05.01.2004

GEDENKENJedem das Seine

In Berlin wird nicht nur das Holocaust-Mahnmal errichtet, sondern ein Ensemble von Denkmälern. Dabei entsteht eine Hierarchie der Nazi-Opfer - die einen werden bedacht, die anderen vergessen. Wäre ein Mahnmal für alle Opfer nicht doch sinnvoller gewesen?
Für die Firma Geithner Bau hat sich die Aufarbeitung des Holocaust gelohnt. 2751 Betonstelen für 6 Millionen ermordete Juden bringt Beschäftigung für 60 Mitarbeiter.
Das Unternehmen aus Wilhelmshaven produziert im Nordosten Brandenburgs Vergangenheitsbewältigung in grauem Beton. Durch den Winternebel schreiten Männer in blauen Overalls über das umzäunte Werksgelände unweit der Autobahnabfahrt Joachimsthal. Eine offene Erinnerung an den Holocaust wäre hier eine Provokation. Rund 60 Straftaten Rechtsradikaler registrierte die Polizeistatistik im Jahr 2003 allein im Landkreis Barnim.
Doch die fertigen Stelen mahnen an nichts. Geschützt stehen sie unter weißen Zelten, die an Jahrmärkte erinnern. Die Betonstelen warten wie einst die Opfer, an die sie später erinnern sollen - auf den Abtransport. In Berlin werden sie demnächst bautechnisch und politisch korrekt aufgestellt.
Andererseits ist der Holocaust auch für die Firma Geithner Bau zur Belastung geworden. Seit diskutiert wurde, ob eine Firma mit Nazi-Vergangenheit den Graffiti-Schutz für die Stelen liefern darf, ist die Produktion der Betonteile kein normaler Auftrag mehr. Als wäre die DDR noch einmal nach Brandenburg zurückgekehrt, gibt es ein Sprechverbot für die Mitarbeiter. Keine Betriebsbesichtigung. Keine Auskünfte am Telefon. "Nein, wenden Sie sich bitte an unseren Anwalt."
Der Jurist, ein Wessi, weiß, wie vermint das Gelände ist. Was wäre es auch für ein Skandal, wenn ein blau bekleideter Mahnmal-Produzent aussprechen würde, was viele Brandenburger über Polen, Schwule, Linke oder Juden denken? Auch andere sehen den Bau des Holocaust-Mahnmals als riskantes Unternehmen. Ob die Mutter aller Mahnmale, die Publizistin Lea Rosh, ob der wortgewaltige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse oder des Kanzlers Kulturbeauftragte Christina Weiss - sie alle werden vorsichtig, zurückhaltend, unsicher, wenn sie darüber sprechen, wie der Opfer des Nazi-Terrors gedacht werden soll.
Dabei sind die Fragen ganz simpel: War es wirklich sinnvoll, ein Denkmal ausschließlich für die ermordeten Juden zu bauen? Ist es nicht absurd, dass nun jede Opfergruppe ihr eigenes Mahnmal will? Und: Werden die neuen Denkmäler nicht den Blick auf die authentischen, historischen Orte Berlins versperren - auf die Gedenkstätte Plötzensee etwa oder die kleine Blindenwerkstatt Otto Weidt, in der eine jüdische Familie versteckt wurde wie Anne Frank in Amsterdam?
Der Bauherr
Der zweite Mann im Staat hat viel Wert darauf gelegt, dass niemand auf den Gedanken kommt, in Berlin tage wieder der Reichstag. Wolfgang Thierse hat für eine Beschilderung gestritten, die deutlich zwischen dem Gebäude Reichstag und seinem Innenleben, dem Bundestag, unterscheidet. Er hat auch leidenschaftlich für den Bau des "Denkmals für die ermordeten Juden Europas" geworben. Er ist Kuratoriumsvorsitzender und damit Bauherr des Mahnmals.
Inzwischen hat er den Überblick verloren, wo um ihn herum überall an den Holocaust erinnert werden soll. Er sitzt in seinem Zimmer, blickt in Richtung Tiergarten, kreuzt die Arme und grinst verschmitzt: "Dort das Mahnmal für die Sinti und Roma? Oder dort das für die Homosexuellen?"
Vor lauter Gedenktätigkeit wirkt Thierse erschöpft. "Ich baue kein zweites Denkmal", entfährt es ihm. "Ich bin nur Bauherr des Denkmals für die ermordeten Juden." Thierse weiß nur zu gut, dass es ein Irrsinn ist, die Selektion der Opfer durch die Nazis nun in Mahnmalen nachzustellen. Der zynische Satz aus dem Konzentrationslager Buchenwald "Jedem das Seine" bekommt so einen neuen Sinn.
Doch Thierse zuckt ratlos die Schultern: "Die Trennung der Opfer im Gedenken ist bei der Debatte um den Bau des Denkmals für die ermordeten Juden problematisiert worden. Diese Trennung ist ein Problem, weil sich andere Opfergruppen zurückgesetzt fühlen. Dennoch bleibt der Judenmord durch die Nazis das Wahnsinnigste an deren Schreckensherrschaft."
Draußen, einen kurzen Fußweg weit von seinem Büro, geht der Bau des Denkmals für die ermordeten Juden voran. Wenn der Bundestagspräsident die Baustelle besichtigt, kommt er vorbei an einer weißen Tafel: "Hier entsteht das nationale Holocaust-Mahnmal für die im NS-besetzten Europa ermordeten Sinti und Roma." Der Wettbewerb der Opfer ist längst in vollem Gange.
Die Zigeuner
Der "Nato"-Saal im Kanzleramt ist ausgeschlagen mit grünem Teppich und ausgestattet mit bester Übertragungstechnik. Er ist Besprechungen mit wichtigen Delega-
tionen vorbehalten. Was in diesem Saal zugesagt wird, kann eingeklagt werden - zumindest in der Öffentlichkeit.
Am 19. November 2003 betritt Romani Rose den Saal, als wäre er Verhandlungsführer einer großen Streitmacht. Er ist Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland. Schon der Name signalisiert, dass hier nicht irgendein Verein kommt. "Zentralrat", das klingt wie "Zentralrat der Juden". Die Wirkung dieses Wortes ist Kalkül.
Rose weiß, wie "Opfer-Lobbyismus" (Thierse) funktioniert. Er ist vorgefahren mit einem Bus voller Sinti und Roma, ein Kamerateam steht am Eingang des Kanzleramts. Wenig später setzt sich Rose an den Verhandlungstisch. Er schaut wie vor einem Kampf. Gegenüber sitzt Christina Weiss, Staatsministerin für Kultur und Medien, die nicht das Zeug zum Feindbild hat. Sie redet leise, gestikuliert ohne jede Wucht.
Wer einen Gedenkort will, kommt an ihr nicht vorbei. Schließlich repräsentiert sie den Rechtsnachfolger des "Dritten Reichs", auch wenn die Frau so gar nichts von Deutschtum und Reich hat.
Rose will ein Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma. Er will entscheiden, wie es aussieht, er will entscheiden, welcher Spruch draufkommt. Und er hat es weit gebracht. Der Vorgänger von Christina Weiss und der Berliner Senat haben ihm sein Denkmal versprochen. Und Ignatz Bubis angeblich auch.
Doch Rose will nicht nur ein Denkmal. Er will auch ein "nationales Holocaust-Mahnmal". Er will ein Geschichtsbild durchsetzen, wonach Sinti und Roma mit exakt derselben Radikalität vernichtet wurden wie die Juden. Ein Satz von Ex-Bundespräsident Roman Herzog müsse drauf auf das Denkmal, fordert Rose im Kanzleramt: "Der Völkermord an den Sinti und Roma ist aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns ... durchgeführt worden wie der an den Juden."
Der Entwurf für das Sinti-und-Roma-Holocaust-Denkmal stammt vom israelischen Bildhauer Dani Karavan und steht in Raum 4/B/15, "Kunst im Stadtraum", in der
Verwaltung von Berlins Kultursenator Thomas Flierl (PDS). Eine Ausschreibung hat es für dieses Denkmal nie gegeben. Es sieht aus, als habe ein Kind eine CD in eine Modelleisenbahnplatte gedrückt. Die Scheibe ist umzingelt von Bäumen aus Schaumstoff. Sie symbolisiert eine Wasserfläche.
In der Mitte der Fläche befindet sich ein Dreieck mit einem roten Klecks. "Das soll eine Rose auf einer Stele sein", erklärt eine Mitarbeiterin der Verwaltung. Später, wenn das Denkmal unweit vom Reichstag errichtet und die Scheibe eine real existierende Wasserfläche ist, soll die Stele jeden Tag einmal im Wasser versinken und unter Geigenklängen mit einer neuen Rose wieder zum Vorschein kommen. "Ein Ort der Kontemplation", erklärt die Mitarbeiterin.
Ein schöner Kitsch, meinen andere. Viele vermuten, der Wunsch nach der Rose auf dem Mahnmal hänge mit dem Namen des Ober-Sinto Romani Rose zusammen. Kaum jemand traut sich, offen gegen das kuriose Kunstobjekt zu sprechen - nur ein anderer Sinti-Verband, die Sinti Allianz, bricht das Schweigen.
Natascha Winter, die Allianz-Vorsitzende, hält Roses Verein die Ausgrenzung anderer Stämme vor - der Lalleri und Manusch etwa. Sie hat im Unterschied zu Rose kein Problem damit, Sinti "Zigeuner" zu nennen. Herr Rose, meint Frau Winter, könne nicht allein entscheiden, wie der ermordeten Zigeuner gedacht werde. Den Namen Zentralrat schreibt die Sinti Allianz in Anführungsstrichen - wie einst die "Bild"-Zeitung die DDR. Die Rivalität der Opfergruppen, meint Thierse, habe es schon immer gegeben. "Sie wird nur beim Streit darum, wessen wie gedacht wird, sichtbarer."
Der Historiker
Als der Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas 1999 vom Bundestag beschlossen und verkündet wurde, da stand plötzlich die Frage im Raum: Was wird mit den anderen Opfern der Nazis, den Sinti und Roma, den Schwulen, den Euthanasie-Toten?
"Ein Beirat wurde ins Leben gerufen, für das moralische und intellektuelle Problem, wie man ein würdiges Andenken an die anderen Opfergruppen herstellt", sagt Wolfgang Benz, Sprecher des Beirats und Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Im Protokoll vom 12. Dezember 2002 seines Beirats ist das ganze Dilemma zu Papier gebracht: "Eine zentrale Planung entlang einer als abgeschlossen betrachteten ,Liste'' von Opfergruppen wird nicht als angemessen angesehen. Eine gewisse ,Sogwirkung'' Berlins auf die verschiedenen Denkmalinitiativen wird für möglich gehalten."
Benz will nicht schuld sein am Wettkampf der Opfer um den besten Platz in Berlin. "Es war nicht meine Vorstellung, dass ein Kranz von Denkmälern hierarchisch gegliedert rund um das Holocaust-Mahnmal stehen soll." Deswegen habe er ein Konzept entworfen, das sich an der Maxime orientiert: "Es muss nicht unbedingt Stein und Bronze sein."
Der Mann mit der unaufgeregten, leicht schwäbelnden Stimme konzipierte "eine Initiative für alle", eine Art Begleitprogramm für den Mahnmalbau, eine Vortragsreihe, in der einzelne Opfergruppen und historische Orte vorgestellt werden. Seit November 2001 halten Historiker und Vertreter von Gedenkstätten entsprechende Referate. Das, sagt Benz, sei "eine gute Idee, im Idealfall laufen uns die Leute von der Straße die Bude ein". Bei einem Vortrag über ein Vernichtungslager bei Minsk erschienen gerade mal 30 Gäste.
Besser wäre es gewesen, man hätte "ein Mahnmal für alle Opfer nationalsozialistischer Verfolgung gebaut", räumt Benz ein. Aber er habe mit dieser Ansicht allein gestanden. "Die Vorstellung, dass es da einen Kreis von Denkmälern in abfallender Größe geben könnte, bis hin zu den verfolgten Gartenzwergen, diese Vorstellung ist wenig befriedigend."
Noch schlimmer aber ist, dass das Mahnmal alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. "Wenn ich zu den Medien gehe und sage, macht was über die Euthanasie-Opfer, dann passiert nichts, überhaupt nichts. Wenn aber der Architekt Peter Eisenman zu einer Sitzung des Kuratoriums anreist, dann sind gleich sechs TV-Teams da, die ihn filmen, weil man so was Interessantes noch nie gesehen hat." Jetzt, mahnt Benz, komme es darauf an, die authentischen Gedenkstätten zu erhalten. "Die Gefahr ist groß, dass Dachau und Ravensbrück und Sachsenhausen nicht mehr gebraucht werden, weil wir ja das Mahnmal haben."
Statt eines Ensembles von Denkmälern wünscht sich Benz "ein Ensemble von immer währenden Aktivitäten, unter dem Dach der Mahnmal-Stiftung". Benz hat auch eine konkrete Idee: Es wäre doch toll, schwärmt er, wenn der Bundespräsident oder der Bundestagspräsident einmal im Jahr "einen Wissenschaftler einladen würde, vor dem Bundestag über eine Opfergruppe zu sprechen". Das wäre "ein Event, über das die Medien berichten müssten". Oder wenn die Berliner Symphoniker einmal im Jahr "ein Konzert zur Erinnerung an die Retter geben würden, um die Menschen zu ehren, die anständig geblieben sind".
Seine Idee ist zu einfach und zu preiswert, um eine Chance zu haben. Schon einmal, "nach der Konfusion um den ersten Wettbewerb für das Mahnmal", machte er einen Vorschlag, der "ungehört verhallte". Man solle, regte er an, auf dem Grundstück in Berlin-Mitte eine Tafel aufstellen: "Wir, das deutsche Volk, sind willens und entschlossen, hier ein Denkmal zu errichten. Aber wir wissen nicht, wie man das macht. Jeder, der eine Idee hat, möge diese dem Bundestag übermitteln."
Die Erinnerungsbeauftragten
Sibylle Quack ist Geschäftsführerin der Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas". Bis Ende März ist die Historikerin der Kopf der besten deutschen Erinnerungsmaschine, die es je gegeben hat. Sie wacht darüber, dass deutsche Schuld mit deutscher Gründlichkeit aufgearbeitet wird: nach Bundesgesetz, mit Beirat und Kuratorium. Passend zum Beruf trägt sie Schwarz: schwarze Jacke, schwarze Hose, selbst ihre Brille hat einen feinen dunklen Trauerrand.
Mit zehn Mitarbeitern residiert Quack im Deutschlandhaus im ehemaligen West-Berlin. Früher waren in diesem Haus auf allen Etagen Vertriebene und ihre Funktionäre untergebracht. Farbige Bleiglasfenster im Treppenhaus erinnern an die alte Heimat. Inzwischen hat der neue Geist der Republik auch im Deutschlandhaus Einzug gehalten. Die Vertriebenen haben sich auf Etage 4 zurückgezogen. Dort bieten sie Landkarten von Ostpreußen an. In den Stockwerken darunter residiert rotgrüner Geist: die Holocaust-Stiftung und das "Bündnis für Demokratie und Toleranz". Im Casino, gleich neben den Küchengeräten, steht das Holzmodell des Mahnmals.
Frau Quack, die mit großen Gesten Berlins rabaukigen Bausenator Peter Strieder nachspielen und mit verstellter Stimme Lea Rosh imitieren kann, steht am Fenster der Stiftungsbibliothek, in der von A wie Auschwitz bis Z wie Zyklon B alles über den Holocaust nachzulesen ist.
"Alles", sagt sie und lässt den Blick nach draußen schweifen, "was Sie hier sehen, ist kontaminiert." Sie zeigt auf die Ruine des Anhalter Bahnhofs, auf einen großen grauen Bunker mit der Aufschrift "Gruselkabinett". Manchmal, meint sie, "sehe ich im Geist die SS-Leute hier unten in die Kneipe gehen".
Mit der Initiatorin des Mahnmals, Lea Rosh, hat sich Quack überworfen. Quack war dafür, dass die Firma Degussa, deren einstige Tochter Degesch Zyklon B für die Gaskammern produziert hatte, am Denkmal weiterbauen darf: "Ein Reinheitsgebot ist unmöglich." Rosh hält dagegen: "Ich fand es schwer erträglich, dass das Kuratorium für Degussa und gegen die Bitten von Gedenkstätten und Juden stimmte."
Gut zehn Jahre hat Rosh für das Holocaust-Mahnmal gekämpft. Ihr Motiv scheint weniger die Erinnerung an das Grauen der NS-Zeit als die Skepsis gegenüber dem deutschen Volk zu sein. "Vor fünf Jahren hätte sich niemand getraut in Deutschland, eine Entscheidung gegen den Willen der Juden zu fällen", schimpft sie. Frau Rosh hält die Juden in Deutschland noch immer für eine Gruppe, die ihre Fürsprache nötig hat. Es ist ihre Art, sie zu diskriminieren.
Auf der Baustelle gehen die Arbeiten am Denkmal weiter, genau wie Lea Roshs Kampf im Kuratorium. Einen Raum im "Ort der Information" unterhalb des Stelenfeldes will sie mit ihrem Förderkreis ausstatten. "Da werden wir uns nicht reinreden lassen. Da lassen wir uns nicht verdrängen. Da produzieren wir ohne Degussa." Es wird Leas koscherer Bunker.
Die Homosexuellen
Günter Dworek, Referent für Antidiskriminierungs- und Gesellschaftspolitik der Grünen-Fraktion im Bundestag, holt eine Karte aus der Schublade und tippt mit dem Finger auf drei verschiedene Stellen in der Umgebung des Brandenburger Tors. "Hierhin kommt das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, hierhin das für die Schwulen und hierhin das für die Sinti und Roma." Wenn alles gut geht, werde es in ein paar Jahren "ein Ensemble an Mahnmalen geben, in einem flächenmäßig engen Kontext, wo man die Gemeinsamkeiten, aber auch die spezifischen Erfahrungen der einzelnen Gruppen vorstellen kann".
Nachdem um das erste Holocaust-Mahnmal jahrelang gestritten wurde, ging es bei den Homosexuellen flott voran. Das Projekt wurde sowohl im rot-grünen Koalitionsvertrag der Bundesregierung als auch im rot-roten Abkommen der Berliner Landesregierung festgeschrieben. Klarer konnte sich die politische Elite der Republik nicht artikulieren.
Am 1. Juli 2003 stellten Abgeordnete von SPD und Grünen für ihre Fraktionen den Antrag, "der Bundestag wolle beschließen: Die Bundesrepublik Deutschland errichtet in Berlin ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen". Schon am 25. September wurde der Antrag zur Beratung an die zuständigen Ausschüsse überwiesen. Im Dezember beschloss der Bundestag gegen die Stimmen der Union den Bau des Denkmals.
Zielsetzung und Procedere erinnern an das Holocaust-Mahnmal. Und so fällt es Dworek leicht, die Frage, ob das Juden-Denkmal die Vorlage für das Homosexuellen-Mahnmal war, mit einem klaren Ja zu beantworten: "Ohne die Initiative und die Diskussion um die ermordeten Juden Europas wäre es nicht zu dieser Beschlussfassung im Bundestag gekommen." Man habe aber auch "viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht und prominente Unterstützer aus den anderen Opfergruppen gesucht".
Zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs für das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen gehören Lea Rosh und Paul Spiegel, Günter Grass und Walter Jens, Romani Rose und Julius H. Schoeps - Namen, die auch unter den Aufrufen für Mahnmale zur Erinnerung an die ermordeten Juden, die Sinti und die Roma stehen.
Ob ein gemeinsames Mahnmal für Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, die Euthanasie-Opfer und vielleicht auch für die Deserteure nicht sinnvoller gewesen wäre? "Eine mögliche Option", nennt Dworek dies. Ein Argument aber spreche für separate Mahnmale - die spezifische historische Erfahrung, die dazu führt, dass jede Opfergruppe sagt: "Wir wollen ein Mahnmal für uns haben, eines, bei dem unsere besondere Geschichte herausgearbeitet werden kann."
Und schon beginnt auch Dworek mit jener absurden Aufrechnerei: Natürlich habe die Verfolgung der Homosexuellen "eine welthistorisch andere Dimension als der Holocaust". Während für die Juden mit dem Ende des Krieges die Verfolgung vorbei war, sei sie für die Schwulen weitergegangen. "Das Nazi-Strafrecht galt noch bis 1969, die Strafverfolgung in der Adenauer-Zeit ist in ihrer Intensität durchaus vergleichbar mit der in der NS-Diktatur. Es gab nicht
mehr die Todesgefahr, aber man stand immer mit einem Bein im Zuchthaus."
Dworek gibt zu, "dass der gesellschaftliche Druck wichtig ist, damit sich die Politik der Sache annimmt", und leugnet nicht, dass "die Geschichte dieser Denk-
mäler auch die Verhandlungsmacht der verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft widerspiegelt".
Verglichen mit anderen Opfergruppen seien die Homosexuellen noch relativ gut dran gewesen. "Wenn man bedenkt, dass homosexuelle Lebensgemeinschaften erst seit 2001 anerkannt werden, dann sieht man, dass der Fortschritt in den letzten Jahren zwar gut vorangekommen, aber natürlich eine Schnecke ist."
Die Vertriebenen
Statt einer Landkarte des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 hängen an der Wand drei Drucke, die in sehr sanften Tönen die deutschen Nationalfarben zitieren, daneben ein Porträt des Dichters Joseph von Eichendorff und ein Bild von Don Quijote. Wer mit grimmigen Symbolen oder wenigstens einer revanchistischen Parole wie "Schlesien bleibt deutsch!" gerechnet hat, sieht seine Erwartungen enttäuscht. Das Büro der Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach ist politisch so korrekt, dass es auch Antje Vollmer in ihm aushalten würde.
Und nichts findet die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen kränkender als den Vorwurf, sie wolle mit dem geplanten "Zentrum gegen Vertreibungen" einen Gegenpol zum Holocaust-Mahnmal schaffen. "Eine Gemeinheit! Das war mal irgendwo zu lesen, und seitdem schreibt es einer vom anderen ab!" Sie habe noch nicht gewusst, was der Bund der Vertriebenen sei, da habe sie sich schon "mit jüdischen Schicksalen, mit Anne Frank und den Geschwistern Scholl beschäftigt". Nein, das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas habe bei ihren Überlegungen nicht als Vorbild gedient, denn "das Zentrum gegen Vertreibungen ist kein Mahnmal, sondern ein Museum, ein Dokumentationszentrum, eine Informations- und Begegnungsstätte".
Aber ein bisschen Mahnmal ist es natürlich auch, das sie haben will, denn es soll an das Schicksal der 14 Millionen Deutschen erinnern, die aus ihrer Heimat in Ost- und Südeuropa vertrieben wurden. Und natürlich weiß auch Frau Steinbach, dass erst der Bau des Mahnmals für die Opfer der Deutschen den Blick auf die deutschen Opfer frei gemacht hat. Der Wunsch nach der Gedenkstätte für die Vertriebenen ist erst der Anfang - der nach einem Gedenkort für die Opfer des Bombenterrors wird folgen.
Irgendwie kommt auch Frau Steinbach nicht ohne die Juden aus, um ihren Wunsch nach einem Mahnmal zu bekräftigen. Um jedem Verdacht der Aufrechnerei, des Revanchismus zuvorzukommen, betont sie, die "erste Vertreibung" sei durch Hitler bei seinem Abkommen mit Stalin initiiert worden, "um ethnisch reine Gebiete zu schaffen". Und auch die Verfolgung der Juden im Dritten Reich sei zuerst eine Art Vertreibung gewesen.
"Die Stigmatisierung mit dem gelben Stern sollte deutlich machen: Ihr seid hier nicht willkommen." Es liege nahe zu fragen: "Was ist im 20. Jahrhundert alles geschehen?" Auch die Antwort liege auf der Hand: "Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Vertreibungen." Und dann spricht Steinbach, einen silbernen Teddy ans blaue Jackett geheftet, von dem Völkermord an den Armeniern, von der Vertreibung der Griechen aus Smyrna, von den Konflikten auf dem Balkan am Ende des vergangenen Jahrhunderts. Alles soll im Zentrum gegen Vertreibungen berücksichtigt werden. "Wir wollen auf der einen Seite Herkunft, Schicksal und Integration der deutschen Vertriebenen zeigen und auf der anderen Seite das Schicksal der rund 30 Völker in Europa, die auch vertrieben oder deportiert worden sind."
Kritiker des Projekts meinen, Erika Steinbach habe sich viel, womöglich zu viel vorgenommen. Oder sie wolle die anderen Völker nur deswegen mit ins Haus nehmen, um das deutsche Schicksal umso ungenierter in den Mittelpunkt stellen zu können. "Unsinn!", schimpft die Frankfurter CDU-Abgeordnete, "wir schauen über den Tellerrand des eigenen Schicksals hinweg und sehen, dass es anderen Völkern genauso oder noch schlimmer ergangen ist." Und sie nennt wieder die Armenier und die Juden.
Frau Steinbach ist selber eine Vertriebene, auch wenn sie an ihren Geburtsort in Westpreußen keine Erinnerungen mehr hat. Sie weiß nur, dass die Mutter für sich und ihre zwei kleinen Töchter keinen Platz auf der "Wilhelm Gustloff" bekam. Dann ging es mit einem anderen Schiff von Gotenhafen über die Ostsee. Die Reise dauerte drei Wochen, und als die "Pelikan" schließlich in Schleswig-Holstein anlegte, gab es an Bord kein Essen und kein Wasser mehr und an Land keine Hilfe von den Einheimischen. So erging es Tausenden Deutschen. "Wir wollen dokumentieren, wie die Integration gelungen ist und wie sich das Land durch den Zuzug so vieler Menschen geändert hat. Die Integration der Vertriebenen war die größte Leistung Deutschlands nach 1945 überhaupt."
Bis jetzt gibt es noch kein detailliertes Konzept für das "Zentrum gegen Vertreibungen", keinen Architektenentwurf und keine Location. Steinbach aber besteht auf dem Standort Berlin: "Es muss in Berlin sein. Berlin ist voll mit interessanten Liegenschaften und Gebäuden, die alle nutzlos herumstehen."
Ein ehemaliger Bunker in Kreuzberg war schon im Gespräch, in dem nach dem Krieg Vertriebene untergebracht waren. Als dies bekannt wurde, sorgten sich Anlieger, unter ihnen der ehemalige Regierende Bürgermeister Walter Momper, um ihre ruhige Wohnlage. Es gibt Gegenden, da sind Vertriebene eben immer noch nicht gern gesehen.
Steinbachs Mahnmal-PR unterscheidet sich kaum von der anderer Förderer. Auch das "Zentrum gegen Vertreibungen" hat Unterstützer und einen Beirat. Renommierte Persönlichkeiten sollen das Projekt nobilitieren: Joachim Gauck und Györgi Konrád, Rupert Neudeck und Peter Scholl-Latour und - darauf legt Erika Steinbach "größten Wert" - drei "jüdische Wissenschaftler", die Historiker Moshe Zimmermann, Julius H. Schoeps und Michael Wolffsohn. Nur einer, der die anderen historischen Projekte unterstützt, verweigere sich einem Vertriebenenzentrum in Berlin. "Der Kanzler war ja mal dafür, im Moment ist er dagegen."
Doch Steinbach kann warten. Sie setzt auf den Bundesrat, auf die Macht der Bayern, die das Vertriebenenzentrum unterstützen, auf den Wechsel in Berlin. "Notfalls", sagt sie kühl, "müssen wir bis zum Jahre 2006 warten." Denkmalsfragen sind eben Machtfragen.
Die Vergessenen
Ludwig Baumann sitzt im Zug von Bremen nach Halle und bereitet sich auf einen Vortrag vor, den er im Rahmenprogramm der "Wehrmachtsausstellung" halten soll: "Desertion als Hoffnung für den Frieden". Es ist sein Thema, das Thema seines Lebens.
Baumann, 1921 in Hamburg geboren, war im Krieg Soldat, türmte eines Tages, wurde gefasst und zum Tode verurteilt. Er saß acht Monate in der Todeszelle, bevor ihm mitgeteilt wurde, dass man ihn längst zu einer langen Zuchthausstrafe begnadigt hatte. Er musste sie nur deswegen nicht absitzen, weil der Krieg drei Jahre nach seiner Verurteilung vorbei war. Aber auch nach dem Krieg blieb er ein Krimineller, ein Vorbestrafter. Erst im Mai 2002 hob der Bundestag alle Urteile der NS-Militärjustiz gegen Deserteure und "Wehrkraftzersetzer" auf. Es war eine späte Geste, und für die meisten kam sie zu spät.
Heute hat die "Bundesvereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz" weniger als 50 Mitglieder. Wie viele es genau sind, kann auch Baumann, der Vorsitzende, nicht sagen, denn "ständig kommen Briefe als ,unzustellbar'' zurück", die Adressaten sind verstorben. Dennoch kämpft Baumann weiter. Nachdem die Deserteure endlich rehabilitiert worden sind, sollen sie vor dem Tod durch Vergessen gerettet werden. Es gab 35 000 Urteile, über 20 000 Menschen wurden zum Tode verurteilt, etwa 15 000 hingerichtet. "Aber nirgendwo gibt es eine Gedenkstätte." Nicht einmal im sächsischen Torgau, ab 1943 Sitz des Reichskriegsgerichts, das während des Krieges über 1000 Todesurteile fällte. "Eine Gedenkstätte", träumt Baumann, "das wäre schön."
Doch die Deserteure haben es so schwer wie die Opfer der Euthanasie, die schon Geld für ein "Haus des Eigensinns" gesammelt hatten und sich nun doch mit einer Gedenkplatte in der Tiergartenstraße 4, dem Sitz der ehemaligen Euthanasie-Zentrale, in Berlin begnügen müssen.
Baumann wäre auch schon mit weniger als einem Extra-Mahnmal zufrieden. Der Sprecher des Holocaust-Beirats, Wolfgang Benz, hat sich ebenfalls für eine Wanderausstellung ausgesprochen, "die durch die ganze Republik reisen und am Ende in Torgau bleiben soll".
Stiftungsgeschäftsführerin Quack hat ein Konzept dafür fertig gestellt. Aber das Interesse an Deserteuren ist nicht besonders groß. Das Bundesverteidigungsministerium ist nicht sonderlich scharf auf eine Ausstellung über die Opfer der Wehrmachtsjustiz. Mehrfach ließ Peter Struck die entsprechenden Bitten von Wolfgang Thierse abblitzen. Und so bleibt das Versprechen eine uneingelöste Idee. In der Hierarchie der Nazi-Opfer belegen die Deserteure - ohne Lobby und starke Verbündete - einen der hinteren Plätze.
Irgendwie unglücklich sei die Sache gelaufen, räumt des Kanzlers Kulturfrau Weiss ein. "Wie wessen gedacht wird, ist keine Frage der moralischen Verpflichtung, sondern des Durchsetzungsvermögens."
Früher habe sie sich manchmal gefragt, warum sie, im Saargebiet geboren, nicht Französin, sondern Deutsche geworden ist. Dann hätte sie nun nicht den Ärger mit den Gedenkstätten auf dem Tisch. "Aber einen Rückweg gibt es nun nicht mehr."
Dabei nimmt sie einen Kalender des Jahres 2004 von ihrem Schreibtisch. Er trägt in goldener Aufschrift das Motto "Erinnerung als Auftrag", herausgegeben hat ihn die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. STEFAN BERG, HENRYK M. BRODER
* Mit Romani Rose (M.) am 19. November 2003 am Reichstag in Berlin. * Der kreisförmige See soll einen Durchmesser von 30 Metern haben. * Rechts: beim Baubeginn des Holocaust-Mahnmals am 30. Oktober 2001.
Von Stefan Berg und Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 2/2004
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