17.11.2003

LEGENDENSmarter Typ, totes Girl

Unermüdlich ermittelt FBI-Agent Jerry Cotton seit fast 50 Jahren in New York. Nun leiht Harald Schmidt seinem Idol die Stimme - für ein Jubiläums-Hörbuch.
Das Bekenntnis zum Banalen fällt dem Katholiken, Kabarettisten und Organisten leicht: Seit er "13 oder 14 Jahre alt war", so der Schwabe, habe er sich regelmäßig mit den rot-schwarzen Heftchen vergnügt. Unerschütterlich verfolgte der Junge, wie ein agiler Gunman namens Jeremias Cotton, den sie beim FBI nur Jerry nennen, in seinem roten Jaguar E-Type durch die Straßenschluchten von Manhattan flitzt und immer neue Gangster nach der immer gleichen Baukasten-Dramaturgie zur Strecke bringt.
Die Bewunderung hat sich bis heute nicht abgenutzt. Harald Schmidt, 46, liest die Storys über den Agenten, der nie älter wird, immer noch, weil der "ein smarter Typ" sei, "der cool bleibt, auch wenn das Girl neben ihm ziemlich tot ist".
Seit 1954 ermittelt Jerry Cotton nun schon ohne Unterlass in New Yorks Unterwelt. Im März 2004, zum 50. Jubiläum, wird er vermutlich seinen 2951. Fall abschließen. Der Bastei-Verlag aus Bergisch Gladbach, literarische Heimat des Helden, feiert den Jubeltag schon jetzt mit einer Hörbuch-Ausgabe des historischen Erstlings "Mein erster Fall beim FBI", gelesen vom bekennenden Cotton-Fan Harald Schmidt.
Aus "Sentimentalität" habe er die Offerte angenommen, sagt der TV-Entertainer und weiß sich in prominenter Gesellschaft. Denn zum 50-jährigen Verlagsjubiläum wirft das Mutterhaus des deutschen Schundromans noch drei weitere Perlen der Groschenliteratur auf den Hörbuchmarkt.
Nach der Bastei-Devise "Comedy goes Pulp!" verdingt sich Hella von Sinnen als Rezitatorin von Hedwig Courths-Mahlers unverwüstlicher Adelsschmonzette "Die Bettelprinzess"; der einsatzfreudige Komiker Frank Zander liest aus der Western-Reihe "Lassiter" das Hufschlag-Epos "Shoushou und des Satans Colonel"; und Cordula Stratmann, aufstrebende rheinische Kabarettistin, gibt ihr Herzblut für den ergreifenden Heimatroman "Monis rosarote Frühlingsträume". Die komödiantischen Vier haben eines gemeinsam: Sie nehmen ihre Texte ernst.
Die Aktion ist, wie der Verlag zu Recht wirbt, eine "witzig-charmante" Hommage an ein Genre, das Woche für Woche eine Millionen-Auflage erzielt. Die Bergisch Gladbacher haben über 30 Serien im Angebot: Ob liebessatter "Silvia"-Roman oder Klinik-Kalamitäten bei "Chefarzt Dr. Holl", ob Gruselschocker mit "John Sinclair" oder weibliche Mystik mit der "Rätselhaften Rebecca" - die Bastion Bastei verteidigt heroisch das schlichte Gefühl gegen jeden Anflug von Kunst-Verdacht. Spannung, Leid und Liebe - die Heftchen versprechen ihren eiligen Lesern nichts, was sie nicht halten können.
Seit 1953 blüht in Bergisch Gladbach das Geschäft mit Romanheftchen aller Art. Doch Markenzeichen der Serienproduktion bleibt Jerry Cotton - übersetzt in 14 Sprachen und mit einer Gesamtauflage von rund 850 Millionen Exemplaren. Schöpfer der Figur ist ein lange an-onym gebliebener Autor, der Anfang der fünfziger Jahre das erste Manuskript einreichte. Inzwischen strickt ein Autorenteam abwechselnd - für ein Salär von 800 bis 1000 Euro pro Heft - mit preußischer Präzision an der endlosen Saga um Jerry, der Mitte der sechziger Jahre durch die Verfilmung mit George Nader für seine Fans auch ein Gesicht bekam.
Der Agent wurde so populär, dass verwirrte Leser sich schriftlich ans FBI in Washington wandten, um herauszufinden, wo sie ihr Idol denn nun leibhaftig erreichen könnten. Ein gewisser Winfried Roll aus Berlin konnte sich 1962 glücklich schätzen, immerhin vom legendären FBI-Chef und
Kommunisten-Fresser J. Edgar Hoover an die Realität verwiesen zu werden: Cotton und sein Bastei-Kollege Jeff Conter seien "fiktive Spezialagenten". Im Übrigen habe man jetzt 55 Niederlassungen landesweit. Mit freundlichen Grüßen.
Wer aber tatsächlich Auslöser des Agentenfiebers ist, blieb lange ein Rätsel. Sogar Friedrich Jakuba, selbst einer der Cotton-Autoren, erweckt in seinem jüngst erschienenen Fan-Buch noch den Eindruck, der Schöpfer der Serie sei bis heute nicht enttarnt worden*. Eine Legende.
Und der Verlag strickt eifrig mit. Auf Anfrage heißt es stolz, der inzwischen über 80-jährige geheimnisvolle Cotton-Vater greife noch gelegentlich in aller Bescheidenheit und Anonymität höchstpersönlich ins Agentenleben ein und schreibe eine neue Folge.
Doch die Mauer des Schweigens bröckelt. Auf der Website des Verlags rückt Bastei wie aus Versehen mit der Wahrheit heraus: Da wird nun sang- und klanglos Delfried Kaufmann als Cotton-Erfinder geoutet.
Ein Verlagssprecher erklärt: Kaufmann habe es vor der Rente bis in das mittlere Management eines westdeutschen Industrieunternehmens gebracht und deshalb als Autor unerkannt bleiben wollen. In Leitungsetagen werden Groschenromane halt nicht gern gesehen.
Als Harald Schmidt Ende April bei Elke Heidenreich, der resoluten Literaturbeauftragten des ZDF, in deren Sendung "Lesen!" zu Gast war, zeigte er sich ähnlich empfindsam. Statt Cotton empfahl er den Großstadtroman "Zwölf" des jungen Amerikaners Nick McDonell.
Verrat am Idol? Oder hat er sich einfach nicht getraut? Schmidt sieht sich als Opfer weiblicher Direktheit: Getraut habe er sich schon, "aber Frau Heidenreich hat mich vor meiner Haustür gezwungen, ''Zwölf'' zu machen". Einem Cotton wäre das nicht passiert. JOACHIM KRONSBEIN
* Friedrich Jakuba: "G-man Jerry Cotton - Nichts als Wahrheit und Legenden". Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach; 320 Seiten; 17,90 Euro.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 47/2003
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