18.04.1951

OSTASIENPOLITIK / INTERNATIONALESMac, Krieg und die Wahlen

Es sei die schlimmste inneramerikanische Krise seit dem Bürgerkrieg (1861-65), behauptete Kommentator Elmer Davis.
Unter forciertem Stimmaufwand liefern sich Amerikas Republikaner und Demokraten seit MacArthurs Sturz eine noch erbittertere Fehde. Es geht um die Ostasienpolitik. Erklärtes Ziel beider Parteien: Verhinderung des dritten Weltkriegs; Sieg in den Präsidentschaftswahlen 1952. Allerdings wollen die Republikaner den Weltkrieg III durch einen Schießkrieg gegen China verhindern.
Der ganze Groll der republikanischen Opposition konzentriert sich auf die "halbherzige" und "verräterisch-entschlußlose Beschwichtigungspolitik" Achesons und Trumans in Ostasien. Sie habe "diesen Turm der Stärke" MacArthur mit Recht empört und seine politische Begabung zu eigenen Plänen gereizt.
Die Hauptpunkte dieser Politik:
* Unbedingte Vermeidung eines offenen Konflikts mit Rotchina, weil er mit großer Sicherheit den dritten Weltkrieg auslösen würde, für den Amerika noch nicht gerüstet ist, durch
* Beschränkung des Korea-Krieges auf die "Zurückweisung der Aggression",
* Neutralisierung der Nationalchinesen Tschiang Kai-scheks auf Formosa.
Die Republikaner dagegen forderten und fordern unisono mit MacArthur
* aggressives Vorgehen gegen Rotchina, weil sowohl der Korea-Krieg als auch die weltweite Auseinandersetzung mit dem Kommunismus anders nicht zu entscheiden sei.
"Ich kann nicht einsehen, wieso eine derartige Politik in irgendeiner Weise die Sowjetunion zum Krieg veranlassen würde, es sei denn, die Sowjets hätten sich entschlossen, ohnehin einen dritten Weltkrieg zu beginnen", bemerkte Senator Robert Taft, Exponent der Republikaner (Gegen die Entsendung amerikanischer Truppen nach Europa opponierte Taft mit der Begründung,
dadurch werde Rußland zum Krieg provoziert.)
Durch die Truman-Politik "der Maginotlinie" würden die Kommunisten in Ostasien zu immer unverschämteren Uebergriffen eingeladen.
Diese Konzeption nahm das "gute Gewissen der Republikaner" Walter Lippman auseinander, um sie auf ihre Auswirkungen hin zu prüfen:
"Es gibt kein einziges Land (unter den Mitgliedern des Westblocks in den UN), wo eine solche Kriegsagitation unsere Position und unseren Einfluß nicht beeinträchtigen, wenn nicht zerstören würde.
"Diese Agitation würde unsere Allianz mit den britischen Nationen und Westeuropa bis zum Zerreißpunkt anspannen. Sie würde die Kluft, die bereits zwischen Amerika und dem arabisch-asiatischen Block entstanden ist, wahrscheinlich irreparabel erweitern.
"Wenn man die Behauptung, daß der globale Kampf mit dem Kommunismus in China gewonnen werden kann, betrachten will, muß man auf bestimmte Dinge achten:
* Ein allgemeiner Krieg im Fernen Osten würde eine strategische Neuverteilung unserer Bomberverbände erfordern. Dadurch würde grob geschätzt die Hälfte der Luftmacht, die gegenwärtig das hauptsächlichste Abschreckmittel gegen die Sowjetunion ist, auf China abgelenkt.
* Es besteht kein Grund zu der Annahme, daß China aus der Luft geschlagen werden könnte. China, ein Land ohne große Industrien und ohne lebenswichtige Zentren, von denen das ganze Land abhängt, wäre durch strategische Bombardements schwieriger zu zerstören als fast jede andere große Nation.
"Ein großer Teil unserer strategischen Luftwaffe würde durch einen sekundären Krieg gefesselt. Die Möglichkeiten für einen entscheidenden Sieg, auch nur gegen China, wären klein. Die Möglichkeiten für eine Entscheidung des globalen Kampfes wären gleich null. Der Weltkampf gegen den Kommunismus kann durch die Zerstörung Pekings und Schanghais und weiterer zehn oder zwanzig chinesischer Städte nicht gewonnen werden."
Die gegenwärtige US-Außenpolitik will unter allen Umständen eine Stagnation und damit eine Beruhigung des ostasiatischen Konfliktes erreichen, auch wenn das eine Fortdauer der Abnutzungsschlacht in Korea (s. SPIEGEL Nr. 15/51) bedeutet.
Truman und Acheson wollen Zeit gewinnen. Chefmobilisator Charles Wilson hat mitgeteilt, daß die Rüstungsindustrie der Vereinigten Staaten Mitte des Jahres 1953 die Führung "eines totalen Krieges" ermöglichen wird, ohne daß die Friedensproduktion nennenswert gedrosselt ist.
Der Erfolg der republikanischen Kampagne hängt mit davon ab, wie das amerikanische Volk seine schizophrene Haltung gegenüber MacArthur und seiner Politik im verwirrenden Lärm der Auseinandersetzung korrigieren wird.
Augenblicklich ist die Mehrheit der Amerikaner, wie Umfragen ergeben haben, noch für MacArthur und gegen seine Entlassung (und damit für die Republikaner) eingestellt (New York 4:2, Detroit 5:1, Columbus 6:1, Chicago 4:1, Cleveland 37:9). Aber 79 Prozent aller Amerikaner sind, laut Dr. Gallup, gegen das, wofür MacArthur (und die Republikanische Partei) eintritt: Ausweitung des Krieges auf China.
Die Truman-Regierung hat nur eine Möglichkeit, ihr durch den RFC-Skandal (SPIEGEL Nr. 13/51) und die Gangsteruntersuchungen (SPIEGEL Nr. 14/51) schwer angeschlagenes
Prestige zu reparieren: Durch entschlossene Befolgung ihrer Politik kalkulierter Unentschlossenheit.
Doch die Republikaner hatten bereits bei den vorjährigen Kongreßwahlen durch ihren Kreuzzug gegen das Außenministerium (unter dem Motto, es sei kommunistisch und päderastisch durchsetzt) solchen Erfolg, daß sie ihr augenblickliches Geschrei selbst gegen bessere Einsicht nicht einstellen wollen.
Mittlerweile hoffen Amerikas Alliierte, namentlich in Europa, daß die Republikaner es nur mit Trumans Sturz, nicht aber mit ihren Parolen ernst meinen.
Schreibt die unabhängige "Chicago Sun Times": "In ihrem Eifer, aus dem Zusammenstoß zwischen MacArthur und Truman politisches Kapital zu schlagen, haben viele Republikaner, die vorher laut nach Frieden verlangten, den MacArthur-Kurs eingeschlagen. Einer dieser Republikaner ist Senator Taft aus Ohio."
Inzwischen benehmen sich die Rotchinesen so, als wollten sie MacArthur und die Seinen in ihren Bemühungen zur Ausweitung des Krieges fördern. Die ersten rotchinesischen Freiwilligen-Verbände sind in Indochina eingedrungen, um Ho Tschiminhs bedrängter "Volksbefreiungsarmee" aufzuhelfen. Der französische Oberkommandierende General de Lattre de Tassigny hat verlauten lassen, daß er via Paris UN-Unterstützung anfordern will.

DER SPIEGEL 16/1951
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