18.07.1951

SCHWEDENAuch das Letzte wird gesagt

Zehn von Westdeutschlands großen Premierenkinos griffen zu, noch bevor "Hafenstadt" und "An die Freude" deutsch untertitelt oder synchronisiert vorlagen. Frankfurts "Metro im Schwan" und "Luxor" sicherten sich zum 21. September die "kontinentale Uraufführung" der beiden Filme, die bisher nur in Skandinavien und England zu sehen waren. Ihr Regisseur Ingmar Bergman wird dazu aus Schweden erwartet. Düsseldorf, Hamburg, München und Berlin ziehen anschließend nach.
"Unterleib, Unterbewußtsein und Lebensangst", charakterisiert Verleger und Filmkaufmann Ernst Tessloff jr., der nach und nach sämtliche Bergman-Filme nach Deutschland bringen will, den in Schweden schon sprichwörtlichen Bergman-Stil. "Ein Ueber-Sartre!" resumiert er schwärmerisch.
Manche Leute freilich tippen nach dieser Charakteristik eher auf einen verspäteten Freud. Zu Unrecht. Denn trotz gelegentlich konventioneller Themenstellung - wie Mädchen mit Vergangenheit, Fürsorgeerziehung und dergleichen - sind Bergmans Filme ausgelüftet - modern. Freilich spielt bei ihm das Verhältnis zum Kollektiv keine so entscheidende Rolle wie bei den Neorealisten des italienischen Films.
Wo seine Filme bisher intern vorgeführt wurden, schlossen sich meist lange Diskussionen an. Das ist bei Schwedenfilmen seit langer Zeit ungewöhnlich.
In seligen Stummfilmtagen gehörte Schweden zu den führenden Filmländern Europas. Damals gab es einen sehr ausgeprägten schwedischen Filmstil, der sich
die Urwüchsigkeit der skandinavischen Landschaft und die Vielfalt der nordischen Literatur zunutze machte Die Namen der Regisseure Victor Sjöström und Mauritz Stiller, der 1932 die junge Greta Gustafssohn zur Garbo machte, und der Schauspieler Lars Hanson, Gösta Ekman und Karin Molander waren auch außerhalb Skandinaviens in aller Munde.
Seither machten Schwedens Filmschauspielerinnen erheblich mehr von sich reden als die Filmproduktion ihres Landes. Unter deutschen oder amerikanischen Firmenzeichen wurden Greta Garbo, Zarah Leander, Kristina Söderbaum und Ingrid Bergman groß. In Hollywood machten neuerdings Viveca Lindfors und Mai Zetterling Karriere.
Erst gegen Kriegsende lief wieder ein schwedischer Film, der aufblicken ließ, über die Kinoleinwände der Welt. Unter dem lapidaren Titel "Hets" (Gehetzt) befaßte er sich ziemlich unverblümt mit gewissen Nöten des Jünglingsalters. Notorische Scheuklappenträger waren schockiert über so viel Direktheit. In aufgeklärten Filmbesucherkreisen nahm man von "Hets" überraschend Notiz.
Regisseur dieses Films war Alf Sjöberg. Der Drehbuchautor hieß Ingmar Bergman und war damals 26 Jahre alt. Sjöberg und Bergman sind gemeint, wenn neuerdings von einem künstlerischen "Comeback" des schwedischen Films gesprochen wird.
Bis zu "Hets" hatte Ingmar, mit Ingrid weder verwandt noch verschwägert, noch auf keine Weise von sich reden gemacht. Als Sohn eines Stockholmer Pastors, der seinen Theaterambitionen mit absolutem Unverständnis gegenüberstand, hatte er sich vielmehr durch ein ebenso unbeachtetes wie erbärmliches Studentendasein krampfen müssen.
1944 war das Jahr seiner großen Chance. Man übertrug dem Unbekannten die Leitung des Stadttheaters von Hälsingborg, das bisher vornehmlich von Staatszuschüssen gelebt hatte. Bergman schaffte es in
kurzer Zeit, daß man in ganz Schweden von den Premieren in Hälsingborg sprach und namhafte Stockholmer Kritiker eigens zu derartigen Anlässen in den südlichsten Zipfel des Landes gereist kamen.
Ein Jahr darauf räumte ihm "Svensk Filmindustri" einen Regiestuhl in ihren Stockholmer Ateliers ein. "Krise" hieß programmatisch sein erster eigener Film.
Seither haben Schwedens Kinobesucher sich daran gewöhnt, daß Bergman, ewig baskenbemützt und immer noch jungenhaft, alle Jahre wieder 90 Minuten an ihren Nerven zerrt und ihnen die grauenhaftesten Dinge unverblümt ins Gesicht sagt. Der Import der Bergman-Filme dürfte auch in Deutschland Gelegenheit geben, den Eindruck von der geruhsamen Friedensinsel Schweden, an der Europas nur notdürftig übertünchte Seelenleiden scheinbar spurlos vorübergegangen sind, zu korrigieren.
"Ein pessimistischer Kraftprotz", fand die Kritik im benachbarten Dänemark und sprach im gleichen Atemzug von "Fängelse" (Gefängnis) als einer "herzergreifenden Liebeserklärung an die Filmkunst".
Bezeichnenderweise sind es immer junge Menschen, die in Bergman-Filmen die Hauptrollen spielen, ausgesucht nicht nach hübscher Larve oder gar nach "glamour", sondern nach der Ausdrucksfähigkeit ihrer Gesichter. Auf den ersten Blick wirken sie wie belanglose Großstadtmädchen und -jungen, wie man sie an jeder beliebigen Straßenecke, in jedem Fabriksaal oder Büro treffen kann. Durchweg sind die Mädchen stärker im Ausdruck als die Jungens, die gelegentlich eine durchaus überzeugende blonde Seelen-Fadheit mitbringen.
In seinem vorletzten Film "Durst" (Törst) läßt er ein junges schwedisches Ehepaar (Eva Henning und Birger Malmsten) 1946 im Nordexpreß von Basel nach Hause reisen. Den deutschen Ruinen, die draußen am Zugfenster vorbeigleiten, entsprechen auf gespenstische Weise die menschlichen Ruinen in den bequemen Schlafwagenpolstern. Im doppelten Sinne bei der Frau, die seit einer unglücklich verlaufenen Abtreibung unfruchtbar ist.
Auf den Bahnhöfen drängen sich hungrige Kinder um den internationalen Expreß. Drinnen herrscht indessen hysterischer Durst nach menschlicher Wärme und einem bißchen Liebe.
Mit Worten, Blicken und Gesten tun die beiden Eheleute sich alles an, was sich zwei Menschen, die in einer Ehe und einem Schlafwagenabteil eingesperrt sind, nur antun können. Er ist schließlich - kurz vor Hamburg muß das sein - so weit, daß er sie in Gedanken erschlägt. Als der Morgen über dem Nordexpreß dämmert, kommen sie zu der durch zahlreiche Rückblenden belegten Erkenntnis: "Die Hölle, die wir zu zweit durchleben, ist immer noch besser als die Hölle der Einsamkeit."
Die von vielen jungen Mädchen so gefürchtete Monotonie der Eheroutine spielt eine gewichtige Rolle in "An die Freude" (Till glädje). Der junge Ehemann (Stig Olin) weiß überhaupt nicht, was für ein bezauberndes Geschöpf (Maj Britt Nilsson) er zur Frau hat. Er ist ein mittelmäßig begabter Geiger in einem Kleinstadtorchester, mit dem Wahn, ein genialer Künstler zu sein. Als er bei seinem ersten und einzigen Auftreten als Solist das Publikum nur peinlich berührt, gerät er auf Abwege.
Dennoch versucht sie immer wieder, ihm zu helfen. Aber erst, als sie bei einer Ofenexplosion tödlich verunglückt, dämmert ihm die Erkenntnis, daß sein so oft als "langweilig" empfundenes Leben mit ihr glücklich war. An ihrem Todestag probt das Orchester gerade den Schlußchor aus Beethovens Neunter.
Das Unvermögen, dem Nächsten in seiner Seelennot beizustehen, steht in "Hafenstadt" (Hamnstad) im Mittelpunkt der Handlung. Mit wenigen Ausnahmen sind alle Menschen besten Willens, der aus der Fürsorgeanstalt entlassenen Berit (Nine Christine Jönsson) zu einem hellen und geordneten Leben zu verhelfen. Auch die verhärtete Mutter, deren zerrüttete Eheverhältnisse Berits erste Entgleisung verschuldet haben.
Aber alle fangen es unsäglich ungeschickt an, weil ihnen, als Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts, die Fähigkeit zu helfen fehlt. In letzter Minute erst entschließt sich der junge Mann (Bengt Eklund), dem Mädchen ernsthaft beizuspringen, indem er sie, allen Vorurteilen zum Trotz, heiratet.
Wie "An die Freude" ein Musikerfilm ohne das obligate begnadete Künstlergenie
ist, so ist "Hafenstadt" ein Erziehungsfilm, der einmal nicht nach dem unverwüstlichen "Mädchen in Uniform"-Schema gebaut ist.
Mit den modernen Italienern teilt Bergman die Vorliebe für dokumentarnahe, kulissenferne Milieutreue. Sie verläßt ihn auch nicht, wenn es stellenweise sehr intim wird. Im Gegensatz zu den wegen der Existenz von Hays Office, der amerikanischen Zensurstelle, chemisch-gereinigten Hollywood-Produktionen führen die Menschen in Schweden-Filmen ein geregeltes Sexualleben.
Raffinierte Kameratechnik - in "Durst" zum Beispiel ungewöhnlich ausgedehnte Einstellungen mit seltsam suggestiver Wirkung - machen Bergmans Filme in hohem Maße "filmisch". Obgleich Bergman als alter Theatermann daneben reichlich Gebrauch vom Dialog macht.
Dabei wird auch das Letzte gesagt, versichert Tessloff den des Schwedischen unkundigen Kinobesitzern.
*) In "Hafenstadt" (Jönsson) und "An die Freude" (Nilsson).

DER SPIEGEL 29/1951
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