19.01.2004

AFFÄRENDer Reptilienfonds

Max Strauß, Sohn des einstigen CSU-Chefs, muss diese Woche wegen Steuerhinterziehung vor Gericht. Bricht er sein Schweigen, könnte er seine Partei wie sich selbst in arge Bedrängnis bringen. Viele Indizien sprechen dafür, dass der Jurist an weiteren Skandalgeschäften beteiligt war.
Irgendwann ist das Leben von Max Strauß aus dem Ruder gelaufen. Vielleicht schon vor dem Tod des Vaters, vielleicht erst danach. Dabei wollte der Sohn immer nur so sein wie der übermächtige Vater. Und das ist sein Problem.
Er wählte einen eigenen Beruf, wurde Rechtsanwalt. Aber aus dem Schatten von Franz Josef Strauß, ehemals Ministerpräsident von Bayern und CSU-Chef, kam er nicht heraus. Er führte seine Geschäfte fort, auch nach dessen Tod.
Als sich Staatsanwälte für diese Geschäfte interessieren, bleibt er zunächst ruhig. Schließlich ist das alles noch mit dem Namen des Vaters verbunden, der in der Vergangenheit immer ausgereicht hat, um Probleme aus dem Weg zu räumen.
Doch der Schutz wirkt nicht mehr. Man will nicht mehr mit ihm gesehen werden. Die Kanzlei löscht seinen Namen auf dem Firmenschild. Das Gericht erhebt Anklage und stürzt den Sohn in einen tiefen Zwiespalt - soll er schweigen oder reden? Und das ist sein zweites Problem.
Schweigt er, droht ihm eine lange Gefängnisstrafe. Redet er, könnte er das Lebenswerk seines Vaters beschädigen und seine Freunde in Not bringen.
Reden oder schweigen? Diese Frage muss Max Josef Strauß in den kommenden Wochen für sich beantworten. Seine Anwälte raten ihm zu schweigen.
Am Dienstag beginnt in Augsburg unter dem Vorsitz von Richter Maximilian Hofmeister ein Prozess wegen Steuerhinterziehung gegen ihn. Die Anklage wirft ihm vor, bei Geschäften mit Flugzeugen und Panzern 5,2 Millionen Mark an Provisionen kassiert zu haben, die er nicht versteuerte. Das Geld hat mutmaßlich der Kaufmann Karlheinz Schreiber auf ein Schweizer Konto eingezahlt, das die Staatsanwälte Strauß zuordnen.
Unausgesprochen steht auch sein Vater vor Gericht, der bayerischer Ministerpräsident, CSU-Chef und Aufsichtsratsvorsitzender von Airbus war, als die meisten Geschäfte ihren Anfang nahmen. Glaubt man Schreiber, war das Geld nicht für persönliche Zwecke bestimmt, sondern für die CSU.
Unter der Last des drohenden Prozesses brach Strauß junior im September zusam-
men. Die behandelnden Ärzte der Uniklinik München halten ihren Patienten nicht für verhandlungsfähig, im Gegensatz zum Gerichtsgutachter. So wird am ersten Tag des Prozesses auch die geistige Verfassung des Angeklagten im Mittelpunkt stehen.
Bricht er sein Schweigen, könnte er vermutlich auch Auskunft über viele Affären geben, die die Republik in der Vergangenheit bewegt haben. Denn es gibt neue Belege und Indizien dafür, dass Max Strauß gleich in mehrere Skandale verstrickt sein könnte, die bisher gern getrennt betrachtet wurden. Aus den Unterlagen ergibt sich, dass er zumindest eine Schnittmenge bildet.
In allen Fällen geht es darum, dass Millionen an Provisionen über verdeckte Kanäle geflossen sind. Dabei taucht das bekannte Affärenpersonal aus den vergangenen Jahren auf, vor allem die Kaufleute Karlheinz Schreiber und Dieter Holzer. Sie waren Geschäftsfreunde von Vater Strauß und wurden Freunde des Sohnes.
Schreiber hat die Parteispendenaffäre der CDU ausgelöst. Holzer ist eine der Schlüsselfiguren in der Leuna-Affäre. Sie sind Vermittler an der Nahtstelle zwischen Politik und Wirtschaft und nutzen ihre Beziehungen in beiden Welten, um Geschäfte voranzutreiben. Es ist eine Grauzone, in der Geldströme oft in einem Labyrinth von ausländischen Konten und Briefkastenadressen versickern.
Nun begründen neue Unterlagen den Verdacht, dass Max Strauß in einem bisher unbekannten Liechtensteiner Geflecht von Stiftungen und Unternehmen eine zumindest dubiose Rolle spielte. Es diente dem Empfangen und Verteilen von Geldern aus Industriegeschäften. 1992 vermutete ein Treuhänder in einem Vermerk, dass "''Freunde der Partei'' am Vermögen/Ertrag" einer der Stiftungen beteiligt waren. Das ist die politische Dimension der Affären. Haben sich deutsche Politiker oder Parteien Schwarzgelder beschafft?
Vater und Sohn
Schon früh kürt Franz Josef Strauß seinen ältesten Spross Max zum Kronprinzen.
Nach dem Tod des Vaters 1988 wird er der Sprecher der Erbengemeinschaft der Kinder und verwaltet den geschäftlichen Nachlass des Vaters.
Der Sohn ist erst 17 Jahre alt, da nimmt Franz Josef Strauß ihn schon mit auf seine Reisen. So wird die Welt des Vaters auch die Welt des Sohnes. Der kleine Max betritt die große politische Bühne und lernt die Mächtigen kennen: Präsidenten, Minister und Scheichs. Max entwickelt sich mit den Jahren zum Privatsekretär des Vaters, der ihn in alle Geheimnisse einweiht, geschäftliche wie politische. Und bei Franz Josef Strauß waren die Trennlinien zwischen den einzelnen Sphären nie wirklich scharf.
Weil bei den politischen Weltreisen des Ministerpräsidenten Strauß immer auch die Interessen der bayerischen Wirtschaft im Blickpunkt standen, übt sich der Junge auch in Geschäften. Sein Problem dabei ist, dass ihm niemand Grenzen setzt. Er bläst sich gern auf.
Die Schwächen des Sohnes sind Franz Josef Strauß nicht verborgen geblieben, deshalb gibt er Max in die Lehre bei einem guten Freund, der ihm zeigen soll, wie die Geschäfte laufen.
Den Kaufmann Karlheinz Schreiber aus Kaufering kennt Strauß seit den sechziger Jahren. Ein Mann, der sich wie er selbst aus kleinen Verhältnissen nach oben geboxt hat; vom Teppichhändler zum stolzen Besitzer eines mittelständischen Unternehmens für Fahrbahnmarkierungen. Bodenständig, gewitzt und gut im Geldeinsammeln. Hinzu kommen internationale Kontakte, vor allem nach Kanada, die ihn zum idealen Lobbyisten für Rüstungsgüter oder Flugzeuge machen. Es sind genau diese Geschäfte, die Max Strauß die Augsburger Anklage einbrachten.
Die Anklage
Große Skandale beginnen oft beiläufig. Alles deutet auf Routine hin, als am 3. Februar 1995 Karlheinz Schreiber in den Büros der Augsburger Steuerfahndungsstelle erscheint. Er hatte sich am Tag zuvor telefonisch angekündigt.
Der Geschäftsmann versucht eine Geschichte vom Tisch zu bekommen, die noch nicht aktenkundig ist. Es gehe um Provisionsabwicklungen einer Liechtensteiner Gesellschaft, mit denen der Kaufmann absolut nichts zu tun habe.
Der Auftritt ist so bizarr, dass Steuerfahnder Winfried Kindler unter dem Zeichen FR 080/95 eine Akte anlegt. Die Schreiber-Affäre nimmt an diesem Tag ihren Anfang. In ihrer Folge sollte sich der CDU-Spendenskandal entwickeln.
Schon früh ahnen die Ermittler, dass ihr Fall eine politische Dimension hat. Denn als sie Schreibers Haus in Kaufering durchsuchen, fallen ihnen Tischkalender des Geschäftsmanns aus den Jahren 1991 und 1994 in die Hände. Fast auf jeder Seite finden sie die Namen von Firmen, Managern und vor allem Politikern, mit denen Schreiber Kontakt hatte, zum Beispiel Walther Leisler Kiep, Erich Riedl oder Otto Wiesheu.
Noch mehr Aufmerksamkeit erwecken die wiederkehrenden Ziffern, Kürzel und Codenamen. Die Ermittler tüfteln und kombinieren, bis sie sicher sind: Ein Großteil der Provisionen, die Schreiber bei Verkäufen von Hubschraubern, Spürpanzern und Flugzeugen erhielt, seien gar nicht für den Lobbyisten bestimmt gewesen. Tatsächlich habe Schreiber diese Gelder nach einem Aufteilungsschlüssel auf Unterkonten mit Decknamen in der Schweiz weitergeleitet; bestimmt für Manager, Politiker und Beamte, die die Geschäfte befördert hatten. Fast zwangsläufig landen die Ermittler, ihrer Logik folgend, bei Vater und Sohn Strauß.
In den Kalendern und Unterlagen finden sie immer wieder die Kürzel: "Mx", "Max", "Maxwell", gelegentlich auch "Master". In der Schweiz stoßen sie auf ein Konto, das von 1988 bis 1990 den Decknamen "Master" trug und dann in "Maxwell" umgetauft wurde. Bis 1994 wächst der Kontostand auf rund 5,2 Millionen Mark. Gespeist wurde es von der Liechtensteiner International Aircraft Ltd. (IAL), die die Staatsanwälte Schreiber zuordnen. Das Geld soll vor allem aus Provisionen für zwei Auslandsgeschäfte der Firma Airbus stammen.
Mitte der achtziger Jahre wurde die Dauerkrise bei Airbus bedrohlich. Der Flugzeugbauer konnte in vielen Ländern das Monopol von Boeing nicht brechen.
Der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Franz Josef Strauß, lanciert Karlheinz Schreiber als Türöffner für Airbus auf dem nordamerikanischen Markt. Sein Freund verfügt über einen kanadischen Pass und beste Beziehungen bis hin zum damaligen Premierminister Brian Mulroney.
Tatsächlich gelingt 1985 der Durchbruch. Airbus darf 34 Flugzeuge an die kanadischen Gesellschaften Wardair, Air Canada und Canadian Airlines liefern, das Überleben ist gesichert.
Dass die Erfolge nicht nur dem Einsatz Schreibers zu verdanken waren, notiert Steuerfahnder Kindler am 4. Mai 1999 in einem internen Aktenvermerk: Maßgeblich beteiligt an den Verhandlungen hinsichtlich des Verkaufs von Flugzeugen nach Kanada sei der Vater des Beschuldigten Max Strauß, der verstorbene Ministerpräsident Franz Josef Strauß.
Sein Sohn spielte bei dem Geschäft in Kanada bestenfalls eine Nebenrolle. In den Tagen nach dem Tod von Strauß senior am 3. Oktober 1988 fließt die erste Provision von der IAL auf das Konto PO-18.679.7 beim Schweizer Bankverein in Zürich, das zu dieser Zeit "Master" heißt.
Beim zweiten Geschäft 1990 verkehren sich die Rollen. Es ist Max Strauß, so glauben die Staatsanwälte, der das Geschäft vorantreibt. Obwohl der Konzern sagt, es gebe keinen Vertrag mit ihm: "Airbus hatte zu keiner Zeit direkt mit dieser Person zu tun."
Insgesamt 17 Maschinen wollte Airbus an die Thai Airways und die Royal Thai Airforce liefern. Im Jahr 1989 drohen die Verhandlungen zu scheitern. Im Hintergrund geht es zu wie in einem Wirtschaftskrimi.
Am 7. April 1989 erhält Airbus-Chef Jean Pierson in Toulouse einen verschlüsselten, aber unmissverständlichen Hinweis. Der Präsident des französischen Wirtschaftsfachdiensts "Nord Sud Export" warnt Pierson persönlich in einem Brief nebst beigelegtem Artikel unverblümt, dass das Unternehmen die falschen Leute in Thailand geschmiert habe. Der "''vertrauliche'' Charakter" der Information diene dazu, "das Geschäft zu entblocken".
Sieben Tage später, am 14. April 1989, landet Max Strauß um 19 Uhr mit einem Flug der Thai Airways, aus Paris kommend, in Bangkok. Ihn begleitet ein "Freund aus Toulouse", wie er in einem Fax schreibt. Strauß trifft sich mit Pitak Intrawityanunt, den der "Nord Sud Export" in seinem Artikel einen "Sonderberater des thailändischen Kabinetts" genannt hat. Fortan hält er Kontakt zu dem Sonderberater. Man trifft sich. Man telefoniert zu jeder Tages- und Nachtzeit.
Im Jahr 1990 ordert Thailand die Maschinen. Unter der Vertragsnummer AI/CC-L-2035-5/90 hat die IAL einen Provisionsanspruch von 10,44 Millionen Dollar. In den kommenden Jahren fließen in mehreren Tranchen Gelder aus dem Geschäft wieder auf das Konto beim Schweizer Bankverein. In seinen Kalendern ordnet Schreiber die Zahlungen nicht mehr "Master" zu, sondern "Maxwell".
Am Ende ihrer Ermittlungen sind die Staatsanwälte überzeugt, dass "Master" für den Landesvater Franz Josef Strauß stand. Nach dessen Tod habe Schreiber das Konto unter dem Namen "Maxwell" auf den Junior übertragen.
Es ist eine starke Indizienkette, aber sie hat Lücken. Bis heute haben die Staatsanwälte keinen direkten Zahlungseingang von "Maxwell"-Geldern bei Max Strauß gefunden. Deshalb gehen sie von einem Treuhandverhältnis zwischen Schreiber und Strauß aus, auch wenn ein entsprechender Vertrag nicht vorliegt.
Nun muss sich Max Strauß in Augsburg gegen den Vorwurf wehren, er habe die rund 5,2 Millionen Mark des "Maxwell"-Kontos am Finanzamt vorbeigeschleust und somit Steuern hinterzogen. Sein Anwalt Wolfgang Dingfelder sagt: "Bis zur Einleitung des Ermittlungsverfahrens hatte mein Mandant keine Kenntnis von dem Konto ''Master/Maxwell''." Folglich habe er von Schreiber kein Geld erhalten.
"Master" und "Maxwell"
Nach Ansicht der Staatsanwälte war Max Strauß der einzige und letzte Empfänger von Schreibers Überweisungen. Aber es gibt noch eine andere Version. Sie stammt von Schreiber selbst. Seine Version macht aus der Affäre Strauß eine Affäre der CSU.
"Franz Josef Strauß war ''Master''." Es ist der 14. Mai 2002, der zweite Tag der Vernehmung von Karlheinz Schreiber, als dieser Satz fällt. "Ich hatte diesen Namen mit unseren Leuten abgestimmt, weil es sich ja um die CSU, wenn Sie so wollen, deren Vorsitzenden Franz Josef Strauß handelte, der der Meister war."
Schreiber sagt diese Sätze in der Residenz des deutschen Generalkonsuls in Toronto. Im Erdgeschoss sind die Jalousien zur Straßenfront heruntergelassen. Dahinter sitzt Karlheinz Schreiber im Wohnzimmer vor dem Kamin und spricht zu sechs Mitgliedern des Parteispenden-Untersuchungsausschusses. Sie sind eigens aus Berlin angereist, um den Geschäftsmann zu vernehmen. Seit 1999 lebt er in Kanada und kämpft gegen seine Auslieferung nach Deutschland. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Bestechung, Steuerhinterziehung, Beihilfe zum Betrug und Untreue vor.
Das stenografische Protokoll der zweitägigen Sitzung umfasst 257 Seiten. Es ist eine verschlungene Reise in die Welt des Karlheinz Schreiber. Sie erzählt die Lebensgeschichte vom Aufstieg des bitterarmen Buben aus dem Harz zum erfolgreichen Geschäftsmann. Ihr Thema sind die siamesischen Zwillinge Geld und Macht. Doch ihr Zentrum ist Franz Josef Strauß.
Erstmals spricht Schreiber über "Master" und "Maxwell". Seine Version deckt sich in Teilen mit den Erkenntnissen der Staatsanwälte, doch sie führt in eine ganz andere Richtung. Sie entlastet Max Strauß und beschert der CSU eine Spendenaffäre - wenn sie denn stimmt.
In den siebziger Jahren, erklärt Schreiber, sei Strauß neidisch auf die Sozis gewesen. Die hätten sich aus den Gewinnen ihrer Unternehmensbeteiligungen finanziert. Schließlich wird das Konto eröffnet, das erst "Master" und dann "Maxwell" heißt.
Die Idee war, so Schreiber, einen Geheimfonds in der Schweiz zu gründen, gespeist mit Provisionen aus Großgeschäften wie zum Beispiel Airbus-Lieferungen. Über die Jahre sollte ein millionenschwerer Kapitalstock gebildet und angelegt werden, um aus den Zinsen die CSU zu finanzieren. "Der Sinn von ''Maxwell'' ist nicht gewesen, das Geld an die CSU zum Verbraten zu schicken, sondern es sollte ein Fonds aufgebaut werden", sagt Schreiber. Dann wäre es eine Schwarzgeldkasse des Vorsitzenden Strauß gewesen.
Nach dessen Tod habe man den Kontonamen gewechselt. Doch bei "Maxwell" habe nicht der Sohn Max Pate gestanden, vielmehr sei es ein Spitzname für den Rechtsanwalt Franz Dannecker gewesen. Loyal und diskret kümmerte sich der Rechtsanwalt über Jahrzehnte um die finanziellen Interessen der CSU und ihres Vorsitzenden. Dannecker starb 1992.
Als 1995 die Ermittlungen gegen ihn begannen, sagt Schreiber, hätten er und seine Auftraggeber beschlossen, dass die Partei keine müde Mark mehr erhalten solle. "Maxwell" wurde aufgelöst, das Geld nach Liechtenstein transferiert.
Bis heute bleibt Schreiber einen Beweis für seine Version schuldig. Solche Systeme seien darauf angelegt, so der Geschäftsmann in Toronto, "dass es einen Nachweis nicht gibt". Im Wohnzimmer des Generalkonsuls nannte er die Namen der angeblich Eingeweihten. Der Kreis ist klein, zwei sind bereits tot: Franz Josef Strauß und Franz Dannecker. Der Dritte, Max Strauß, schweigt. Bleibt noch einer übrig - Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber.
Die Staatsanwaltschaft sieht keinen Anhaltspunkt für die Version. Da Max Strauß keine Kenntnis von dem "Maxwell"-Konto gehabt habe, so sein Anwalt, "hatte Herr Strauß auch keine Kenntnis von dessen Zweckbestimmung".
In Deutschland ist im Mai 2002 Wahlkampf, der Kanzlerkandidat der Union heißt Stoiber. Von Ende der siebziger Jahre bis zu dessen Tod war er der engste politische Vertraute von Franz Josef Strauß. Als Aktenträger, als Ausputzer, als Büroleiter, als Manager von Partei und Staatskanzlei.
Am 4. Juni 2002 fährt der Bundestagsuntersuchungsausschuss nach München. Im Senatssaal des bayerischen Landtags wird
Stoiber als Zeuge vernommen. Die 122. Sitzung des Gremiums dauert fünf Stunden, ihr Inhalt ist in wenigen Sätzen zusammengefasst.
"Der Justizflüchtling Schreiber ist unglaubwürdig und verfolgt ganz handfeste eigene Interessen", sagt Stoiber. Er spricht von "vagen und obskuren Behauptungen". Seine Antworten lauten: "Davon habe ich keine Kenntnis." Oder: "Ich kann damit nichts anfangen." Oder: "Das weiß ich nicht."
Zwei Affären kreuzen sich
Im März 1996 wird der Staatsanwalt Winfried Maier von München in seine Heimatstadt Augsburg versetzt. Dort übernimmt er das Verfahren gegen Schreiber.
Von Anbeginn stolpert Maier bei seinen Ermittlungen in den sichergestellten Akten und Tischkalendern des Geschäftsmanns über Namen und Eintragungen, die in der Panzeraffäre und bei den Airbus-Geschäften keinen Sinn ergeben. Was könnte beispielsweise Schreibers Eintrag vom 29. Juli 1994 bedeuten? "Maxwell: Delta Int. EST. SBV LO/234-986-1 D. 200 St. Gallen."
Ab Mai 1997 liest der Staatsanwalt in den Zeitungen über einen aufziehenden Skandal. 1992 hatte sich der französische Mineralölkonzern Elf Aquitaine verpflichtet, für 4,8 Milliarden Mark eine neue Raffinerie in Leuna zu bauen. Bei Ermittlungen stieß die Pariser Untersuchungsrichterin Eva Joly auf 256 Millionen Francs Provisionen, die der Ölkonzern auf verschlungenen Wegen im Dezember 1992 zahlte. Die Gelder gehen an zwei Vermittler - den französischen Geschäftsmann Pierre Léthier und seinen deutschen Partner Dieter Holzer. Gerüchte, Teile der Provisionen seien an die Union geflossen, blieben unbewiesen.
Maier ist von der Lektüre elektrisiert. Nun bekommt der Name Holzer ein Gesicht und einen Hintergrund. Aus den Kürzeln wird eine Bankverbindung der Firma, die in Verbindung mit "Maxwell" steht. Maier ermittelt gegen Max Strauß wegen Geldwäsche, kommt aber nicht weit. 2002 wird das Verfahren eingestellt.
Reptil Foundation
Für ausländische Staatsanwälte war die "deutsche Spur" in all den Jahren bestenfalls eine Randerscheinung; im Mittelpunkt ihrer Ermittlungen stand sie nie. Die deutsche Justiz mochte nicht zu tief im Leuna-Sumpf rühren.
So gibt es keinen Ermittlungsvermerk, der die folgenden Dokumente bewertet und einsortiert.
Die Papiere führen zu einem weiteren - bisher unbekannten - Netz von Gesellschaften, dessen Zweck darin bestand, Gelder aus großen Geschäften diskret auf ausländische Stiftungen zu leiten.
Max Strauß scheint 1989 viel unterwegs zu sein. Er ist in München und in Paris, er reist nach Bangkok. Er ist in Kontakt mit dem damaligen thailändischen Sonderberater Pitak Intrawityanunt. Wenn er das Thailand-Geschäft von Airbus befördert haben sollte, wie die Staatsanwaltschaft annimmt, mit wessen Unterstützung?
Am 24. Juli 1989 reist er nach Vaduz. Sein Ziel ist die Treuhandgesellschaft Strub. An jenem Montag wird dort ein diskretes deutsch-französisches Gemeinschaftsprojekt ins Leben gerufen, das bis heute verborgen blieb. Am Tisch in Strubs Büro sitzen fünf Männer. Einer ist Strub, einer Max Strauß. Auch der Geschäftsmann Dieter Holzer ist dabei, seit Jahren ein Freund des Hauses Strauß, der über beste Kontakte nicht nur in die deutsche und französische Politik verfügt.
Der vierte Teilnehmer, Pierre Léthier, diente jahrelang als ranghoher Offizier im französischen Auslandsgeheimdienst DGSE. 1988 scheidet er aus, um als Berater französischer Firmen, auch aus dem Rüstungsbereich, zu arbeiten. Zu seinen Kunden gehört der Airbus-Anteilseigner Aérospatiale. Jean-Yves Ollivier, ein geheimnisumwitterter Geschäftsmann aus Frankreich mit besten Kontakten in die Politik, ist Teilnehmer Nummer fünf.
Der Treuhänder Werner Strub macht einen Vermerk über die Besprechung. In seinem Büro wurde 1987 die Delta International Establishment gegründet, die er seitdem verwaltet. Jede Zeile von Strubs Bericht weist auf die ungesunde Mischung hin, die das Fundament aller großen Affären bildet - Politik, Geld und Geschäft:
"RA Strauß ist als Berater von Herrn Holzer anwesend. Bei den Herren von Paris soll es sich, gemäß Hr. Holzer, um sehr einflussreiche Persönlichkeiten handeln; M. Léthier sei der persönliche Berater von M. Mitterrand."
Das Projekt seiner Besucher skizziert der Treuhänder mit wenigen Worten: "Es handelt sich darum, eine Struktur zu finden für den Eingang und die Verteilung von größeren Beträgen im Zusammenhang mit Großaufträgen (Airbus etc.)." Er entwirft eine Firmenkonstruktion, um diskret Geldzahlungen entgegennehmen zu können. Im Mittelpunkt steht die "Frager Anstalt". Daneben werden zwei Stiftungen gegründet; je eine für die französische und deutsche Seite.
Die Gelder fließen zuerst in die Frager Anstalt. Von dort gehen sie "je zur Hälfte an die Stiftung von Herrn Holzer bzw. der Herren Léthier und Ollivier".
Noch am gleichen Tag unterschreibt Dieter Holzer einen Mandatsvertrag mit Werner Strub für eine Stiftung, deren Name nicht beziehungsreicher sein könnte - "Reptil Foundation". Vielleicht ist es nur Zufall, dass er sich an Bismarcks Reptilienfonds anlehnt; jener schwarzen Kasse, gefüllt mit dem Privatvermögen des letzten Welfenkönigs, aus der der Reichskanzler heimlich seine Politik finanzierte.
Es ist der letzte Absatz der Besprechungsnotiz vom 24. Juli 1989, der zwischen den Affären, die Deutschland in den vergangenen Jahren bewegten, eine neue
Verbindung herstellt und zur Rolle von Max Strauß neue Fragen aufwirft: "Für die Stiftung von Herrn Holzer ist der Mandatsvertrag unterzeichnet worden", notiert Strub. "Er enthält das Weisungsrecht von RA Strauß." Also erhielt Max Strauß 1989 offensichtlich nicht nur weit gehenden Einblick in die Reptil Foundation, er konnte anscheinend Strub Anweisungen geben, Gelder anzulegen, abzuheben oder zu transferieren.
Neun Monate nach dem Tod von Franz Josef Strauß erhielt sein Sohn damit offenbar ein Weisungsrecht für eine Stiftung, deren einzige Aufgabe die Entgegennahme und Verteilung von Geldern aus Großaufträgen von Unternehmen wie Airbus war. Die Frage ist, welche Rolle er tatsächlich gespielt hat. Verschiedene Möglichkeiten sind denkbar:
* Strauß, damals 30-jähriger Rechtsanwalt, war der Berater des international tätigen Geschäftsmanns Dieter Holzer.
* Er war an den geplanten Geschäften rund um das Konstrukt der Frager Anstalt beteiligt und vertrat eigene Interessen.
* Er vertrat bei der Besprechung eine dritte Partei. Ihm wäre die Rolle zugefallen, die Stiftung, deren Gründer Holzer war, zu kontrollieren.
Selbst die Möglichkeit, dass Holzer nur als "treuhänderischer Gründer" aufgetreten sein könnte, ist nach Liechtensteinischem Recht möglich.
Auf Grund seiner Erkrankung und dem damit verbundenen Klinikaufenthalt, so Rechtsanwalt Dingfelder, sei die Kommunikation mit seinem Mandanten nur eingeschränkt möglich. Nach Rücksprache mit ihm erklärt er: "Herr Strauß hat Herrn Holzer im Rahmen eines Mandatsverhältnisses anwaltlich beraten."
Ob, aus welchem Grund und wie lange der Rechtsanwalt Strauß ein Weisungsrecht für die Reptil Foundation besaß, könne Strauß wegen seiner anwaltlichen Schweigepflicht nicht beantworten. Zugleich stellt Dingfelder fest: "Herr Strauß hat zu keinem Zeitpunkt irgendein Weisungsrecht ausgeübt."
Aus welchen Geschäften die Frager Anstalt - und damit die Reptil Foundation - ihr Geld bezogen hat, lässt sich nicht rekonstruieren. Es gibt nur vage Indizien, wie die Erwähnung von Airbus in dem Besprechungsvermerk von Strub.
Fest steht, dass die Frager Anstalt viel Geld erhielt. Bis April 1992 fließen mindestens 65 Millionen Francs von der Frager Anstalt zur Reptil Foundation.
"Von irgendwelchen Geldflüssen hatte und hat mein Mandant im Übrigen keine Kenntnis", sagt Dingfelder.
"Freunde der Partei"
Für wen waren die Gelder bestimmt? Die Unterlagen zur Reptil Foundation sind unvollständig. Vermerke, Briefe und Kontounterlagen bleiben Fragmente und führen in Holzers Finanzsystem. Vermerke weisen die Gelder als Vermögen der Holzers aus. Es existieren aber auch Papiere, die sich anders deuten lassen. Sie zeichnen ein Bild der Reptil Foundation, das an Schreibers Erklärungen zu "Master" und "Maxwell" erinnert.
In der Stiftung wird ein konstantes Vermögen von 15 Millionen Mark verwaltet. Der Überschuss wird auf ein Konto von Holzer überwiesen; allerdings wird das Geld der Reptil Foundation kurzerhand umgewidmet in Geld seiner Handelsfirma Delta International. Das Vorgehen wirkt suspekt. Am Ende steht jedoch Holzer als Empfänger.
Doch es gibt Indizien, dass möglicherweise nicht er allein von der Stiftung profitierte. Man muss die Passage "Ver-
gütungen z.L der Reptil an Hr. H., DSL Bank Luxembourg" aus dem Vermerk von Werner Strub über ein Gespräch mit Holzer am 9. April 1992 in voller Länge zitieren, um ihre Tragweite zu erkennen:
"Nach nochmaliger Besprechung dieses Anliegens legt Hr. H. Wert darauf, dass vierteljährlich die Vermögensbewertung gemacht wird, um dann den Betrag zu überweisen, der 15 Mio. DM übersteigt. Wenn ich die Äußerung von Herrn H. richtig interpretiere, sind Freunde der Partei am Vermögen/Ertrag der Reptil beteiligt. Dies war auch der Grund der übermäßigen Reaktion von Herrn H. im Zus. mit der falschen Performance-Mitteilung (die er eben seinen Freunden weiterleitete)."
"Freunde der Partei" - wen könnte Strub gemeint haben? Die CDU oder Politiker dieser Partei, deren Mitglied Holzer seit den sechziger Jahren ist? Politiker der CSU, deren Mitglied Max Strauß ist? Meint es im juristischen Sinn Personen, die an der Reptil Foundation beteiligt waren?
Zehn Jahre nach der Niederschrift ist die Rekonstruktion schwierig, und doch sind die Antworten, die Holzer und Strub gegeben haben, interessant. Seit Jahren ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Liechtensteins gegen den Geschäftsmann und seinen Treuhänder. Es geht unter anderem um den Verdacht der Geldwäsche im Zusammenhang mit der Elf-Affäre und dem Leuna-Geschäft.
Wegen ihres Ermittlungsauftrags haben die Staatsanwälte andere Geschäfte nicht zu interessieren. Dennoch fragen sie auch nach den "Freunden der Partei" und Max Strauß. "Diesen kenne ich persönlich", sagt Strub in seiner Vernehmung am 24. Juli 2002 in Vaduz, "er hat aber nichts zu tun mit dem hier zur Diskussion stehenden Sachverhalt."
Zu den "Freunden der Partei" sagt Strub: "Holzer hat dazu erklärt, ich hätte seine Erklärung falsch interpretiert. Ich
habe es so niedergeschrieben, wie ich
glaubte, es von Holzer gehört zu haben."
Allerdings könne er sich nicht mehr erinnern, was damit gemeint gewesen sei. Zudem behauptet er, von der Reptil Foundation sei kein Geld an Dritte geflossen.
Als Holzer am 6. Februar 2002 mit der Aktennotiz konfrontiert wird, erklärt er: "Dieser Vermerk hat nichts mit der Leuna-Sache zu tun, da er von einem Zeitpunkt stammt, in welchem ich mit Leuna noch nichts zu tun hatte. Ich kann auch nicht sagen, was mit dem Begriff Partei gemeint ist." Und: "Ich habe nie Gesellschaften oder Konten im eigenen Namen, aber wirtschaftlich für Drittpersonen geführt."
Eine Zwischenbilanz könnte so aussehen:
In Liechtenstein tüftelt Dieter Holzer 1989 im Beisein von Max Strauß mit französischen Geschäftspartnern eine Stiftungsstruktur "für den Eingang und die Verteilung von größeren Beträgen im Zusammenhang mit Großaufträgen" aus. Namentlich wird Airbus erwähnt.
Max Strauß befördert zur gleichen Zeit nach Ansicht der Ermittler Airbus-Geschäfte in Thailand. In seinen Memos an den thailändischen Sonderberater taucht der Name Airbus nicht auf, doch es ist davon die Rede, dass er die "französischen Probleme geklärt habe". Er ist unterwegs mit einem "Freund aus Toulouse" - dem Stammsitz von Airbus -, dessen Identität niemand kennt.
Pierre Léthier will nach eigenem Bekunden von Ende der achtziger Jahre bis Ende 1992 als Berater für den französischen Luftfahrtkonzern Aérospatiale in Deutschland aktiv gewesen sein. 2000 schreibt er in einer Verteidigungsschrift: "Heute betrachte ich dies als meine bei weitem beste berufliche Leistung."
Bei der Gründung der Reptil Foundation 1989 durch Dieter Holzer erhält Max Strauß, laut einem Vermerk, ein Weisungsrecht eingeräumt.
Schöne Bescherung
Wenn man den weiteren Weg der Reptil-Gelder verfolgen will, dann muss man sich zunächst für eine Weile von Max Strauß entfernen. Denn das Schicksal der Reptil Foundation ist mit dem zweiten Skandal verbunden, der in den vergangenen Jahren die Republik bewegte - der Leuna-Affäre.
Es gehört zu den Auffälligkeiten der Affären der vergangenen Jahre, dass sich nicht nur das Personal überschneidet. Auch die Strukturen ähneln sich. Und so entsteht in Liechtenstein neben der Reptil Foundation ein weiterer Fonds, als die Leuna-Gelder fließen.
Im Zentrum dieser Affäre stehen wieder Dieter Holzer und Pierre Léthier. Insgesamt 256 Millionen Francs an Provisionen hatten sie bei der Privatisierung der ostdeutschen Ölraffinerie Leuna an den französischen Mineralölkonzern Elf Aquitaine kassiert. Seit Jahren wird das Geschäft mit unbewiesenen Gerüchten der Parteienfinanzierung in Verbindung gebracht.
Holzer und Léthier sagen bis heute, nur durch ihre vielfältige und aufreibende Lobbyarbeit sei das Projekt überhaupt realisiert worden. Die französische Justiz glaubt ihnen nicht. Sie geht davon aus, dass den Millionenhonoraren keine entsprechende Vermittlertätigkeit gegenüberstand. Im November verurteilte ein Pariser Gericht die beiden Lobbyisten zu 15 Monaten Haft ohne Bewährung. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, das Berufungsverfahren läuft.
An Weihnachten 1992 gehen die Leuna-Provisionen in Höhe von rund 256 Millionen Francs an eine Liechtensteiner Briefkastenfirma, die augenscheinlich die gleiche Funktion wie die Frager Anstalt erfüllt. Denn im Februar 1993 wird das Geld zwischen dem Deutschen und den Franzosen aufgeteilt. Die Briefkastenfirma überweist nun 152 Millionen Francs auf ein Konto von Holzers Firma Delta International bei der DSL-Bank in Luxemburg.
Am 7. April 1993 kommt schließlich die Reptil Foundation ins Spiel. Ein Restbetrag von 9,25 Millionen Francs aus dem Leuna-Honorar wird auf ihr Konto beim Schweizer Bankverein (SBV) in St. Gallen überwiesen; eine Woche später fließt es weiter auf das Luxemburger Konto der Delta International.
Noch bemerkenswerter ist, dass in den Wochen, als die Leuna-Provisionen fließen, in Vaduz ein neuer Vermögenstopf entsteht. Am 17. März 1993 gründet Strub für Holzer den "Bunch Trust", gehalten wird er von der Reptil Foundation und gespeist aus den Geldern von Elf. Am 19. Mai überweist Holzers Delta International 30 Millionen Mark von Luxemburg auf ein Konto der neuen Stiftung.
Nun gibt es also zwei Fonds in Liechtenstein, die gemeinsam verwaltet werden. Fortan befinden sich 12 Millionen Mark in der Reptil Foundation und 30 Millionen Mark im Bunch Trust. Das Gesamtvermögen von 42 Millionen Mark, das belegen Vermerke, darf nicht unterschritten werden. Die Zinsen werden als Provisionen auf ein Konto der Delta überwiesen.
Nur die Namen der Fonds ändern sich im Laufe der Jahre. Im September 1994 wird aus der Reptil Foundation die Stiftung "Carrefour", der Bunch Trust mutiert zum "Euro Alliance Trust".
Als im Mai 1997 die Leuna-Affäre beginnt, wird die Carrefour-Stiftung gelöscht. Treuhänder Strub empfiehlt Holzer "die Gründung einer neuen Stiftung zur Übernahme dieser Funktion - mit dem entscheidend en Vorteil, dass diese neue Stiftung in keinerlei Geschäfte, Konventionen etc. verwickelt ist".
Am 7. Mai wird die "Tusy-Stiftung" gegründet. Am 25. Juni 1997 wird das Vermögen der Euro Alliance auf die neue Stiftung übertragen. In der Anweisung an die Bank heißt es: "Dabei dürfen auf den Belegen weder Begünstigter noch der Auftraggeber aufgeführt werden."
Schließlich kommt das Geld selbst in Bewegung. Am 19. September ermächtigt die Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungsrichter des Elf-Verfahrens, der deutschen Spur nachzugehen. "H. gibt den Auftrag", notiert Werner Strub am 3. Oktober 1997, "sofort den Gegenwert von 20 Mio. in US$ wie folgt zu transferieren ... Konto: ABN-Amro Bank, Beirut-Libanon."
Tatsächlich fließen schließlich rund 40 Millionen Mark über Umweg e auf ein Konto der Delta International bei der ABN Amro Bank im Libanon.
Ab da verschwinden die Gelder aus dem Sichtfeld der Ermittler.
Bei seiner Vernehmung in Vaduz im Februar 2002 sagt Holzer: "Das Geld wurde nur Amro Beirut geschickt. Dort ist das Geld bis heute geblieben auf dem Konto der Delta bei der Amro. Ich muss präzisieren, dass noch Vermögenswerte in der entsprechenden Höhe vorhanden sind, nicht aber der genaue Geldbetrag." Der Geschäftsmann weiter: "Es handelt sich bei diesem Betrag um den normalen Grundstock der Delta zur Finanzierung der diversen Geschäfte."
Doch warum wurde die Frager Anstalt nicht für die Abwicklung benutzt? Schließlich hatten Holzer und Léthier bereits 1989 im Beisein von Max Strauß dieses Konstrukt aufgebaut, um aus solchen Großprojekten Provisionen entgegenzunehmen und zwischen Deutschen und Franzosen zu verteilen. Stattdessen wird die Frager Anstalt spätestens Anfang 1993 liquidiert.
Reden oder schweigen?
Auch die Dokumente zur Reptil Foundation bieten keine abschließenden Antworten auf die offenen Fragen der Polit-Affären der vergangenen Jahre. Doch sie stellen sich erneut: War Politik in Deutschland käuflich? Flossen bei Geschäften Gelder in die Kassen von Politikern oder Parteien?
In den Ermittlungen, auf die sich die Anklageschrift gegen Max Strauß stützt, haben die Skandale ihre Spuren hinterlassen. Und kaum jemand zweifelt, dass Strauß junior manche Antwort geben könnte.
Tatsächlich könnte der Prozess all die unbewältigten Skandale noch einmal öffentlich aufwühlen. Mehr als 20 Zeugen sind geladen, der ehemalige CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep ebenso wie der Lobbyist Dieter Holzer.
Max Strauß hat immer seine Unschuld beteuert. Seine Geschwister glauben ihm. Es ist eine Frage der Familienehre. Wie der Vater zu Lebzeiten haben auch die Kinder die gleichen Schuldigen für die Vorwürfe gegen einen Strauß und damit die seelische Zerrüttung von Max ausgemacht - die Justiz, die Medien, die politischen Gegner innerhalb und außerhalb der Partei.
"Nicht der Druck des Prozesses war entscheidend", sagt seine Schwester Monika Hohlmeier. "Die jahrelangen Vorverurteilungen haben ihn zermürbt und auch immer mehr isoliert."
Sie muss das sagen. Sie will ihren Bruder schützen. Und sie muss ihren Vater verteidigen. Denn sie trägt sein politisches Erbe; das Amt der bayerischen Kultusministerin ist nicht das Ende ihrer Möglichkeiten.
Die CSU erklärt die Anklage zur Privatsache Max Strauß. Sie spricht von "eindeutigen Ermittlungsergebnissen der Augsburger Staatsanwaltschaft".
Die CSU muss das sagen. Jede andere Deutung würde die Partei in die Nähe eines Parteispendenskandals bringen. Denn dann wäre zu fragen, ob der verstorbene Vorsitzende Franz Josef Strauß nicht doch industrielle Geschäfte genutzt haben könnte, um heimlich die CSU zu finanzieren. Und was weiß in diesem Fall der amtierende Ministerpräsident Edmund Stoiber?
Reden oder schweigen? Die Familie und die Anwälte vermitteln den Eindruck, als würde die Entscheidung vielleicht nicht mehr im Ermessen von Max Strauß liegen. "Es gibt konkrete Anhaltspunkte", erklärt sein Anwalt, "dass Herr Strauß spätestens ab 1996 in seiner persönlichen Struktur in Schieflage gekommen sein könnte."
Erklären ihn Gutachter zum geistig Verwirrten, muss er nicht vor Gericht über die eigenen Geschäfte, die des Vaters und die möglichen Verbindungen zur CSU aussagen. Doch es wäre die denkbar höchste Strafe: die Zukunft eines Mannes im Tausch gegen die Last der Vergangenheit einer Familie und einer Partei.
Max Josef Strauß ist 44 Jahre jung und das Relikt einer Ära, die offiziell längst für beendet erklärt wurde.
1995 sagte der Sohn einmal, er habe erst nach dem Tod des Vater dessen ganze Dimension begriffen. Nun droht sie ihn zu erdrücken. MARKUS DETTMER
* Im Juni 2003 beim CSU-Bezirksparteitag in München. * Oben: Franz Georg, Monika, Franz Josef, Marianne und Max Strauß; unten: in Mexico City, 1982. * Mit Theo Waigel (2. v. l.), Günter Mittag (2. v. r.) am 15. März 1987 in Leipzig. * Bei der Anhörung des Untersuchungsausschusses am 14. Mai 2002 in der Residenz des deutschen Generalkonsuls in Toronto. * Am 28. April 2003 in Paris. * Am 6. September 2000 in London. * Vor dem Schreiber-Untersuchungsausschuss am 20. Juni 2002 in München. * Am Freitag vergangener Woche in München.
Von Markus Dettmer

DER SPIEGEL 4/2004
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