06.06.1951

PERSIEN-KRISE / INTERNATIONALESSchlimmer als Verstaatlichung

(s. Rücktitel)
Oberflächlich gesehen, verlief das gesellschaftliche Leben Persiens weiterhin im gewohnten Stil. Die "Saison" näherte sich ihrem Höhepunkt. Schah-in-Schah Reza Pahlevi erregte Aufsehen, als er in einem neuen Auto, einem mittelmeerblauen, luxuriösen Rolls-Royce, bei einem Pferderennen in Teheran aufkreuzte.
Die Sowjetgesandtschaft gab ein großes Gartenfest mit Wodka, Kaviar in Massen und der Vorführung eines neuen Sovexportfilms über Mussorgskis Leben. Englands Botschafter Sir Francis Shepherd ging mit seinem Hund im Park seines Legationsgebäudes spazieren und erzählte seinen Diner-Gästen, er hoffe, bald auf Urlaub nach London zu fahren.
Dort hatte man sich nach langem, widerwilligem Räuspern entschlossen, den Tatsachen wenigstens für einen schmerzlichen Moment ins Auge zu sehen und auf einen Brief einzugehen, der fünf Tage vorher im Teheraner Büro der Anglo-Iranischen Oelgesellschaft eingetroffen war. Er war an Norman Richard Seddon, den Teheraner Chef der Gesellschaft, als "Vertreter der vormaligen Anglo-Iranischen Oelgesellschaft" adressiert und lautete: "... Wenn Sie Ihre Vertreter (für die Verstaatlichungsverhandlungen) bis zum 30. Mai nicht entsandt haben, sieht sich die persische Regierung gezwungen, ihren gesetzlichen Pflichten entsprechend zu handeln." Die Mitteilung war von Mohammed Varasteh, Persiens Finanzminister, unterschrieben.
In London beantwortete der Präsident der Gesellschaft, Sir William Fraser, auf Anweisung des Außenministeriums die persische Gerichtsvollzieher-Aufforderung mit einem Schreiben voller Rokoko-artiger Höflichkeitsfloskeln. Sie hingen voller Vorbehalte: Seddon, der Teheraner Chef, werde den Sitzungen der Verstaatlichungskommission lediglich als Ohrenzeuge beiwohnen und nach London berichten, wo man immer noch alle einseitigen Maßnahmen der Perser mißbillige. Mr Seddon folge der Aufforderung überhaupt nur "aus Respekt der Königlichen Regierung und dem persischen Parlament gegenüber".
Das war die vierte britische Reaktion auf den plötzlichen, besessenen Entschluß der persischen Kammer, das am 21. März ebenso plötzlich verabschiedete Gesetz zur Verstaatlichung der Anglo-Iranischen Oelgesellschaft sofort durchzuführen. Das Gesetz hatte England mit einem Protest beantwortet. Im übrigen wiegte sich das Foreign Office in der phlegmatischen Hoffnung, die Teheraner Temperamente würden sich zugunsten "vernünftiger Ueberlegungen" abkühlen.
Die Teheraner Temperamente jedoch erhitzten sich weiter und paukten unter terroristischem Druck der Nationalisten die Durchführungsbestimmmung durch. Immer noch gelang es London, die Tatsachen und Konsequenzen der entscheidenden kritischen Entwicklung im Mittleren Osten zu ignorieren. Beunruhigt begann man, gefährlich zu wursteln und
* alarmierte die 16. britische Fallschirmjägerbrigade, die inzwischen nach Cypern, zwei Flugstunden von Persiens Oelfeldern entfernt, verlegt wurde;
* klagte Persien wegen Konzessionsbruch und Verletzung internationaler Abmachungen beim Haager Schiedsgerichtshof an;
* machte ein Verhandlungsangebot zu den persischen Forderungen.
Die Engländer fühlten sich in einer starken Position, weil Persien technisch nicht in der Lage ist, die Oelindustrie selbständig zu betreiben. Der persische Staat existiert von den Oeleinnahmen, und niemand glaubte, daß die Perser sich von ihrem Unabhängigkeitsfanatismus dem ökonomischen Selbstmord entgegentreiben lassen würden. Auf Grund ihrer kolonialen Erfahrungen hofften die Engländer, sich mit Persien in der wirtschaftlichen Unabhängigkeitsfrage ebenso gütlich auseinanderzusetzen wie mit Indien über die politische Selbständigkeit.
Erst als das persische Ultimatum eintraf, erkannte man in London zumindest die Konturen der Entscheidung, vor die England gestellt war: Entweder
* England fügt sich dem Verstaatlichungsbeschluß der Perser oder
* es versucht, sein Eigentum mit militärischer Gewalt zu schützen, was mit Sicherheit eine Revolution in Persien, und mit großer Wahrscheinlichkeit eine sowjetische Intervention auslösen würde.
In Amerika, wo eigene wirtschaftliche Stärke den Blick für die Verhältnisse der noch unter europäischer Abhängigkeit lebenden Völker freier macht als in England, sah man die Alternativen und die Bedeutung der antikolonialistischen Bewegung rechtzeitig. Als die Amerikaner vor einem halben Jahr einen neuen Konzessionsvertrag mit Saudi-Arabien abschlossen, worin das Land mit 50 Prozent an den Gewinnen, der Arabisch-Amerikanischen Oelgesellschaft beteiligt wird, rieten sie den Engländern bereits, ihren Vertrag mit der persischen Regierung zu besseren Bedingungen zu erneuern. Sie wurden ignoriert. Jetzt fanden sich die USA selbst in einem Dilemma. Der sicherste Weg zur Rettung des persischen Oels wäre die Uebernahme der Oelindustrie durch amerikanische Oelfirmen unter persischer Hoheit gewesen. Doch England verlangte die volle Unterstützung der Amerikaner und drohte widrigenfalls sogar Austritt aus dem Atlantikpakt an.
Also entschloß sich das US-Außenministerium zu einer Warnungsnote an Teheran (wo sie ihm schwer verübelt wurde) und mahnte Engländer und Perser zu Ruhe und Besonnenheit. Eine "Lösung irgendeiner Art" müsse doch am Konferenztisch zu finden sein, wiederholte der Teheraner US-Botschafter Grady inständig.
Wenn sich auch die Engländer langsam zur grundsätzlichen Anerkennung der Verstaatlichung durchringen, Premier Mohammed Mossadeq verliert in seinem schwerbewachten Schlupfwinkel im Parlament immer mehr von seinem an sich schon sehr labilen Verstand.
Er sei sehr daran interessiert, erklärte er plötzlich - von seiner Terrorpsychose geschwächt - , daß die Industrie mit britischen Fachleuten weitergeführt werde, bis Persien genügend eigene Techniker herangebildet habe. Aehnliche Versöhnlichkeiten äußerte er gegenüber US-Botschafter Grady, als er ihn zu einer 65-Minuten-Besprechung im Bett sitzend (über dem Pyjama trug er ein Zweireiher-Jackett) empfing.
Doch während Mossadeq in seiner Klause nachzugeben schien und - vor allem durch einen Tee-Besuch bei Grady, unter schwerer Bedeckung - westliche Hoffnungen wach wurden, entglitt ihm nur um so schneller die Macht im Land. Sein Kabinett droht jeden Tag aufzufliegen, weil die zu immer neuen anti-britischen Ausbrüchen (und zu wenig sonst) fähigen Minister auf Deubel komm raus verstaatlichen wollen.
Inzwischen gewinnt die kommunistische Tudeh-Partei stetig Einfluß und Stärke. Auf Massendemonstrationen peitschen geriebene Agitatoren zu anti-imperialistischen Exzessen auf. Am Jahrestag des Konzessionsabkommens von 1933 sangen 40 000 Perser auf Teherans Parlamentsplatz: "Wir werden die ausländischen Usurpatoren mit eisernen Fäusten zerschmettern."
In Abadan am Persischen Golf - wo in der größten Raffinerie der Welt 25 Prozent des westeuropäischen Oelbedarfs aufbereitet werden - hat die Polizei detaillierte Sprengpläne für die Raffinerieanlagen im Versteck einer Tudeh-Sabotagegruppe entdeckt.
Vier Angestellte des sowjetischen Konsulats in Täbris wurden von der Polizei beim Plakatekleben erwischt.
Der militärische Nachrichtendienst in Teheran deutet an, daß an der persischsowjetischen Grenze nicht-russische, also aserbeidschanische und kurdische Nationalitäten-Streitkräfte*) zusammengezogen würden. An der Spitze der kurdischen Abteilungen dieser Streitmacht stehe Mullah Mustafa. Mustafa hat 1945 einen Aufstand im Irak geführt und zog sich zusammen mit der von den Russen ins Leben gerufenen "Aserbeidschan-Armee" in die Sowjetunion zurück, als die Russen 1947 Nordpersien (Persisch-Aserbeidschan) räumen mußten. Radio Baku ruft täglich: "Die Zeit ist gekommen, die Briten ins Meer zu werfen."
Jetzt, nachdem man in London klar sieht, fürchtet man den Zusammenbruch der persischen Regierung noch mehr als die Verstaatlichung. Die Tudeh-Partei macht schon alle Anstalten, in dem zu erwartenden Chaos die Macht zu ergreifen und den Eisernen Vorhang um Persien fallen zu lassen.
Obwohl die Sowjets Persiens Oel wegen Ueberland-Transportschwierigkeiten vorläufig nicht ausbeuten könnten, wäre das für sie ein unabsehbarer Sieg. Der gesamte Mittlere und Nahe Osten geriete in ihre unmittelbare, bequeme Reichweite. Durch den Verlust eines Viertels seiner Oelzufuhr würde Westeuropa in seinem Aufrüstungsprogramm entscheidend gehemmt.
So wie die Dinge liegen, könnten England und die USA eine solche Entwicklung nur durch diplomatische Magie abbiegen. Im Londoner Wirtschaftsministerium wird die Kraftstoffrationierung vorbereitet.
*) Freiwilligen-Einheiten der "autonomen" Mitgliedsrepubliken der Sowjetunion, die der Roten Armee nicht direkt angeschlossen sind.

DER SPIEGEL 23/1951
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/1951
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PERSIEN-KRISE / INTERNATIONALES:
Schlimmer als Verstaatlichung

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur" Video 02:41
    Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht