm, im Goldrahmen der Werkstatt Pfefferle, München, war dann auch unter den dreißig ausgestellten Bildern - Wert: schätzungsweise 600 000-700 000 DM - der Konzentrationspunkt des Interesses der Ehrengäste. Es zeigte sich, daß die realistisch erzogenen Kölner Honoratioren das mit kräftigen Pinselhieben in festlich hellen Farbtönen hingeworfene Bildnis zu wenig "lebenswahr" fanden.
Vor allem konnte man sich nicht recht damit abfinden, daß die markanten Züge des schwäbischen Gelehrtenkopfs auf dem Bild in einem schillernden Farbenspektrum verlaufen. "Op dem Bild süht d''r Heuss us, als wenn hä keine Stohljang hätt", meinte ein Kölner Bürger.
Prof. Reidemeister: "Die Kritik an diesem Bild wird nicht ausbleiben. Aber bedeutende Maler haben als Porträtisten stets einen schweren Stand. Das Porträt des Reichspräsidenten Ebert von der Hand Corinths war seit seiner Entstehung ein solcher Gegenstand erbitterter Kritik. Und doch wird dieses Bild, wenn die Photos längst verblaßt sein werden, als das Bild des Reichspräsidenten Ebert in die Geschichte eingehen."
Dem Kokoschka-Bildnis des Bundespräsidenten Heuss prophezeit Reidemeister dasselbe. Und Heuss selbst sagt von seinem Bildnis, daß er es als eine große Leistung anerkenne. In der Steigerung des seelischen Ausdrucks suche man der Konventionen des Realismus und Naturalismus ledig zu werden, formulierte er in einem Artikel für seine "Rhein-Neckar-Zeitung" anläßlich der Zürcher Kokoschka-Ausstellung 1947.
Die Idee, den Bundespräsidenten porträtieren zu lassen, hatte SPD-Bundestagsabgeordneter Dr. Arndt. Er bat seinen Parteifreund, den Kölner Rechtsanwalt und Kunstsammler Dr. Josef Haubrich, sich mit seinem nicht geringen Einfluß in der Domstadt für die Verwirklichung einzusetzen. Arndt und Haubrich kennen Kokoschka gut. In Haubrichs großer Sammlung moderner Bilder, die er nach dem Kriege dem Wallraf-Richartz-Museum vermachte, begegnet man der Signatur O. K. öfters.
Kölns Stadtväter waren zuerst nicht abgeneigt. Doch dann schien ihnen das gemutmaßte Honorar ein wenig zu viel.**) Das Projekt kam vorläufig auf Eis. Herbst 1950 wurde es auf Anregung von Oberbürgermeister Schwering erneut aufgegriffen. Museumschef Prof. Reidemeister schaltete sich ein.
Als er Kokoschka im September in München bei der Eröffnung seiner ersten großen Nachkriegsausstellung begegnete, fragte er ihn rundheraus, ob er in festem Auftrag Professor Heuss malen wolle. O. K. sagte o. k., wollte aber vor dem grauen Londoner Winter mit seiner Frau noch ein wenig nach dem Süden.
Zwei Monate später schrieb Kokoschka Reidemeister aus Amalfi, er sei nun gerne bereit, "den Präsidenten Westdeutschlands zu porträtieren" und bat um präzisere Information. Am 21. November konnte Reidemeister mit einer Einladung des Bundespräsidenten antworten.
Mit Kokoschkas Ja ging Reidemeister zur Firma Otto Wolff, Eisengroßhandel, Köln, Unter Sachsenhausen 37. Den ihm befreundeten Direktor Hehemann fragte er, ob die Firma 100 000 DM an Reklamewirkung verdienen wolle. Sie brauche ihm dann nur 20 000 DM für den Maler Oskar Kokoschka auszuhändigen, als Honorar für das Bundespräsidentenbild. Dr. Hehemann dachte daran, daß das Porträt als Geschenk der Firma Otto Wolff im Ehrensaal des neuen Wallraf-Richartz-Museums hängen werde, und sagte ja.
Am 4. Dezember 1950 stieg Oskar Kokoschka in Bonn aus dem Zürcher Schnellzug. Am nächsten Tag begann die Arbeit auf Victorshöhe, gleich mit drei Sitzungen.
"Allerdings wird diese Ueberstundenleistung dem armen Präsidenten doch nicht helfen, seine übliche Zeit von etwa zwanzig Tagen absitzen zu müssen", schrieb Kokoschka am 5. Dezember. "Vorläufig ist er aber noch quietschvergnügt."
Dr. Arndts Angebot, bei ihm in Bonn zu wohnen, hatte O. K. abgelehnt. Er dürfe nie zu weit von seinem Modell sein und müsse jede Störung meiden. Den Präsidenten hatte er rechtzeitig wissen lassen, daß er ihn ohne alle Pose zu malen wünsche, am liebsten im zwanglosen Gespräch oder arbeitend am Schreibtisch.
Die beiden Professoren verstanden sich von Anfang an gut. Theodor Heuss, passionierter Sonntagsmaler, pflegte eigene Hervorbringungen unter Kokoschkas herumliegende Skizzenblätter zu mischen und Besucher raten zu lassen, was der Heuss und was der Kokoschka gemalt habe.
"Leider kann ich nie voraussagen, wann der Moment eintreten wird, wo ich sagen kann, ich habe die Lösung gefunden. Ich muß mit dem Engel ringen, daß er mich segnet", hatte Kokoschka vor Beginn der Arbeit an Reidemeister geschrieben Oskar Kokoschka staunte selbst, als das Bild schon am 17. Dezember fertig war. Aus den zwanzig Tagen waren zwölf geworden.
"Aus eigener Erfahrung muß ich sagen, daß mir selten ein Mensch so freimütig und
kameradschaftlich als Modell geholfen hat, um die immer latente Narzißmuskomponente***) aufzuheben und zu vermeiden, daß der Maler zum bloßen Spiegel wird. Ich selber lernte auch im Umgang mit diesem klaren, menschlich denkenden besten Typus des gebildeten Deutschen." (Kokoschka an Reidemeister, Silvester 1950).
Ueber das Honorar war Kokoschka sich mit Prof. Reidemeister einig geworden: 20 000 DM abzüglich eines Ford-Taunus. "Ich hoffe aber", hatte der viel für notleidende europäische Kinder stiftende Kokoschka schon am 25. 11. an Reidemeister geschrieben, "daß man mir von dem genannten Betrag keine Abzüge, Steuern etc. dort machen wird ..."
"Lieber Kokoschka", hieß das Telegramm, das nach Eröffnung der Kölner Ausstellung nach London ging, "wir grüßen Sie in der Stunde, da Ihre Bilder zu den Kölnern zu sprechen beginnen, betrübt, Sie nicht in unserem Kreise zu sehen. Theodor Heuss, Oberbürgermeister Görlinger, Reidemeister, Ministerialrat Bott."
Prof. Reidemeister hatte Kokoschka rechtzeitig nach Köln eingeladen, aber O. K. kam nicht. "Kokoschka ist nun einmal ein Vagant", meint Professor Reidemeister entschuldigend. "Wer weiß, wo er im Augenblick steckt."
"O. K. schmollt", glauben andere besser zu wissen. Wegen der Steuer, meinen sie. Kokoschka solle nach bundesdeutschen Steuergebräuchen mit 5000 Mark, 25 Prozent seines Honorars, zur Ader gelassen werden.
*) Oskar Kokoschka (64, geborener Oesterreicher), Maler, Graphiker, Dichter (u. a. die Bühnenwerke "Hoffnung, Mörder der Frauen", von Hindemith vertont, "Hiob", "Der brennende Dornbusch"). Kokoschka war Hitlers "Kunstfeind Nr. 1" und wurde nach 1933 in Deutschland als "Entartetster unter den Entarteten" diffamiert. Lebte seit 1934 in Prag; wurde 1937 Austauschprofessor in USA; seit 1938 in London.
**) Für seinen letzten Privatauftrag, Porträt John Cowles, Minneapolis, erhielt Kokoschka 7000 Dollar (rund 30 000 DM) Honorar; in der Schweiz wird ein guter Kokoschka mit 50 000 Franken (rund 48 000 DM) bewertet.

DER SPIEGEL 13/1951
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