15.12.2003

POPAller Tage Abendlieder

Die Sängerin Rickie Lee Jones ist berühmt als besonders herbe Popdiva - und wird diesem Ruf mit ihrer neuen CD eindrucksvoll gerecht.
Sie ist eine Frau, die es liebt, starke Meinungen auszusprechen: "Ugly Man" nennt Rickie Lee Jones denjenigen ihrer aktuellen Songs, der kaum verhüllt vom derzeitigen US-Präsidenten erzählt. Den "im Innern hässlichen" Mann, der nichts gelernt habe, als so zu sein wie sein Vater, so droht sie darin, werde eine Revolution hinwegfegen.
Auch gegenüber Journalisten mag Rickie Lee Jones, 49, ihre Empfindungen nicht hinter höflichen Floskeln verstecken: "Ich bin so angeödet von all diesen Interviews", raunzt sie zur Begrüßung, bevor sich der Fragensteller überhaupt vorstellen kann. Dann verkündet sie ihren Beschluss: Es sei doch ein Glück, dass das Hotelzimmer hier in Hamburg mit einem Pay-TV-Gerät ausgerüstet sei, da könne man gemeinsam Steven Spielbergs Film "Catch Me If You Can" angucken - "und wenn Sie unbedingt reden wollen, schalte ich den Ton leise".
Die Sängerin Jones ist berühmt und berüchtigt für die Schärfe und den Zorn, zugleich aber auch für die Verletzlichkeit, die sie in ihrem Gesang zum Ausdruck bringt. Hin und her wechselnd zwischen der klaren Stimme eines jungen Mädchens und den kehligen Ausbrüchen einer eher bejahrten Furie; mal eine Königin der sanften Ballade, dann wieder eine lärmende Hexenmeisterin - so steht sie seit zweieinhalb Jahrzehnten auf den Konzertbühnen und verzaubert ein nicht riesiges, aber ergebenes Publikum.
Ihren einzigen wirklichen Hit hatte sie gleich zu Beginn ihrer Karriere mit dem Song "Chuck E's in Love". Die späten siebziger Jahre, als sie mit ihrem Mix aus Folkpop und Jazzmusik schlagartig bekannt wurde, kommentiert sie mit Grummelstimme: "Ich habe mich nie daran gewöhnen können, dass die Leute mich anglotzten, sobald ich den Raum betrat." Sie starrt auf den Fernsehschirm. Dort stolziert gerade Leonardo DiCaprio durch ein blitzsauberes Sechziger-Jahre-Amerika.
Allzu lange musste sie die Torturen des Topstar-Daseins nicht erleiden. Schon weil ihr, wie sie sagt, "das Songschreiben unendlich schwer fiel", brachte Rickie Lee Jones eher unregelmäßig neue Alben heraus. Dazu kam, "dass ich Wiederholungen immer vermieden habe", weshalb sie diverse überraschende Stilwechsel vollzog. Also nicht gerade die Berufsauffassung, durch die man es nach den Gesetzen der Musikwelt zum Millionen-Seller bringt.
Sie zog nach Frankreich, blieb dort ein paar Jahre und kehrte in die USA zurück, als sie Mutter einer heute 15-jährigen Tochter wurde. "Ich mochte es nicht mehr in Frankreich", erinnert sie sich. "Ich lebte mit meinem Mann auf dem Land. Kaum jemand redete mit mir. Ich langweilte mich." Und dann blickt sie kurz vom Fernseher weg und den Fragesteller an: "Wissen Sie, ich langweile mich leicht. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, mich für eine Sache zu begeistern. Das funktioniert meistens nur für einen Augenblick."
Das Faszinierende ist, dass diese immer wieder jäh explodierende Ungeduld und eine aus Langeweile und Ermattung gespeiste Lässigkeit den Songs der Rickie Lee Jones ihre Kraft und ihren Glanz verleihen.
Auf der neuen CD "The Evening of My Best Day", derentwegen sie gerade in ein paar deutschen Städten auftrat, hat sie einige großartige Abend- und Nachtlieder versammelt, in denen sie gegen die Umtriebe der Bush-Kamarilla wütet und von Blumengrüßen an Tote oder einem traurigen Gesicht in der Menge singt - mit einer Eigenwilligkeit, die sich auf Regeln stützt wie diese: "Die einzige Währung, in der ich bezahlt werden möchte, ist Respekt."
Da geht's mir ähnlich, schießt es dem Interviewer durch den Kopf - und er erkundigt sich vorsichtig: Was dagegen, den Fernseher wenigstens zum Tschüs-Sagen abzustellen? Sie schaltet ab und fragt: "War das nicht toll? Wir haben etwas Neues ausprobiert." Rickie Lee Jones lächelt. Für ein paar Sekunden sieht sie richtig begeistert aus. WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 51/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

POP:
Aller Tage Abendlieder

  • Extreme Trockenheit: Die Mini-Sahara von Brandenburg
  • Originelle Geschwindigkeitskontrolle: Der singende Asphalt
  • Elektrische Pick-Ups und SUVs: US-Start-Up will den Markt revolutionieren
  • Faszinierende Aufnahmen: Ameisen laben sich an einem Wassertropfen