27.06.1951

Panorama

Den 39. Toten binnen vier Wochen forderte der verkehrswidrige Zustand von Kreuzungspunkten Schiene - Straße im Bundesgebiet. Ein Zug der Bundesbahn-Nebenstrecke München - Herrsching (Ammersee) erfaßte an der kreuzenden Straße Pilsensee - Herrsching den Behelfsomnibus einer Wallfahrt von Jesuiten-Studenten nach Andechs. Die Straße war bis 1945 Privatweg. Damals wurde eine Bahnschranke errichtet. Sie war durch Vorhängeschlösser verschlossen. Den Schlüssel gab die damalige Reichsbahn an die privaten Straßenbenutzer, vor allem Anlieger, aus. Der Benutzer mußte die Schranke selbst öffnen und wieder schließen. Bei Kriegsende gingen die Schlüssel verloren, aus dem Privatweg wurde eine öffentliche Feldstraße. Auf der falschen (der linken) Straßenseite steht das Balkenkreuz für "beschrankten Uebergang" und ein verrostetes Schild in deutschenglisch: "Achtung! Ueberfahrt jederzeit widerruflich auf eigene Gefahr gestattet. Nach Ueberqueren des Gleises beide Schranken schließen!" (Bild links). Für die Beschilderung von Bahnübergängen macht infolge der klassischen Rechtspriorität der Schiene in Deutschland die Straßenverkehrsordnung "die Träger der Straßenbaulasten für diejenige Straße, in deren Verlauf die Verkehrszeichen angebracht werden," verantwortlich. Die Straße Pilsensee - Herrsching gehört den Gemeinden Herrsching-Hechendorf. Fahrdienstleiter Weber vom Bahnhof Seefeld-Hechendorf: "Wer für die Aufstellung der Schilder verantwortlich ist, weiß ich nicht." Die Selbstbedienungsschranke war bei dem Unfall offen. 16 Tote. - Am gleichen Tage erfaßte bei Stühlingen (Württemberg) ein Zug der Bundesbahnstrecke Immendingen -
Waldshut an einem Bahnübergang der Bundesstraße (Fernverkehrsstraße) 314 einen Omnibus mit Feriengästen aus dem Schwarzwald. Obwohl eine Bundesstraße kreuzt, ist der Bahnübergang unbewacht. Sieben Tote. - Eine Woche vorher hatte ein Zug der Privatbahn "Moselbahn AG." an einer ebenfalls unbewachten Kreuzung mit der Bundesstraße (Fernverkehrsstraße) 49 einen Omnibus mit Teilnehmern einer Moselfahrt des Männergesangvereins Zewen bei Trier erfaßt. Die üblichen vorgeschriebenen Warnzeichen waren wegen hohen Grasaufwuchses schlecht sichtbar. 15 Tote. - Weitere drei Wochen vorher hatte auf der Provinzialstraße Nordhorn - Neuenhaus (Grafschaft Bentheim, Niedersachsen) ein Zug der Privatbahn "Bentheimer Eisenbahn-AG." beim Uebergang Grasdorf einen Omnibus mit dänischen Vergnügungsreisenden der Liberalen Jugend zertrümmert. Der unbewachte Bahnübergang liegt direkt in einer scharfen Kurve der Straße (Bild rechts). Das Kurvenzeichen steht kurz vor dem Warnzeichen für unbewachten Bahnübergang. Die vorgeschriebenen drei Baken 240, 160 und 80 m vor der Kreuzung fehlen, das Balkenkreuz-Zeichen am Uebergang selbst steht, wegen der Kurvenperspektive, nicht wie üblich und vorgeschrieben rechts, sondern links. Der dänische Fahrer übersah es, weil ihm ein Lastwagen entgegenkam. Das Schöffengericht Neuenhaus bezeichnete die Beschilderung als "ordnungsgemäß und sichtbar" und verurteilte den Fahrer wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Transportgefährdung an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von zwei Monaten wegen mildernder Umstände zu 600 DM Geldstrafe. Ein Toter.

DER SPIEGEL 26/1951
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