09.05.1951

MUSIK / TOSCANINIDu bist ein Wilder

(s. Titel)
Toscanini hat mit der Scala gebrochen. Seit dem 6. April weilt der körperlich so kleine italienische Dirigent, den nicht nur die superlativfreudige amerikanische Musikkritik "den größten der Welt" nennt, in Mailand, zum Besuch seiner schwerkranken Frau. Bisher hat der Maestro, dem die Mailänder Scala eine ihrer glanzvollsten Zeiten nach der Jahrhundertwende und 1921 ihre Rettung aus schwerster Krise durch eine durchgreifende Reorganisation verdankt, dieses wohl berühmteste Opernhaus der Welt nicht betreten.
Toscanini wohnt in Mailand ganz zurückgezogen, er hat bisher seine Wohnung in der Via Dorini kaum verlassen. Jede Unterredung mit Abgesandten der Scala hat er abgelehnt. "Der Bruch ist vollkommen", will die italienische Presse wissen.
Alle Anzeichen sprechen dafür. Die Scalaleitung hatte schon seines Geburtstages (des 84.) am 25. März nicht mehr gedacht. Zum erstenmal.
Also wird das italienische Verdi-Gedenken zur 50. Wiederkehr des Todestages des Komponisten möglicherweise ohne Toscanini verlaufen. Ursprünglich war vorgesehen, daß Toscanini in dem Städtchen Busseto, in dessen Nähe Verdi geboren wurde und gelebt hat, die Opern "La Traviata" und "Falstaff" dirigieren werde.
Toscaninis Streit mit der Scala hat viele Gründe. Der greise Maestro ist wegen seiner Widerborstigkeit und seiner krankhaften Empfindlichkeit gefürchtet.
Man glaubt darum auch in Italien gern, daß Toscanini es als Herausforderung und persönlichen Affront aufgefaßt hat, als Victor de Sabata, der mit Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan und Issay Dobrowen derzeit die Scala künstlerisch leitet, am 27. Januar, Verdis Todestag, dessen "Requiem" in Italien zur selben Stunde dirigierte, wie Toscanini in der New Yorker Carnegie Hall.
Auch Furtwänglers Verpflichtung wird Toscanini verschreckt haben. Die beiden so grundverschiedenen Dirigenten verstanden sich nie besonders gut.
Dafür hat Toscanini sich bereit erklärt, im kommenden Konzertwinter wieder die Leitung der NBC-Konzerte zu übernehmen. Er wird, wie seit Jahren gewohnt, seine Serie von zwölf der insgesamt 22 Symphoniekonzerte der amerikanischen
National Broadcasting Company dirigieren.
Das erschien bisher völlig ungewiß. Mitte Februar ließ Toscanini, angeblich auf den Rat seines Arztes hin, bekanntgeben, daß er die beiden letzten Konzerte der Saison an einen anderen Dirigenten abgeben und eine Ruhepause einlegen werde.
Toscanini laboriert seit längerem an einem alten Knieleiden. Er ist vor zwei Jahren in seinem Badezimmer ausgerutscht und hat sich das Knie verletzt. Seitdem macht ihm das lange Stehen bei seinen ausgedehnten Proben und bei den Aufführungen selbst immer mehr Mühe.
Grobheit ohne Grenzen. Bei einem seiner letzten Konzerte in New York schonte er sein Knie, indem er nur mit der Rechten taktierte und sich mit der linken Hand am Geländer des Podiums festhielt. Der ungewöhnlich elastische Ueber-Achtziger hatte bis dahin jede Bequemlichkeit verschmäht. Als Freunde ihm vorschlugen, er solle im Sitzen dirigieren, antwortete er nur mit einem unwilligen "Nein", so grob wie immer.
Toscaninis Grobheit kennt kaum Grenzen. Sein ohne Rücksicht auf Ort und Stunde explodierendes Temperament ist wohl der eigentliche Grund für die zeitweilige Trennung von NBC. Die Streitigkeiten sind so alt wie die Zusammenarbeit
des Dirigenten mit den NBC-Direktoren.
Sie hatten ihm 1937 das gewährt, ja angeboten, was ein Musiker nur immer wunschträumen konnte: ein eigenes, ausgewachsenes Symphonie-Orchester. Das war für Amerika sensationell. Keine Radiostation und nicht einmal ein so riesenhafter Betrieb wie die NBC pflegt dort eigene Orchester zu haben, wie in Europa jeder mittelgroße Sender.
Toscanini, der sich noch ein Jahr zuvor eigentlich hatte zur Ruhe setzen wollen, erkannte die Außergewöhnlichkeit des Projektes sofort. Er akzeptierte. Mehr als 700 erstklassige Musiker aus Nord- und Südamerika und aus Europa bewarben sich sogleich für das Toscanini-Orchester. Heute steht es in dem an Orchestern von Weltklasse nicht armen Amerika an führender Stelle.
Television statt Toscanini. Es wurde für NBC ein kostspieliges Unternehmen. 15 Millionen Dollar verschlang das Toscanini-Orchester jährlich. Auch eine Station wie NBC hätte sich das nicht leisten können, wenn sie nicht in General Motors, dem riesigen amerikanischen Automobil-Konzern, einen "sponsor", einen spendefreudigen Mäzen, gefunden hätte. Der kulturell orientierte Generaldirektor von General Motors sprach in der Pause der Konzerte gewöhnlich sehr interessant über wissenschaftliche Themen.
Aber auch für GM wurde das große Orchester schließlich zu teuer. Mit GM''s Kündigung trat der Streit zwischen Toscanini und der NBC in sein akutes Stadium. NBC versuchte, den finanziellen Ausfall durch Television-Sendungen wettzumachen, Um ein Television-Theater zu gewinnen, mußte Toscanini das eigens für ihn gebaute, durch ihn berühmt gewordene plüschbespannte Studio 8-H hergeben.
Der Meister hatte sich damals nicht zu sehr gesträubt. Die ihm als Ersatz zur Verfügung gestellte Carnegie Hall, New Yorks berühmter Konzertsaal, war akustisch günstiger*).
Doch dann schlug NBC einen weiteren Ortswechsel vor, und zwar den in das unbekannte Manhattan Center Studio. Dazu kam, daß Toscaninis bisherige Sendestunde auf einen ungünstigeren Zeitpunkt, auf Montagabends zehn Uhr, verlegt wurde.
Als Toscanini erfuhr, daß sein NBC-Orchester in einer bunten Abendsendung mitwirken sollte, gab es einen fürchterlichen Eklat. Auch die Mitglieder seines Orchesters glaubten, daß Toscanini seinen Vertrag mit der NBC lösen würde.
Das hätte künstlerisch auch das Ende seines Orchesters bedeutet. Nun hat möglicherweise der Streit mit der Scala den Maestro zur Wiederaufnahme seiner NBC-Konzerte veranlaßt. Die zu erwartende Rückkehr nach Amerika kann als bewußte Brüskierung der Mailänder Oper gelten.
"Sucht Euch jemand anderen." Es ist nicht die erste Absage des großen Italieners an seine Heimat. Als Italiens Staatspräsident Einaudi ihn Ende 1949 mit der Ernennung zum Ehrensenator auf Lebenszeit auszeichnen wollte, kabelte Toscanini sofort seine Weigerung aus New York in den Quirinal, diese höchste Ehrung, die die italienische Republik zu vergeben hat, anzunehmen. Sie "widerspreche seinen Gefühlen". Toscanini fügte jedoch hinzu, er sei "immer bereit, seinem Vaterland zu dienen" und bat, seine Weigerung nicht als eine "unfreundliche Haltung" aufzufassen.
Er hat immer einen sehr sicheren politischen Instinkt bewiesen und ein feines Gefühl für moralische Anständigkeit. Toscanini vertritt die Ansicht, daß ein politisch charakterschwacher Musiker auch ein schlechter Musiker sein müsse.
Giacomo Puccini, nur neun Jahre älter als der 1867 geborene Toscanini, war eine Zeitlang einer seiner besten Freunde. Sie zerstritten sich, weil Toscanini der Ansicht war, daß Puccini sein Talent verraten habe, um durch populäre Kompositionen reich zu werden. Tatsächlich war Puccini der erste Komponist, der noch bei Lebzeiten vielfacher Dollarmillionär wurde.
Absage an Mussolini. Trotzdem hatte Toscanini 1926 nach Puccinis Tode (1924), die Uraufführung der unvollendeten Oper "Turandot" an der Scala übernommen. Dabei kam es zu dem berühmt gewordenen Zwischenfall, der ihn in offenen Konflikt mit dem Faschismus brachte.
Ursprünglich war Toscanini mit Mussolini befreundet gewesen. Sie hatten zusammen auf der Kandidatenliste für die Sozialistische Partei bei den Wahlen von 1919 gestanden. ("Wir erhielten jeder ungefähr drei Stimmen.") Aber nach dem Marsch auf Rom kündigte Toscanini dem Duce öffentlich die Freundschaft.
Vor der "Turandot"-Premiere weigerte sich Toscanini, die faschistische Parteihymne "Giovinezza" zu spielen mit den Worten: "Wenn ihr die Giovinezza gespielt haben wollt, so sucht euch jemand anderen, der ''Turandot'' dirigiert." Außerdem hielte er das Stück nicht für Musik. Es war der erste Schritt ins Exil.
Er haßte jede Form der Diktatur. So weigerte er sich, unter Hitler zu spielen. 1936 lehnte er eine Einladung, bei den Bayreuther Festspielen zu dirigieren, ab und erklärte, er teile Schillers und Beethovens Auffassung, daß alle Menschen Brüder seien.
Statt in Bayreuth zu dirigieren, leitete er im Dezember des gleichen Jahres das erste Konzert des neugegründeten "Palästina-Symphonieorchesters" in Tel Aviv. Es war ein klarer und deutlicher Protest.
Im zweiten Weltkrieg gab er seine Konzerte zugunsten der amerikanischen Kriegsanleihe und des amerikanischen Roten Kreuzes. In New Yorks riesenhaftem Madison Square Garden dirigierte er einen Klangkörper von 2000 Musikern und 1000 Sängern zugunsten US-Kriegsversehrter.
Obwohl er seit seinen Konservatoriumsjahren nie mehr komponiert hatte, schrieb er ein Arrangement der US-Nationalhymne "The star spangled banner". Das Manuskript wurde auf einer Auktion für eine Million Dollar versteigert.
Toscanini hatte seit je Millionensummen ausgeschlagen, die man ihm für die Mitwirkung in einem Hollywood-Film bot. Er stellte sich jedoch sofort zur Verfügung, als die amerikanische Regierung einen Film "Hymne of the Nations" mit Musik von Verdi drehen wollte. Damals schrieb Präsident Roosevelt an Toscanini:
"Der großartige Beitrag, den Sie in der Welt der Musik geleistet haben, wurde seit je erhöht durch Ihre menschliche und selbstlose Verehrung der Sache der Freiheit. Wie alle wahren Künstler haben Sie erkannt und in Ihrem ganzen Leben öffentlich bekannt, daß Kunst nur blühen kann, wo die Menschen frei sind."*)
Als der sogenannte "Anschluß" und die Proklamation des Großdeutschen Reiches in Amerika bekanntgegeben wurde, bekam er einen seiner gefürchteten Temperamentsausbrüche. Er hatte noch zu probieren versucht, verließ aber nach den ersten Takten das Podium und rannte in sein Künstlerzimmer.
Dort griff der knapp 1,60 m große Maestro das Zunächststehende, schlug einen massiven Tisch in Stücke, warf die Partituren von den Borden und demolierte den Raum fast völlig. Dann setzte er sich auf einen Stuhl und fing an zu schreien.
Schlechter Charakter. Toscaninis Temperamentist berüchtigt bei allen Orchestern, die er jemals dirigiert hat. Nach einem Konzert in der kalifornischen Stadt Pasadena im vorigen Jahr war er so verärgert über die schlechte Akustik des Konzertsaals und so unbefriedigt mit seiner eigenen Leistung, daß er, irritiert über einen Kragenknopf, der nicht aufgehen wollte, sich sein Frackhemd vom Körper riß, es mit den Händen zerfetzte und sich selbst unter lautem Fluchen ins Handgelenk biß.
Am nächsten Tage zeigte er die Wunde einem Freund und seufzte: "Ich war
schlecht gestern abend ..." Der Freund antwortete lächelnd: "Du bist ein Wilder." Toscanini nickte, seufzend: "Ja ..., das bin ich wohl."
Das, was Toscanini selbst seinen "schlechten Charakter" nennt, bekommt vor allem sein Orchester zu spüren.
Nur selten sind seine Bemerkungen humorgewürzt wie diese, mit der er seinen Musikern seine ganze Verachtung über eine schlechte Leistung zum Ausdruck brachte:
"Nach meinem Tode werde ich als Türhüter eines Bordells auf die Erde zurückkehren. Dann werde ich keinen von Euch hereinlassen - nicht einen einzigen!"
Sie tragen es ihm nicht nach. Als er einmal vor übergroßem Aerger seine goldene Sprungdeckeluhr auf den Boden geschmettert hatte, fand er drei Tage später eine ähnliche Uhr auf seinem Dirigentenpult liegen. Sie war in eine Platinhülle gebettet und darauf stand eingraviert: "Das New Yorker Philharmonische Orchester seinem verehrten Meister zur weiteren Benutzung während der Proben".
"Ich bin ein Stümper." Die Konzerte sind für Toscanini eine unerhörte körperliche Anstrengung. Er sitzt nach Schluß der Aufführung oft eine Stunde und länger fast unbeweglich in seinem Ankleideraum und starrt vor sich hin. Langsam nur gewinnt er dann wieder Kontakt mit der Außenwelt, spricht ein paar Worte und nippt an dem ihm üblicherweise gereichten Glas Sekt.
Allerdings nicht immer. Als er einmal nach einer Aufführung mit sich selbst besonders unzufrieden war, saß er vier Stunden lang völlig verstört in seinem Zimmer, den Hut in der Hand, und murmelte immer wieder vor sich hin: "Ich bin ein Stümper." Das Glas Sekt lehnte er diesmal ab: "Danke, nein, heute trinke ich nur Wasser."
Patzer seiner Musiker empfindet er als persönliche Beleidigung. Ja, noch mehr: Er hält jede Ungenauigkeit für einen "Judaskuß", für einen Verrat am Komponisten.
Ist das Unglück geschehen, legt der Maestro wortlos den Taktstock weg, faltet die Hände über seinem bis oben hin zugeknöpften schwarzen Wolltalar, den er bei den Proben trägt, und ringt mit seinem "schlechten Charakter". Dann explodiert er: "Vergogna!" (Oh, Schande!)
Bei der NBC liegen Stapel von Tonbändern, die von Toscanini bespielt, aber nicht freigegeben wurden. Als er seine Bandaufnahme des "Othello" zu Hause abhörte, sprang er urplötzlich auf, stellte das Gerät ab und schrie: "Ha! An dieser Stelle bin ich betrogen worden."
Toscaninis größter Besitz, sein phänomenales Gehör, wird ihm oft genug zur Folter. Er reagiert auf jeden falschen Ton wie auf einen überstarken Schmerz. Dabei muß meistens der Taktstock zuerst daran glauben.
Wirft er im Wutanfall gar die Partitur, die er nur bei den Proben braucht, auf den Boden und rennt aus dem Probesaal, nützt alles bittende Pochen an seiner Tür nicht. Gewöhnlich kehrt er dann nach einiger Zeit äußerlich ruhig auf das Podium zurück und befiehlt mit seiner etwas heiseren, hohen Stimme: "Noch einmal, Ihr Pagliacci (Hanswürste)!" Es kann passieren, daß er schon drei Minuten später einem Instrumentalisten, der ein Solo besonders exzellent ausführte, mit großgestiger Grandezza begeistert eine Kußhand zuwirft.
Biologisches Phänomen. Toscanini ist auch heute noch in seinen guten Stunden ein vollendeter Kavalier und Charmeur. Er wacht eifersüchtig über seine Gesundheit. Im engsten Freundeskreise hat Toscanini
einmal die Hoffnung ausgesprochen, noch mit 100 Jahren dirigieren zu können.
Aerzte, die ihn untersucht haben, erklären ihn für ein biologisches Phänomen. Sein Herz ist noch so intakt wie das eines jungen Mannes, er besitzt fast noch alle Zähne, sein außerordentliches Gedächtnis (er dirigiert stets ohne Partitur) ist ungetrübt und sein von jeher sehr lebhaftes Interesse für das andere Geschlecht noch nicht im geringsten gemindert. Seine Orchestermitglieder nennen ihn mit etwas spöttischer Bewunderung: "Grandpa Casanova".
Den Kavalier legt er allerdings ab, wenn er das Podium betritt. "Wenn ich den Taktstock in der Hand habe, bin ich ein anderer Mensch."
In der Metropolitan Opera wies er einmal eine gefeierte Sängerin zurecht, als sie ihre Partie allzu primadonnenhaft abänderte. Sie erwiderte beleidigt: "Mr. Toscanini, mich können Sie nicht so behandeln, ich bin der Star der Aufführung." Toscanini blieb darauf ausnahmsweise einmal eiskalt: "Madame, in meinen Aufführungen gibt es keine Sterne (stars). Für mich gibt es Sterne nur am Himmel."
Feiner Gaumen, spitze Zunge. Obwohl er in den Vereinigten Staaten unbegrenzte Verehrung genießt, hat er sich nicht amerikanisiert. Er spricht heute noch nur äußerst gebrochen Englisch, hält darauf, nur italienische Küche vorgesetzt zu bekommen - er ist ein passionierter Feinschmecker - und kritisiert den amerikanischen "way of life" oft mit aller ihm zur Verfügung stehenden verbalen Vehemenz.
Einen seiner schärfsten Tadel spricht er aus, wenn er einem Musiker italienischer Abstammung zuruft: "Ich kann einfach nicht glauben, daß ein solcher Patzer wirklich ein Italiener ist!"
Seit einigen Jahren schon lebt der Maestro, abgesehen von seinem Urlaub, den er meist auf seiner Insel im Lago Maggiore, gegenüber von Pallanza, verbringt, in Villa Pauline, einem Landhaus hoch über dem Hudson in Riverdale, unweit von New York.
Seine engste Familie: seine Frau, drei Kinder und drei Enkel, liebt er abgöttisch. Sein Sohn Walter arbeitet für ihn als Privatsekretär. Seine Tochter Valli, heute eine Gräfin Castelbarco, ist die "Politikerin" der Familie. Sie war im zweiten Weltkrieg erfolgreich für den amerikanischen Nachrichtendienst in der Schweiz tätig. Die dritte Tochter, Mirjam, ist mit dem Pianisten Wladimir Horowitz verheiratet. In seiner Tasche schleppt Toscanini ständig einen großen Packen Photographien seiner Enkelkinder mit sich herum.
Frühmorgens ein Vogelkonzert. Der über 80jährige Maestro steht sehr früh am Morgen auf, da er unruhig und meist nur ganz wenige Stunden schläft. Er beginnt den Tag damit, daß er die Käfige seiner Kanarienvögel abdeckt. Noch vor dem Frühstück setzt er sich ans Klavier und "dirigiert" von dort aus ein Singkonzert seiner Vögel.
Wenn er keine Probe hat, kleidet er sich fast den ganzen Vormittag lang sehr sorgfältig an. Er rasiert sich selbst und läßt sich seine Haare niemals vom Friseur, sondern immer nur von seiner Frau schneiden.
Viele Stunden verbringt er mit dem intensiven Studium seiner Partiturensammlung. Zu Hause lernt er sie auswendig, da er durch seine starke Kurzsichtigkeit auf dem Podium äußerst gehemmt ist. Sein Gedächtnis arbeitet photographisch: er behält in der Erinnerung, was er einmal vor Augen gehabt hat.
Was ihm beim Partiturenlesen sein "inneres Orchester" vorspielt, ist die einzige perfekte Ausführung, die er kennt. Selbst seine gelungensten Leistungen haben nach Toscanini niemals die von ihm angestrebte Vollendung erreicht. Gelegentlich hört er auf Schallplatten der Wiedergabe durch andere Dirigenten zu.
Die Schallplattenapparatur in seinem Wohnzimmer wurde berühmt. In dem
Viereck des Raumes sind Lautsprecher mit verschiedenen, aufeinander abgestimmten Frequenzbereichen angebracht. Sie vermitteln dem Maestro in einer idealen Weise die Illusion, er sitze in einem Konzer saal und höre sich selbst oder anderen Dirigenten zu.
Bei dieser Gelegenheit häuft er meist Schmähungen auf die Häupter seiner unsichtbaren Kollegen: "Spielt doch, was in der Partitur steht!"
"Was in der Partitur steht" zu spielen, ist sein einziger Ehrgeiz. Er ist der glühendste Fanatiker der Werktreue. Als Toscanini die Welturaufführung der "Bohème" von Puccini (1896) geleitet hatte, sagte der Komponist bewundernd:
"Toscanini spielt eine Musik nicht genau so, wie die Partitur angibt, sondern wie der Komponist es sich vorstellte, wenn auch dessen Hand in dem Augenblick, da er sich niedersetzte, um sie aufzuschreiben, nicht fähig war, sie so festzuhalten, wie sie in seinem Innern erklang."
Das hat mit der sogenannten "Interpretation" landläufiger Dirigenten nichts zu tun. Als Verdi ihn das erstemal hörte, klopfte er ihm anerkennend auf die Schulter und sagte: "Prachtvoll! Gerade so habe ich es im Innern gehört." - "Warum haben Sie es dann nicht so niedergeschrieben?", sagte Toscanini. Verdi: "Ich fürchtete, es würde falsch ausgeführt werden." Der Komponist hatte die eigenwilligen Zutaten seiner "Interpreten" bei der Notation schon einkalkuliert.
Verdi wurde aufmerksam. Ein Beispiel seiner Notengenauigkeit lieferte ihm Toscanini schon beim ersten Zusammentreffen. Bei der Probe zur Uraufführung des "Othello" (1887) wurde der 74jährige Verdi auf den zweiten Cellisten, einen zwanzigjährigen jungen Mann, aufmerksam, der eine mit vierfachem p bezeichnete Stelle (pppp) in der berühmten Cello-Passage des ersten Aktes wortwörtlich genommen hatte: Er war kaum zu hören. Verdi erkundigte sich interessiert nach dem Namen des jungen Mannes, der ihn einer genau genommenen falschen Notation überführt hatte. Er hieß Toscanini.
Der junge Mann hatte zuvor schon, am 25. Juni 1886, im brasilianischen Sao Paolo Aufsehen erregt, wo er im Orchester einer wandernden Operngruppe wirkte. Unmittelbar vor einer "Aida"-Aufführung verschwand der Dirigent. Um die Aufführung zu retten und wenigstens einen Dirigenten vorzutäuschen, steckte man den jungen Anfänger Toscanini, der bis dahin nur sein Cello gestrichen hatte, in einen Frack und drückte ihm den Taktstock in die Hand.
Am Ende des ersten Aktes raste das Haus. Am Schluß der Oper, als der Beifall kein Ende nehmen wollte, war immer noch die erste Seite der Partitur aufgeschlagen. Toscanini hatte seine erste Oper auswendig dirigiert.
Sein Gedächtnis hat ihn nie im Stich gelassen. Als einem Streicher einmal mitten im Spiel eine Saite riß, wehrte er vom
Podium aus ab, als der Musiker eine neue aufziehen wollte. "Sie brauchen diese Saite während des ganzen Stücks nicht mehr anzustreichen", wußte er, ohne in die Partitur geschaut zu haben.
Nach Amerika kam Toscanini zum ersten Male im Jahre 1908. Damals hatte er sich bereits an der Mailänder Scala Weltruhm erworben. Jetzt erlebte die Metropolitan Opera ihr "golden age" mit Enrico Caruso und den anderen Stimmgrößen dieser Zeit.
Seitdem wechselte Toscanini zwischen der Alten und der Neuen Welt, zwischen Mailand und New York. 1921 wirkte er noch einmal an der Scala und machte das im neuen Bestand gefährdete Institut endgültig gesund. 1926 bot ihm die New Yorker Philharmonie die höchste dort jemals gezahlte Gage, 80 000 Dollar im Jahr. Toscanini nahm an.
Zwei große Konzertreisen Toscaninis sind berühmt geworden. Die eine führte ihn 1930 mit dem gesamten New Yorker Philharmonischen Orchester nach Europa. Die andere unternahm er zwanzig Jahre später mit seinem NBC-Symphonieorchester quer durch Amerika.
"Größte musikalische Attraktion." Diese ganze Tour war von Anfang an sensationell. Vorher hatte die NBC bei Konzertagenturen in zwanzig größeren Städten Amerikas telegraphisch angefragt, ob sie einen Termin "für die größte heute mögliche Attraktion der Welt" frei haben würden. Die NBC hatte dabei nicht von Toscanini gesprochen. Aber siebzehn der zwanzig Agenturen telegraphierten sofort zurück: Termin frei für Toscanini und die NBC-Symphony.
Toscanini und das Orchester reisten in einem Spezialzug aus 15 Wagen. Jeder der Musiker hatte ein Einzelabteil mit gesondertem Schlafraum, Toscanini einen ganzen Wagen für sich selbst zur Verfügung. Die Reise führte über fast 16 000 Kilometer. Für Toscanini war es die erste Gelegenheit, Amerika zu sehen. Deshalb hieß sein Wagen "Christopher Columbus"
Toscanini hatte einen Spezialgeschwindigkeitsmesser in seinem Wagen, den er ständig kontrollierte. Er achtete genau darauf, daß der Lokomotivführer nie über 50 Meilen in der Stunde ging, damit er alles genau sehen könne.
In San Valley, dem berühmten Wintersportort der USA, legte das ganze Orchester einen Skiurlaub ein. Morgens um 6.30 Uhr gingen die Trompeter des Orchesters durch den ganzen Zug und bliesen Reveille. Am Abend dieses Urlaubstages führte das ganze Orchester eine "Sad Symphony" auf. Die Musiker spielten auf Spielzeuginstrumenten und Kinderpfeifen, die Gepäckträger, Kellner und sonstigen Bediensteten sangen dazu den alten Spiritual vom "Ol'' man river", und Toscanini dirigierte das Ganze.
Auf dieser Reise war er aufgeräumter als sonst. Einmal mußte die NBC-Symphonie sich einen Harfenisten von einem örtlichen Orchester ausleihen. Der zupfte in der Aufregung jedesmal g statt fis, obwohl er in dem ganzen Stück nur diese einzige Note zu spielen hatte.
Trotzdem gab es keinen Toscaninischen Temperamentsausbruch. Aber als sich der Musiker vor dem Konzert an sein Instrument setzte, fand er es wunderlich demontiert. Toscanini hatte alle Saiten ausspannen lassen bis auf die fis-Saite.
Toscanini gab auf dieser Reise 21 Konzerte in 20 Städten. Jedes Konzert beschloß er mit einer Zugabe. In Richmond im Staate Virginia hieß die Zugabe "Dixie". Das ist das patriotische Lied des amerikanischen "Dixielandes", mehr dem Jazz als der symphonischen Musik zugehörig. Toscanini hatte sich auf der Durchreise
in New Orleans lebhaft für die Stätten interessiert, wo er Original-Jazz hören konnte.
Sonst spielt Toscanini selten moderne Musik. Er sagt nicht, daß er diese Musik ablehne, aber er fühlt hier seine Grenzen. Seine Götter sind Verdi, Wagner und Beethoven.
Keine ehrliche Arbeit. Aber auch mit dieser anerkannten Musik hat er seine Eltern niemals in eine seiner Aufführungen locken können. Diese, blutarme Schneidersleute (Toscanini: "Ich habe niemals Fleisch auf dem Eßtisch gesehen"), waren noch in den Jahren seines wachsenden Ruhms der Ansicht, daß er keine ehrliche Arbeit leiste.
Dabei war die außerordentliche musikalische Begabung des jungen Arturo und sein phänomenales Gedächtnis so früh aufgefallen, daß nie ein anderer Beruf als der des Musikers für ihn in Frage gekommen wäre. Als Neunjähriger erhielt er ein Stipendium im Konservatorium von Parma. "Es war eine mönchisch harte Zeit", erinnert sich Toscanini.
Sein Talent war schon damals so auffallend, daß er von Mitschülern und Lehrern "il genietto", das kleine Genie, gegenannt wurde. Heute will er, der sich Applaus und Blumen nach seinen Konzerten verbeten hat ("Blumen sind für Primadonnen und Leichen"), weniger denn je von dieser Bezeichnung wissen.
"Ich bin kein Genie. Ich habe nichts geschaffen. Ich spiele die Musik anderer Leute. Ich bin nur ein Musiker."
*) Außerdem ist der technisch stark interessierte Toscanini ein ausgesprochener Television-Fan. Fernsehen ist eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. Am meisten liebt er Kinder-Shows und Boxkampf-Uebertragungen. Er gilt in seinem Freundeskreis als vorzüglicher Box-Spezialist.
*) Toscaninis Heim in New York war im Kriege eine Art italienische Exilregierung. Nach Kriegsende erwog man eine Zeitlang ernsthaft, ihn zu bitten, Italiens Präsident zu werden, weil er der einzige sei, der in dem allgemeinen Parteienstreit von allen in der gleichen Weise akzeptiert werden würde.

DER SPIEGEL 19/1951
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MUSIK / TOSCANINI:
Du bist ein Wilder