25.04.1951

BFN / RUNDFUNKKeinen Pfennig in der Kasse

Wenn es den BFN nicht gäbe, würde ich das Rundfunkhören ganz aufgeben", schrieben enttäuschte NWDR-Hörer in die Spalte "Bemerkungen" des Vordrucks "Erforschung der deutschen Hörer-Meinung für British Forces Network (BFN)". Der regelmäßige Eingang deutscher Hörerpost hat die Leitung des britischen Soldatensenders jetzt bewogen, zum ersten Male bei den deutschen Zaungästen rundzufragen.
Die bisherigen Ergebnisse: über 80 Prozent positive Antworten, die bezeugen, daß BFN auch von der deutschen Bevölkerung gern gehört wird. Sogar im NWDR. Hermann H. Wolff, Erforscher der Hörermeinung beim NWDR, entschuldigte sich etwas verlegen, als aus seinem Dienstradio am Mittelweg 113 die nachmittäglichen Swingweisen der britischen Konkurrenz drangen.
Was den deutschen Hörern am BFN-Programm besonders gefällt, sind die frische Improvisation, der unformelle und persönliche Ton der An- und Absagen und vor allem: die viele modern temperierte Musik mit schrägen Klängen schon am frühen Morgen.
Das beginnt um 6.30 Uhr mit "Wakey-Wakey": Zur kalten Dusche heiße Rhythmen. Die Frühstückspause um 10.15 Uhr würzt "Canteen Break" mit scharfen Sachen von Benny Goodman bis Louis Armstrong. Nachmittags gibt es "Swing Shift" und um fünf den "1700 Club" (Erkennungsmelodie: "Bakerloo Non-Stop").
Beide Sendungen sind unbestrittene Domänen von Derek Jones, dem Jazz-Fachmann von BFN. Jones, 24, mit randloser Brille und gewagtem Schnurrbart, begann mit 16 bei der BBC als Rundfunkingenieur. Seit 1946 ist er bei BFN und macht dort Sportreportagen und viel Musik. Alle seine musikalischen Sendungen ("Rhytm Club", "Changing my tunes" u. a. m.) bestehen aus Schallplattenwiedergaben in immer neuer Zusammenstellung.
Ihren Reiz gewinnen sie durch die jungenhafte Hemdsärmeligkeit, mit der er sie aus dem Stegreif ansagt, und durch die
persönliche Beziehung, die er zu jedem "seiner" Programme hat. Er wählt die Platten nicht nur selber aus, er legt sie, mit Kommentar, auch eigenhändig auf - und der Hörer registriert das alles unbewußt als wohltuend individuelle Bedienung. Beim NWDR taucht diese Abkehr vom Behördenton erst verschämt in einigen UKW-Ansagen auf.
Freunde ernster Musik kommen in den zwei wöchentlichen Symphoniekonzerten und der Nachmittagssendung "The Music Room" auf ihre Kosten. Auch die Kammermusiksendungen genießen unter Kennern einen guten Ruf.
Das BFN-Schallarchiv mit 58 000 Platten (NWDR-Funkhaus Hamburg: 35 000 Bänder, 15 000 bis 20 000 Schallplatten) reicht von Bach und Händel bis zu Strawinsky, Bartòk und Hindemith. Für den Zwischenbezirk der gemäßigten Unterhaltungsmusik ist Milo Karatsch mit dem vierzigköpfigen "BFN-Theatre-Orchestra" zuständig.
27 Engländer und 120 Deutsche bilden gegenwärtig das ganze Funkhauspersonal. Dienstältester im Hause und wandelndes BFN-Archiv ist Staff-Sergeant Thomas ("Mush") Cousens, 36, aus Yorkshire. Er war schon im Sommer 1944 dabei, als "No. 1 Field Broadcasting Unit", die Vorläuferin von BFN, an Londons Eton Square zusammengestellt wurde. Von Brüssel aus gingen am 1. Januar 1945 die ersten Sendungen in den Aether.
Am 29. Juli 1945 hörte die Rhein-Armee zum ersten Male die Ansage: "This is the British Forces Network in Germany". Inzwischen hatten sich die englischen Rundfunkleute am Hamburger Karl-Muck-Platz etabliert und die von Schiffsredner ("Flying-P-Line") Ferdinand Laeisz gestiftete Musikhalle mit viel Um- und Einbauten zum "Broadcasting House" gemacht.
Mit ihrem Studiobetrieb blockieren sie seitdem den kleinen Saal und sämtliche Garderoben- und Verwaltungsräume, während sie den großen Saal schon im Herbst 1945 auch für deutsche Konzerte zur Verfügung stellten. Dennoch ist der große Saal nach wie vor ihr "Studio A". Vor seinen leeren Rängen und Parkettreihen rollt gelegentlich gerade eine bunte "Music Parade" ab, wenn Hamburgs Philharmoniker für ihr nächstes Konzert proben wollen.
Fünf stationäre und ein fahrbarer Mittelwellensender strahlen gegenwärtig das
BFN-Programm aus. Als Träger des Rundfunkmonopols in der britischen Zone besorgt der NWDR den technischen Betrieb aller dieser Sender. Vier davon sind darüber hinaus sein Eigentum. Jede Betriebsstunde wird vom NWDR mit 40 (Hannover), 42 (Hamburg-Pinneberg), 43 (Berlin) und 58 (Langenberg) DM in Rechnung gestellt. Die Sender Bonn und Herford, die dem BFN gehören, betreibt der NWDR für 10 und 18 DM in der Stunde.
Alles in allem erhält der NWDR mit 1,34 Millionen DM den Löwenanteil der DM-Ausgaben des Soldatensenders. 720 000 DM bekommt die Post für den Leitungsdienst und für Außenübertragungen etwa von Travemünde oder Bad Oeynhausen. 680 000 DM werden an Löhnen, Gagen und Gehältern an das deutsche Personal (Orchester, Techniker, Bürokräfte, Fahrer) gezahlt. Insgesamt belastet BFN das Konto Besatzungskosten mit 2,97 Millionen DM.
"Wir sind der einzige Sender Europas, der keinen einzigen Pfennig Kassenbestand hat!", amüsiert sich technischer Direktor F. J. Pacey. Alle DM-Leistungen werden im Requisitionswege in Anspruch genommen. Die Rechnungen gehen an das Amt für Kriegsschäden und Besatzungskosten des jeweiligen Landes und werden von dort direkt beglichen.
Ueber die Jahresabrechnung macht sich später die Preisbildungsstelle des Amtes für Wirtschaft in Hamburg her. Alle DM-Posten des BFN-Haushaltes werden hier auf das sorgfältigste durchgekämmt.
"Einen großen Teil unserer Geräte haben wir uns selber gebaut", erinnert sich Dieckmann. Magnetofonbänder sind im Soldatensender heute noch Mangelware. Da man keine neuen anschaffen kann, werden die alten immer wieder gelöscht und noch einmal verwandt. Wenn sonst irgendein Einzelteil in letzter Minute ausfällt, greifen die Techniker in die eigene Tasche und legen den Betrag vorläufig aus.
BFN produziert darum gern billig. Deutsche Gastdirigenten beim Theatre-Orchestra erhalten als Gage einen freundlichen Händedruck und eine Schallaufnahme von ihrem Gastspiel. Für Peter Paxtons Hörspielproduktionen müssen in Hamburg stationierte Freunde, Kollegen und Bekannte samt ihren Frauen und Kindern vors Mikrophon. "Honorar" ist bei BFN ein Fremdwort.
Nichtsdestoweniger hat BFN noch viel vor. Auf dem Hamburger Heiligengeistfeld begann dieser Tage der erste Ultrakurzwellen-Sender zu arbeiten, der mit Einwilligung des NWDR als einziger in der britischen Zone von der Bundespost betrieben wird. Ein weiterer UKW-Sender mit einer Sendeleistung von 1 kW ist in Herford im Bau und soll im Mai den Betrieb aufnehmen.
Auf der Kopenhagener Wellenkonferenz nämlich erhielt der Soldatensender die gleiche Welle wie das "Light Program" der BBC. Seitdem muß BFN eine Stunde vor Sonnenuntergang auf London umschalten. Mit dem UKW-Sender will man zwar offiziell kein "zweites Programm" ausstrahlen (wie der NWDR), aber endlich wieder ein ganztägiges Eigenprogramm. Von 6.30 Uhr bis Mitternacht.
Den ganzen Winter über mußte BFN schon nachmittags um fünf die endlos fortlaufende BBC-Sendung "Mrs. Dales Tagebuch" übernehmen. "Wann stirbt diese Frau endlich?" fragten gelangweilte Hörer. Nachdem jetzt die Sonne später untergeht und das Londoner Programm infolgedessen erst ab sechs übertragen zu werden braucht, schickte BFN - humorbegabt wie immer - eine schlichte Todesanzeige zurück: "Hier ruht Mrs. Dale. R.I.P."

DER SPIEGEL 17/1951
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