01.12.2003

SACHBUCHSülze und Buletten

Er war das Vorbild für die Figur des Franz Biberkopf in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" und für Fritz Langs Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". Generationen von Kindern sangen sein Lied: "Warte, warte nur ein Weilchen ..." Bis heute ist Fritz Haarmann, Altkleiderhändler aus Hannover, so etwas wie der Superstar unter den deutschen Serienmördern. 24 Tote in kaum mehr als sechs Jahren, die Leichen zerstückelt, dazu Gerüchte, Haarmann habe die Reste seiner Opfer "zu Sülze, Buletten und Konserven" verarbeitet - 1924 delektierte sich die Öffentlichkeit monatelang an immer neuen, schrecklichen Enthüllungen. Dass im selben Jahr im oberschlesischen Städtchen Münsterberg eine ähnlich grausige Mordserie aufgedeckt wurde, ist heute so gut wie vergessen. Obwohl Karl Denke, von den Zeitungen bald "Papa Denke" genannt, immerhin 27 Männer und 4 Frauen getötet hatte, taugte der "Kannibale von Münsterberg" weder zum Volkslied- noch zum Filmhelden. Was einen Mörder zur öffentlichen Gruselfigur macht, welche Wechselwirkung zwischen Tat und Berichterstattung besteht, untersuchen Kathrin Kompisch und Frank Otto materialreich an sieben Beispielen aus der Zeit von 1888 bis 1945. Was bedeutet es, dass die Zeitungen ohne Spitznamen wie "Rosa Riese" oder "Heidemörder" nicht auskommen können? Und kann es sein, dass die Täter versuchen, ihrem Image durch weitere, spektakuläre Morde gerecht zu werden? Serienmörder Haarmann konnte seinen Ruhm nur noch kurze Zeit genießen - im April 1925 wurde er durch das Fallbeil hingerichtet.
Kathrin Kompisch, Frank Otto: "Bestien des Boulevards. Die Deutschen und ihre Serienmörder". Militzke Verlag, Leipzig; 224 Seiten; 19,50 Euro.

DER SPIEGEL 49/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SACHBUCH:
Sülze und Buletten