08.12.2003

FUSSBALLRECHTESteiler Rückpass

Die Schweizer Agentur Infront um den Frontmann Günter Netzer macht mit den Bundesliga-Rechten nur Verluste - und droht deshalb mit Ausstieg aus dem Geschäft.
Es war ein großer Tag für einen großen deutschen Sportsmann: Vor fast einem Jahr, Ende Oktober 2002, betrat Günter Netzer ein neues, internationales Spielfeld. Zusammen mit Kollegen der KirchSport AG und finanzkräftigen Investoren erwarb der Geschäftsmann für 360 Millionen Euro aus dem Erbe des havarierten Medienmagnaten all die TV-Sportrechte, die deutschen Fernsehzuschauern heilig sind: etwa die der Bundesliga und der WM 2006.
Doch die spektakuläre Übernahme, die den ARD-Fußballkommentator Netzer auch zum Frontmann ("Executive Director") der neu formierten Rechteagentur Infront machte, brachte dem Ex-Fußballstar und seinen Partnern bislang nichts als Verdruss. Das vermeintlich goldene Geschäft rund um die Ballbilder entpuppte sich für die Haupteigner von Infront - Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus, den Hamburger Kaffee-Erben Christian Jacobs und den schillernden Saudi-Scheich Salih Kamil - schnell als hochriskantes Investment. Kaum war der Kauf abgeschlossen, gerieten die Preise für Sportrechte international massiv unter Druck.
Bestes Beispiel ist die Bundesliga: Sat.1 zahlte bis zur letzten Saison noch 80 Millionen Euro pro Spielzeit für die Erstverwertung in "ran", die ARD erhielt den Zuschlag für das gleiche Material im Sommer für 50 Millionen. Für die Infront-Tochter Buli GmbH bedeutet das einen stattlichen Verlust - denn sie hat der Deutschen Fußball Liga (DFL) garantiert, insgesamt 280 Millionen Euro für diese Saison zu überweisen. Mit dem stark gesunkenen Free-TV-Beitrag ist das nicht zu schaffen.
Dennoch ging die Branche bis zuletzt davon aus, dass Infront seine dieser Tage ablaufende Option zieht und den Vertrag mit der DFL noch im Dezember bis 2006 verlängert. Das aber ist jetzt mehr als fraglich.
Am vorigen Donnerstag traf sich Netzer mit den DFL-Bossen im Hotel "Hessischer Hof" in Frankfurt am Main zu einer Krisensitzung. Thema: die TV-Option. Nach dem Treffen berichteten Eingeweihte übereinstimmend von "absolut verhärteten Fronten" und "inakzeptablen Forderungen" der Infront-Seite. Offenbar wollen die Schweizer die jährliche Garantiesumme um 30 auf dann 250 Millionen drücken; ansonsten, so ließen sie klar durchblicken, würde man die Lust an der Liga verlieren.
Ein solch steiler Rückpass hätte dramatische Folgen - für die Bundesliga-Clubs, die beteiligten Sender, aber auch für das Image von Netzer & Co.
So hatte etwa Premiere-Chef Georg Kofler mit Infront erst Ende Oktober eine Vertragsverlängerung über zwei weitere Jahre bis Juni 2006 besiegelt - und damit über einen Zeitraum, in dem Infront nun möglicherweise gar nicht mehr über die Liga-Bilder verfügen wird. Dieser Fall sei in dem Vertrag zwischen Premiere und Infront nicht vorgesehen, bestätigt Kofler. "Sollte Infront die Option wirklich nicht ausüben, müssen und werden wir direkt mit der DFL sprechen."
Die ARD war vorsichtiger: In ihrem Vertrag ist ein möglicher Infront-Ausstieg klar geregelt. Die DFL wäre demnach verpflichtet, in den Vertrag einzusteigen. Die "Sportschau" hätte somit die Bilder bis 2006 theoretisch sicher - falls die EU so lange mitspielt.
Zuletzt hatte Wettbewerbskommissar Mario Monti die zentrale Vermarktung der Fußballbilder in Frage gestellt - und den Beteiligten de facto einen Aufschub gewährt: Erst wenn die Vertragsverhältnisse mit Infront 2006 spätestens enden würden, müsste es auch bei den Liga-Rechten eine Ausschreibung geben - ähnlich wie heute schon bei der Champions League. Das könne bei einem Vertragsrückzieher jetzt schon 2004 blühen, fürchten Eingeweihte.
Für den Bereich der neuen Medien hatte die Kommission sogar schnelleren Handlungsbedarf erkannt: Diese Rechte musste Infront teilweise schon an die DFL zurückgeben. Auch über die Höhe der Kompensation für die erzwungene Rückgabe wird nun gestritten.
Hauptleidtragende eines plötzlichen Infront-Rückziehers wären die ohnehin größtenteils klammen Profi-Clubs. Denn ob es der DFL gelingen kann, in Eigenvermarktung die 605 Millionen Euro einzunehmen, die Infront bis 2006 garantiert hätte, ist fraglich.
Und das ist noch nicht alles. Laut Vertrag ist die Liga bei einem Infront-Ausstieg verpflichtet, sowohl der Schweizer Rechteagentur als auch dem Abo-Sender Premiere jeweils 25 Millionen Euro zurückzuzahlen. Diese Beträge waren dem Liga-Verband im Frühjahr 2002 von beiden Unternehmen als eine Art Darlehen gewährt worden, nachdem die zahlungsunfähige KirchMedia ihre letzte Rate für die Fernsehrechte nicht mehr aufbringen konnte.
In seiner Einladung zur nächsten DFL-Vollversammlung am 15. Dezember hat Liga-Boss Werner Hackmann die "Fernsehsituation" noch unter "ferner liefen" aufgeführt. Dabei dürfte es nun kaum bleiben. MARCEL ROSENBACH, MICHAEL WULZINGER
Von Marcel Rosenbach und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 50/2003
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FUSSBALLRECHTE:
Steiler Rückpass

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