18.04.1951

AGENTENDie werden was erleben

Ich habe gar kein Notizbuch mit Adressen gehabt. Also kann ich auch keins verloren haben", beteuerte Willy Schebaum eilbrieflich nach Ost-Berlin. Willy Schebaum ist hannoverscher Chefkorrespondent des ostzonalen "Deutschlandsenders" und Instrukteur des KP-Landesvorstandes für Niedersachsen. "Deutschlandsender-Intendant Kurt Heiß und Westbüro-Chef Werner Stertzenbach waren durch Pressemeldungen beunruhigt worden: Schebaum habe wichtige Akten und vor allem ein Notizbuch verloren, aus dem 179 Anschriften zu ersehen seien, darunter Prominente Rückversicherer und 73 Ost-Agenten.
Die Delegierten des "Arbeitskreises für Gesamtdeutsche Fragen" in Hannover zeigten sich über die Schebaumsche Fahrlässigkeit gleichermaßen beunruhigt. Der Westdeutschland-Chef der "Nationalen Front", Oskar Neumann, wollte Schebaum helfen und bot in öffentlicher Versammlung "jeden Betrag von 100 DM aufwärts" für den Beweis der Existenz dieses ominösen Notizbüchleins.
"Sofort hätte ich die Wette angenommen", sagt Ernst Moritz, 21, früher Nachrichten-Redakteur beim Büro des "Deutschlandsenders" in Hannover, Bödekerstr. 59. Moritz ist seit dem 30. Januar 1951 aus KP und Schebaum-Büro ausgetreten. Er nahm ein paar Aktentaschen voll peinlicher Beweisstücke mit.
"Neumann verliert die Wette, denn hier ist das Adressen-Heft", sagt Moritz. "Leider sind darin keine handschriftlichen Vermerke. Sollte man jedoch die Echtheit des Buches bezweifeln, so wird durch Schreibmaschinen-Expertise sofort nachzuweisen sein, daß die Adressen auf Schebaums Olympia-Maschine getippt wurden."
Willy Schebaum ist Dortmunder Gastwirtssohn. Er wurde aus Untertertia exmittiert und nach drei Lehrjahren bei der
Werbeabteilung eines westfälischen Elektrizitätswerkes hinausgeworfen, "weil ich im Büro meine Arbeiten für die Dortmunder HJ-Pressestelle erledigte". Er gab eine Gastrolle im Gaststätten-Gewerbe in Clausthal-Zellerfeld und beschloß dann, Politiker zu werden. Hannovers ADN-Korrespondent, Dr. Kurt Kauter meint, nur aus Geltungs-Bedürfnis. "Was der Dicke tut, tut er nur, um eine Rolle zu spielen".
1946 tritt Schebaum der KP bei. 1948 ist er Provinz-Redakteur der "Niedersächsischen (KP-)Volksstimme" und "Polleiter" von Hannover-Buchholz. 1949 KP-Instrukteur in Niedersachsen und Leiter des Büros des "Deutschlandsenders".
KP-Sozialreferentin "Ali" Heymann-Stertzenbach, Lebensgefährtin von Schebaums Chef Werner Stertzenbach, dem Westdeutschlandmann des "Deutschlandsenders", giftet sich oft über den Aufwand des Büros Schebaum, das (mit dem Büro der "Nationalen Front") eine ganze Etage einnimmt: "Zu verschwenderisch ausgestattet. Man sieht, wo das Geld sitzt."
Werner Stertzenbach selbst, voller Ressentiments gegenüber dem "ehrgeizigen und eitlen" Schebaum, versuchte vergeblich, den kleinen blonden Dicken bei KP-Kader-Mann Kurt Baumgarte in Mißkredit zu bringen. Bei einer Durchsuchung des Schebaum-Schreibtisches wurden selbstverfaßte pornographische Geschichten unter dem Sammel-Titel "Lona Strich" zutage gefördert. Aber auch "Lona Strich" machte Schebaum nicht abschußreif (Schebaum: "Der Ochse Stertzenbach hat mich zum überzeugten Antisemiten gemacht.").
Willy Schebaum blieb beim KP-Landesvorstand und bei der Zentrale in Berlin Persona grata.
Denn seine Informationen interessieren nicht nur die offiziellen Empfänger, ("Deutschlandsender" Berlin, Zentral-Büro West Düsseldorf und das inzwischen verbotene Nachfolge-Organ der verbotenen "Niedersächsischen Volkstimme", "Die Wahrheit"), sondern auch das Sowjetzonen-Informationsamt, den ostzonalen Staatssicherheitsdienst, den sowjetischen geheimen Nachrichtendienst, den KP-Hauptvorstand und den "Westdeutschen Arbeitsausschuß der Nationalen Front".
Unbedeutendere Meldungen werden täglich vom Schebaum-Telefon Hannover 6 25 76 nach Berlin durchgegeben, wichtige Interna überbringt Schebaum persönlich einmal im Monat. Was Schebaums Agenten und "Volkskorrespondenten" nicht an allgemeinen Nachrichten zusammenholen, fischen seine Mitarbeiter gebührenfrei aus dem schwarz angezapften dpa-Hellschreiber der "Wahrheit", behauptet Renegat Moritz. "Wahrheits"-Chef Willy Oppermann habe augenzwinkernd kommentiert: "Das schont unsere Kasse".
Während der Frühjahrsmanöver der britischen Besatzer knüpfte Schebaum verstärkte Nachrichtenverbindungen zum Soltauer Heide-Kreis:
* Heide-Korrespondent Hermann Röhrs aus Schülern bei Soltau meldete Truppenverstärkungen und -bewegungen, Beschlagnahmen, Kasernen- und Barackenbelegung.
* Ueber die Senne-Manöver der Briten berichtete Lokalredakteur Gert Springer von Ostwestfalens KP-Organ "Freies Volk".
Andere Mitarbeiter:
* Der kommunistische Roman-Autor Werner Ilberg, hauptamtlicher "Deutschlandsender"-Korrespondent für Kulturfragen, übernahm das Referat GCLO-Einheiten. Schebaum: "Bei den Waffendienstverweigerern müssen wir ansetzen. Sieh zu, daß Du Leute bekommst. die uns regelmäßig über englische Bewaffnungsversuche und -absichten, über Interna
aus dem Dienst berichten und Material über ihre Vorgesetzten liefern." Im Januar 1951 meldete Ilberg seine ersten Erfolge aus Wolfenbüttel: "Ich habe ein paar Leute gewonnen. Material wird laufend geliefert. Natürlich darf niemand wissen, wo es herkommt."
* Ewald Huter, KP-Funktionär aus Peine wurde auf die Ilseder Hütte angesetzt. Auftrag: "Wir brauchen Informationen über die Produktion der Hütte. Die Art der gefertigten Stahlsorten ist das Wichtigste. Ueber amerikanische Kapitalbeteiligung kannst Du Leute aus der Verwaltung ausquetschen."
* Von einem KP-Betriebsrat eines Eisenwerkes in Bad Lauterberg am Harz bekam Schebaum Fotos von Panzerketten, die angeblich dort produziert würden.
* Aus den Continental-Gummiwerken Hannover meldete ein Volkskorrespondent, dort würden Flugzeug-Reifen hergestellt.
* Vom Volkswagenwerk in Wolfsburg wollte Schebaum wissen, das Konstruktionsbüro arbeite an Plänen für geländegängige Fahrzeuge. VW-Generaldirektor Nordhoff dementierte. Schebaum gab das Dementi nicht weiter: "Dann haben wir eben mal Wind gemacht."
* Geralt Müller-Hannover, früher Angestellter des British Information Centre "Die Brücke", lieferte Informationen mancherlei Art.
* Oberstudiendirektor Spannuth aus Hameln schrieb Schebaum ein Manuskript "Weserfahrt" für den Berliner Sender, Schebaum versprach ein 100-DM-Honorar. Trotz heftigen Drängens erhielt der Schulmann bisher nur 20 DM.
Bezahlt wird mit B-gestempelten DM-Scheinen Schebaums Monats-Etat beträgt 2200 DM. Für das im Schebaum-Büro untergebrachte Sekretariat der "Nationalen Front" wirft Ost-Berlin monatlich 3500 DM aus. Für Sonderaufträge empfängt Schebaum bei seinen Berlin-Reisen Extra-Zuschüsse.
Besonders bereitwillig informierte Ex-Landwirtschaftsminister Dr. Dr. Günter Gereke das östliche Funk-Büro. Allerdings ohne finanzielle Gegenleistung. Schebaum konnte sich erlauben, den asketischen Taktiker zwischen Ost und West zu nachtschlatender
Zeit anzurufen und bekam BHE-Interna mit liebenswürdiger Konzilianz. In der "Nationalen Front" wußte man alles über die streitenden Partner der Flüchtlingsgruppe. Schebaum: "Das tut er nur, weil er sich an den letzten Strohhalm klammern muß. Und das sind wir."
Den aufgenommenen Gesprächsfaden zu Gereke übernahm KP-Landtagsabgeordneter Robert Lehmann in besonderer Mission als Beauftragter der Nationalen Front und vermittelte ein Treffen Gerekes mit dem ostzonalen Nationalrats-Funktionär Wieber.
Schebaums Steckenpferd ist die "operative Berichterstattung". "Das heißt: erst einmal etwas aufbauen und dann darüber berichten." Was Schebaum damit meint, versucht er seinen Korrespondenten immer wieder einzuhämmern: "Hinein in die nationalen Verbände, Gruppen und Interessengemeinschaften und die dann langsam, aber sicher für die Nationale Front gewinnen." Dabei legt Willy Schebaum vor allem Wert auf gutklingende Namen.
Im Demokratischen Kulturbund, der Auffangstelle für kulturschaffende Rückverversicherer, denen die "Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft" zu anrüchig ist, rühmt Landessekretär Sticken (vom KP-Landesvorstand und der "Wahrheit" abkommandiert) die Mitgliedschaft Manfred Hausmanns, Autor von "Abel mit der Mundharmonika", und "Lampioon" und "Kleine Liebe zu Amerika". Sticken: "Wir wollen ihn als Landesvorsitzenden vorschlagen. Ob er annimmt, steht noch nicht fest."
Im Worpsweder Künstlerkomitee ist Kunstmaler Professor Haferkamp aktiv. Zum Dank für den Einsatz der Worpsweder Maler und Kunstgewerbler veranstaltete die Nationale Front während des National-Kongresses der DDR (27.-30. August 50) eine Worpsweder Gemäldeausstellung in der Werner-Seelenbinder-Halle in Ost-Berlin.
Auch über die Musik will Schebaum für die Nationale Front wirken: Professor Greiner-Peine warb im Auftrag des "Deutschlandsenders" mit Chopin-Mazurkas für deutsch-polnische Freundschaft. Der Besuch des hannoverschen Konzertes war indessen trotz freien Eintritts mäßig.
Schebaum und seine Mitarbeiter haben organisiert:
* "Komitees zur Verteidigung deutscher Patrioten". Existieren in Hannover und Braunschweig. Ihre Aufgabe ist die Unterstützung "eingekerkerter Friedenskämpfer" und die Verstärkung des "Friedenskampfes". Leiter des KVDP Hannover: Staatlicher Vermessungsingenieur Hans Stühm. In Braunschweig: Ex-Stahlhelmführer Wilhelm Uhlenhaut.
* "Erwerbslosen-Ausschüsse". Bereits mit Erfolg gestartet, stärkste Gruppe in Wilhelmshaven. Vorstände von KP-Funktionären besetzt. Einige Vorstandsposten von der Sozialistischen Reichspartei und vom BHE erobert. Wilhelmshavens Erwerbslosenführer Willi Jdler, "parteilos", ist auf der Führerschule der Nationalen Front in Bantikow ausgebildet.
* "Jugend-Aktivs". Organisator: "Volkskorrespondent" Meißner aus Neunkirchen, Kreis Melle, Landesvorsitzender der "Freien Arbeiterjugend", und Oskar Gustmann, Ex-Panzeroffizier und Ex-Kreisvorsitzender der FDP in Bad Harzburg.
* "Arbeitskreis junger deutscher Politiker". Ebenfalls aufgezogen von Oskar Gustmann in Bad Harzburg. Schebaum: "Dieser Arbeitskreis soll Ausgangspunkt einer neuen Harzburger Front mit umgekehrten Vorzeichen werden". Der Kreis umfaßt vor allem frühere Offiziere und HJ-Führer. Im Dezember 1950 Ergebenheits-Telegramm an Ostzonen-Ministerpräsident Grotewohl mit der Versicherung "tatkräftiger Unterstützung im Kampf um die Einheit Deutschlands".
* "Verteidigungskomitee zur Rettung der Reichswerke". Soll im demontage-verwüsteten Salzgitter-Gebiet Anhänger für die Nationale Front werden. Vorsitzender: der frühere SPD-Kreisvorsitzende Walter Melle. "Die Arbeit ist hier leichter als anderswo in Niedersachsen. Wir brauchen nur auf unser natürliches Hinterland, die DDR, hinzuweisen.")
* "Aktionseinheitsbewegung". Instruktion der Abteilung "Massenorganisation" beim KP-Vorstand Hannover: "Alle mit der Schumacher-Richtung unzufriedenen SPD-Genossen müssen für die Aktionseinheit gewonnen werden. Vom Austritt aus der SPD sind die Genossen jedoch zurückzuhalten. In der SPD sind sie für uns viel wichtiger." Werner Stertzenbachs West-Büro des "Deutschlandsenders" bemängelt monatlich das Fehlen jeder Aktivität auf dem Gebiet der "Aktionseinheitsbewegung". Schebaum: "Die kritisieren, um ihre Existenzberechtigung in Berlin nachzuweisen."
Die feindlichen KP-Brüder Stertzenbach und Schebaum giften gegeneinander, wo sie können.
Schebaum: "Ich habe in Berlin vorgebracht, was es heißt, auf Sektoren arbeiten zu sollen, auf denen die Partei nichts tut. Eisler hat aufmerksam zugehört, als ich sprach. Auch mit den SMA-Offizieren habe ich über besondere Fragen verhandelt." Und vorsorglich: "Wenn der Landesvorstand versuchen sollte, mich abzuschießen, packe ich aus, und dann werden die was erleben."

DER SPIEGEL 16/1951
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