10.10.1951

KOMMUNISTENGeld aus der Unterhose

Ritterkreuzträger Generalmajor a. D. Karl Hentschel, Präside des von der KPD inspirierten Aktionskomitees gegen die Remilitarisierung, soll weiter für die Volksbefragung agitieren. Trotz Innen-Lehrs Verbot und akuter Schilddrüsen-Erkrankung.
Seinen plötzlichen Nachkriegs-Linksdrall, der ihn schon viermal nach Ostberlin führte, erklärt Kettenraucher Hentschel mit "eindrucksvollen Erlebnissen in Rußland schon 1917". Damals erlebte er die revolutionäre Wirkung von Lenins Aprilthesen: "Nieder mit dem Krieg, alle Macht den Sowjets!" in russischer Urfassung.
Am 3. April 1917 war Lenin aus dem Schweizer Exil nach Petersburg zurückgekehrt. Am 4. April kassierten die Iwans den ostpreußischen Kriegsfreiwilligen Hentschel und steckten ihn in eine Schraubenfabrik am Ural, wo ihm die kommunistischen Wachmannschaften das ideologische Linksgewinde genau erklärten.
Darauf besann sich der abgerüstete Luftwaffen-Generalmajor wieder nach der Entlassung aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft 1945. Mit den 160 D-Mark Schwerversehrten-Rente konnte er kaum seine gut eingerichtete Dreizimmerwohnung in Münster, Sternstraße 27, halten. Da interessierte er sich sozialkritisch für Weltverbesserung, die er im trojanischen Hippodrom der östlichen "Friedensfreunde" zu finden glaubt.
Alter Segelflieger Hentschel - er stellte 1932 einen Segelflugdauerrekord von 16 Stunden auf - hatte im Weltkrieg II keine Bomben auf sowjetische Städte und Stellungen geworfen. Er war mit seinem Geschwader nur gegen die Anglo-Amerikaner geflogen. Das machte die Annäherung nach links leichter.
Hentschels Typ wurde aber erst richtig modern, als Reimanns KP-Vorstand im März auf dem Weimarer Parteitag Walter Ulbrichts 57 Thesen für die westdeutsche KP vorgesetzt bekam. Unter Ziffer 43:
* "Es ist durchaus notwendig, mit den ehemaligen Mitgliedern der NSDAP sowie mit solchen ehemaligen Berufsoffizieren eine Einheitsfront zu organisieren, die getragen von patriotischen Gefühlen heute gegen die Remilitarisierung Westdeutschlands und gegen die Einbeziehung Deutschlands in einen neuen Weltkrieg auftreten."
In der Ostzone besorgten schon ehemalige Stalingrad-Generale und -Offiziere, die im Moskauer "Nationalkomitee Freies Deutschland" auf stalinistisch umgeschult worden waren, die Kontakt-Geschäfte Walter Ulbrichts. An der Spitze Generalleutnant a. D. Vincenz Müller (heute Vopo-General), der genau so wie General a. D. Hentschel aus ärmlichen Verhältnissen stammt und sich vom Vorzimmer-Oberleutnant bei General von Schleicher zu Hitlers Korps-General des XII. AK emporarbeitete.
Müller schrieb laufend Briefe an ehemalige Offizierskameraden in Westdeutschland, wie diesen: "Folgt nicht Leuten wie Halder, Guderian, Speidel, Heusinger und Frießner. Ich kenne sie sehr gut, sie waren einstmals unter Fachleuten bekannte Persönlichkeiten. Aber sie haben aus der Katastrophe unseres Volkes nichts gelernt.
"Wir haben mit euch zusammen in der falschen Front gestanden und Jahre unseres Lebens einer schlechten Sache hingegeben. Wir wollen diesmal mit euch zusammen in der richtigen Front stehen und einer guten Sache dienen."
Das sei die Sache der Russen, sagte er deutlich auf heimlichen Meetings in Bayern, wo seine Frau bis vor einigen Monaten noch bei Deggendorf die kleine Familienklitsche bewirtschaftete. Auf einem dieser Generalstreffs phantasierte Müller: "Ich bin fest davon überzeugt, daß
eines Tages ein Deutscher in den Kreml einziehen wird."
Seit Lehrs Grenzschutzpolizisten strenge Anweisung haben, Vincenz Müller nicht mehr über die Grenze zu lassen, muß General a. D. Hentschel die befohlene Offizierswerbung allein dirigieren. Er kann sich dabei auf zwei robuste Stabschefs stützen, die der KP-Parteivorstand für den Hauptausschuß der Volksbefragung delegierte: Major a. D. Rodeck (Abteilung Organ sation) und Major a. D. Gregorski (Werbung, Information und Verbindungsaufnahme), beide beim Nationalkomitee Freies Deutschland geschult.
Sie haben inzwischen den Geheimapparat aufgebaut, der die von Innen-Lehr verbotene Volksbefragung weiterbrodeln läßt. Noch immer kursieren Abstimmungsscheine mit der dummdreisten Suggestivfrage:
* "Sind Sie gegen die Remilitarisierung Deutschlands und für den Abschluß eines Friedensvertrages im Jahre 1952?"
"Die meisten Stimmzettel - zwei Millionen Stück - wurden in Hannover gedruckt", weiß Niedersachsens ehemaliger Hauptvolksbefrager Kurt Horn.
"Sie wurden, wie das Propagandamaterial, nicht nur von KP-Druckereien, sondern auch von zwei Privatdruckereien heimlich hergestellt. Das Risiko wurde mit 50 Prozent Aufgeld vergütet. Auch in Goslar druckte eine Privatdruckerei kommunistisches Werbematerial und Spendenschecks für Rückversicherer." (Siehe Muster Seite 14.)
Horn war einer der sechs biederen Helfer, die Org.-Leiter Major Rodeck im Mai engagierte. Die KP-Landesvorstände hatten vorher die Instruktion bekommen, sich nach "intelligenten, redegewandten jungen Menschen" umzutun. "Bevorzugt ehemalige Offiziere mit guten Verbindungen zu diesen Kreisen."
Hilfsarbeiter Horn (36), im Krieg Oberleutnant, wurde von einem alten KP-Funktionär gekeilt und mehrmals zu
Stubenversammlungen kommunistischer Tarnorganisationen gelotst. Dann bekam er eine Freifahrkarte zu einer zentralen Tagung der "Gesellschaft für deutschsowjetische Freundschaft" im gutbürgerlichen Düsseldorfer Restaurant "Zum Burggrafen". Dort interessierte sich ein ehemaliger Hauptmann und Sowjetfreund sehr für ihn: "Ich könnte Ihnen eine gute Stellung verschaffen."
Einige Tage später: Horn soll sich in einem eleganten Düsseldorfer Hotel gegenüber dem Hauptbahnhof bei "Generalvertreter Müller" melden.
Am selben Nachmittag fragten außer Horn noch fünf weitere junge Männer nach dem "Generalvertreter". Der Ober schleuste sie alle zu einem Nischentisch, wo "Müller" mehrere Runden Bier und Doppelkorn auffahren ließ.
Erst nach längerer Volksbefragungspraxis erfuhren die sechs Neulinge, wer dieser Müller war: Ganeralvertreter der KP-Zentrale Genosse Küstermann, der sie damals erst einmal gründlich testete. Dann fuhr er mit ihnen in die Kölner Straße in ein Luxuslokal, wo Major a. D. Rodeck nähere Instruktionen gab.
Der Hauptausschuß für die Volksbefragung sei ein fliegendes Unternehmen. Es gebe aus Sicherheitsgründen kein offizielles Zentral-Büro. Alle Verhandlungen würden nach vorheriger Benachrichtigung in guten Lokalen geführt, in denen nur exklusive Gäste verkehren.
Erst später erfuhren die neuen Landesfunktionäre die Anschrift des Hauptquartiers: Rodecks Wohnung, Düsseldorf, Ellerstraße 161 b. "Wir sollten uns aber nur im äußersten Alarmfall dahin wenden", sagt Horn.
Rodeck schärfte seinen Männern ein:
* Ständig die Lokale wechseln, keine Briefe mit der Bundespost schicken, sondern nur durch Kuriere, die alle paar Wochen ausgetauscht werden.
* Uebergabe der Briefe nicht in den Tarn-Büros der Landesausschüsse, sondern auf der Straße an einem vorher festgelegten wechselnden Treffpunkt.
* Werbematerial dezentralisiert ablagern und möglichst von kleinen Postämtern und Dörfern versenden, in kleinen Raten.
Dann folgten Anweisungen für das Verhalten bei Auftauchen von Polizei: "Bei jeder größeren VB-Aktion Störtrupps ansetzen. Noch besser Schein-Abstimmungstrupps, die den Polizisten scheinbar widerstrebend leere oder nur mit Makulatur gefüllte Urnen übergeben, während die echten Abstimmungsurnen schnell in Sicherheit gebracht werden."
Für 300 DM festen Sold und 500 DM Bewegungsgeld und Spesen machten nun Rodecks Landesvolksbefrager kräftig Dampf. In Hannover wurden dem unbedarften Green-Horn von der KPD-Landesleitung die Genossen Ludwig Romeyke und Heinz Bork attachiert.
Das Büro in der Goethestraße 41 war geschickt getarnt - "unten am Eingang das Schild einer Versicherungsgesellschaft und oben an der Bürotür ein Plakat des Jugendherbergsverbandes", grient Volksbefragungs-Geschäftsführer Enno Narten (01), wandervogelbegeisterter Ingenieur und Sozial-Romantiker, den die SPD wegen linker Abweichungen vor kurzem ausschloß.
Für Geldnachschub sorgte Genosse Romeyke, sagt Horn. Es sei zunächst so üppig geflossen, daß Hentschels Adjutant, Major a. D. Gregorski, schon zum Frühstück seinen eigenartigen Geschmack durch Erdbeertorte mit Sahne befriedigen konnte.
Horn: "Als ich Gregorski einmal nach den Quellen der Hilfsgelder fragte, die eingeweihte Referenten auf mehrere Millionen bezifferten, wurde er grob."
Die Mittel wurden erst dürftiger, als das SED-Politbüro im Juni den Kontrolleur-Genossen Pilz durch die westdeutschen Tarnbüros schickte: "Wir möchten in Berlin für das viele verpulverte Geld nun endlich Erfolge sehen. Was sind 51 000 Stimmen in ganz Niedersachsen? Nehmt euch ein Beispiel an der DDR: 95,87 Prozent Ja-Stimmen."
Man müsse es überall so machen wie in Hanau, empfahl Pilz. Dort waren an einem Sonntag 600 Volksbefrager ausgeschwärmt. Jeder nahm sich nur vier Häuser vor. Dadurch verringerte sich das Risiko, daß größere Mengen von Stimmzetteln auf einen Schlag beschlagnahmt werden. Ergebnis: 20 000 Volksbefragte von 80 000 Hanauer Einwohnern.
Dann kam der Ukas: möglichst viel neue regionale Tarnorganisationen bilden,
besonders in den Einzugsgebieten alliierter Truppenverstärkungen. Muster: die "Schutzgemeinschaft zur Verteidigung der nordrhein-westfälischen Heimat", die das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald und das Kaiser-Wilhelm-Denkmal bei Porta rund herum mit Druckschriften bepflasterte, mit flammendem Aufruf: "Heimat, wir lassen dich nicht!" Für die Koordinierung aller Terrororganisationen sorgt KP-Reimanns Agitprop-Genosse Jungmann (mit mexikanischer Exilerfahrung wie großer Prop-Chef Gerhart Eisler) im ausgelagerten Befehlsstand in Herne.
Alles ist im besten Zuge, da stößt der hauptamtlichen Volksbefragerin Liselotte Wolf aus Salzgitter-Lebenstedt plötzlich in Hamburg ein Betriebsunfall zu. Sie verpaßt den verabredeten Zug zum Referententreffen in Hamburg, wohin die Düsseldorfer Genossen gewöhnlich alle 14 Tage ihre niedersächsischen VB-Funktionäre zum Befehlsempfang bestellten. Da oft vorher nicht signalisiert werden konnte, wer aus Reimanns Stab nach Hamburg delegiert wurde, benutzt man wieder den Generalvertreter-Trick.
Als Volksbefragerin Wolf aufdringlichkokett im Hamburger Bahnhofswartesaal II. Klasse nun den Oberkellner fragt, ob er nicht wisse, wohin der Generalvertreter Müller mit den übrigen Vertretern gefahren sei, ob er etwas für sie hinterlassen habe oder ob er noch mal wiederkomme, steht plötzlich ein Kriminalbeamter neben ihr und fordert sie auf: "Bitte mitkommen."
Eine wahre Hexenjagd beginnt nun. Sieben der Hauptbefrager - außer Horn, der inzwischen abgesetzt wurde - werden wochenlang eingesperrt und sollen demnächst vor den Richter "wegen Anstiftung zu Ungehorsam und Geheimbündelei". Dem VB-Finanzverwalter Genossen Romeyke zog die Kripo 4500 DM aus seiner Unterhose.
"Aber die Masse der abgegebenen Stimmen hat die Polizei nicht bekommen", weiß der geschaßte ehemalige VB-Landesleiter Kurt Horn. "Sie waren in der Bettdecke eingenäht, mit der sich unsere Stenotypistin, Inge Müller, Ehefrau des hauptamtlichen KP-Funktionärs Werner Müller, nachts zudeckte.
"Als die Kripo kam, lag Inge noch im Bett. Die Kriminalisten waren Kavaliere und warteten draußen so lange, bis sie sich angekleidet hatte. Die warme Bettdecke legte sie über die Fensterbank, so daß die mit Protokollen und Stimmzetteln gefüllte Hälfte nach draußen baumelte. Die Kripo fand nichts Verdächtiges."
Horn wurde abgesetzt, hauptsächlich weil er bei der Offizierswerbung versagt hatte. Hentschels Generalstab in Düsseldorf wünschte, daß er eine stärkere oppositionelle Offiziersgruppe, die sich am 3. Juni in Veerßen bei Uelzen versammelte (8 Generale, 2 Admirale, 20 Ritterkreuz- und 12 Eichenlaubträger), Hentschel zuführe.
Hentschel liegt viel daran, den Initiator dieses Treffens, den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Gerd Hein aus Lindholmfeld bei Niebüll, mit seinen Anhängern aus der früheren SS-Division "Hitlerjugend" zu gewinnen.
Auch die Russen interessieren sich für Baldur v. Schirachs ehemaligen Wehrertüchtigungschef Gerd Hein - wegen einiger waffentechnischer Erfindungen. (Hein ist Experte für infanteristische Schnellfeuerwaffen). Aber Hein will von Hentschel und den Russen nichts wissen. Sie hatten ihn schon einmal bis nach Warschau geschafft, aber da entkam er ihnen wieder.

DER SPIEGEL 41/1951
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