08.12.2003

BOULEVARDAufstieg und Fall eines Busens

Sie ist ein Mediengeschöpf wie Naddel, Verona oder Jenny, sie lebt von Schlagzeilen und liefert sie, aber Tatjana Gsell hat mehr zu bieten als Sex und Silikon: eine Leiche, einen hörigen Staatsanwalt und ein paar Monate Knast. Von Ralf Hoppe und Conny Neumann
Als sie im Gefängnis saß, heißt es, wollten alle ihre Brüste sehen. Jene kostbaren Halbkugeln, die man aus der "Bild"-Zeitung oder dem Fernsehen kannte, wo sie schimmerten wie poliert, dem Gesetz der Schwerkraft enthoben, von ihrem Mann aufgepolstert von 70 A auf 75 C, ein Meisterwerk. Aktueller Katalogpreis: 6032 Euro, inklusive Mehrwertsteuer, für beide.
Aber sie zeigte ihre Brüste nicht her. Draußen war Sommer, Tatjana Gsell saß in U-Haft. Sie hockte auf ihrer Pritsche in ihrer klammen Zelle III, im Erdgeschoss des Frauengefängnisses zu Nürnberg, Mannertstraße 36. Um 6 Uhr morgens wurde ein Blechkrug mit Malzkaffee hereingereicht, Abendessenausgabe um 15.15 Uhr, die Ration fürs Frühstück am nächsten Tag war inbegriffen. Acht Scheiben Weiß- und Schwarzbrot, ein Kanten Käse, ein Stück fette Wurst.
Da wollte sie "diesem Leben ein Ende setzen", wie sie der "Bunten", Fachblatt für düstere Stunden, nach der vorläufigen Haftentlassung anvertraute. Stattdessen, dies verschwieg sie dem Blatt, mixte sie für sich und ihre Mitinhaftierten eine Peelingcreme, aus Zucker und Olivenöl, beide Zutaten gab es im Gefängnisladen, man muss sich zu helfen wissen.
Jetzt ist sie frei, wenn auch nur gegen 100 000 Euro Kaution, die ihre Mutter und ihr Stiefvater, Betreiber einer Bamberger Fahrschule, zusammengekratzt haben. Sie musste ihren Reisepass abgeben und hat sich dreimal die Woche bei der Polizei zu melden, persönlich. Die Ermittlungen dauern an; sobald sie abgeschlossen sind, beginnt der Prozess.
Tatjana Gsell, 32, Vamp, Luder oder Opfer, hat eine warme Stimme, gepflegte Hände und kaum noch Freunde auf der Welt, eigentlich keinen. Sie lächelt scheu, ihre Wimpern sind so lang wie unecht. "Seien Sie bitte ehrlich", sagt sie leise, ihre Augen glänzen, "sind denn wenigstens Sie auf meiner Seite?"
Tatjana Gsell ist nicht allein; in die "Villa Geyerswörth", eines der edleren Hotels in Bamberg, hat sie "Amigo" mitgebracht, ihren Golden Retriever, der hechelnd an der Leine zerrt, und sie hat vier Männer an
ihrer Seite, drei davon in schweren, dunklen Mänteln. Es sind die renommierten Strafverteidiger Alexander Seifert aus Nürnberg und Steffen Ufer aus der Rolf-Bossi-Kanzlei in München; der dritte ist Rechtsanwalt Markus Hennig, ihr Medienberater aus Berlin.
Der vierte Mann bleibt unsichtbar, er umschwebt Tatjana Gsell, es ist ihr toter Gatte: der Nürnberger Schönheitschirurg Dr. Franz Gsell, der am Abend des 26. März 2003 auf der Station 4 des Theresienkrankenhauses starb, im Alter von 76 Jahren. Er starb an den Folgen eines Überfalls, eines Verbrechens, in das seine geliebte Tatjana Gsell verstrickt ist. "Anstiftung zur Körperverletzung mit Todesfolge", so könnte die Anklage lauten. Das Strafmaß: 3 bis 15 Jahre. Die viel größere Strafe: kein Erbschein.
Sie hat Angst.
"Aber mein Mann ist immer bei mir", sagt sie, "wir reden miteinander, und er beschützt mich."
Sie schaut starr, versonnen, eine kleine Person mit schmaler Taille, geschminkt, als wollte sie in einem Indianerfilm mitwirken, den Rücken durchgedrückt, so steht sie da und wartet, bis ihr endlich jemand aus dem Mantel hilft. "Prinzessin Tatti", schrieb die "Welt", von 500 Paar Schuhen berichtete "Bild". Sie ist in Weiß gekleidet, trägt ein kleines Goldkreuz und riecht betäubend nach Parfum, "Miracle" von Lancôme. Miracle heißt Wunder.
Hennig, ihr Medienwächter, wuchtet vier Aktenordner auf den Tisch, sie enthalten Zeitungsausschnitte, die Bilanz ihres Lebens. Einige tausend Artikel seien über seine Mandantin geschrieben worden, Hennig führt gleichzeitig über 50 Verfahren. Dabei geht es um Texte, die Tatjana Gsell als fränkische Imelda Marcos malen oder als Circe beschreiben, der die Männer grunzend verfallen. Vor allem bekämpft Hennig jene Fotos, die sie barbusig zeigen - und auf die sie einst stolz war. "Ach, diese blöden Dinger", sagt sie erbost, "können die nicht mal was anderes drucken?"
"Keine Angst", sagt Hennig, "die werden wir drankriegen."
Bei dem Prozess, der im kommenden Frühjahr beginnen dürfte, wird das psychologische Profil Tatjana Gsells entscheidend sein. Und was immer ihre Anwälte auffahren, wie immer sie sich verkauft, ihr Medienbild wird alles überstrahlen. Darum kämpft sie an zwei Fronten, beschäftigt sie neben ihren Strafverteidigern einen Medienanwalt. Sie braucht ein neues Image, Pech ist nur, dass das alte so verlockend ist.
"Bevor wir beginnen", Hennig räuspert sich, "folgende Ausdrücke dürfen nicht verwendet werden: die Wörter Busenwitwe und Schwarze Witwe, ferner die Behauptung, dass Herr Dr. Gsell homosexuell war, die Behauptung, dass Frau Gsell über 20 Schönheitsoperationen hatte."
Die Schönheitswitwe nimmt Platz. Flankiert von ihren Anwälten.
"Es waren nämlich nur drei Schönheitsoperationen", sagt Tatjana Gsell.
"Eigentlich nur zweieinhalb", sagt Hennig, Schärfe in der Stimme. "Die Lippen aufspritzen, das kann man nun wirklich nicht als volle Operation zählen." Sein Mittelfinger klopft aufs weiße Tischtuch.
Auch die Herren Seifert und Ufer, links und rechts von ihr, die Arme verschränkt, nicken ernst, als wollten sie sagen: zweieinhalb Schönheitsoperationen, dies ist unser letztes Angebot.
"Ach, ob zwei oder drei ist ja auch egal", sagt Tatjana Gsell versöhnlich, sie wirft ihr Haar von einer auf die andere Seite, "viel wichtiger ist doch, dass ich ein anderer Mensch geworden bin, oder?"
Die Geschichte Tatjana Gsells ist die einer Verwandlung, der ständige Kampf, eine andere Frau zu werden. "Nennen wir''s beim Namen", sagt Hennig, "Verona Feldbusch war das leuchtende Vorbild meiner Mandantin." Oder Jenny Elvers, Naddel, Ariane Sommer - die waren doch vorher auch nur Heideköniginnen, Beischläferinnen oder Partyhostessen. Sie baden nackt in Mousse au Chocolat oder hängen sich an einen Promi, so bekommen sie einen Namen in den Klatschblättern, dann eine Geschichte, und irgendwann liefern sie selbst die Geschichten und Schlagzeilen, so schuftet man sich hoch am Zeitungskiosk.
War das Ihr Lebenstraum, Frau Gsell?
Sie zögert, von Niederlagen redet sie ungern. Schneller Blick zu Hennig. Der nickt. Sie seufzt. "Ach, ich war naiv", sagt sie, "aber träumen nicht alle jungen Frauen von so einer Karriere?"
Drei Männer waren Tatjana Gsell zu Diensten bei ihrem Aufstieg zum Schlagzeilengirl. Der eine, der Autohändler Helmut Becker, verlor seine Existenz. Der andere, Stefan M., suspendierter Staatsanwalt aus Hof, ruinierte seine Karriere, er lebt bei seiner Mutter in Bamberg, wo er sich vor der Welt versteckt.
Ihr Ehemann schließlich ist tot, zusammengeschlagen in seiner Villa beim Versuch, für seine Frau ein kleines, unsauberes Geschäft zu tätigen. "Busen-Witwe frei", titelte die "B.Z." unlängst, die Unterzeile hieß: "Wer tappt als Nächstes in ihre Sex-Falle?"
"Sex-Falle, pah", sie beißt wütend in ihr Lachsbrötchen, "ist doch eine Gemeinheit, oder?"
"Keine Angst", sagt Hennig, "die werden wir drankriegen."
Der Aufstieg der Tatjana Gsell führt sie von Bamberg über Nürnberg nach Sylt und Marbella, ein Trip von der fränkischen Provinz in den Jet-Set und zurück.
Schon als junges Mädchen - noch weit entfernt von der U-Haft - ist sie eingesperrt, im falschen Leben, im falschen Körper. Die Nase klobig, der Busen schlapp und klein, und dann noch dieser Kellnerinnen-Name: Tanja Gick, geboren am 21. Mai 1971 in der Kleinstadt Ebern bei Bamberg, ein Madonna-Poster überm Bett, Songs von Eros Ramazotti im Kopf, ein Scheidungskind, das aufwächst bei seiner Großmutter und vor dem Fernseher.
Tanja Gicks Eltern trennen sich, als sie fünf Jahre alt ist. Zu ihrem leiblichen Vater hält sie Kontakt. Er arbeitet als Pharmavertreter, und er ist es auch, der seine Tochter, die nach der mittleren Reife eine Ausbildung zur Arzthelferin absolviert hat, im Herbst 1993 zu einem Ärzte- und Apothekerball mitnimmt. Der Ball findet in Nürnberg statt. An ihrem Tisch sitzt ein älterer Herr, dunkelblauer Smoking, altmodische Brille, schöne Hände.
Es ist Dr. Franz Gsell, er trägt ein Toupet und erzählt von Mountainbike-Touren in die Berge bei Garmisch - wahrscheinlich, um seine Virilität zu betonen. Er sei 59, sagt er, tatsächlich ist er 66 Jahre alt, betreibt immer noch seine Schönheitsklinik im Nürnberger Villenviertel Erlenstegen, im Volksmund "Silikon-Valley" genannt. Und er lässt sich gerade scheiden.
Gsell hat alles, wonach Tanja Gick sich sehnt. Sie bringt nur ihre Jugend mit - und das brennende Bedürfnis, sich von ihm so modellieren zu lassen, dass sie aussieht wie die Partymädchen in der Regenbogenpresse.
Gsell, der Frauenverwandler, passt zu ihr. Ein Mann, der weniger die Frau liebt, die er vor sich sieht, als die Frau, die er aus ihr machen kann. Trotz seines würdigen Habitus ist er ein zerrissener, komplizierter Charakter: mit Anlagen zur Schizophrenie, die bei ihm erblich bedingt ist, mit masochistischen Neigungen, die er sublimiert.
"Sein Geschmack waren exotische, knabenhafte Frauen, und er mochte es, wenn sie ihn quälten, schlugen", sagt Gsells erste Ehefrau, die gebürtige Iranerin Forouzandeh Gsell, die heute in Garmisch eine Beauty-Farm betreibt und den Aufstieg ihrer Nachfolgerin mit Argwohn beäugt hat. "Ich mag als Frau den Wildkatzentyp", hat Gsell einem Freund anvertraut, "und wenn sie mich beißen, gehört das dazu."
In fast allen Berichten nach dem Tod des Schönheitschirurgen ist Tatjana Gsell das Luder, das sich den verwirrten Knacker geschnappt hat. Dabei ist anfangs er der Stärkere. Er ist es, dem die Abendeinladungen gelten, er bestimmt, was sie anziehen, wie sie ihr Haar färben und frisieren soll. Weil sein Frauenbild aus den fünfziger Jahren stammt, sieht Tatjana Gsell bald aus, als hätte sie sich für eine Retro-Party kostümiert, als Kaiserin Soraya. Tatsächlich ähnelt sie immer mehr der ersten Ehefrau des Dr. Gsell, Forouzandeh; als wollte er, was er falsch gemacht hat, in einem zweiten Versuch korrigieren, formt er sich die junge Kopie.
"Das war eben sein Geschmack", sagt Tatjana Gsell.
Aber war es nicht beklemmend für eine Frau von Mitte zwanzig, so sehr das Geschöpf ihres Mannes zu werden?
"Beklemmend?" Sie ist ehrlich erstaunt. "Nein, wieso, er war ein hervorragender Chirurg, und ich wollte doch meine Nase feiner haben ..."
"Meine Mandantin", springt Hennig ein, "will zum Ausdruck bringen, dass sie ihre Rolle als ältere Frau akzeptierte ..."
Jetzt starrt sie Hennig an, zornig, Augen wie Scheinwerfer. "Als ältere Frau?"
"Nun, äh, damit will ich sagen ..." Hennig verstummt. Die Herren Seifert und Ufer verziehen keine Miene.
Die Operationen Franz Gsells an seiner neuen Frau verlaufen glatt. Nase, Brüste, Lippen, zwischendurch wird geheiratet. Nach außen spielen Tatjana, wie sie sich bald nennt, und er das glückliche Paar. Sie schneidet ihm das Fleisch klein, bringt ihm Tellerchen mit Apfelschnitzen an den Fernseher, er schnippelt an ihr herum.
Je mehr er sie nach seinem Bilde formt, desto luxuriöser möchte sie es haben.
Das weiße, große Siebziger-Jahre-Haus der Gsells, "Anwesen" steht auf dem Eingangsschild, wird mit Goldsesselchen von Versace voll gestellt. Im Keller wird ein Kosmetikstudio eingerichtet, ein Beauty-Reich für eine Prinzessin, mit beleuchtetem Pool und der Angebotspalette gehobener Geldverschwendung, Biolifting, Aromatherapie, Typberatung.
Tatjana Gsells erste Verwandlung zum Luxusweib ist geglückt. Sie hat jetzt einen neuen Körper und einen klangvollen Namen. Für ihre zweite Verwandlung wendet sich Tatjana Gsell den Medien zu, dem Boulevard.
Ihre neue Rolle: Society-Luder. Also hin zu den Talkshows, sie zerrt ihren Mann mit, egal, wie peinlich diese Auftritte verlaufen. Sie lässt ein Team von RTL-"Explosiv" ins Haus, spielt eifrig, wenn auch hölzern ihren Part als Luxusweibchen, das vormittags Juweliere, Privatsekretäre, Pelzhändler empfängt und am Nachmittag zum Dessous-Kauf nach Mailand jettet - das Ganze, sagt sie heute, ein einziges Fake, bei dem die Journalisten mitlügen, was die RTL-Redaktion freilich als "haltlose Unterstellung" zurückweist.
Unter dem Tisch jault jetzt ihr Hund. Ihre Stimme schraubt sich hoch: "Ach, Amigo, armer Kerl, hast Hunger, wie?" Sie schiebt ihm ein Lachsbrötchen zu, später noch eins und noch eins, am nächsten Tag wird das Tier krank sein.
Die Krönung zum Mega-Luder liefert "Bild" mit der Serie "Ich bin eine Luxus-Frau!" Autorin ist die damalige Klatschkolumnistin Katja Keßler, die spätere Bohlen-Ghostwriterin. In Auszügen:
"Sie hat 100 000 Mark Haushaltsgeld - jeden Monat."
"Draußen sind 32 Grad - aber der Zobel für 65 000 muss sein."
"Mein Körper ist mein Werk. Und ich bin noch lange nicht fertig."
Dagegen ist die schlichte Wirklichkeit kaum zu ertragen.
"Sie war süchtig nach Schlagzeilen", sagt Peter Althoff, ein Promi-Leibwächter, der als Statist in ihrem neuen Leben mitspielt. Tatjana Gsell braucht den nächsten Auftritt, die nächste Story wie ein Junkie den Schuss.
In Nürnberg lacht man gemütlich über ihre gestellten Auftritte, die, dem Gesetz der Steigerung folgend, nun immer schriller, immer nackter werden. Das Thema Luxus ist erschöpft, nun muss sie die "Society-Lady, die immer mehr Haut zeigt", spielen. Es liegt ihr nicht. Einmal, erzählt sie, fängt sie mitten in einem Nacktfoto-Shooting an zu heulen und muss von der RTL-Producerin zur Räson gebracht werden.
"Wir einigten uns dann", sagt sie, "ich musste zwar nackt sein, durfte aber meinen Busen mit den Händen bedecken." Das erniedrigende Filmchen wird gesendet, Tatjana Gsell wird als couragiertes Luder präsentiert, hält aber unentwegt ihre Brüste fest, als könnten sie gleich herunterfallen.
Und war es das alles wert, Frau Gsell?
Sie schweigt lange. "Manchmal war es auch spannend", sagt sie, "auf einer Gala saß ich neben Klaus Wowereit, das war toll."
Der Höhepunkt ihrer Society-Karriere.
Im August 2001 wird sie als Überraschungsgast zu einer Party nach Sylt geflogen, zusammen mit Naddel. Organisiert hat das ein Privatsender, Tatjana Gsell soll ein durchsichtiges Nixenkleid tragen und flippig auf dem Tisch tanzen. Gastgeber ist der Hamburger Fetenkönig Michael Ammer. Der Ort: das Nobellokal "Sturmhaube".
Tatjana Gsell hat gerade den Tisch erklommen, um auftragsgemäß auszuflippen, was sich als schwierig erweist, weil die Decke des VIP-Bereichs zu niedrig ist, als sie eine SMS bekommt. Die Botschaft stammt von Helmut Becker.
Tatjana Gsell hat den Düsseldorfer Autohändler, dessen Geschäft sich im freien Fall befindet, auf einer Jaguar-Präsentation kennen gelernt. Becker, 59, ist ebenfalls auf Sylt, wo er einmal im Jahr Oldtimer-Touren organisiert. Er will sie sehen, ihr seine Liebe gestehen, jetzt oder nie.
Sie bestellt eine Limousine und lässt sich zu Becker in dessen Hotel fahren. Die Drohungen der TV-Producerin, die sie auf dem Handy anruft und zeternd zurückbeordern will, wischt sie beiseite, indem sie ihr Telefon ausknipst.
Becker und sie gehen am Strand spazieren. Der Mond, der Wind, das Meer. Eigentlich schade, dass niemand das filmt. Sie werden ein Paar.
Eine Weile pendelt Tatjana Gsell zwischen zwei Männern, zwischen Nürnberg und Düsseldorf. Doch Becker, dessen Firma in guten Zeiten an die 150 Millionen Mark Umsatz machte, steht vor der Pleite. Natürlich hat auch die Boulevard-Presse Witterung genommen, man schont sie nicht, die Story heißt: die Society-Schlampe und der Ex-Millionär. "Gsellige Liebe zu dritt", so lauten die Schlagzeilen, und: "Wie hält ihr Mann das aus?"
Im März 2002 reisen Becker und Tatjana Gsell nach Marbella. Geplant sind zwei Wochen, Abstand gewinnen, Sonne tanken, neue Ideen. Aus zwei Wochen werden zehn Monate, neue Ideen bleiben aus.
Die Boulevard-Medien machen aus der Marbella-Flucht eine Jet-Set-Story. Tatsächlich wohnen die beiden im Luxushotel "Las Dunas", jedenfalls anfangs, tatsächlich lassen sie sich auch vor gemieteten Edelautos oder beim Tanzen fotografieren - während Beckers Angestellte auf der Straße stehen. Seine Firma ist versenkt. In Wahrheit ist Marbella fürchterlich. In dem Hotelzimmer hocken zwei fremde Menschen aufeinander, die täglich feindseliger werden. Tatjana Gsell telefoniert häufig mit ihrem Mann, der in Nürnberg sitzt, über seine Einsamkeit jammert und mit Scheidung droht - aber Franz Gsell fehlt die Kraft, sich von dieser Frau zu trennen, die sein Geschöpf ist. Becker spielt manchmal Golf, ansonsten pflegt er seine Depressionen und hängt an Tatjana Gsell wie ein Toter am Strick.
Aber warum sind Sie nicht einfach nach Hause geflogen, Frau Gsell?
"Ja, warum nicht ... ?" Sie grübelt. Sie hätte sich damals eine einfache Frage stellen und beantworten müssen: Was tue ich hier?
"Meine Mandantin ... ", will Hennig ansetzen, sie unterbricht: "Ich wollte meine Rolle weiterspielen, aber manchmal wollte ich abreisen, hatte meine Koffer gepackt, doch er hat sie immer wieder ausgepackt, und dann hat er mir Amigo geschenkt, als Ersatz für ein Kind, das wir nicht haben konnten ..."
"Eine emotionale Krise", sagt Hennig, er hüstelt.
Und haben Sie Helmut Becker geliebt, Frau Gsell?
Sie schaut starr. "Er war dann nur noch ein Störfaktor", sagt sie.
Vollständig schaurig, sagt sie, wurde die Situation in Marbella, als Beckers Sohn und seine Mutter anreisten; vier Personen und ein Welpe, die alle von der American-Express-Karte leben, die Franz Gsell in Nürnberg je nach Laune freigibt und sperrt, manchmal mehrmals am Tag, es ist seine Art von Liebe und Rache. Die Versuche Beckers und Tatjana Gsells, in Marbella reiche Leute kennen zu lernen, potenzielle Investoren für einen Autosalon mit angeschlossener Beauty-Farm, werden immer aussichtsloser. Sie müssen umziehen von der Süd- zur Nordseite, schließlich in ein schäbiges Apartment. Dezember 2002, in Marbella regnet es.
Drei Mahlzeiten am Tag, Hundefutter, die Miete. Geld. Sie brauchen Geld.
Tatjana Gsell besitzt noch einen Wagen, ein Geschenk, er steht daheim in der Garage in der Sibeliusstraße, ein Mercedes 500 SL, dunkelblau. Wert: etwa 50 000 Euro. Becker, der Automann, schaltet eine Annonce in der "Auto Motor Sport". Sehr schnell meldet sich ein Interessent, Velimir V., jugoslawischer Staatsangehöriger, 47, hager, elegant, ein Gauner aus Belgrad.
V. schlägt vor, den Wagen nach Belgrad zu bringen, inklusive Papieren, und dort zu verkaufen; so sehen es die Ermittler. Gleichzeitig soll Tatjana Gsell ihn als gestohlen melden. Der Verkaufserlös und die Versicherungssumme - damit macht man das doppelte Geld.
Vielleicht ist dies Tatjana Gsells nächste Verwandlung, und sie sieht sich schon in ihrer nächsten Rolle, als Gangsterbraut. Jedenfalls ist sie irgendwann von der Idee begeistert. Und sie schafft es, wie sie sagt, drei erwachsene Männer, zwei davon sind Akademiker, in den irren Plan einzubeziehen. Becker, als Autoexperte, habe den Berater spielen sollen. Franz Gsell soll die Übergabe abwickeln. Ihm zur Seite wacht Stefan M., ein Jugendfreund Tatjana Gsells, der als Staatsanwalt Erfahrung mit dem organisierten Verbrechen hat.
Stefan M., der Jurist, Staatsanwalt in Hof, hat bereits als Student die Jugendfreundin verehrt, erfolglos. Die Ermittler beschreiben ihren ehemaligen Kollegen als weich, gehemmt, als Muttersöhnchen, das sich gern wie James Dean gab. Tatjana Gsell nannte ihn damals spöttisch den "schönen Stevie". Jetzt bittet Tatjana Gsell ihn um Geld, um Hilfe, es ist die Rolle, die sie beherrscht: das schutzbedürftige Weibchen.
"Die Dummheit, mit der diese Leute ihren Niedergang betrieben haben, ist erstaunlich", sagt einer der Nürnberger Ermittler.
Am 5. Januar 2003, gegen 19.40 Uhr, draußen klirrende Kälte, betätigt Dr. Franz Gsell den Summer seiner Haustür. Die zwei Besucher sind angemeldet. Einer von ihnen heißt Ingo H., er stammt aus Thüringen und ist so etwas wie der Anführer der beiden. Die Männer sind Autoschieber. Das Gespräch findet in dem marmornen Treppenhaus statt, dabei erlischt immer wieder die Treppenbeleuchtung, der Hausherr knipst sie schnell wieder an; er hat Angst vor diesen Männern, besonders im Dunkeln.
Franz Gsell hat ein einsames Weihnachten, ein tristes Silvester hinter sich. Warum spielt er mit im Versicherungsbetrug? Will er beweisen, dass er Tatjana liebt? Oder hat sie ihn überredet, angefleht, verhext?
Wie war das, Frau Gsell?
Die Strafverteidiger Seifert und Ufer schalten sich ein, schlagartig. "Hierzu bitte keine Aussagen." Verbindliches Lächeln.
In jener Januarnacht, zu Gsells Schutz - oder vielleicht, um dafür zu sorgen, dass ihr Mann nicht in letzter Sekunde abspringt -, hat Tatjana Gsell auch noch "Stevie" in die Sibeliusstraße beordert.
Er steht vor der Villa, im Gebüsch. Im Haus sind Gsell und die beiden Gangster. Gsell soll ihnen Papiere und Schlüssel aushändigen, damit sie den Wagen unangefochten über die Grenze bringen, so ist es in zwei Dutzend Handy-Telefonaten besprochen worden, wie die Ermittler inzwischen wissen. Später soll der Gewinn geteilt werden, auf Ganovenehre, natürlich eine Lüge.
Franz Gsell weigert sich, den beiden Männern Schlüssel und Papiere zu geben - er fordert 30 000 Euro in bar. Die Gauner sind erst verdutzt, dann werden sie wütend, schließlich haben sie fünf Stunden Autofahrt hinter sich. Sie drohen, einer der beiden Männer schlägt zu, ins Gesicht, sie packen Gsell, dessen rechtes Auge zuschwillt, und schubsen ihn ein paar Mal gegen das Treppengeländer.
Wahrscheinlich spürt Gsell einen stechenden Schmerz, als seine Rippen, nach einem Treppensturz im Oktober knapp ver-
heilt, abermals brechen. Aber er gibt nicht nach. Das Ganze dauert vielleicht eine Viertelstunde, dann ziehen die Schläger ab, ohne Wagen.
Der "schöne Stevie", von diesem Ablauf gehen die Ermittler aus, hat den Auf- und Abmarsch der Gangster hinter seinem Busch beobachtet. Franz Gsell lässt ihn herein. Der Schönheitschirurg ist verletzt, aber auch aufgedreht, fast triumphierend: Hat er''s denen nicht gezeigt?
Nur - was jetzt?
Und so beschließen "Stevie" M. und Gsell, so sehen es die Ermittler, den misslungenen Versicherungsbetrug zu variieren. "Stevie" schlägt mit einem der gusseisernen Zier-Flamingos ein Fenster ein. Gsell, wie euphorisiert, räumt seinen Tresor leer und versteckt 5000 Euro im Sicherungskasten im Keller. Stevie hängt zwei Pudelmützen, die wahrscheinlich aus Rumänien stammen, in einen der Büsche vor der Villa - als hätten die Täter sie auf der Flucht weggeworfen. Er findet ein Küchenbeil und schleudert es in den Garten, als weitere Spur. Später wird dieses Beil, zur Axt hochgeschrieben, den Medien Anlass bieten, die Brutalität der rumänischen "Axt-Mörder" zu schildern.
Inzwischen hat Gsell die Polizei gerufen. Anschließend lässt er sich fesseln und - kleiner Logikfehler - knebeln, was den Streifenbeamten auffallen wird. "Stevie" verschwindet.
Franz Gsell stirbt am 26. März 2003 an einer Infektion als Folge seiner Verletzung. Am 24. April wird Tatjana Gsell verhaftet, Mitte Juli der "schöne Stevie".
Vor gut einer Woche wurde, nach monatelangem Warten, Velimir V. nach Nürnberg ausgeliefert. V.s Aussage wird entscheidend sein, die Rolle Tatjana Gsells zu bemessen - wieweit sie ihren Mann überredet hat, wieweit er aus freien Stücken mitmachte. Auch Forouzandeh Gsell wird eine Rolle spielen: Vor dem Tod des Schönheitschirurgen hat sie häufig mit ihm telefoniert. Sie war, sagt sie, schlau genug, etliche dieser Gespräche aufzunehmen. Beharrlich nennt sie ihre jüngere Kopie eine "Hexe".
"Ich warne Sie", hat gestern noch einer der Ermittler erzählt, "Tatjana Gsell lügt, sobald sie den Mund aufmacht, sie ist kalt, berechnend, eine Venusfalle."
Der versuchte Versicherungsbetrug, den Tatjana Gsell gestanden hat, bietet allein keine Handhabe, ihr den Erbschein zu verweigern. Und die "Anstiftung zur Körperverletzung mit Todesfolge"? Wird sie verurteilt, ist sie arm. Kommt sie frei, ist sie reich. Das Vermögen des Dr. Franz Gsell beläuft sich wahrscheinlich auf 2 181 515 Euro. Sie will ein Buch schreiben.
Der Boulevard hat eine neue Geschichte, eine neue Heldin, die unschuldige Witwe. Die "Bunte" erzählt das Rührstück einer Frau, die um ihre verlorene Ehre kämpft. O-Ton Gsell: "Die wirkliche Tatjana ist total nett und ganz normal."
Der Preis für das exklusive "Bunte"-Interview gleich nach Haftentlassung ist Geschäftsgeheimnis, aber rund 20 000 Euro lässt Hennig, ihr Medienmann, gelten "als realitätsnahe Schätzung". Die Honorare wandern in die Kriegskasse, "wir haben ja hohe Ausgaben und wenig Einnahmen", sagt Hennig.
Einnahmen, Ausgaben, Tatjana Gsell schüttelt betrübt den Kopf: Ist sie ein Sanierungsobjekt oder eine schöne Frau? Sie ist mittlerweile blond, übermorgen wird sie noch ein paar Strähnen nacharbeiten lassen.
* In Bamberg. * Am 15. Dezember 2001 im Hotel "Adlon" mit Gina Lollobrigida (3. v. l.), Brigitte Nielsen (3. v. r.).
Von Conny Neumann und Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 50/2003
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