05.09.1951

SABOTAGEFür Huhn mit Reis

Eine Flasche Fruchtsekt aus der volkseigenen Kelterei Klötze, Altmark, zerschellte am Bug des ersten Seeschiffes der Ostzonenrepublik, das Wilhelm Piecks Staatssekretär Ernst Wollweber in Stralsund vom Stapel laufen ließ. Er taufte es auf den Namen "Vorwärts".
Seit einem Jahr ist es nicht nur in Wollwebers offiziellem Arbeitsgebiet, der Schiffahrtsabteilung im ostzonalen Verkehrsministerium, Berlin, Leipziger Straße, fleißig vorwärtsgegangen, sondern auch in seinem inoffiziellen Ressort, das ihn weit mehr in Anspruch nimmt als die Volkswerften und die Vergrößerung der Ostseehäfen von Wollin bis Warnemünde.
Zu diesem Ressort gehört die "Fachschule" in Ladebow bei Greifswald, wo Wollweber - einmal Moskaus größter Experte für Schiffssabotage und Bordbrände - neue Saboteure und Brandstifter schult.
Seit diese Tatsache bekannt wurde, kombinieren die Abwehrchefs und Kriminalspezialisten in allen Welthäfen, wie weit Wollweber damit zu tun hat, daß es jetzt so häufig auf alliierten Nachschub- und Versorgungsschiffen knallt, die US-Waffen nach Westeuropa oder Korea bringen. Es fing wieder so an wie bei Ausbruch des Bürgerkrieges in Spanien - wieder Sabotageakte und Schiffsbrände, zum Beispiel:
Im englischen Hafen Devontport wurde der britische Flugzeugträger "Illustrious" kurz vor seiner Ausfahrt nach Korea durch Beschädigung der Kesselventile und anderer wichtiger Teile am Auslaufen gehindert. Als das Schiff dann gründlich untersucht wurde, fand man noch explosive Leuchtpatronen im Kesselraum, nahe am Feuerloch.
Im Hafen von Swansea geriet ein Tanker, der Nachschub nach Korea bringen sollte, durch Explosion in Brand. In britischen Marinearsenalen explodierten plötzlich große Munitionsstapel, kurz bevor sie auf einen Transporter verladen werden sollten.
Dann kamen Alarmmeldungen aus Skandinavien. An der dänischen Ost-Küste seien schnellfahrende Boote aufgetaucht - vom selben Schnellboottyp wie sie die ostzonale See-Volkspolizei benutzt - , die einige Besatzungsmitglieder an Land setzten. Als Küstenbewohner die Polizei alarmierten, waren die Gelandeten schon ins Binnenland verschwunden, und Fahndungen blieben ergebnislos.
"Längere Zeit hindurch hat ein lebhafter Verkehr ausländischer Agenten stattgefunden, die von polnischen Handelsschiffen an Land gehen, teilt die schwedische Polizei mit. Die Agenten treffen mit solchen Schiffen ein und verschwinden auf Wochen und Monate im Lande. An ihrer Stelle gehen dann andere Agenten, die schon früher auf diese Weise an Land kamen, wieder an Bord. Es hat sich gezeigt, daß oft nicht derselbe Mann wieder an Bord kam, der vorher von Bord gegangen war." ("Politiken", Kopenhagen.)
Auf diese Alarmmeldungen hin nahm die Kopenhagener Kriminalpolizei den ehemaligen kommunistischen Bürgerschafts-Vertreter Richard Erik Aage Jensen, der früher Wollwebers Beauftragter in Dänemark war und wegen erwiesener Schiffsattentate vorbestraft ist, ins Kreuzverhör. Er sollte sagen, ob er noch mit
Wollweber in Verbindung stehe und wann dieser nach dem Krieg wieder in Skandinavien aufgetaucht sei. Jensen*) dementierte alles: "Ich weiß von nichts".
Energisch forderten die konservativen Abgeordneten im Stockholmer Parlament, nach dem Muster des Bonner Kaiserministeriums, die Namen der "kommunistischen Fremdenlegionäre" offen zu legen, "die, in Schweden mehr oder minder bekannt, im Dienst einer fremden Macht herumspionieren dürfen". Es seien nach privaten Informationen 40 Agenten in Stockholm, 40 in Norbotten, 50 im Raum Göteborg und 30 in Värmland.
Sie benutzten Schweden als Operationsbasis, um von hier aus strahlenförmig nach Dänemark und Norwegen zu starten und dort die in den Häfen eintreffenden US-Waffenlieferungen durch Brandstiftung und Sprengung zu reduzieren. Vor allem unter den nach dem Krieg - angeblich aus politischen Gründen - nach Schweden geflüchteten 8000 Polen seien ausgebildete Sowjetagenten, die sich auch an die Jungkommunisten in Schweden heranmachten.
Auffallend sei; daß nicht alle der zur Jugendinternationale nach Ostberlin gefahrenen Jungkommunisten wieder nach Schweden zurückgekehrt seien. Man habe sie zur Schulung in der Ostzone zurückbehalten, aber Schulung wofür?
Schwedens Meisterkriminalist, Revolver-Harry Södermann, den sich Kanonen-Lehr in Stockholm zum schnelleren Aufbau des Bundespolizei-Apparates auslieh, müßte es eigentlich wissen. Er ist, wie schwedische Zeitungen im März schrieben, nicht ausschließlich wegen dieses Auftrages nach Bonn gekommen, sondern auch, um von dieser Ausgangsstellung hinter den großen Waffenschmuggel zu kommen, der von Polen und der Sowjetunion über Skandinavien in den Untergrund der westeuropäischen Kommunisten gelenkt wird. Auch in diesem Zusammenhang taucht wieder der Name Wollweber auf.
Seit Jahren knobeln die westlichen Abwehr- und Kripospezialisten, einschließlich Södermann, um herauszubekommen, ob die berüchtigte Wollweber-Sabotageorganisation bereits wieder voll aktionsfähig ist, und wenn ja, welcher Tarnung, welcher Mittelsmänner und Helfer sie sich bedient, nachdem Hitlers Volksgerichtspräsident Roland Freisler 1943/44 die Hauptfunktionäre dieser Organisation, darunter Deutsche, Holländer, Belgier und Skandinavier, hinrichten ließ. Wollweber selbst konnte nur in Abwesenheit zum Tode verurteilt werden. Er hatte sich rechtzeitig nach Moskau gerettet.
Genosse Wollweber behielt den Kopf oben - diesen Kopf, den einer seiner ehemaligen Komplicen, Richard Krebs (Schriftstellername Jan Valtin), in seinem 1941 in USA erschienenen Buch "Out of the night" ("Heraus aus dem Dunkel") anschaulich beschreibt:
"Spärliche Haare über einem breiten Schädel, gewölbte Stirn, schmale Lippen, fahles Gesicht, aber voller Selbstbewußtsein und Skrupellosigkeit. Das Auffallendste an ihm waren seine Augen - Augen, deren dunkel schimmernde Pupillen
das Weiße fast völlig verdrängten und die niemals blinzelten ... Er machte den Eindruck eines Menschen, der vor nichts Angst hat und sich von nichts verblüffen läßt und alle Illusion verloren hat."
Wollweber, inzwischen 53, ist zwar nicht mehr der "Greifbagger in Hosen", wie ihn seine Genossen wegen seiner Vitalität in den 30er Jahren nannten. Er leidet an Angina-pectoris, und seine westdeutschen Freunde, die ihn vor kurzem in seiner Villa in Berlin-Lehnitz bei Oranienburg, Waldring 19, (ehemalige Ritterkreuzträger - Siedlung) besuchten, berichteten besorgt in Hamburg: "Ernst wird alt. Er erzählt zuviel von früher; das war sonst gar nicht seine Art."
Aber Wollweber hat seine Organisation wieder aufgebaut. Er ist wieder Kopf und Generalinstrukteur einer neu auflebenden kommunistischen Sabotagegruppe, die ihre Spezialisten auf einer eigenen Fachschule in Ladebow bei Greifswald (Ostzone) schult. Hier werden nicht nur Deutsche, sondern auch junge skandinavische Kommunisten fachmännisch zu Schiffssaboteuren ausgebildet. In den Instruktionsstunden erzählt Wollweber oft seinen jungen Rekruten aus seiner 30jährigen bewegten KP-Laufbahn. Sie sollen wissen, wer er ist.
Wenn Wollweber memoriert, dann ist er in Gedanken wieder Heizer auf Kreuzer "Helgoland":
Deutschland befindet sich im vierten Kriegsjahr 1918 - Karl Liebknecht trifft am 23. Oktober, aus der Festungshaft entlassen, in Berlin ein. Vier Tage später Wilhelm Pieck, der aus dem holländischen Exil kommt. Ludendorff, als Chef der deutschen Heeresleitung, tritt zurück, und dann beginnt die Meuterei in Kiel, als die deutsche Hochseeflotte unter Admiral von Hipper zur "Entscheidungsschlacht gegen England" auslaufen soll.
Einige Rädelsführer, darunter Wollweber, verbarrikadieren sich in den Kajüten und singen die Internationale. Am nächsten Tag werden sie überwältigt und in Eisen gelegt, aber bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Da verbünden sie sich
mit den Kieler Arbeitern und flaggen rot über alle Toppen. Ueberall ist Wollweber inmitten der Ereignisse führend beteiligt.
Biograph Richard Krebs: "Unter unwahrscheinlichem Geschrei brachen sich die Lastwagen mit ihren Maschinengewehren und roten Fahnen durch die Menge Bahn. Besonders herzlich begrüßten die Arbeiter einen kurzgewachsenen, stämmigen Burschen in einem schmutzigen, blauen Kittel. Zum Zeichen des Dankes wirbelte er mit dem Gewehr über seinem Kopf hin und her. Es war der Heizer des Kreuzers "Helgoland", der als erster die rote Fahne über der deutschen Kriegsflotte gehißt hatte - Ernst Wollweber."
Bald agitiert er in Berlin, im Ruhrpott und vor allem in Hamburg, wo die abgerüsteten roten Matrosen seinem Vorschlag, eine Rätediktatur nach bolschewistischem Muster aufzurichten, begeistert zustimmen.
Als dann auf dem zweiten Weltkongreß der kommunistischen Internationale (Komintern), der Juli/August 1920 in Moskau tagt, beschlossen wird, neben den offiziellen kommunistischen Massenorganisationen, für besondere Aufgaben einen illegalen "Apparat" zu bilden, findet Ernst Wollweber sein Betätigungsfeld, das ihn nicht mehr losläßt.
Sein Hauptquartier wird Hamburg. Hier agiert Wollweber in den Räumen des "Interclub" in der Rothe-Sood-Straße 8, in der Nähe des Hamburger Wahrzeichens, der Michaelis-Kirche. Den "Interclub" hat sich die "Internationale der Seeleute und Hafenarbeiter" (ISH) geschaffen, um die Angehörigen dieser Berufe politisch zu infiltrieren.
Die ISH ist eine Abteilung der Profintern (Rote Gewerkschaftsinternationale) und diese wiederum eine Haupt-Abteilung der Komintern (heute Kominform), neben den vielen anderen Hauptabteilungen wie die internationale "Rote Hilfe" (MOPR) und die Gesellschaft der Freunde der Sowjetunion.
Die ISH hat in allen Hafenstädten der Welt ihre Sektionen. Ihr Hamburger Funktionär ist damals Ernst Wollweber; bald wird er Generalsekretär des ganzen internationalen ISH-Apparates.
Seine internationale Funktion führt ihn ins Ausland, vor allem nach der Sowjetunion, wohin alle kommunistischen Spitzenfunktionäre kommen, um sich einer speziellen Schulung zu unterziehen. Auch Wollweber durchläuft die sogenannte "M-Schule" (militärischer Apparat der KP, der damals für den bewaffneten Aufstand in Mitteldeutschland gedrillt wurde). Wollweber wird für Spionage und Sabotage besonders geschult. Er lernt englisch, dänisch und schwedisch. Das Evidenz-Büro der Roten Armee (4. Abteilung des roten Generalstabes) zählt ihn bald zu seinen ständigen Mitarbeitern.
Bei seinen Reisen, vor allem durch Skandinavien, hat Wollweber reichlich Gelegenheit, Nachrichten zu sammeln, die für Moskau von Wichtigkeit sind. Er ist praktisch russischer Staatsbeamter in besonderer Mission, ein gutbezahlter "Apparatschik", dessen Karriere Pieck und Ulbricht argwöhnisch verfolgen.
Im Reichstag flüstern sie sich zu: "In den Sitzungen imitiert er die Gesten von Wladimir Iljitsch. Man sagt, daß er Lenin-Posen vor dem Spiegel übt, wenn er allein ist."
Anfang 1931 gehörte Wollweber zusammen mit Ernst Thälmann einer illegalen Kommission der KPD an, die von Georgi Dimitroff, dem damaligen Leiter
des West-Sekretariats der Komintern (WEB), beauftragt war, durch ein formales Zusammengehen mit der Hitlerbewegung, durch gemeinsame Störangriffe im Reichstag, den Sturz der Weimarer Republik zu beschleunigen.
Durch die Ausschaltung der sogenannten Reformisten hofften die Kommunisten, dem Bürgerkrieg näher zu kommen, der nach ihrem Plan mit der Errichtung Sowjet-Deutschlands enden sollte. Aber es kommt anders. Große Kommunisten-Verfolgung nach dem Reichstagsbrand 1933.
Wollweber wird nach Hitlers Machtantritt und nach dem 5. März 1933 der stärkste Mann in der KPD. Als Thälmann verhaftet ist, Pieck, Ulbricht und die übrigen prominenten ZK-Mitglieder nach Prag und Paris geflüchtet sind, wird er Chef des illegalen Kaders. Er ordnet zunächst Gegenoffensiven an, die aber zu nutzlosen Opfern führen. Dann gibt er nach: "Hitler wird Fehler begehen, und die Massen werden aufwachen."
Richard Krebs in "Out of the night": "Ueber Nacht war Ernst Wollweber der verantwortliche Kommandant und führende Organisator der neuen Untergrundbewegung geworden. Mehr als früher glich er einer dicken, furchtbaren Karikatur Stalins."
Wollweber fährt dann im Personenzug, zusammen mit den Genossen Richard Krebs und Jonny Scheer*), den er als neuen KP-Chef in Hamburg einsetzen will, nach der Hansestadt. Plötzlich stoppt der Zug in Ludwigslust: Gestapokontrolle. Scheer wird erwischt, trotz seines falschen Amerikapasses, weil er plötzlich deutsch versteht, nachdem er vorher behauptet hatte, nur englisch zu können.
Wollweber entgeht der Gestapo durch einen Trick: er humpelt zu einem der Kontrollbeamten und erklärt, er könne wegen seiner Gicht nicht mehr in der Warteschlange stehen. Er sei Däne deutscher Abstammung aus Nordschleswig. Darauf darf er, ohne seine Papiere vorzuzeigen, mit einem "Grüßen Sie unsere Blutsbrüder in Nordschleswig" in den Zug zurückkehren.
Schließlich muß Wollweber dann doch Deutschland verlassen. Die Russen wollen nicht, daß er sich opfert. Er soll sich nach Paris absetzen, wo sich damals auch Wilhelm Pieck - vor seiner Weiterflucht nach Moskau 1939 - aufhielt. Wollwebers Braut Cilly muß für ihn in Paris Quartier machen und ärgert sich über Piecks abweisendes Gesicht: "Dieser Wilhelm Pieck. Er ist so wild darauf, Thälmanns Schuhe zu tragen, daß er jeden, der lebendig aus Deutschland herauskommt, als eine persönliche Beleidigung betrachtet."
An einem Augusttag 1934 trifft Wollweber in Paris ein. Seine Ankunft wirkte wie die Erscheinung eines hungrigen Habichts über einem Hühnerhof. Die führenden deutschen Kommunisten, die sich seit ihrer Flucht aus Deutschland in komfortablen Büros eingerichtet hatten, zitterten um ihre Stellungen und um ihre Kassen. Sie verschworen sich, Wollweber zu isolieren und nach Brüssel oder Moskau weiterzuschicken.
Wollweber rekrutierte ergebene Helfer unter den kleineren Parteimitgliedern in
der Emigration. Er schickte Privatkuriere nach Kopenhagen und der Sowjetunion. Bald kamen sie zurück mit günstigen Antworten. Wollwebers Reputation als Organisator des deutschen Untergrundes war in Moskau unbestritten.
Sein größter Trumpf: daß er außerhalb der deutschen Grenzen kaum bekannt ist. Er ist ein Mann des Geheimnisses, der sich dick und stumm, das Gesicht unter einem viel zu großen Hut verborgen, durch die Pariser Straßen bewegte. Er hatte viele Namen. Im Pariser Comité Mondial hieß er Schulz, in den Flüchtlingskomitees Anderson, bei Funktionärsitzungen Kurt Schmidt.
Biograph Richard Krebs: "Er war ein Biest, mit dem Gehirn eines bösartigen Wissenschaftlers. Nichts schien ihn zu schrecken, außer dem Licht der Oeffentlichkeit. Ich sagte zu ihm: ''Sie nennen Dich den kleinen Lenin, aber Du bist viel mehr als Stalin und Lenin.'' Daraufhin blieb Wollweber stehen und fragte, während er grinsend seine tabakbefleckten Zähne mahlte: ''Wie kommst Du darauf?''
''Nun'', sagte ich, ''Genosse Lenin war immer in Kontakt mit den Massen.''
''Was hast Du gegen den Genossen Stalin? Genosse Stalin ist der größte lebende Staatsmann'', grunzte Wollweber mit einem Ton, als habe er soeben jemanden zum Tode durch Erhängen verurteilt. ''Wer diese Feststellung in Frage stellt, kann nie wieder in einem wichtigen Amt beschäftigt werden.''"
Schließlich eröffnet er Krebs, daß er nach Kopenhagen gehen und sich dort einen eigenen Apparat schaffen werde, aus seinen eigenen Mitarbeitern.
In Kopenhagen leitet Wollweber dann zusammen mit dem Finnen Otto Wilhelmowitsch Kuusinen, Mitglied der EKKI (Exekutiv-Komitee der Kommunistischen Internationale), das nach dort verlegte Westbüro der Komintern.
Gleichzeitig knüpft er hier im Norden die zahlreichen Verbindungen seiner roten Seeleute-Organisation. Kurzer Aufenthalt in Leningrad zum Befehlsempfang. Dann beginnt die Zeit der großen Sabotage.
Die Sowjets suchten 1935 nach einem schlagkräftigen internationalen Apparat, um die Schiffahrt der ihnen feindlichen Nationen zu schädigen und im Ernstfall Kriegsmaterialtransporte durch Schiffsversenkungen zu unterbinden. Als Ausgangsbasis wird Oslo bestimmt, wo als ausgesuchte Kurierin bereits Wollwebers nordische Frau, Ragnhild Wiik (Jahrgang 1910) agiert. Ragnhild Wiik, Tochter eines Maurers aus Oslo, ist überzeugte Jungkommunistin, genau so wie ihre Schwester Gudrun, die Wollweber Ende der zwanziger Jahre in Leningrad kennenlernte.
Er verlobte sich mit ihr am selben Abend. Das hinderte ihn aber nicht, im Frühjahr 1935 ihre jüngere Schwester Ragnhild zu heiraten. Die Ehe wurde in Moskau gestiftet - während eines Befehlsempfangs der beiden - , nach russischem Recht und nur nach Prinzipien der Parteiraison. Wollweber und die Wiik wurden aneinandergekoppelt in der Erwartung, daß diese Verbindung dem großen Sabotageplan nur förderlich sein könne.
Wollweber schmunzelte über das blonde Mädchen aus Oslo, das rundheraus erklärte, es würde ihn nur heiraten, wenn es die Parteidisziplin verlange. Schließlich fügte sie sich dem Befehl der Partei.
Ragnhild Wiik muß sich nun auf Befehl ihres Herrn und Gatten um die Beschaffung einer Wohnung und einiger Möbel in Oslo bemühen. Wichtiger aber ist der Auftrag, sich um eine Anlaufstelle für illegal reisende Mitarbeiter zu kümmern, die gleichzeitig als Deckadresse für einlaufende Kurierpost dienen soll. Die blonde Kommunistin wendet sich an den Osloer Seemanns-Arzt Dr. Fossen. Er ist ihr als zuverlässiger Genosse bekannt. In seinem Wartezimmer kann sie unauffällig die eintreffenden Gehilfen der Organisation und die Post für Wollweber abholen.
Dann wird sie nach Holland beordert; Meldung in Rotterdam, wo sie mit Wollwebers Stellvertreter Schaap zusammentrifft. Gemeinsam fahren sie nach Amsterdam. Hier hat Wollweber inzwischen seine wichtigsten Mitarbeiter zusammengezogen und schult sie nun auf die bevorstehenden Sonderaufgaben. Er fordert die Leute auf, sich ganz als Partisanen zu führen. Denn wenn es Krieg gäbe, käme es darauf an, durch Sabotageakte das Verladen von Kriegsgerät und wichtigen Versorgungsgütern in sowjetfeindlichen Ländern zu verhindern.
Für jedes Land bestimmt Wollweber einen verantwortlichen Mann. Für Holland Josef Schaap, der gleichzeitig als sein Stellvertreter fungiert, für Norwegen den 32jährigen Genossen Hjelmen, für Dänemark den Sekretär der dänischen Schiffsheizer-Gesellschaft Richard Jensen.
Der Präzedenzfall im Sinne des Auftrages tritt ein, als 1936 in Spanien der Bürgerkrieg ausbricht. Jetzt wird die Wollweber-Liga aktiv. Sprengstoff und Zündmittel kommen aus Schweden Sie werden zur Tarnung in Schwimmwesten, Taurollen und Werkzeugkästen verpackt. Die von Wollweber selbst entwickelten Langzeitzünder garantierten, daß die zum Tode verurteilten Schiffe erst Stunden nach ihrer Ausfahrt aus den Häfen auf See in Brand geraten.
In Rotterdam gelingt es den Leuten von Schaap, auf dem Italiener "Felce" eine Sprengladung anzubringen, die dann das Schiff im Golf von Taranto zum Wrack macht. Ein japanisches Schiff, die "Tajima Maru", wird durch drei heftige Explosionen vor der Einfahrt nach Bremen auf Grund gesetzt.
Im Frühjahr 1938 geraten im dänischen Frederikshavn die beiden spanischen Trawler "Cierco" und "Abrego" in Brand, beide Schiffe fast gleichzeitig. Einige Brandstifter werden festgenommen. Es stellt sich heraus, daß es Kommunisten sind und daß der schon erwähnte Richard Jensen den Auftrag zur Brandstiftung gegeben hat. (Die Attentäter wurden nach dem deutschen Einmarsch in Dänemark abgeurteilt, darunter Jensen.)
Die Serie der Katastrophen wird fortgesetzt mit den Explosionen an Bord des Hamburger Dampfers "Claus Boege", der mit Erz für Spanien aus Oslo kam. Im April 1938 brennt der große polnische Passagierdampfer "Batory" im Kopenhagener Hafen völlig aus. Eine flammende Warnung an die moskaufeindliche polnische Regierung, die damals auch Waffen und Ausrüstung für Franco lieferte.
Im Sommer 1938 folgten weitere Anschläge: der Japaner "Kasji-Maru" geht verloren. Brandstiftungsversuche auf den deutschen Schiffen "Phila" und "Norderney" werden gerade noch verhindert, da reißt eine außenbords angebrachte Wollweber - Sprengladung ein großes Loch in den Bug des Hapag-Dampfers "Vancouver", der in der Nähe von St. Franzisko die Oakland-Bucht kreuzt.
Inzwischen ist aber auch die Polizei in allen westlichen Häfen mobil geworden. Die holländische Kripo tut den entscheidenden Griff: Als der holländische Erzdampfer "Westplein" mit Fracht aus Narvik in Rotterdam eintrifft, kontrolliert sie einen Hafenarbeiter, der einen schweren Sack von Bord trägt. Der Sack wird geöffnet: Sprengstoff und Zündmittel.
Der Hafenarbeiter heißt Schokkaert und ist Wollwebermann. Beim scharfen Verhör gibt er einige Hintermänner preis. Nun weiß die Kripo: Der Sprengstoff für die Wollweber - Attentate kommt aus Schweden. Er wurde laufend in den Erzgruben von Lulea von kommunistischen Bergkumpels gestohlen, Wollweberleuten übergeben, über die norwegische Grenze geschmuggelt und in Narvik auf Erzschiffen mit Hilfe Wollweber-treuen Seeleuten weitertransportiert. Die Endverteilung an die Sabotage-Kommandos besorgten dann die eingeweihten Hafenarbeiter der ISH.
Jetzt tritt die IKPK (Internationale Kriminalpolizei - Kommission, Zentrale war damals Berlin) in Aktion. Schokkaerts Geständnis wird auch an Harry Södermanns Kripo - Zentrale in Stockholm, Bergsgatan 48, gekabelt, der es nun endlich gelingt, die Sprengstoffdiebstähle in Lulea aufzuklären, die Schmuggler an der norwegischen Grenze abzufassen und im Mai 1940 schließlich Ernst Wollweber selbst zu verhaften.
Stapo-Gruppenleiter Heinrich Müller im Reichssicherheits-Hauptamt in Berlin bemüht sich durch Anfrage bei Södermann, Wollweber nach Deutschland zu bekommen und bietet für einen Wollweber sechs schwere schwedische Jungen, die in deutschen Gefängnissen sitzen. Die Schweden lehnen aber die Auslieferung ab. Sie fürchten diplomatische Verwicklungen mit der Sowjetunion.
Wollweber wird in Stockholm formell wegen Sprengstoffdiebstahls und Paßvergehens (er hielt sich illegal in Schweden auf) zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die braucht er aber nicht abzusitzen, denn Moskaus Botschafterin in Stockholm, Madame Kollontaij, interveniert sofort.
Sie legt ein Dokument vor, das Wollweber als Sowjetstaatsbürger legitimiert
und präsentiert außerdem einen Auslieferungsantrag der Moskauer Regierung mit der Begründung, Wollweber habe sowjetische Staatsgelder unterschlagen und solle in Moskau zur Verantwortung gezogen werden.
Die Schweden geben ihn frei. Wollweber fliegt nach Moskau, und die schwedischen Behörden tun ein übriges. Sie versiegeln die Prozeßakten und erklären sie zum Staatsgeheimnis bis 1952. Wollwebers Sprengstoff - Schmuggler und Dynamiträuber müssen ihre Strafe abbüßen.
Die Stockholmer und Rotterdamer Ermittlungen ziehen weitere Kreise, als die deutschen Truppen in Belgien, Holland, Norwegen und Dänemark einrücken, gefolgt von Beamten des Reichssicherheitshauptamtes, die in Rotterdam und Oslo die Kripoakten durchstöbern und einen Wollwebermann nach dem anderen aus dem Untergrund ziehen. Bald sind es mehrere Dutzend.
Das Ende der Organisation: 22 Todesurteile durch Roland Freislers Volksgerichtshof in Berlin und schwere Zuchthausstrafen. Auch Wollwebers Stellvertreter Schaap und Sprengstoffschmuggler Schokkaert aus Rotterdam werden geköpft. Wollwebers parteioffizielle Frau Ragnhild Wiik-Wollweber kommt noch am 1. Februar 1944 vor den Volksgerichtshof. Das Urteil ist unbekannt. Seither fehlt von ihr jede Spur.
Ernst Wollweber brachte sich 1945, als er mit den Russen von Moskau nach Berlin kam, eine andere Lebensgefährtin mit. Aus den Diadochenkämpfen um die Nachfolge Thälmanns nach der Neugründung der KPD hält er sich heraus. Die Russen wollen Pieck als deutschen Parteivorsitzenden. Sie spekulieren schon auf die kalte Annexion der Sozialdemokraten, als sie sehen, wie wenig Anklang die KPD selbst im ehemals roten Berlin findet. Für solche taktischen Manöver ist Wollweber nicht der richtige Parteivorsitzende.
Er gehört eine Weile zur Führerreserve und bekommt seinen Ukas aus Karlshorst, wo die Besatzungsrussen sehr bald über ihn verfügen. Sie übertragen ihm das Schiffahrtsressort in der ostzonalen
Zentralverwaltung für Verkehr (später Verkehrsministerium). Aber das ist nur eine Scheinstellung.
Wollweber ist als Staatssekretär nicht nur der politische Schatten des parteilosen Verkehrsministers Professor Dr. Rheingruber. Er aktivierte sehr bald wieder seine frühere Organisation. Das war sehr schwer, denn die Elite haben Gestapo und Freisler liquidiert. Von den wenigen alten Kämpen, die noch übriggeblieben sind, sitzen einige in Hamburg - aber sie haben die Lust am Sprengen und Sengen verloren.
Die Gestapo hat selbst Wollwebers früheren Intimus Richard Krebs so lange unter Druck gesetzt, bis er sich bereit erklärte, Wollweber zu bespitzeln und seine Genossen zu verraten. Schließlich ging er für Agentensold im Auftrag der Gestapo nach USA, bestätigt ein ehemaliger Gestapo - Inspektor des Hamburger N-Referates (Nachrichtendienst), der Krebs die Agentenprämien anwies.
Aber bald hatte Krebs diese Prämien nicht mehr nötig. Er machte unter dem Pseudonym Jan Valtin sein enthüllendes Buch "Out of the night", das ein Bestseller wurde (über eine Million Auflage). Es wurde sogar ins Jiddische und Chinesische übertragen. "Out of the night" war damals die sensationellste Enthüllung über die Komintern und die deutsche Untergrund-KP. Krebs deckte auch hemmungslos auf, was er über Wollweber und die ISH wußte. Er hatte es der Gestapo ohnehin mitgeteilt. Aber auch Krebs kannte damals noch nicht die letzten Geheimnisse über die Sprengstoffattentate, die erst viel später gelüftet wurden.
Bleibt nun die Frage: Wie fand Wollweber nach 1945 qualifizierten Ersatz für seine alten Mitarbeiter, um eine neue Sabotagetruppe aufstellen zu können, die auch technisch so weit ausgebildet ist, daß sie nach dem früheren Muster operieren kann?
40 Kilometer von der Slipanlage der Stralsunder Volkswerft entfernt, wo Wollweber vor einigen Monaten das erste neue Hochseeschiff der Ostzonenrepublik vom Stapel laufen ließ, liegt beim Flugplatz Ladebow der ehemalige Landsitz eines Gutsbesitzers. Am Eingang hängt heute ein metallenes Schild: "Fachschule des Verkehrsministeriums, Abteilung Schiffahrt." Schüler: Ausgesuchte FDJ-Funktionäre, aber auch Ausländer mit nordischem Akzent und ein aktiver Stamm ehemaliger Unteroffiziere und Feldwebel der Division Brandenburg.
Ausbildungsleiter: Dr. König, früher Sonderführer (Z.) und Instrukteur der sogenannten Küstenjäger-Abteilung, einer Spezialtruppe der Draufgänger - Division Brandenburg.
Bis Kriegsende bildete der Balte Dr. König im Auftrag der Abwehrabteilung II des OKW auf dem Gelände der chemotechnischen Reichsanstalt in Berlin-Tegel eine besondere Elite aus, die im Prinzip dasselbe wie die Wollweberleute kriegsmäßig machen sollte: Schiffssprengungen und Sabotage.
Darüber ein von Dr. König geschulter Küstenjäger a. D., dessen erster Einsatz der erfolgreiche Anschlag auf einen alliierten Transporter im italienischen Hafen Bari im Sommer 1944 war:
"Ein Saboteur muß den Sprengstoff selber an das Schiff heranbringen. Er kann also kaum mehr als zwei Kilo Sprengstoff unauffällig an Bord schmuggeln. Diese Menge muß er so wirksam placieren, daß die Explosionswelle den
Schiffskessel sprengt und die Kessel-Explosion dann das Schiff schwer beschädigt.
"Da es aber im feindlichen Gebiet sehr schwer war, Sprengstoff unauffällig an Bord zu schmuggeln, entwickelte Dr. König, in Verbindung mit der physikalisch-technischen Reichsanstalt, ein besonderes Gerät: die Unterwasser-Ring-Haftladung. Sie bestand aus einem etwa 40 Kilogramm schweren hohlen Metallring, der mit Sprengstoff gefüllt war. Durchmesser des Ringes etwa 1,50 Meter.
"An der Unterseite waren acht Magneten angebracht. Sie hielten die Sprengladung an der Bordwand des Schiffes fest, das gesprengt werden sollte. Bei der Detonation, die ein Uhrwerkzünder auslöste, wurde ein rundes Stück aus der Schiffswand herausgesprengt. Der Küstenjäger im Einsatz war mit einer Schwimmblase ausgerüstet, um gleich drei Ring-Haftladungen im Schlepp mitzunehmen.
"Die Magnete waren kräftig genug, die Ladung auch dann zu halten, wenn das Schiff abfuhr. Die Detonation erfolgte meistens nicht im Hafen, sondern nach entsprechend eingestellter Langzündung auf hoher See."
Küstenjäger - Instrukteur Dr. König ist auch nach dem Krieg seinem Metier treu geblieben. Er hat - wie frühere Küstenjäger in Westdeutschland wissen - eine Anzahl seiner ehemaligen Kameraden nach Ladebow bei Greifswald gelotst. Von hier schrieben sie Werbebriefe nach Westdeutschland, wie diesen: "Auch Du wärst bei uns und Dr. König fein aufgehoben. Wir wohnen hier in einem Herrenhaus. Es gibt gute Verpflegung und guten Sold - sonntags mindestens Huhn mit Reis."
*) Jensen wurde 1942 wegen eines Sprengstoff-Attentats zu 16 Jahren Zuchthaus verurteilt, floh aber 1944 aus der Strafanstalt. Er gilt für die dänische Sicherheitspolizei, trotz offiziellem Ausscheiden aus der kommunistischen Partei, noch als V-Mann Moskaus, der auf seinen vielen Reisen durch Skandinavien die alten Agentenverbindungen wieder fest zusammenknotet. Im Sommer 1950 soll er in Ost-Berlin gewesen sein.
*) Scheer wurde bald darauf mit drei anderen Kommunisten in der Nähe der Avus auf Görings Befehl erschossen - "auf der Flucht", wie es hieß. Aus Revanche dafür, daß Wollweber den ehemaligen Vertrauten Thälmanns, Kattner, der unter Druck der Polizei Angaben über den Geheimapparat gemacht hatte, in seiner Wohnung in Nowawes hatte umbringen lassen.

DER SPIEGEL 36/1951
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SABOTAGE:
Für Huhn mit Reis

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
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  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor
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