08.12.2003

GEHEIMDIENSTE„Hm, tja, äh ...“

Bei der Jagd auf einen vermeintlichen „Stasi-Killer“ ließ sich das Bundeskriminalamt auf eine wilde Agenten-Posse ein, bei der ein Journalist eine dubiose Rolle spielte.
Die letzte Betriebs-Weihnacht des inoffiziellen CIA-Mitarbeiters "Frank Schumann" war keine besonders besinnliche Angelegenheit. Sie begab sich unweit des Sanitär-Traktes der zugigen Autobahnraststätte "Linumer Bruch" bei Neuruppin und dauerte keine 30 Minuten.
Als Gastgeber fungierte an jenem Vormittag im Dezember 2002 ein mittelalter Herr ohne Namen, der perfektes Hochdeutsch sprach. Mit der professionellen Beiläufigkeit eines echten CIA-Offiziers dozierte er aber auch schon mal über "dead drops" - "Tote Briefkästen" - und "dirty tricks". Für die konspirative Bescherung hatte der amerikanische Sicherheitsapparat eine Flasche original-unverzollten US-Whiskey springen lassen sowie ein Kuvert mit 500 Euro. Den Erhalt musste Schumann vorschriftsgemäß mit seinem Decknamen quittieren, Ordnung muss schließlich sein.
Überhaupt roch die hollywoodreife Szene an der A24 bei näherem Hinsehen verdächtig stark nach deutscher Gründlichkeit. Kein Wunder, das Drehbuch für die Agenten-Weihnacht hatte nicht die CIA, sondern das Bundeskriminalamt (BKA), Außenstelle Meckenheim, verfasst: Im festen Glauben, einem ultrageheimen Auftragskiller der früheren DDR auf der Spur zu sein, hatten sich die deutschen Ermittler als amerikanische Agenten getarnt.
Inzwischen aber deutet immer mehr darauf hin, dass "Frank Schumann" alias Jürgen G., 53, nie ein "Mann für nasse Sachen", sprich ein Profimörder der DDR, war, sondern nur ein klammer Gas-Wasser-Installateur aus dem brandenburgischen Rheinsberg, dessen konspirative Fähigkeit sich darin erschöpfte, einmal die Heizungsanlage in einem Gästehaus des DDR-Innenministeriums repariert zu haben.
Das Ganze könnte als launige Schlapphut-Posse durchgehen, säße G. nicht seit dem 22. September wegen Mordverdachts in Einzelhaft. Von 25 Fällen war mal die Rede. Aber in dem nunmehr knapp drei Jahre währenden Ermittlungsverfahren konnten die Fahnder bislang weder eine Mordtat nachweisen, geschweige denn eine Leiche präsentieren oder eine Tatwaffe. Nicht einmal Zeit und Ort der angeblichen Tötungen sind bekannt.
Was bisher übrig blieb, ist die ehrliche Überzeugung eines erfahrenen Bundesanwalts, der in G.s Vergangenheit "dunkle Stellen, die auf Mord hindeuten", ausgemacht haben will. Und daran ist G. selbst wahrlich nicht ganz unschuldig, plagt den eher unscheinbaren Handwerker doch ganz offensichtlich ein unzähmbarer Hang zu abstrusen Abenteuergeschichten. "Er wollte immer mehr sein, als er war", sagt seine Ex-Frau über ihn.
Aber auch das wäre ihm wohl kaum zum Verhängnis geworden, wäre er nicht im Sommer 1995 an einen Mann mit einem ungewöhnlich breiten Spektrum geraten: an einen ehemaligen Major in Erich Mielkes Staatssicherheit. Der Spezialist für Telefonüberwachung hatte sich nach der Wende gleich mehreren westlichen Geheimdiensten anvertraut und darüber hinaus seine Aufklärer-Fertigkeiten auch dem Münchner Magazin "Focus" zur Verfügung gestellt, das dessen Möglichkeiten gern und weidlich nutzte. So widmete das Blatt dem vermeintlichen Serienkiller gleich nach dessen Verhaftung eine Titelgeschichte.
Dass die Story jemals vor einem Gericht verhandelt wird, glauben inzwischen selbst manche der Ermittler nicht mehr, die G. auch weiterhin für schuldig halten. Die Beweislage gilt als zu dünn. Auch die möglichen Opfer, über die öffentlich spekuliert wurde, passen nicht: Weder der erschossene DDR-Finanzminister Siegfried Böhm noch der in Zürich ermordete Fluchthelfer Hans-Ulrich Lenzlinger sind nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft dem ominösen Killerkommando zum Opfer gefallen.
G.s Anwältin Barbara Petersen hat deshalb Haftbeschwerde eingelegt - und darin schwere Vorwürfe gegen den Mann von "Focus" erhoben. Die Art und Weise, wie er vorgegangen sei, könne man "nur noch dreist nennen". "Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort will sich zu den Vorwürfen der Anwältin nicht äußern: Über "Quellen, Recherchen oder angebliche Recherchen von ,Focus'" werde er nichts sagen.
Es fällt auch angesichts der Aktenlage nicht leicht.
Nach Angaben der Anwältin haben sich ihr Mandant und der inzwischen journalistisch tätige Ex-Stasi-Offizier bei einem Gartenfest getroffen. Am Grill sei G. an den bestens gelaunten Ex-Major geraten. Dessen großspuriges Gehabe sei ihm bald so sehr auf die Nerven gegangen, dass er ihm eine düstere Geschichte aufgetischt habe: Er habe als Mitglied einer Spezialeinheit im guten alten Arbeiter-und-Bauern-Staat so schäbige Überläufer wie ihn zu liquidieren gehabt.
Die Diskussion über Tod und Teufel im Stasi-Reich muss so intensiv gewesen sein, dass der zum Journalisten mutierte Ex-Aufklärer nicht einmal mehr ausschließen mochte, sogar den Mörder Uwe Barschels vor sich zu haben.
Erdrückendes Indiz dafür, wie er später den Fahndern erklärte, schienen ihm die "sibyllinischen" Antworten des Installateurs auf Fragen zum Badewannentod des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten ("Barschel ist ein spezieller Fall, wo auf beiden Seiten klar war, was passiert ist") zu sein.
Von nun an nervte der Journalist den Handwerker immer wieder mit bohrenden Fragen über "Honeckers Todesschwadron" und bot nach mehreren Treffs an, ihm die "Exklusivrechte an der Geschichte" abzukaufen. Und versprach, so Anwältin Petersen, bei den Ermittlern ein gutes Wort für ihn einzulegen. Darauf habe G. sofort den Kontakt abgebrochen.
Vier Jahre ging der Magazin-Mann mit der Story bereits schwanger, da bekam die Bundesanwaltschaft über verschlungene Pfade Wind von der Sache. Am 15. März 1999 lud sie den Journalisten zu einem diskreten Treffen. Dabei, so dokumentiert es ein Vermerk, tischte der Reporter ein Konglomerat aus Fakten und Gerüchten auf.
Der Installateur habe ihm gestanden, nach seinem Wehrdienst als Funker bei der NVA in einem Geheim-Camp an der Ostsee in der Kunst des spurenlosen Tötens unterwiesen worden zu sein. Die Schwadron habe aus fünf Spezialisten (einem für Gift, einem für Unfälle etc.) bestanden und sei von einem gewissen "Oberstleutnant Killing" kommandiert worden. Gemeinsam sei man, circa 28-mal, unter der Legende von Verwandtenbesuchen, zu wochenlangen Operationen auch außerhalb der DDR aufgebrochen - um Zielpersonen zu liquidieren. Die Leichen seien dann von Kollegen per Container zur Entsorgung zurück in die DDR transportiert worden.
Als hätte das BKA schon lange auf eine so qualifizierte Fachkraft gewartet, wird, so weisen es die Protokolle aus, offenbar eine Zusammenarbeit vereinbart. Der Ex-Stasi-Major schlüpft in die Rolle eines Geheimdienst-Headhunters, der dem arbeitslosen und mittlerweile hoch verschuldeten Installateur anbietet, ihm eine Stelle beim US-Geheimdienst zu vermitteln.
Nachdem ein Telefonat zwischen beiden belauscht wurde, reist das Duo zwecks Ausfüllung eines entsprechenden "Bewerbungsbogens" am 15. Oktober 2001 ins Travemünder Strandhotel Maritim. Das Zimmer 1220 verfügt nicht nur über Ostseeblick, das BKA hat dort auch Spezial-Mikrofone versteckt, die den Fahndern das Gespräch der Männer übertragen.
Jürgen G. soll wieder einmal über seine angeblich begangenen Auftragsmorde berichten, schließlich benötigten die Amis ja einen Arbeitsnachweis. Der Installateur windet sich um konkrete Antworten herum, relativiert und stockt. Er würde den "nassen Job" zwar wieder machen, aber eine andere Tätigkeit wäre ihm lieber. Er könne beispielsweise mit einem Fernschreiber umgehen.
Am Ende kommt man überein, dass sich der Boss des "Recruiters", der "Chief of Base" der "CIA-Außenstelle Frankfurt/Main", bei Jürgen G. melden würde. Als Erkennungszeichen soll ein mit geheimer Markierung versehener Prospekt von "Mount Vernon, dem Anwesen des ersten Präsidenten der USA", dienen.
Obwohl der Reporter vom BKA zeitweise als "kriminalpolizeiliche Vertrauensperson (VP)" geführt wird, übernehmen die Profis das Ruder. Am 9. November 2001 bestellt ein verdeckter BKA-Ermittler in der Maske des angekündigten hohen CIA-Repräsentanten den Installateur zum Frankfurter Flughafen.
Das heimlich mitgeschnittene Verhör, diesmal im Sheraton-Hotel, hat teilweise loriothaften Charakter: Die Frage nach Spezialübungen beantwortet G. mit einem Bericht über die Wartung von Richtfunkantennen, als Fallschirmspringer habe er nur eine "indirekte Ausbildung". Und als Qualifikation für "nasse Arbeit" zählt er ungerührt auf: Pistole, Kalaschnikow, Bootsführerschein.
Wenn es um konkrete Fragen nach Orten, Daten und Personen geht, schweigt sich G. aus. Sobald der Ermittler Vorhalte macht, reagiert G. fast immer mit gutturalen Lauten: "Hm", "tja", "äh ..."
In 17 Treffen versucht der angebliche CIA-Offizier, Jürgen G. die Geheimnisse der Todesschwadron zu entlocken. Er könne, da seien seine Vorgesetzten beinhart, nun mal niemanden anheuern, bevor seine Qualifikation "im Bereich der Eliminierung" überprüft sei. Jürgen G. will nicht. Auszupacken sei ihm viel zu gefährlich. Gleichzeitig aber erklärt sich der Klempner bereit, Mordaufträge der CIA anzunehmen. In welchem Land, sei ihm eigentlich egal, er habe da keine Probleme.
So wenig pauschale Bereitwilligkeit reichte dem BKA bereits, den Arbeitslosen mit kleinen, aber gut bezahlten Aufträgen bei der Stange zu halten. Nachdem G. einen mit einem nachgemachten US-Briefkopf versehenen Vertrag als inoffizieller CIA-Mitarbeiter unterschrieben hat, wird der Brandenburger quer durch die Republik geschickt, um Blechbüchsen mit unbelichteten Kleinbildfilmen in toten Briefkästen zu verstecken.
5785 Euro vermeintlichen Agentenlohn, Spesen inklusive, investiert der Staat in die Wahrheitsfindung, vergebens. Selbst das Versprechen auf den weitaus besser bezahlten Job als Killer - wenn er denn nur endlich auspacke - hilft nicht.
Auch der weihnachtliche Whiskey vermag seine Zunge nicht zu lösen - denn aus Alkohol, behauptet Jürgen G., mache er sich nicht besonders viel. SVEN RÖBEL
DER SPIEGEL vom 10.4.2006:

Der SPIEGEL berichtete ...

... in Nr. 50/2003 "Affären - ,Hm, tja, äh ...'" über die Ermittlungen gegen einen angeblichen "Stasi-Killer" und die dubiose Rolle, die ein freier Journalist dabei spielte, der seine Fertigkeiten "Focus" zur Verfügung gestellt hatte.
Mehr als vier Jahre ermittelte die Bundesanwaltschaft wegen Mordverdachts gegen den Klempner Jürgen G., der sich damit gebrüstet hatte, einst einem geheimen Killerkommando der DDR angehört zu haben. Unterstützt von einem als Journalist tätigen Ex-Major der Stasi, hatten sich die Fahnder unter anderem als CIA-Agenten ausgegeben, die einen "Mann für nasse Sachen" - sprich einen Profimörder - suchten, um G. in die Falle zu locken. Die Ermittlungen wurden jetzt eingestellt, "trotz Vernehmung zahlreicher Zeugen und intensiver Nachforschungen", so die Bundesanwaltschaft, sei kein "für eine Anklageerhebung hinreichender Tatverdacht" gegeben.
Von Sven Röbel

DER SPIEGEL 50/2003
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