24.11.2003

BOXENDer Preis für das Finale

Je mehr Dariusz Michalczewski zuletzt im Ring ins Taumeln geriet, desto größer war die Anteilnahme des Publikums. Jetzt weigert sich der gebürtige Pole, die Ratschläge seiner Wegbegleiter anzunehmen und die Karriere zu beenden. Das gesundheitliche Risiko ist immens.
Die Werte stimmen noch. Achtmal wiederholt Dariusz Michalczewski diesen Satz. Er ist der einzige Halt in einer Welt, die er nicht mehr versteht.
Der Profi-Boxer aus Hamburg wirkt etwas zerknirscht und sitzt in der Business-Lounge des Hamburger Flughafens. Es ist Dienstag, vor gut vier Wochen hat Michalczewski den Weltmeister-Titel im Halbschwergewicht verloren. Am Montag vergangener Woche erklärte er auf einer Pressekonferenz, er werde trotzdem weiterboxen. Es sollte ein Grund zum Feiern sein. Doch dann gab es doch nur seltsam unangenehme Fragen. Es hieß: "Dariusz, bist du dafür nicht zu alt?" Oder: "Ist das nicht schon der berühmte Kampf zu viel?"
Zu alt. Er. Der Tiger. Michalczewski winkt verächtlich ab. Neben ihm sitzt seine Freundin Patricia. Sie wollen gemeinsam nach Polen fliegen. Nach der Niederlage ihres Partners gegen den Mexikaner Julio César González hatte Patricia einen Weinkrampf erlitten. In einem Interview bekannte sie kürzlich, sie sei jetzt dagegen, dass Dariusz weiterboxe. Doch jetzt ist sie ganz still.
Ihr Freund schimpft über die Leute, die ihn zu "einem kranken Mann" stempeln wollen. Er sagt: "Um den Champion braucht sich niemand Sorgen zu machen." Er habe alles checken lassen. Das Gehirn, die Leber, die Lunge. Und dann kommt zum neunten Mal der Satz, mit dem er sich verteidigt: "Die Werte stimmen noch."
Es ist eine bittere Debatte, die sich derzeit um den Boxer Dariusz Michalczewski rankt. "Aufhören, Dariusz!", appellierte das "Hamburger Abendblatt" unmittelbar nach der Niederlage gegen González, der mit seinen Schlägen das Gesicht von Michalczewski in eine Ruine verwandelt hatte. Dass der Geschlagene dennoch weitermacht, nährt den Verdacht, dass der Deutsch-Pole seine Lage kaum noch korrekt einschätzen kann.
Michalczewski, 35, steht vor einer Klippe. Boxen ist gefährlich, und auch für die großen Champions gilt: Wer nicht zur rechten Zeit mit dem Job aufhört, muss damit rechnen, einen hohen Preis zu zahlen.
Das Schicksal, den berühmten Schlag zu viel eingesteckt zu haben, traf schon weit talentiertere Boxer. Sugar Ray Robinson, einer der Besten, stieg erst nach 201 Kämpfen aus dem Ring. Gezeichnet von der Alzheimer-Krankheit verstarb er 1989 im Alter von knapp 69 Jahren. Wiederholte Kopftreffer, über Jahre kassiert, führen nach einschlägigen Studien selbst dann zu irreparablen Gehirnschäden, wenn die Stoßkraft nicht Schwindel erregend hoch ist.
Floyd Patterson, ehemals Weltmeister im Schwergewicht, leidet unter schwerem Gedächtnisverlust und kann sich manchmal nicht einmal an den Namen seiner Frau erinnern. Als lebendes Mahnmal für die Risiken des Boxens gilt Muhammad Ali, der noch mit 39 Jahren kämpfte. Seit fast 20 Jahren leidet er an der Parkinson-Krankheit. Ali ist für den in Essen geborenen amerikanischen Mediziner Friedrich Unterharnscheidt "das beste Beispiel" für die These, dass viele Schläge auf den Kopf nicht ohne verheerende Folgen bleiben.
Walter Wagner, Professor für Unfallchirurgie am Klinikum Bayreuth, ist Verbandsarzt beim Bund Deutscher Berufsboxer. Das Gremium kann einem Profi die Lizenz verweigern, wenn sich bei einer der regelmäßigen Untersuchungen erweist, dass der Kämpfer nicht völlig gesund ist. Es gibt nur wenige Länder, in denen Profis so gründlich gecheckt werden wie in Deutschland. Wagner sagt aber auch, dass ein Boxer letztendlich selbst wissen müsse, wann es für ihn Zeit sei aufzuhören.
Doch genau das ist das Problem. Wann soll ein Profi Schluss machen? Mit 35 Jahren? Mit 40? Nach dem dritten schweren Niederschlag? Wenn er anfängt zu stottern?
Schließlich ist es nicht einfach für Boxer, vom riskanten Gewerbe die Finger zu lassen. Der Drang nach Geld, Ruhm und Ehre zog schon Anfang der sechziger Jahre Archie Moore immer wieder in den Ring zurück. Zwischen seinem 40. und 50. Lebensjahr absolvierte Moore noch über 50 Kämpfe. George Foreman, ehemals Weltmeister im Schwergewicht, kündigte jüngst seine Rückkehr in den Ring an. Er ist 54.
An keinem Ort finden sich Boxer besser zurecht als im Seilgeviert. Die Verhältnisse dort sind klar umrissen. Es geht um Sieg oder Niederlage, nichts weiter.
Wie schwer es vielen Faustkämpfern fällt, im normalen Leben klarzukommen, zeigt das Beispiel des Schwergewichtlers Riddick Bowe. Im April 1997 begab sich der Amerikaner ins Retiro, weil er merkte, dass seine Reflexe nicht mehr stimmten. Doch mit dem neuen Dasein kam er nicht zurecht. Seine Frau, die ihm davongelaufen war, versuchte er mittels Pfefferspray, Handschellen und Klebeband zu entführen - und landete im Gefängnis. Dort wartet er nun auf seine Entlassung - und darauf, endlich wieder boxen zu können. Dass er damit seine Gesundheit aufs Spiel setzt, ficht Bowe nicht an: "Ich kann nun mal nichts anderes."
Für ehemalige Champions ist es in der Regel nicht schwierig, in den Ring zurückzukehren. Vor allem in Amerika finden sich leicht Box-Promoter, die angesichts der zu erzielenden Gewinne gelegentlich aufkommende Gewissensbisse verdrängen.
Opfer dieser Mentalität droht derzeit der Ex-Schwergewichtsweltmeister Evander Holyfield zu werden. Seit Monaten kursieren Gerüchte, dass Holyfield unter Gleichgewichts- und Sprachstörungen leide. Dennoch wird er als einer der möglichen Gegner Bowes gehandelt.
Im Fall Michalczewski gab es niemanden, der den entthronten Champ zum Comeback drängte. Im Gegenteil: Sein Promoter Klaus-Peter Kohl hielt sich auffallend dezent mit Ratschlägen zurück. Sein Trainer Fritz Sdunek empfahl seinem Schützling zwischenzeitlich, über ein Karriereende nachzudenken.
Aber warum hört er nicht?
Dariusz Michalczewski plagen keine Geldprobleme. Er hat nie großspurig gelebt. Auch die Karriere nach der Karriere ist längst geplant. Er hat eine Stiftung für sozial benachteiligte Jugendliche gegründet. In Polen wird er demnächst eine Talkshow moderieren, mit einem deutschen Sender steht er in Verhandlungen für eine Fitness-Sendung. Michalczewski muss auch niemandem mehr etwas beweisen. Er ist schon jetzt einer der großen Champions im Halbschwergewicht.
Und doch gibt es da jemanden, für den Michalczewski mindestens noch einmal kämpfen muss: Michalczewski selbst.
Große Boxer oder die, die sich dafür halten, prägt der Anspruch, nach der Laufbahn nicht nur als Fußnote in Statistikbüchern zu erscheinen. Sie wollen Spuren hinterlassen. "Sie wollen nach ihrer Karriere für etwas stehen", sagt Tobias Drews, der als TV-Kommentator seit Jahren die Profi-Boxszene beobachtet. Sie wollen, dass man sie nicht vergisst.
Es ist schwer zu sagen, für was der Boxer Michalczewski steht. Den großen Kampf gegen Roy Jones, der ihm zu Weltruhm hätte verhelfen können, hat er nie bekommen. Selbst in Deutschland gab es immer andere, die heller strahlten.
Mal war es der smarte Henry Maske, dem die Herzen des Publikums zuflogen, mal war der Rüpel Graciano Rocchigiani der Held der Massen. Selbst Axel Schulz, der eigentlich nie etwas gewonnen hat, drängte Michalczewski ins Abseits.
Dabei unternahm der vermeintlich Verkannte alles, um seinen Platz zu finden. Er legte sich im Ring die Deutschlandflagge über die Schultern, um die angebliche Liebe zu seiner Wahlheimat zu dokumentieren. Er ließ sich mal von dem ehemaligen "Bild"-Chef Hans-Hermann Tiedje beraten, mal von Alain Midzic, dem Manager der Medienattraktion Verona Feldbusch. Doch auf die Couch bei "Wetten, dass ...?" kamen immer andere. Die Klitschkos, seine Stallgefährten aus dem Boxcamp Universum. Und zuletzt sogar der eher blasse Sven Ottke.
Zwischenzeitlich hatte Michalczewski aufgegeben. Er bekannte sich lieber zu seiner Heimat Polen, als weiter auf die Zuneigung der Deutschen zu warten. Sein heutiger Berater Christoph Wesche, ein Werbefachmann, hatte ihn mit einer griffigen Formel dazu verleitet: "Besser beliebt bei 40 Millionen Polen, als nicht beachtet von 80 Millionen Deutschen."
Doch nun haben sich die Vorzeichen noch einmal verändert, ohne dass Michalczewski etwas dazu getan hätte. Dreimal taumelte er zuletzt schwer gezeichnet aus dem Ring. Und je mehr Blut floss, desto größer war die Anteilnahme des Publikums.
Gerade mal 4,14 Millionen TV-Zuschauer verfolgten Michalczewskis Kampf vorigen Sommer gegen Richard Hall, der ihm eine klaffende Platzwunde zufügte. Beim zweiten "Blutkampf" ("Bild") gegen Derrick Harmon schalteten bereits 6,87 Millionen ein. Als González Michalczewski im Oktober verprügelte, guckten 7,61 Millionen zu.
Nun ist Michalczewski eine Attraktion. Für das Comeback im nächsten Jahr erwarten Insider eine Quote von über 10 Millionen. Auch das Umfeld stimmt. Der Vertrag zwischen Kohl und den Klitschkos läuft im nächsten Jahr aus. Sehr wahrscheinlich gehen die ukrainischen Brüder nach Amerika. Ottke ist nur noch ein König in der Provinz. Und Rocchigiani hat dieses Frühjahr, im Alter von 39 Jahren, seinen letzten Kampf absolviert.
Michalczewski ist somit allein auf weiter Flur. Die Bühne ist endlich bereitet. Er kann jetzt doch noch in Deutschland ankommen. Er will sich die Chance nicht entgehen lassen. "Die Werte stimmen noch."
Aber warum hat er dann überhaupt seinen letzten Kampf verloren?
Michalczewski holt tief Luft. In 20 Minuten geht die Maschine nach Polen. Er erzählt eine lange Geschichte. Von Partys und fehlender Disziplin. Er sei nicht mit dem nötigen Ernst bei der Sache gewesen. Es war ein Ausrutscher, ein Malheur.
Dass er nun erstmals in seiner Profi-Karriere als Verlierer in den Ring steigt, sei aber kein Problem. "Im Gegenteil", sagt Michalczewski. "Die Zeiten in Deutschland sind schlecht. Firmen gehen Pleite, Menschen verlieren ihren Job. In solchen Tagen brauchen die Leute keine strahlenden Helden."
Aber der Held Michalczewski braucht sein Strahlen. Er schaut müde aus.
GERHARD PFEIL
* Nach seiner Niederlage gegen den Mexikaner Julio César González (r.) am 18. Oktober in Hamburg. * Mit den Sängerinnen der US-Band Exhale.
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 48/2003
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