24.11.2003

FOTOGRAFIERuinen unter blauem Himmel

In Archiven sind Tausende von Farbfotos aus dem Ersten Weltkrieg aufgetaucht. Knapp 90 Jahre nach Kriegsbeginn gewähren sie einen neuen Blick auf die Katastrophe.
Am 23. März 1918 wurde der junge französische Soldat verwundet, wahrscheinlich durch Senfgas. Zwei Wochen später, am 7. April, lichtete ein Armeefotograf das Opfer ab: An diesem sonnigen Tag, so zeigt es das Bild, trägt der Verletzte ein rosafarbenes Hemd und ein leuchtend blaues Halstuch. Er streckt den linken Arm in die Höhe: Das Fleisch rund um den Ellenbogen liegt bloß, die Haut nahe der Wunde schimmert bräunlich bis dunkelrot.
Das Porträt ist eine Sensation - denn es handelt sich um eine Farbaufnahme aus dem Ersten Weltkrieg, dieser "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (George Kennan). Deren Grauen war nachfolgenden Generationen stets in blassen Schwarzweißfotos überliefert worden. Bis jetzt.
Und das Bild des namenlosen Soldaten ist nur eines von Tausenden (auf empfindlichen Glasplatten fixierten) Farbbildern aus der Kriegszeit, die weitgehend unbemerkt in Militär-, Foto- und Medizinarchiven verstaubten - und die nun, knapp 90 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wiederentdeckt, restauriert und veröffentlicht werden. So hat die französische Regierung Hunderte von Aufnahmen im Internet zugänglich gemacht. In Australien tourt eine Wanderausstellung mit farbigen Weltkriegsbildern über den Kontinent. Hew Strachan, Militärhistoriker aus Oxford, präsentierte den Briten vor kurzem einen Ersten Weltkrieg in Farbe; er sorgte mit einer TV-Dokumentation und einem Buch für Aufsehen**. Die Bilder, schwärmt Strachan, ließen diesen Krieg "unmittelbar und frisch aussehen".
Viele der Fotografien zeigen Männer in Schützengräben, die Ruinen von Reims, Kinder, die in den Trümmern spielen, Land-
schaften, in denen Bäume nur noch als karge Stümpfe in den Himmel ragen, entstellte Leichname, amputierte Körper, einbeinige Veteranen und trauernde Soldaten an den Gräbern ihrer Kameraden. Das Gras ist zeitlos grün, der Himmel oft strahlend blau - und die Ruinen sind nicht selten von schwefelgelben Wolken umhüllt.
Der deutsche Maler Ernst Ludwig Kirchner, der 1915 als Soldat eingezogen worden war, hat den Krieg als "blutigen Karneval" erlebt. Eindrucksvoller als jede Schwarzweißaufnahme belegen die Fotografien denn auch, wie Deutschlands Griff nach der Weltmacht als schlammfarbene Apokalypse endete.
In farbenfrohen Uniformen waren Millionen junger Männer 1914 wie zur Parade auf die Schlachtfelder gezogen, als auffällige Zielscheibe für den Feind. Erst allmählich kleideten manche Armeeführungen ihre Soldaten in Tarnfarben. Die Fotofunde, sagt Historiker Strachan, belegten "diesen Übergang vom Kabinettskrieg des 19. Jahrhunderts zum modernen industriellen Krieg". Der Erste Weltkrieg war in jeder Hinsicht ein Großaufgebot. Wie fortschrittlich auch die eingesetzten Medien waren, dokumentieren die wiederentdeckten Fotos.
Alle Armeen haben Fotografen als Berichterstatter zu Propagandazwecken eingesetzt und einigen die kostspielige neue Technik ermöglicht. Darunter waren Abenteurer wie der Australier Frank Hurley, der sich 1915 an den Südpol gewagt hatte. Die britische Luftwaffe heuerte einen Mitarbeiter der US-Firma Kodak an, der Männer und Maschinen in Multicolor ablichtete.
Erst 1903 hatten zwei Franzosen, die Brüder Louis und Auguste Lumière, das Verfahren entwickelt, mit dem sich farbige Lichtbilder auf Glas herstellen ließen, die so genannten Autochrome. Die neue Apparatur erlaubte noch kein spontanes Fotografieren an der Front: Die Geräte auf ihren Dreifüßen waren klobig und ihre Belichtungszeiten mit etwa zehn Sekunden vergleichsweise lang; der Kampf in Bewegung ließ sich damit nicht dokumentieren.
Viele der Aufnahmen, die dem Publikum in Lichtbildschauen vorgeführt oder in teuren Illustrierten gedruckt wurden, wirken darum auch wie gestellt. Einige Szenarien scheinen wie Gemälde komponiert worden zu sein, zum Beispiel das Bild einer Gruppe französischer Soldaten, die sich dekorativ um ein Geschoss herum drapieren. Diese eigenwillige Ästhetik des Schreckens stellt die Kriegsmaschinerie als unbesiegbar und heroisch dar, und gleichzeitig spielt die rohe Gewalt nur eine Nebenrolle.
Der deutsche Dichter Georg Heym schrieb im Sommer 1910 in sein Tagebuch: "Wenn doch einmal etwas geschehen wollte, was nicht diesen faden Geschmack von Alltäglichkeit hinterlässt ... Sei es auch nur, dass man einen Krieg begänne, er kann ungerecht sein. Dieser Friede ist so faul, ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln."
Der Krieg kam, und er brachte Millionen den Tod - live und in Farbe.
ULRIKE KNÖFEL, KLAUS WIEGREFE
* Angehöriger der französischen Armee. ** Hew Strachan: "The First World War". Simon & Schuster, London; 352 Seiten; 25 Pfund.
Von Ulrike Knöfel und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 48/2003
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