05.01.2004

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEWahrscheinlich ein wenig gereizt

Wie Prinzessin Anne ihrer Mutter das Weihnachtsfest verdarb
Es war, jedenfalls an den Maßstäben des Hauses Windsor gemessen, ein ganz passables Jahr für Prinzessin Anne, Pferdenärrin, Hundeliebhaberin und einzige Tochter von Königin Elizabeth II. - jedenfalls bis zu jenem Montag vor Heiligabend.
Zwar war im Mai bekannt geworden, dass ihr Ehemann Timothy Laurence aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen war, und im November hatte es diese alberne Geschichte um eine angebliche homosexuelle Affäre ihres Bruders Charles mit einem Diener gegeben.
Andererseits hatte das Königshaus auch diese Verdrießlichkeiten am Ende überstanden, und als Anne vor Schloss Sandringham, dem Landsitz ihrer Mutter, vorfuhr, freute sie sich auf das Weihnachtsfest.
Die 53-Jährige ließ zuerst ihre Bullterrier aus dem Auto, darunter die Hündinnen Florence und Dorothy, die sie zärtlich Dotty nennt. Die Corgis ihrer Mutter sprangen kläffend die Treppe herunter, vorneweg Pharos, der Lieblingshund der Königin.
Die Corgis gelten, neben Pferderennen, als einzige Leidenschaft von Königin Elizabeth. Ihr Fressen werde auf einem silbernen Tablett aufgetragen, heißt es, zum Frühstück gebe es Marmeladentoast. Im Garten trügen die Hunde Gummischuhe, zum Schutz gegen spitze Steine.
Die Corgis liefen frei herum, und auch Anne hatte ihre Kampfhunde nicht an die Leine genommen. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Es war das zweite Mal, dass ihr dieser Fehler unterlief.
Erst im November 2002 hatte Anne wegen Dotty vor Gericht gestanden. Die Hündin hatte am Ostermontag jenes Jahres im öffentlichen Teil des Schlossparks von Windsor zwei Jungen angefallen und gebissen. Die Anklage zählte Bisswunden und Blutergüsse auf, außerdem seien die Jungs, sieben und zwölf Jahre alt, durch den Zwischenfall traumatisiert worden - ein klarer Verstoß gegen das Kampfhunde-Gesetz, zu ahnden im äußersten Fall mit einer Haftstrafe für den Halter und dem Tod des Tieres.
Es war ein kalter, regnerischer Vormittag in Slough, einem hässlichen Städtchen westlich von London, als Prinzessin Anne im schwarzen Range Rover vor dem Bezirksgericht vorfuhr. Stundenlang hatten Fernsehreporter und Zeitungsjournalisten sich die Zeit mit Vorberichten und dem Austausch von Gerüchten vertrieben, der kleine Saal war voll besetzt.
Die Angeklagte, hochgeschlossene weiße Bluse, navy-blaue Strickjacke, starrte ohne erkennbaren Ausdruck nach vorn.
Ob ihr Name Anne Elizabeth Alice Laurence sei, wollte die Richterin wissen.
"So ist es."
Ob die Adresse richtig sei, Gatcombe Park, Grafschaft Gloucestershire?
"Jawoll."
Ob sie sich zu dem Vorwurf äußern wolle?
"Schuldig", antwortete die Prinzessin. Dann überließ sie die Angelegenheit den Fachleuten.
Dotty, sagte ihr Verteidiger, ein junger Mensch mit untadeligen Manieren und untadeligem Akzent, sei ein ungestümer und fröhlicher Hund, ein großer Welpe, dem Bösartigkeit vollkommen abgehe. Möglicherweise sei Dotty einfach verwirrt gewesen durch das Lachen und Schreien der beiden Jungen.
Anne sei eine erfahrene Hundehalterin, sagte der Nächste, ein Spezialist für Hundebisse. Die Verletzungen seien durch die Schneidezähne entstanden, nicht durch die gefährlicheren Fangzähne; folglich habe der Hund nicht töten wollen, sondern nur spielen.
Den Ausschlag gab ein Hundepsychologe, ein ernster Mann mit 22 Jahren Berufserfahrung. Er habe die Hunde zu Hause besucht, sagte er, und mit der häuslichen Situation sei er sehr zufrieden. Dotty sei "ein ganz lieber, verspielter Hund". Wären die beiden Jungs einfach stehen geblieben, anstatt in Panik davonzulaufen, hätte sie wahrscheinlich das Interesse verloren.
Zur Urteilsverkündung bat die Richterin Prinzessin Anne, sich zu erheben. Die Angeklagte sei "eine außergewöhnlich verantwortungsbewusste Hundehalterin", sagte sie, das Ganze ein "sehr, sehr unglücklicher Vorfall". Das Urteil, "im Namen ihrer Majestät der Königin", von Mutter zu Tochter gewissermaßen: Dotty sei künftig in der Öffentlichkeit an der Leine zu führen, zudem solle ein Hundetrainer das Tier erziehen. Sollte sich Ähnliches wiederholen, müsse Dotty getötet werden.
Anne hatte noch einmal Glück gehabt.
Alles ging gut, 13 Monate lang, bis zum 22. Dezember, als die Corgis der Königin auf die Bullterrier zustürmten. Diesmal war es nicht Dotty, sondern Florence, die ihrem Frauchen den Gehorsam verweigerte. Sie stürzte sich sofort auf Pharos und biss ihm in die Hinterbeine. Wahrscheinlich war sie durch die Autofahrt ein wenig gereizt. Der Corgi winselte noch, dann war Ruhe. Am nächsten Tag wurde er eingeschläfert.
Mit ihrer Tochter soll die Königin die Festtage über nicht gesprochen haben. Anfangs war der Verdacht auf Dotty gefallen, inzwischen gilt sie als unschuldig.
Was aus Florence wird, ist offen. Es sieht so aus, als sei Anne, die "verantwortungsbewusste Hundehalterin", mit den Tieren etwas überfordert.
Kurz nach Weihnachten, meldete die "Sun", fiel Florence ein Dienstmädchen der Königin an. HAUKE GOOS
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 2/2004
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