08.08.1951

Fürst Urach

Fürst Urach (in der Wüste Gobi)
Dem gleichen Korrespondenten drohte Ott: "Wer den Reichsmarschall verächtlich macht, versündigt sich am deutschen Volk!" Ohne Lächeln, ohne Augenzwinkern. Nicht, daß er an Festen wie Erntedank usw. den geliebten Führer besang, war degoutant. Viele taten das und mußten das tun, und hinterher sagte Ott im kleinsten Kreis: "Wir alle, die wir ein so schweres Aber gegen den Nationalsozialismus haben..." Aber daß er sich mit gewichtigem Zorn aufplusterte, um den Reichsmarschall zu schützen, wenn es niemand sah, das war typisch für den neuen Botschafter, der es gern bleiben wollte.
Er triezte seine Tochter Ulli zum BDM-Dienst, und obwohl überzeugter Katholik, ging er nur noch an Weihnachten in die Kirche, denn "wenn ich einmal zur Messe gehe, weiß es nach drei Stunden das Auswärtige Amt". Da er nicht die Freiheit hatte, ein Ausscheiden aus dem Dienst der Herren, die ihm nicht lagen. in Rechnung zu stellen, verlor er, wie sein Freund Sorge ihm prophezeit hatte, seine menschlichen Qualitäten. Dabei hätte ihm nicht viel passieren können, denn immerhin war er ja General.
Wie Sorge fester Mitarbeiter der "Frankfurter" wurde, ist nicht mehr genau zu konstruieren. Man weiß von Sorges Zeitungsarbeit so einiges: 1924 war er von der KP als Hauptschriftleiter der "Bergischen Arbeiterstimme" eingesetzt worden. Er diktierte seine Leitartikel manchmal in die Setzmaschine und lernte, bis dahin Anti-Alkoholiker, das Schnaps- und Grog-Saufen. Metteur Krebs: "Sein Schreibtisch sah aus, du meine Güte! Apfelschalen, Brotreste, Butterbrotspapier, Manuskripte. Wenn ich sagte: 'Willste nicht mal Ordnung machen?' fegte er mit einem Arm den ganzen Kram auf den Boden und sagte: 'Jetzt ist Ordnung'."
Sorge flog aus der "Arbeiterstimme", weil er sich mit der örtlichen KP-Leitung politisch gestritten hatte. Er ging nach Frankfurt und bekam losen Kontakt zur "Frankfurter". Von China aus schrieb er für die DAZ. Als er nach Tokio kam, war er Vertreter für das holländische "Allgemeene Handelsblad", für den "Deutschen Volkswirt" und einige andere Blätter. Benno Reifenberg, heute Chefredakteur der Gegenwart, früher Fern-Ost-Ressortleiter der "Frankfurter", erinnert sich deutlich, Heinrich Simon, der Enkel des Zeitungsgründers Leopold Sonnemann, habe den Sorge noch 1934 direkt vor seiner Emigration engagiert, und zwar auf Empfehlung von Ott.
An die Empfehlung von Ott erinnert sich auch Paul Sethe, heute Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeine". aber er weiß ganz genau, daß er die Japan-Berichte des Jahres 1935 noch selbst in der Redaktion zusammengeschrieben hat. Die ersten mit "S" gezeichneten Arbeiten finden sich im Archivband von 1936. Im Februar 1936 firmiert Sorge noch "Von einem Mitarbeiter", dann "Von einem ständigen Mitarbeiter", dann "Von unserem Korrespondenten".
Vorher war er schon an Haushofers "Geopolitik" vermittelt worden. Sorge hatte zum alten Haushofer eine bewundernd zärtliche Beziehung, obwohl er sich über dessen geschraubt schulmeisterliche Definitionen unbändig lustig machen konnte. "Die Kraftstrom-, Kraftfeld- und was weiß ich für geopolitische Ausdrücke werde ich nicht in meine Artikel hineinmurksen."
Sorge schickte den "Frankfurtern" anfangs nur Eilbriefe. Mit Erstarken der "Samurai-Freundschaft" und erst recht nach Kriegsbeginn mußte er dann öfter telegraphieren. Aber mit peinlicher
Pedanterie wachte er darüber, daß die Kabelspesen nicht zu hoch wurden und daß die entsprechende Wortzahl voll ausgenutzt wurde. Die Redaktion bemühte sich öfter, seine instruktiven "Riemen" lesbarer zu machen, sehr zum Aerger Sorges, und sie von allzu deutlicher Geringschätzung Japans zu reinigen. Sie bewegten sich in dem Rahmen, in dem sich die Auslandsberichterstattung des Dritten Reiches durchweg hielt. Von der fast kultivierten Neigung der "Frankfurter", ketzerische Ansichten zwischen den Zeilen herausgucken zu lassen, ist bei Sorge nicht so viel zu finden.
Wenn er ungnädig war, wischte er den "Samurai-Freunden" so grob welche aus, daß seine Spitzen gestrichen werden mußten. Manchmal bekam er nachträglich Gewissensbisse, weil er zu saftig auf die Pauke gehauen hatte. Las er den Kommentar dann gedruckt und es erfolgte nichts von seiten der Japaner, haute er vor Vergnügen auf den Tisch: "Denen habe ich's aber wieder einmal gegeben, den Japanerchen."
Sorges Stolz auf seine Korrespondentschaft für die "Frankfurter" war echt Der Quartalsäufer wollte estimiert werden von "seriösen" Leuten, sofern sie ihm gefielen. Aber auch seinen Stolz übertrieb er zum Nutzen seiner höheren Sendung. Im größeren Kreise und vor weniger guten Bekannten gab er geradezu unmäßig mit seiner Stellung an. Als ihm die Zeitung beispielsweise die ganz übliche und in gewissen Abständen fällige gedruckte Anerkennung für seine Arbeit schickte, zeigte er das Papier überall herum und sagte: "Sehen Sie, so schätzt man die Arbeit von Richard Sorge!"
Ganz so arg meinte er es zweifellos nicht. Hatte er einen Bericht abgeschickt, pflegte er beispielsweise zu sagen: "Ich hab mir wieder so'n Ding abgewimmert." Aber er protzte doch gern mit unverdautem Bildungsgut. Seine musikalischen Vorstellungen waren etwas dürftig, seine historischen Randbemerkungen hielten vor Historikern nicht stand und waren politisch diktiert. So brachte er gerne an, daß europäische Siedler noch vor 80 bis 100 Jahren von den Japanern geschlachtet worden seien. Der Japanologe Otto Karow beklagte sich bitter darüber, die Botschafterin habe ihn verschiedentlich angefahren, weil er eine Arbeit Sorges über die Geschichte der japanischen Expansionspolitik nicht postwendend redigiert habe. Dabei lohne Sorges dilettantisches Skript gar nicht, daß man Zeit darauf verwende.
Der kultivierte Chef der Presse-Abteilung der Deutschen Botschaft, Legationssekretär Graf Ladislaus Mirbach-Geldern, sagte einmal, Sorge sei "der ungebildetste Kerl von der Welt." Mit Vehemenz und Eindringlichkeit stürzte sich Sorge auf künstlerische Ereignisse und ließ Leute von sachkundigem Urteil arrogant abfahren. Er fand Ernst Jüngers "Marmorklippen" entsetzlich, "Vom Winde verweht" dagegen großartig.
Von seinen Zeitungskollegen, z.B. von Rudolf Weise, wurde Sorge hinsichtlich der Kontinuität seiner Arbeit nicht ganz für voll genommen. Als er die Urlaubsvertretung Weises im DNB wahrnahm, erfuhr Weise in Berlin, Sorges Berichte seien Kauderwelsch und kaum zu verstehen. Es stellte sich hinterher heraus, daß Sorge jeden Tag unter Alkohol gestanden und daß er den japanischen Angestellten des Büros das Biertrinken beigebracht hatte.
Der Sprecher der Pressekonferenz im japanischen Außenministerium war jahrelang der wegen seiner Hände-weg-von-China-Erklärung berühmt gewordene Ministerialdirektor und spätere Botschafter in Rom, Eiyi Amau. Sorge fragte wenig, dafür witzelte er ab und zu mit dem stets spottlustigen Tass-Vertreter, dem ehemaligen ungarischen Kriegsgefangenen Nagy, der in Sibirien zum Kommunisten umgeschult worden war. Sorge sprach mit ihm nur Deutsch, wie ihn überhaupt nie jemand hat ein Wort Russisch reden hören.
Sorges Assistent de Voukelitch war selten auf der Pressekonferenz, denn er war nur zweiter Mann bei Havas. Dafür aber regelmäßig Reuters Jimmy Cox, der mit Sorge gemein hatte, daß er imstande war, eine geschwätzige Hand, die sich auf seinen Rocksaum legte, wie ein lästiges Insekt wegzuwischen. Er hatte ferner mit Sorge gemein, daß er wegen Spionage festgesetzt wurde und zu Tode kam. Allerdings wurde er nicht gehängt, sondern er sprang zum Fenster hinaus.
Friedrich Sieburg: "In Tokio konnte ich gleich feststellen, daß Sorge unter den deutschen Berichterstattern unbestritten den ersten Platz einnahm und auch bei den internationalen Kollegen eine große Autorität besaß. Allerdings beruhte diese Autorität bis zu einem gewissen Grade auf der allgemein verbreiteten Kenntnis von seiner intimen Freundschaft mit dem damaligen deutschen Botschafter in Japan, dem General Ott.
"Von Sorges Autorität erhielt ich schon wenige Tage nach meiner Ankunft in Tokio eine Probe. Er nahm mich mit zu einer der üblichen Pressekonferenzen im japanischen Außenministerium. Alle Vertreter der deutschen und ausländischen, also insbesondere angelsächsischen Presse, waren dort versammelt, und zwar in jenem Zustande schlechter Laune, wie er, wie ich später feststellte, für alle Kontakte mit amtlichen Stellen üblich war. Die Konferenz wurde von Harada geleitet, den ich schon in Genf kennengelernt hatte und später in Paris wieder treffen sollte.
"Die Japaner hatten damals gerade wieder einmal irgendeine Inselgruppe in ihrem angeblichen Interessengebiet besetzt und wurden von den amerikanischen Kollegen ziemlich übellaunig deswegen zur Rede gestellt. Harada wandte dabei die übliche japanische Taktik erstaunter Höflichkeit an, die ja hauptsächlich darin bestand, die Anklagen der Journalisten in verzweifeltem Ton kopfschüttelnd zu wiederholen. Das ging eine Zeitlang so, bis Sorge dazwischenfuhr und sagte: 'Hören Sie mal, Herr Harada, wir haben nicht so viel Zeit wie Sie. Wollen Sie uns nun den Standpunkt Ihrer Regierung erklären oder nicht?' Harada strahlte förmlich bei diesem Anpfiff und gab nun unter vielen Verbeugungen gegen Sorge eine etwas brauchbare Erklärung ab."
Wie Sorge Parteimitglied geworden ist, darum gab es erst bei seiner Verhaftung ein großes Rätselraten. Bis dato war er es einfach. Sein Aufnahmedatum war der 1. Oktober 1934, er führte die Parteinummer 2 751 466. Wer die beiden notwendigen Bürgen gewesen seien, ließ sich plötzlich nicht mehr feststellen. Die Akte konnte nicht mehr gefunden werden. Jedenfalls war die Aufnahme ohne Rückfrage in Berlin erfolgt. Fürst Urach war im Jahre 34 vom damaligen Ortsgruppenleiter in Tokio Scharff privat gefragt worden, ob er Sorge für einen anständigen Menschen halte. Fürst Urach bejahte.
Sorge bezahlte seine Parteibeiträge pünktlich und trug das Parteiabzeichen vorschriftsmäßig im linken Knopfloch. Im Jahre 35 hielt er noch Schulungsvorträge, und im Jahre 37 hat man ernsthaft daran gedacht, ihn zum Ortsgruppenleiter der Ortsgruppe Tokio-Yokohama zu machen. Es ist bezeichnend für die komplizierte Seelenschichtung dieses Stalinschen Meister-Spions, daß ihm dieser Antrag ungemein schmeichelte, wenn er ihn auch ablehnte: "Ich habe den Burschen vorgeschlagen, die Parteiabende in die 'Fledermaus' zu verlegen, und da wollten sie doch nicht mitmachen."
Bei der strengen Anwesenheitsdisziplin mußte Sorge an zahlreichen Parteiveranstaltungen und -feiern teilnehmen. "Natürlich, die Herren Journalisten sind wieder zu spät gekommen, und der Sorge hat so viel geschrieben, daß er beim Horst-Wessel-Lied den lahmen Arm kaum hochheben kann", sagte tadelnd ein kleiner Bonze bei einer Versammlung im Deutschen Haus. Sorge fuhr den Mann an: "Wir Journalisten arbeiten nachts, wenn ihr geldscheffelnden Pfeffersäcke längst im Bettchen liegt. Und überhaupt, waren Sie vielleicht schon mal an der Front im Dreck gelegen und haben den Kopf hingehalten? Nee, da muß mir schon ein anderer kommen." Doch in seiner Art, die äußerst liebenswürdig sein konnte, wenn er es für nötig hielt, bügelte er den Zusammenstoß dann mit dem Ortsgruppenleiter aus.
Im Freundeskreis legte Sorge sich keinerlei Zurückhaltung auf: "Da haben se man wieder so eene Reichsgebärführerin oder sowat zu uns herausgeschickt. Dolle Ziege! Kleene Pinscher sind das alle, und ich hatte wenigstens gehofft, bei der Partei anständige Kameradschaft zu finden. Was schicken die nicht alles hier heraus? Sogar der Himmler schickt einen persönlichen Vertreter, der der japanischen Polizei den Ollen Fritzen in Berliner Porzellan überreicht. Nee, danke, da kann ich bloß Heil Hitler sagen. Nur die jungen Flieger, die wir hier zu sehen bekommen, sind sauber und was wert. Prächtige Burschen."
Aber Pressekonferenzen, sei es nun im Außenamt oder in der Botschaft, waren Sorges Leidenschaft nicht. Er hatte sich zur Erlangung wichtiger Informationen eine Arbeitsweise angeeignet, bei der er von offiziellen Stellen weitgehend unabhängig war. Unschätzbare Trümpfe waren für ihn die weltmännische Klugheit des Premierberaters Hozumi Ozaki und der unknackbare Funkschlüssel Max Klausens. Der Code, den die Gruppe Sorge unter beispielhaften Vorsichtsmaßregeln benutzte, wird auch im Bericht General MacArthurs nicht beschrieben. Er wäre in der Tat unbeschreibbar, wenn die japanischen Untersuchungsbehörden, deren Justizministerium total zerbombt wurde, nicht in wenigen Exemplaren ein Dossier über ihre Erfahrungen mit Sorge ausgefertigt hätten. Letzte Woche erreichte es Deutschland.
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DER SPIEGEL 32/1951
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