14.11.1951

KOLPORTAGE / SITTENROMANEUm leben zu können

Professor Heinar Schilling, 57, der 65 000-fach aufgelegte Verfasser der von der Eiszeit bis zu Hitler führenden "Weltgeschichte", drehte sich nervös Zigaretten in seiner bescheidenen Schriftstellerwohnung in Glücksburg an der Ostsee. Sein Verleger Werner Alfred Jepsen, 38, ebenfalls Glücksburger, versuchte nämlich gerade; dem Amtsgerichtsrat Granicki, dem Staatsanwalt Reimers und zwei biederen Handwerker-Schöffen im Flensburger Amtsgericht klarzumachen, er, Jepsen, habe "Novellen mit erotischem Charakter verlegt, die sich aber in Grenzen halten".
Verfasser dieser "Novellen mit erotischem Charakter" ist eben jener Professor Heinar Schilling, dessen "Weltgeschichte" im Deutschen Literaturkalender als historisches Hauptwerk genannt wird. Unter dreimal verschiedenem Pseudonym (Bernard de Blê}mont, Fernando Serrano und Theophile Rostand) schrieb Professor Heinar Schilling für Werner Jepsens 1-DM-Reihe "Der internationale Sittenroman" bisher siebenmal 64 Druckseiten unter den Titeln:
* "Glück und Liebe einer Geisha",
* "Petersburger Nächte",
* "Der Liebestrank von Rom",
* "Der Liebeshafen von Adano",
* "Rausch in der Südsee",
* "Venus im Pelz",
* "Im Harem von Port Said".
Das Glück der Geisha wurde zum Pech des Verlegers. "Ganz besonderes Vergnügen macht es mir, daß dieses kleine Heft hoffentlich auch dazu beitragen wird, den Deutschen die Augen darüber zu öffnen, was eine Geisha in Wirklichkeit ist", hatte
Autor "Bernand Comte de Blê}mont" in einem als Vorwort abgedruckten Brief aus Paris an den Sittenroman-Verleger Jepsen geschrieben.
Natürlich hatte Professor Schilling in Wirklichkeit den Vorwort-Brief in Glücksburg verfaßt, dort, wohin das Geisha-Glück im Augenblick stoßweise zurückkommt, da die Händler es nicht absetzen können. Was eine Geisha in Wirklichkeit ist, interessierte augenscheinlich nicht die Interessenten dessen, was im Anzeigenteil der Glücksburger Sitten-Reihe "einschlägige Literatur" genannt wird.
Mehr Interesse fanden dagegen die "Petersburger Nächte" und "Der Liebestrank von Rom". Beide Werke erregten das Interesse der Flensburger Staatsanwaltschaft. Staatsanwalt Reimers fand in beiden Werken "unschicklich abirrende Hände", "Beine, die emporwirbelten bis
nahezu dahin, wo sie angewachsen waren", einen "von unwürdigen Küssen zerstörten Mund", eine "wollüstig bebende Front ihres Unterkörpers", Einzelheiten zu einem "Gipfelpunkt der Süße" und eine längere Dissertation darüber, "wie ungewöhnlich schwierig es für einen Herrn der damaligen Zeit war, in voller Gesellschaftskleidung eine Liebesszene auf einem Diwan zu effektuieren". Das alles war, wie auf dem Vier-Farben-Titel stand, "reich illustriert": Mit sechs bis acht Kohlezeichnungen in jedem Heft.
Auch diese Zeichnungen gefielen dem Staatsanwalt Reimers nicht: "Es ist auffällig, daß bei den Akten durchweg die Füße fehlen, weil sie zeichnerisch eine Schwierigkeit darstellen." Für den Illustrator, einen "Jean Esquire", dürften sie jedoch kaum eine "zeichnerische Schwierigkeit" darstellen, denn hinter dem Pseudonym verkriecht sich der ebenfalls nach Glücksburg verschlagene Kunstmaler und Pressekarikaturist Sepp Ostermeyer, 46, der fünf Häuser weiter neben Sitten-Professor Heinar Schilling wohnt.
Für die 120 DM, die er für die Illustration des Heftes und die Titelseite bekomme, könne man Füße, die tatsächlich eine zeichnerische Schwierigkeit sind, nicht mitverlangen, meint Sepp Ostermeyer. "Mich kotzt diese ganze Schmierarbeit sowieso an." Aber der bis 1928 auf der "Ecole des beaux arts" ausgebildete Maler und Zeichner muß sie trotzdem machen, auch wenn diese Arbeit ihn an seine "schlimmste Zeit an einem Revolverblatt in Tunis erinnert".
"Früher war ich einmal Chefzeichner von 'Paris Soir'", sagt Sepp Ostermeyer wehmütig. "Früher hatte ich noch nasse Bilder bereits auf der Staffelei verkauft."
Als Pressezeichner ist aber bei 10 bis 12 DM Honorar je Karikatur heute auch kein rosiges Geschäft zu machen. Also nahm Ostermeyer, "um leben zu können", von Verleger Jepsen den Auftrag an, "den langweiligen Text durch andeutende, nicht zu deutliche Zeichnungen zu offerieren". Für das Pauschalhonorar von 120 DM je Heft mußte Kunstmaler Ostermeyer die Konzession machen: schöne Gesichter, rasante Hüften und reizende Brüstchen. "Wenn ich nicht verhungern will, muß ich bieten, was man von mir verlangt."
Aehnlich ist die Lage nebenan bei Professor Heinar Schilling. Wie Ostermeyer, lebt der ergraute Verfasser der bekannten "Weltgeschichte" und an die hundert anderer geschichtlicher und lyrischer Werke fast mehr von der Großzügigkeit seines Kaufmanns denn von der Möglichkeit, als Schriftsteller Geld zu verdienen.
Die Sittenromane halten ihn immerhin gerade noch über Wasser. Da Verleger Jepsen ihm für jedes Heft 400 DM zahlte, verdiente er in einem guten Jahr immerhin genug zum Leben. Dafür sind Heinar Schilling und seine sechste Frau, Nuri, 33, brotlose Tänzerin mit Ausbildung auf der Palucca-Schule, zehn Tage lang voll beschäftigt. Der Schriftsteller-Professor diktiert und seine Gattin tippt pro Tag sechs bis zehn Schreibmaschinenseiten Sittenromantik.
Was dabei herauskommt, nannte Verleger Werner Alfred Jepsen vor Gericht "literarisch wertvoll". Staatsanwalt Reimers stieß sich unter anderem an den französisch frisierten Decknamen des Autors und des Zeichners: "Diese Namen sollen doch augenscheinlich das Pariser Parfüm geben?" Und Richter Granicki fragte den der Verbreitung unsittlicher Werke angeklagten Jepsen: "Warum ausgerechnet Paris?" Dazu Jepsen: "Weil Paris (fingierter Absendeort des Pseudonym-Autors) auf dem Gebiet dieser Literatur das Beste geleistet hat."
Als Staatsanwalt Reimers lakonisch hinzufügte: "Und das Schlechteste", konnte
Verleger Jepsen immerhin sagen: "Der Autor (dessen Pseudonym ängstlich gewahrt wurde) will demnächst diese in einzelnen Heften erscheinenden Novellen auch gesammelt im Buchformat und dann unter seinem richtigen Namen herausbringen."
Das bestätigt auch Professor Schilling. Staatsanwalt Reimers befürchtet jedoch: "Damit wird sich Bernard Blê}mont am Ende seiner Laufbahn noch blamieren."
Das befürchtet der "Weltgeschichte"-Verfasser, in seiner Wohnung umgeben von einer ganzwandigen Bibliothek eigener seriöser Werke und von Bildern honoriger Offiziers- und Schriftsteller-Ahnen und -Urahnen, jedoch nicht. Denn: "Wenn ich so eine Novelle nicht in zehn Tagen zusammenhämmern müßte, weil sie nur mit 400 DM bezahlt wird, ließe sich bei gleicher Thematik Wertvolleres schaffen. Aber früher zahlte ein Verlag mir 50 Prozent des Honorars für die erste Auflage bereits bei Vertragsabschluß aus."
Heinar Schilling belegt das mit Verträgen, die er in einer dicken Mappe zusammengebündelt hat. Allein seine "Weltgeschichte" brachte ihm 84 000 damals noch gute R-Mark und zu einem gewissen Teil auch den ehrenhalber verliehenen Professorentitel. Heute sagt Sitten-Autor Heinar Schilling: "Nennen Sie mich nicht Professor. Früher war ich einmal einer der fünf am meisten gedruckten deutschen Autoren. Heute fabriziere ich, um leben zu können."
Im Deutschen Literaturkalender 1952, dem "Kürschner", wird Professor Heinar Schilling mit einer Angabe über seine Bücher - wie bisher - an führender Stelle erscheinen.

DER SPIEGEL 46/1951
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