20.06.1951

AUSLANDSKREDITRein geschäftliches Interesse

Seit Mr. Louis Scheel sein Büro als gleichberechtigter geschäftsführender Direktor im Sitzungssaal der Carl Flohr GmbH, Berlin-Borsigwalde, etabliert hat, sagen die Jungen der 800 Arbeiter in der größten deutschen Aufzugfabrik: "Jetzt sind wir amerikanisch."
Nur die Alten - jeder dritte in der 1879 gegründeten Firma ist Jubilar mit 10, 20 und 25 Dienstjahren - betrachten den amerikanischen Chef mit mehr gemischten Gefühlen: "Wenn das der alte Kommerzienrat gewußt hätte ..." Als Kommerzienrat Carl Flohr 1928 starb, hatte er sich seit Ende des Weltkrieges I erfolgreich gegen eine Kapitalbeteiligung der New Yorker Fahrstuhlfabrik Otis Elevator Company gewehrt.
Heute sind die Fahrstuhlfabrikanten die ersten Amerikaner, die seit 1941 Kapital in ein deutsches Unternehmen stecken. "Wie nach dem I. Weltkrieg haben wir uns jetzt wieder bemüht, das Netz unserer Firmen auch in Europa weiter zu festigen und auszubauen", erklärt Otis-Geschäftsträger Louis Scheel den Expansionsdrang seines Stammhauses.
Mit 225 000 Dollar Bareinlage plus Maschineninvestitionen als Privatkredit ausgerechnet in den nördlichsten Sektorenzipfel Westberlins, Borsigwalde, einzusteigen, galt in amerikanischen Finanzkreisen noch vor wenigen Monaten als ein wahnwitziges Unternehmen. Seit jetzt aber die Marshallplanverwaltung in Washington Staatsgarantien für Privatkredite an ERP-Länder vergibt, ist das nicht mehr so riskant. Westdeutschland hofft, daß der Otis-Investition bald andere folgen.
"Die ECA-Garantie ist so eine Art staatliche Versicherung", sagt Mr. Scheel. Ein Prozent des Investitionskapitals zahlt die Otis jährlich nach Washington und hat dafür die Garantie, ihre 225 000 Dollar zurückzubekommen, wenn
* eine "amtliche Handlung den neu zu gründenden Flohr-Otis-Betrieb in Borsigwalde ein Jahr lang daran hindert, unbeschränkt die Verwendung und den
Gebrauch seines Eigentums zu kontrollieren oder den New Yorker Otis-Präsidenten die Ausübung ihres Rechts als 50-Prozent-Partner in der Kontrolle über Flohr-Otis sowie die freie Verfügung über ihre Kapitaleinlage unmöglich macht."
Diese Garantie schließt auch eine eventuelle Beschlagnahme des Betriebes durch die Kommunisten ein. Kriegsschäden und Geschäftsrisiken sind ausgeschlossen. Die Aushändigung der erzielten Gewinne wird aber ebenfalls garantiert.
Die 50 Prozent Otis-Beteiligung an der Carl Flohr-GmbH (alleiniger Inhaber bisher die Duisburger DEMAG), soll der deutschen Fahrstuhlfabrik den Export-Aufschwung geben, der ihr seit dem Kriegsende fehlt. Bei einem Gesamtumsatz von 12 Millionen RM exportierte die Firma
Flohr 1935 für rund 5 Millionen RM. "Der Wert unseres Exportes beträgt heute knapp 600 000 DM", sagt der deutsche Direktor Kurt Zimmermann.
Die Politik der New Yorker Otis-Elevator-Company ist international. Das Unternehmen hat Niederlassungen in jedem Land der Erde inklusive Rot-China (außer Rußland). Aber das Motiv für diese Ausdehnung und damit auch für den Kredit an Westberlin ist, neben Hilfsbereitschaft, ein rein geschäftliches:
Für die in den USA gemachten Dollargewinne der Otis müssen progressive Steuern gezahlt werden, 70 bis 80 Prozent. Die aus dem Ausland in die USA gebrachten Gewinnanteile der internationalen Niederlassung aber werden - gleich welche Summe - nur mit festen 20 Prozent versteuert.

DER SPIEGEL 25/1951
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