20.12.2003

KENIASchulfach Amerika

In einem Lager im Nordwesten werden 13 000 Somalier auf ein Leben in den USA vorbereitet. Vielen Einwanderern droht ein Kulturschock.
Der Zauber der Neuen Welt verbirgt sich hinter zweireihigem Nato-Draht, hoch aufragenden stählernen Wachtürmen und einem Furcht einflößenden Personal, das sich schwerstbewaffnet am Eingangstor herumdrückt. Dann und wann, wenn wieder ein Sandsturm aufzieht, verbergen die Wächter ihre sonnenverbrannten Gesichter hinter Tüchern.
Nur unwillig öffnen sie die Pforte zu ihrem Reich, wenn morgens ein schwankender, voll beladener Bus mit quietschenden Reifen vor dem Stacheldrahtverhau Halt macht: Jeden Tag um neun Uhr morgens erhält eine Gruppe bunt gewandeter, lachender und feixender Menschen Einlass unter den stets misstrauischen Blicken ihrer Bewacher.
Dann ist wieder Schulstunde in Kakuma - im lebensfeindlichen kenianischen Buschland an der Grenze zum Sudan. Nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit findet in dieser Ödnis voller Skorpione, Giftschlangen und Walzenspinnen ein spektakuläres Experiment statt. Tausende Somalier werden auf ein Leben in den Vereinigten Staaten von Amerika vorbereitet, auf Terrorismusverdacht überprüft und auf Krankheiten getestet.
Sie lernen zu lesen und zu schreiben, was Ketchup ist und wie man sich die Zähne putzt. Die Analphabeten, deren Vorfahren einst als Sklaven aus Tansania und Mosambik nach Somalia verschleppt wurden, sollen zu Bürgern der Supermacht USA erzogen werden. Bald werden sie wissen, was Kartoffelchips sind, wie man an einer Ampel über die Straße geht, und vielleicht haben dann einige von ihnen schon einen Job bei McDonald's oder als Kartenabreißer im Baseballstadion.
Jason Phillips, kenianischer Chef der US-Organisation International Rescue Committee (IRC), schwärmt von einem "gigantischen Umsiedlungsprogramm": "Knapp 13 000 Angehörige der somalischen Bantu-Minderheit werden Amerikaner."
Anfang der neunziger Jahre hatten sie Somalia in den Wirren des Bürgerkriegs verlassen und waren ins benachbarte Kenia geflüchtet. Seit Washington Ende der neunziger Jahre beschlossen hat, sie einzubürgern, träumen sie von einem Leben in den USA. Die Umsetzung des Programms, mit der in Kakuma 2002 begonnen wurde, verläuft allerdings zäh. Nur kleine Gruppen dürfen nach und nach immigrieren.
"We'll come with open hands", haben die Amis in spe auf die Hütten gepinselt. Sie ahnen nicht, dass die Stimmung in den 50 Städten, auf die sie bald verteilt werden sollen, keineswegs nur positiv gegenüber Fremden ist. Aus Angst, unter ihnen könnten sich auch Terroristen verstecken, hat es an einigen Orten schon Demonstrationen gegen Somalier gegeben. In Kakuma dagegen herrscht Aufbruchstimmung.
Und auch Boten aus der Neuen Welt sind bereits gelandet: Beamte der Einwanderungsbehörde und zwei Aerobic-Lehrerinnen von der Lutheran World Federation, die jede Menge Dosen amerikanischen Speiseöls mitgebracht haben. Inzwischen dient deren Blech dazu, die Dächer der Lehmhütten abzudichten.
"Die wenigsten somalischen Bantu haben je in ihrem Leben ein Auto gesehen", sagt Lehrerin Phosia Suleiman, die im Klassenraum 4 in Kakuma Amerika-Alltag paukt. In der Hand hält sie eine Dose mit Erdnussbutter, hinten hängt das Stars-and-Stripes-Banner über einer USA-Karte, daneben verbietet ein Schild das Rauchen. Auf Fernsehmonitoren flimmern Filmchen, in denen New Yorker Taxis und texanische Cheerleader zu sehen sind. "So ist das Leben, das euch erwartet", lehrt Suleiman und erntet nicht selten ein herzhaftes Lachen über die Bewohner des fremden Kontinents.
Am meisten freuen sich die Frauen auf die Umsiedlung. Fatima Noor Mohammed begrüßt es, dass ihrem Mann in Zukunft die Vielweiberei verboten ist. Und auch die Genitalverstümmelungen von jungen Mädchen sind künftig tabu.
Überdies werden sie ihre Kinder in eine Schule schicken können. In Somalia war das den Bantu verboten. "Viele werden einen Kulturschock erleben", glaubt Jason Phillips vom IRC. "Nicht alle werden mit dem neuen Leben psychisch klarkommen." Sicherheitshalber sind wichtige Verhaltensregeln deshalb auf riesigen Stellwänden festgehalten: "Stop early marriage", "Stop domestic violence", "Stop rape".
Doch viel Zeit bleibt den Übersiedlern aus Afrika nicht, sich an das Leben zwischen Mickymaus und Maisfeld zu gewöhnen. Einige Monate lang werden sie vor Ort von freiwilligen Helfern betreut werden. Dann müssen sie selbst zurechtkommen und nach wenigen Jahren das Flugticket zurückgezahlt haben, das ihnen zur Verfügung gestellt wird.
"There is a fire!", brüllt die siebenfache Mutter Idey Hassan Abdil. Sie lernt gerade zu telefonieren. Als Hörer dient ihr zusammengerolltes Schulheft. "Where?", fragt der Lehrer. "At 22 Main Street." Dann muss der Nächste an der Schiefertafel die amerikanische Notrufnummer 911 aufschreiben. Jeder Erfolg wird von den erwachsenen Mitschülern beklatscht.
Bis jetzt läuft alles gut. Er hoffe nur, sagt Lehrer Jibril Jabhad Hussein, dass seine Schützlinge nicht glaubten, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten könne man mit Schulheften telefonieren.
THILO THIELKE
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 52/2003
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