29.12.2003

ALASKARusslands Kolonie in Amerika

Für eine lächerlich geringe Summe verkaufte einst das Zarenreich seine Besitzung Alaska an die USA. Die orthodoxe Kirche konservierte Spuren der Kolonie bis in die Gegenwart. Nun nimmt das Moskauer Patriarchat Anlauf zu einer neuen Amerika-Mission. Von Jörg R. Mettke
Nikolai hatte einen Traum: Vor zwei Jahren sah er aus der kleinen Holzkapelle mitten im Tannenwald ein Kloster wachsen samt mächtiger Kirche, der Altar direkt über dem Grabe des heiligen Herman auf dem Inselchen Spruce nahe Kodiak im Süden Alaskas. Der russisch-orthodoxe Visionär und US-Bürger Nikolai Soraich, 54, träumte von Amts wegen, unter einem Bischofshut, dem von Baltimore.
Im August 2003, nun schon Regionalhirte von Sitka, Anchorage und ganz Alaska, pilgerte Bischof Nikolai erneut zur Einsiedelei Hermans, des Apostels von Alaska. Seine Eingebung, beschwor er 350 mit Booten herangeschaffte Rechtgläubige, sei eine "ganz reale Sache, machbar noch zu unseren Lebzeiten". Die Moskauer Mutterkirche habe bereits Bereitschaft signalisiert, Beistand leisten und Mönche schicken zu wollen.
Unter schwarzen Mönchskutten soll derart "klösterliche Spiritualität Russlands" nach Amerika gelangen. Sie wird dort nach Meinung des Bischofs "dringender denn je gebraucht", nämlich als Elixier gegen die profane US-Warenwelt. Mit der modernen Mission gegen die Moderne vollzieht sich ein einzigartiger historischer Zirkelschluss: über mehr als 200 Jahren gut abgelagerter, weitgehend verdrängter russischer Vergangenheit des amerikanischen Nordwestens, besonders des 49. US-Bundesstaates Alaska.
Am 24. September 1794 war nach achtmonatiger Reise an Bord des russischen Seglers "Drei Heilige" das erste Vorauskommando der St. Petersburger Kirchenführung im St.-Pauls-Hafen von Kodiak eingetroffen: zehn Mönche mit Weihrauchkesseln, Ikonen und einem Stapel Evangelien- und Liturgiebüchern im Gepäck.
Wie im Russischen Reich bis heute üblich, hatten die sorgsam ausgewählten Auslandskader zuvor ausführliche, 19 Punkte umfassende Instruktionen erhalten, die sie zur "Geheimhaltung in staatlichen Angelegenheiten" verpflichteten. Der Auftrag der Zarin Katharina II.: "Fremdgläubige zum Christentum zu bekehren".
Von allen Unternehmungen russischer Obrigkeit, Glauben und Lebensweise des Dritten Rom bei nahen und fernen Nachbarn zu verbreiten, war diese Katharinische mit Abstand am erfolgreichsten. Mehr als ein Drittel der 85 000 Ureinwohner Alaskas - Eskimos, Indianer und Aleuten - tragen bis heute willig ihr russisch-orthodoxes Kreuz. Sie feiern Weihnachten nach dem alten russischen Kalender am 7. Januar, beten für die Gesundheit von George W. Bush und gleich danach "für alle russischen Menschen daheim und in der Fremde". An hohen religiösen Feiertagen ziehen sie hinter Popen und Ikonen um die fast hundert Zwiebelturm-Kirchen des Landes her.
Etwa drei Jahrzehnte lang unterhielt die Russisch-Amerikanische Kompagnie (RAK) sogar in Nordkalifornien die befestigte Siedlung Fort Ross. Das reichte, um der Sprache der Kashaya-Pomo-Indianer alltägliche Begriffe wie "putilka" (von butilka, Flasche), "mischuk" (von meschok, Sack) oder "kuschka" (von koschka, Katze) einzupflanzen.
Viele Alteingesessene führen die slawischen Familiennamen der russischen Kolonisten des 18. und 19. Jahrhunderts, die sich in Bett- und Lebensgemeinschaften mit eingeborenen Mädchen redlich mühten, ihren Petersburger Herrschern neue Untertanen zu zeugen, amerikanische.
Obwohl in den 83 Jahren russischer Herrschaft im Norden Amerikas, zwischen 1784 und 1867, niemals mehr als 900 Russen gleichzeitig in die überseeische Riesenkolonie abkommandiert waren, erweisen sich ihre fruchtbaren Verbindungen mit Landeskindern bis in die Gegenwart als haltbarer kultureller Kitt. Einer, den russische Eroberer anderswo so dauerhaft nicht zu Stande brachten.
Er denke "oft an den Kampf der Tschetschenen im Kaukasus", sinniert ein aus Kotzebue auf der Baldwin-Halbinsel gebürtiger Inuit: "Wir hätten sie sein können." Und tröstet sich dann: "Offenbar waren die Russen, die zu unseren Vorfahren kamen, bessere Menschen."
Die heutigen - jedenfalls Grenzsoldaten, Zöllner und Polizisten - seien "allesamt Rassisten", sagt der Mann mit dem Ziegenbärtchen. Das berichteten ihm seine Verwandten aus der gegenüberliegenden, kaum 350 Kilometer entfernten russischen Region Tschukotka. Sie besuchen ihn gelegentlich dank Gorbatschow und Reagan, die 1988 die martialische Grenze im gemeinsamen pazifischen Hinterhof ein wenig durchlässiger machten. Denn der langjährige FBI-Chef Edgar Hoover, welcher alle Eskimos für Sowjet-Spione hielt, hatte dort 1950 einen besonders ehernen Vorhang niedergehen lassen.
Doch die russischen Eroberer Amerikas auf ihren Kanonenbooten unterm Doppeladler waren keine manierlicheren Imperialisten als jene, die hundert Jahre später den Kaukasus berannten.
Des Zaren Freibeuter versklavten Hunderte von Eingeborenen oder brachten sie schlicht um - nach dem Vorbild ihres Kumpanen Iwan Solowjow, welcher zuweilen eine Reihe Aleuten hintereinander Aufstellung nehmen ließ, nur um zu prüfen, wie viele von ihnen seine Muskete mit einem Schuss durchlöchern konnte.
"Sie missbrauchen Ehefrauen und deren junge Töchter, sie bringen alle um, die nicht für sie auf Seeotter-Jagd gehen wollen", berichtete Mönch Makarij, ein ehemaliger Leibeigener, Ende des 18. Jahrhunderts über "höchst barbarische Methoden" seiner Landsleute nach St. Petersburg.
Benjamin Peterson, sein geistlicher Bruder von heute und einer der Leiter des orthodoxen St.-Herman-Seminars, betont dagegen die Bürgerrechtstradition seiner Kirche, die ihren gerade getauften Schützlingen eine Art russischer Staatsbürgerschaft - und damit Rechtsschutz - zuschusterten. Diese Fürsorge sei ein wesentlicher Grund für die Anhänglichkeit der Einheimischen an den russischen Glauben: "Unsere Kirche hat in zwei Jahrhunderten viel getan, die kleinen Völker des Nordens vor dem Untergang durch totale Ausmerzung oder durch totale Assimilation zu bewahren."
"Russland lebt in unseren Seelen", erzählt eine alte Eskimo-Lady in der Wiederauferstehungskathedrale von Kodiak. Und zeigt auf die Tafel mit den Namen all derer, die nach dem großen Brand von 1943 für den Wiederaufbau gespendet haben: die Shuravloffs und Chichenoffs, Squartsovs und Grigorievs: "Alles unsere Leute, die Nachkommen der zusammen mit Alaska verkauften Untertanen des Zaren."
1867 wurde die Zarenfahne über Russisch-Amerika eingezogen, wofür die USA ein lächerliches Trinkgeld zahlten und eine Schatzkammer mit Rohstoffen erwarben. Nachdem massenhafte Ahnensuche bei postkommunistischen Russen fast so modisch geworden ist wie Rückwendung zur Religiosität, entdecken nun manche Hobbyforscher gleich ganze Hundertschaften von Namensvettern im orthodoxen Alaska.
"Mein Vater und meine Mutter haben noch perfekt Russisch gesprochen", erinnert sich Andrew Kashevaroff, 46, spätberufener Priester-Eleve am theologischen Seminar in Kodiak. "Viele von uns hier sind aus solchen Familien", sagt er und schlägt einen segnenden Bogen über die buntscheckige Pilgerschar der diesjährigen St.-Herman-Wallfahrt: "Ohne ihn, den heiligen Herman", der Ende des 18. Jahrhunderts mit dem ersten Missionsaufgebot herüberkam, "gäbe es nicht die Spiritualität unserer Völker und vielleicht sogar die Völker selbst nicht mehr."
"Natürlich sind wir jetzt hundertprozentige Amerikaner", sagt Nachfahre Andrew, die Cola-Dose wie eine Monstranz balancierend, "aber irgendwie ist Russland noch immer unsere Heimat." Und nach langem Nachdenken fügt er hinzu: "Wenigstens die geistige."
Am Hafen von Sitka, unter dem Namen Nowo-Archangelsk einst Hauptstadt von Russisch-Amerika, steht ein indianischer Totempfahl mit tief eingekerbtem russischem Doppeladler. Er symbolisiert ein machtstrategisch gescheitertes Kolonisationsmodell, das einzige russische auf einem fremden Kontinent.
Kaufleuten und Pelztierjägern freilich bescherte das eroberte Land oft märchenhaften Gewinn. Das "weiche Gold", welches sie heimbrachten, vornehmlich Seeotter- und Robbenfelle, erzielte im Chinahandel und an der Londoner Börse jährlich zwischen 600 000 und einer Million Rubel.
Im sibirischen Irkutsk, dem Zentrum des russischen Amerika-Fiebers, vermochte der Handelsmann Grigorij Schelichow in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts seine Nord-Ost-Kompagnie zur führenden Ausbeuterfirma zu entwickeln. Mit Fi-lialen von den Kurilen bis zur Alaska- Insel Kodiak, der Unterstützung des sibirischen Gouverneurs Iwan Jakobi und dem schmeichelhaften Beinamen "russischer Kolumbus" fühlte sich Schelichow 1788 stark genug, seine Monarchin um die Gunst eines Kartells anzugehen: Bereits 50 000 neue Steuerzahler lebten angeblich in den Kolonien seiner Kompagnie, Kirchen und Schulen habe er auf eigene Kosten bauen lassen - alles "aus Liebe zu unserem Land, im Interesse öffentlicher Wohlfahrt".
Dafür sollte ihm der Staat nun absolute Kontrolle über die Ausbeutung der amerikanischen Wildnis geben. Doch die Katharina auf dem Zarenthron zeigte sich wachsamer und aufgeklärter als Jelzin und Putin zusammengenommen bei ähnlichen Ansinnen zeitgenössischer Oligarchen:
"Der will ein Monopol für den gesamten Pazifischen Ozean", notierte ihr Sekretär als erste ablehnende Reaktion der Zarin auf Schelichows Bittschrift. Später schrieb sie selbst, die Petition habe sie an das Kreditgesuch eines Mannes erinnert, der dafür in 30 Jahren einem Elefanten das Sprechen beibringen will und die lange Laufzeit so begründet: "Entweder stirbt in dieser Zeit der Elefant oder ich oder derjenige, der das Geld hergeliehen hat."
Als nach Katharinas Tod ihr beschränkter Sohn Paul an die Macht kam, erhielt das Unternehmen 1799 doch noch das begehrte Amerika-Monopol in seiner Doppelfunktion: einerseits Kapitalgesellschaft nach Art der britischen East India Company mit fortan vielen verschwendungssüchtigen Romanows samt Hofschranzen als Aktionären, andererseits zivile Kolonialbehörde mit nun auch offizieller Verfügungsgewalt über Leben und Tod der amerikanischen Untertanen.
Das imperialistische Konstrukt hielt gerade noch 68 Jahre. Seeotter sind bald fast vollständig ausgerottet, neue Jagdgründe immer schwerer zu finden. Ebenso Freiwillige für die ferne Kolonie: Personal muss immer häufiger zu siebenjährigem Dienst in Alaska gepresst werden.
Russland hatte seine Expansion an Amerikas Nordwestküste längst überdehnt. Das Bilderbuch-Beispiel für den letzten Versuch, die über Alaska verstreuten russischen Siedlungen aus dem Lande zu versorgen, liefert Fort Ross, 120 Kilometer nördlich von San Francisco. Ein halbes Jahr vor dem Einmarsch Napoleons in Moskau 1812 war dort RAK-Vizechef Iwan Kuskow mit 25 Russen und 80 Aleuten gelandet, um Lebensmittel für ganz Russisch-Amerika zu erzeugen.
Palisaden und Blockhäuser, Kanonen und Fahnenmasten waren rasch installiert. In den Hausgärten gediehen Gurken, Zwiebeln, Erbsen und Bohnen, sogar Wein und Melonen für die Selbstversorgung. Doch mit Ackerbau in größerem Stil konnte selbst in guten Erntejahren bestenfalls die Kolonie-Hauptstadt Nowo-Archangelsk mitversorgt werden. Die russischen Herren hatten für Landwirtschaft weder Neigung noch Geschick. Und als sie die Plackerei mit Gewalt den Indianern aufhalsen wollten, war es mit dem Frieden vorbei: 1841, nach nur 29 Jahren, musste der östlichste Vorposten des Russischen Reichs aufgegeben werden.
Der russische Staat betrachtete Russisch-Amerika als politisches Verlustgeschäft. "Enge Verbindungen" zur entstehenden Großmacht USA wurden wichtiger.
In den letzten Dezember-Tagen des Jahres 1866 stellte das Küchenkabinett des Zaren Alexander II. eine erste Kalkulation für den Verkauf der fernen Kolonie auf. Sie belief sich auf 5 Millionen Dollar oder 6,5 Millionen Rubel. Bei fester Anlage zu 4,62 Prozent hätte das jährlich 300 300 Rubel abgeworfen. Zweifel wurden laut, "dass die russischen Kolonien uns jemals bessere Einnahmen bescheren werden".
Am Ende wurden es sogar 7,2 Millionen Dollar, welche das US-Schatzministerium für die gewaltige Landmasse bezahlte: 4 Dollar und 74 Cent für jeden der 1 518 800 Quadratkilometer Alaskas, ein Schnäpp-
chen. Doch die US-Presse spottete über den Außenminister William Seward, der sich für gute Dollar eine "Eiskiste" habe andrehen lassen.
Die Welt nahm die Verabschiedung Russlands aus Amerika kaum zur Kenntnis. Nur wenige, wie der Privatgelehrte Karl Marx in London, bemerkten, dass der Zar dem ebenfalls an Alaska interessierten britischen Kriegsgegner gerade eine Nase gedreht hatte. "Die Russen sind tätiger denn je", schrieb Marx, obwohl von "Karbunkeln am Hintern und in der Nähe des Penis" geplagt, dem Freund Friedrich Engels nach Manchester: "Den Herrn Engländern wird in den United States aufgespielt."
Während Amerikaner den Deal langsam als strategisch weise Tat ihrer Regierung zu würdigen begannen, neigten russische Patrioten aus demselben Grunde dazu, die Preisgabe des russischen Amerika als politische Torheit ersten Ranges zu beklagen.
Um die Peinlichkeit zu mildern, selbst den Fuß aus der Tür des Weltgegners Nummer eins gezogen zu haben, verbreitete Stalins Geheimpolizei, Alaska sei gar nicht verkauft, sondern den Amerikanern nur auf 100 Jahre verpachtet worden. Spätere Sowjetführungen verboten sogar historische Forschung zu diesem Thema.
Dabei ging es Alaska nach dem Machtwechsel durchaus nicht nur glänzend. Trotz riesiger Ölfunde an der Prudhoe Bay, deren Ausbeute heute allerdings zurückgeht, sei der nördlichste US-Bundesstaat eine "amerikanische Kolonie" geblieben, urteilt Stephen Haycox, Historiker an der Alaska-Universität von Anchorage, und "heute um keinen Deut ökonomisch unabhängiger als in der russischen Periode".
Gemeinsames Hinterhofschicksal der Nordpazifik-Regionen Russlands und Amerikas ließ nach dem Zusammenbruch des Kommunismus beiderseits der Beringstraße große Hoffnungen keimen:
In Alaska träumte Gouverneur Walter Hickel, Republikaner, Millionär und zuvor Nixons Innenminister, von "arktischer Zusammenarbeit" mit den Russen, von gemeinsamer "Kontrolle der Naturschätze durch demokratische Regionalregierungen". In Krasnojarsk mühte sich der Gouverneur Alexander Lebed um größere Unabhängigkeit von Moskau und Investitionen für ein gigantisches Nord-Luftkreuz, das dereinst mit dem Flughafen von Anchorage in Konkurrenz treten sollte.
Doch solche Illusionen sind auf beiden Seiten verflogen. In der letzten Staatsbilanz des gegenwärtigen Alaska-Gouverneurs Frank Murkowski, ebenfalls Republikaner, kommt Zusammenarbeit mit den russischen Nachbarn nicht einmal mehr als höfliche Girlande vor. Sein Sprecher erklärt das: Alaskas Unternehmer seien "von russischen Partnern zu oft betrogen worden und deshalb bitter enttäuscht".
Bleiben die Öl-Projekte bei Sachalin, an denen Alaska-Unternehmen partizipieren. Bleibt der bunte Vogel Roman Abramowitsch, Öl-Oligarch, FC-Chelsea-Besitzer und Gouverneur von Tschukotka. Mit dem speist Alaskas Regierender Murkowski schon mal, wenn der junge Neureiche gerade mit seiner Luxusyacht "Le Grand Bleu" durch die Fjorde zwischen Juneau und Sitka schippert. Der Sprengel des milliardenschweren Abramowitsch kommt in den Genuss millionenwerter US-Hilfsprogramme - von der Managerschulung über Hilfen für Rentierzüchter bis zur Abstinenzberatung von Tschuktschen und Eskimos. "Jeder in Alaska weiß, dass Abramowitschs Kapital nicht ganz sauber ist", urteilt Rada Khadjinova-Jones, Russland-Spezialistin der Wirtschaftsbehörde in Anchorage, "aber er ist Tschukotkas einzige Hoffnung."
Doch die einzige Hoffnung hat bereits angekündigt, nicht noch einmal für den risikoreichen Gouverneursposten von Tschukotka kandidieren zu wollen.
Niemand wäre darüber so froh wie Diomid, orthodoxer Bischof von Anadyr und Tschukotka. Dem ist sein weltlicher Herr jüdischen Glaubens seit langem ein Ärgernis, "weil er nicht mit dem Herzen in Russland" sei: "Das Ausland", sagt Diomid bitter, "ist dem lieber."
Dass dieses Modell-Ausland seines Gouverneurs Alaska heißt, weiß Diomid wohl. Aber kaum, dass es der russischen Provinz ähnlicher ist als das westeuropäisch lackierte Moskau. Und wie viele in Alaska mit dem Herzen bei Russland sind, zudem Schäfchen seiner eigenen Kirche.
Was vom alten Russisch-Amerika geblieben ist und seither dazukam, hat eine bizarre Minderheitskultur am Rande des American Way of Life ausgebildet. Eine, die "immer mehr Menschen interessiert", wie Museumsfrau Sarah Gould berichtet: 2700 Besucher, mehr als je zuvor, kamen allein in diesem Jahr zum Russischen Kulturtag nach Fort Ross - an den nachgebauten Ort eines anderen Amerika-Entwurfs, "von dem man", so Gould, "während des Kalten Krieges nichts wissen wollte und sollte".
Schrillere Werbung für die russisch-amerikanische Melange erschallt im Altgläubigen-Dorf Nikolaevsk: Mit lautstarkem "wellkam, ei em Nina framm Rascha" wirft sich die Besitzerin des "Gift-Shop Samovar" jedem Besucher entgegen, um einen Tee, eine Portion Pelmeni oder gar ein russisches Lackdöschen loszuschlagen. Letzteres mit 2000 Prozent Aufschlag auf den Einkaufspreis, aber wer weiß das schon? Und wer will es wissen von einer Beinahe-Heiligen, denn alles Geld, sagt Nina, "is for puur piepel in Rascha".
"Eine kritiklose Russophilie wabert jetzt von oben durch unsere Diözese", klagt Reverend Oleksa. Er weiß, welch reaktionären Muff gerade russische Klöster ausdünsten, aus denen sein Bischof Nikolai brüderliche Hilfe für die geistige Erneuerung Amerikas erwartet.
Die Ziele der Moskauer Amtskirche, deren Patriarch Alexij II. bereits vor zehn Jahren Alaska besuchte, mögen freilich ganz andere sein: durch eine neue Mission auf ausgetretenen Kolonialpfaden ihrem Hauptziel näher zu kommen, endlich als allseits respektiertes Weltzentrum der Orthodoxie anerkannt zu werden.
Mit den raumgreifenden Worten eines hohen Kirchenbeamten: "Wo der russische Staat daniederliegt und seine Mission in der Welt vorübergehend nicht erfüllen kann, muss unsere Kirche vorangehen."
* Im April 2003 in Kodiak.
Von Jörg R. Mettke

DER SPIEGEL 1/2004
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