22.08.1951

RECHTSPFLEGEIn die Menge schießen

Der Justizobersekretär Rudolf Rieger wäre längst auf den Richtblock geschnallt und enthauptet worden, wenn es im Bundesgebiet noch die Todesstrafe gäbe. Als ihn das Schwurgericht in Kassel am 16. September 1949 lebenslänglich ins Zuchthaus schickte, hatte Gerichtsvorsitzender Scharnitzky jedenfalls gesagt: "Wenn die Todesstrafe nicht abgeschafft worden wäre, müßte man Sie zum Tode verurteilen."
Keine zwei Jahre später sitzt Rudolf Rieger heute, 60 Jahre alt, in ärmlichen zwei Zimmerchen in Landau bei Kassel, zusammen mit seiner um dreißig Jahre jüngeren Frau Anni und einem neunjährigen Jungen.
Die Geschichte begann 1942, als Frau Rieger noch Anni Holubowski hieß und als volksdeutsche Sekretärin beim Justizobersekretär Rieger in Krasnystaw im Distrikt Lublin in Polen arbeitete. Rieger verwaltete dort das "Amt für Bevölkerungswesen und Fürsorge". Er ist klein, beleibt und behäbig und wirklich kein Herrenmensch Er saß seinen Dienst ab und beschäftigte sich allenfalls mit seiner Sekretärin Anni, jedenfalls nicht damit, Juden zum Abtransport in die Vernichtungslager zusammenzusuchen. Das machte ein eigens dafür vorgesehener SS - Stab mit Sitz in Warschau.
Hätte Rieger kein reines Gewissen gehabt, dann hätte er sich nach Kriegsende in Eichwalde bei Berlin sicher nicht mit Sekretärin Anni und dem inzwischen angekommenen Klein-Rudi von den Sowjets überrollen lassen. Die NKWD habe auf seine detaillierten Fragebogen - Angaben in Krasnystaw nachgefragt. "Es stellten sich keine Belastungen heraus." Rieger verzog mit Anni und Klein-Rudi nach Landau bei Kassel, weil er gebürtiger Kasselaner ist.
Am 23. Januar 1948 erschien bei Rieger - er hatte Anni inzwischen geheiratet - ein Mann, der die Preisüberwachungsstelle in Krasnystaw geleitet hatte, der ehemalige
Parteigenosse Karl Heinz Held. Held war samt Braut und Freund im Auto eigens von Heidelberg gekommen und hatte an Rieger, der in Krasnystaw zeitweilig Personalamtsleiter bei der Kreishauptmannschaft gewesen war, einen besonderen Wunsch.
"Sie erinnern sich doch noch", sagte er mit halb zugekniffenen Augen, "daß sich bei meinen Personalakten zwei Urkunden befanden, wonach ich Dr. rer. pol. und Dr. oec. war. Wenn Sie mir diese Tatsachen eidesstattlich bescheinigen wollten ..."
Rieger kannte Helds Personalunterlagen zwar genau, aber daran erinnerte er sich nicht. Er wußte nur noch, daß er eines Tages über den Pg. Held hatte Auskunft geben müssen, weil mehrere deutsche Staatsanwaltschaften nach ihm suchten.
Bei seinem Landauer Nachkriegsbesuch gab sich Ex-Pg. Held als rassisch und politisch Verfolgter aus. Aber Rieger war auch dadurch nicht zu bewegen, die erbetene Bescheinigung auszustellen. "Nun gut", sagte Held, "wenn Sie mir die Bescheinigung nicht geben wollen, muß ich gegen Sie vorgehen."
Etwa einen Monat nach Helds letztem Besuch in Landau kam schon ein Haftbefehl. Rieger war von einem gewissen Jakob Altmann beschuldigt worden, am 15. Oktober 1942 mit seiner Pistole in Isbicza in eine Menge Juden hineingeschossen und eine Anzahl getötet zu haben.
Bevor Held nach seinem Besuch in Landau gegangen war, hatte er Rieger seine heidelberger Anschrift gegeben: Geisbergstraße 64/I. Geisbergstraße 64 war auch die Anschrift des Lederwarenhändlers Jakob Altmann.
Dieser Jakob Altmann war am 15. Oktober 1942 etwa 20 Jahre alt. Sein Vater hatte in Isbicza eine kleine Gerberei. Die Gerberei galt - wie die Handwerksbetriebe vieler jüdischer Polen - als NS-kriegswichtig. Für gute Arbeitsleistungen erhielten die polnischen Handwerker sogar zusätzlich Schnaps und Zigaretten, und so wurde Altmann sen. wegen seiner Kriegswichtigkeit erst sehr spät in ein Vernichtungslager gebracht. Sohn Jakob entkam wie durch ein Wunder.
Jakob Altmann, weiß Rieger, habe bei seiner ersten Vernehmung am 23. Februar 1949 dem Gerichtsassessor Wagner gesagt: "Der schwarze Tag von Isbicza war um den 15. Oktober 1942 herum. Ich habe persönlich nicht gesehen, daß Rieger einen Juden getroffen hat. Es ist mir nur dem Hörensagen nach bekannt."
Altmann am 14. März 1949: "Ich bin meiner Erinnerung nach nicht so ganz sicher, daß Rieger mit seiner Pistole in die Menschenmenge hineingeschossen hat."
Altmann am 30. März 1949: "Der schwarze Tag von Isbicza war am 15. Oktober 1942. Ich habe selbst gesehen, daß Rieger in die Menge hineingeschossen hat." Auf den Schwur Jakob Altmanns, der sich nach mehreren Vernehmungen zu einer präzisen Angabe hinlaviert habe, stützte das Kasseler Schwurgericht in der Hauptsache sein lebenslängliches Urteil gegen Rieger.
Vergebens benannte Rieger dem Gericht eine Anzahl polnischer Zeugen dafür, daß von einem "Schwarzen Tag von Isbicza" nichts bekannt sei. Der polnische Generalkonsul in Frankfurt am Main erklärte sich bereit, auf Anfordern des Gerichts die polnischen Zeugen vernehmen zu lassen. Aber das Gericht machte keinen Gebrauch davon.
Rieger wanderte zu lebenslänglicher Haft ins Zuchthaus Kassel-Wehlheiden. Die Revision wurde vom Kasseler Strafsenat des Oberlandesgerichts für Hessen am 9. Februar 1950 verworfen.
Aus dem Zuchthaus heraus mobilisierte der lebenslängliche Rieger das polnische Konsulat in Frankfurt am Main, das in Warschau rückfragte und es schriftlich gab: wohl sei im November ein Massaker in Isbicza gewesen, aber ohne besonderen Namen; ein "schwarzer Tag von Isbicza" am 15. Oktober 42 sei dort nicht bekannt. Und Ehefrau Anni tat den Lehrer Rudolf Reinhard auf, der seinerzeit Schulrat im Kreis Krasnystaw war und unter Eid aussagte, Rieger sei am 15. Oktober gar nicht in Isbicza gewesen.
An Hand präziser Gedächtnisstützen erinnerte sich Lehrer Reinhard, daß er schon seit 5. Oktober zusammen mit Rieger in einem Ernte-Erfassungskommando die Felder um Rybcewice, 50 bis 60 km entfernt, abgegangen hatte, um den polnischen Bauern wegen ihrer Ablieferungspflicht auf den Zahn zu fühlen. Diese Exkursion habe bis über den 15. Oktober 1942 hinaus angedauert, so daß Rieger an Altmanns "Schwarzem Tag" gar nicht in Isbicza gewesen sein könne.
Und so bequemte sich die Strafkammer I des Landgerichts in Kassel schließlich, festzustellen, "Altmann sei nur vom Hörensagen bekannt, daß der Verurteilte auch getötet habe". Und weiter: "Die entscheidend belastende Aussage des Zeugen Altmann ... ist somit ... in ihrer Glaubwürdigkeit aufs schwerste erschüttert, dies um so mehr, als Altmann ohnehin im Verlauf seiner einzelnen richterlichen Vernehmungen widersprechende Angaben ... gemacht hat."
Rieger wurde nach 27 Monaten Haft und Zuchthaus zu Frau Anni und Klein-Rudi nach hause geschickt und freut sich, daß bei seiner Verurteilung die Todesstrafe schon abgeschafft war. Das Verfahren wird nun auf Lehrer Reinhards Aussage hin wieder aufgenommen werden.
Der Karl Heinz Held soll nach Auskunft der Kripo Heidelberg inzwischen verstorben sein. Und auch Jakob Altmann ist in Heidelberg nicht mehr zu finden. Rieger hat wegen Meineids Strafantrag gegen ihn gestellt.

DER SPIEGEL 34/1951
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