19.01.2004

SEXUALITÄTDas große Wackeln

Das Gesäß ist eine Großmacht im Reich der Sinne. Eine Bremer Kulturwissenschaftlerin hat jetzt die rätselhafte Erotik des oft verkannten Körperteils ergründet.
Hat man je einen Hintern gesehen, den züchtig ein Feigenblatt bedeckte? Niemals. Im Gegenteil: Die Kunstgeschichte ist voll von nackigen Apfelbäckchen und kolossalen Prachtgesäßen, die dem Betrachter ungeniert entgegenblinken. Maler wie Bildhauer übertrafen einander an Dreistigkeit, und selten sparten sie am Speck.
Wie anders dagegen das Schamdreieck, der anerkannte Hort der Brisanz: stets peinlich verschleiert oder weggedreht. Die betörendsten Hinterbacken aber werden offen dargetan, als wäre da weiter nichts dabei. Ist das nicht verdächtig?
Ein Fall für die Kulturwissenschaft, wie es scheint. Ingelore Ebberfeld, Privatdozentin an der Uni Bremen, hat sich des Widerspruchs angenommen. Ihr Befund: Die Arglosigkeit in Sachen Podex ist nur gespielt, und alle wissen Bescheid. In Wahrheit, meint Ebberfeld, ist speziell der Frauenhintern bis heute "ein mächtiger sexueller Stimulus für den Mann". Und was verheißt er? Geradewegs den Beischlaf - wenn nicht gar den von hinten.
In der Zeitschrift "Sexualmedizin" berichtet Ebberfeld von ihren Studien. Allerhand Beispiele zeigen, wie triumphal das Hinterteil bis heute durch Mode, Werbung und Kino paradiert. Jüngste Traumgestalt: das Gesäß des Popstars Jennifer Lopez, eine Erscheinung von vollendeter Halbkugeligkeit. Schauspielerkollege George Clooney lästerte bekanntlich, er habe "beinahe mal ein Glas darauf abgestellt".
Auch die Frauen früherer Zeiten wussten, wie man mit einer schönen Rückpartie auftrumpft. Ihre Mittel reichten von einer Plustermode namens "cul de Paris", die um 1880 mit Gesäßpolstern einen gewaltigen Fettsteiß vortäuschte, bis hin zum aufreizenden Wiegeschritt der Maori-Frauen auf Neuseeland, den die Mutter der Tochter beibrachte. Sein Name: "onioni", zu Deutsch "bumsen".
Der zeitgenössische Hintern lebt nicht minder prominent. Hautenge Hosen und hochhackige Schuhe tun das ihre. Und was die Frau von heute am Strand und zum Sport trägt, ist so knapp bemessen, dass es andauernd verrutscht, zurechtgezupft werden muss und so noch stärker den Blick herbeilenkt aufs große Wackeln.
Wo es gilt, den Mann ohne Umschweife aufzustacheln, da wird am deutlichsten, was wirklich zählt: Ist nicht der Striptease wie auch der Table-Dance, so fragt die Bremer Forscherin, vor allem eine Feier der Hinterbacken, vollzogen durch unermüdliches Rotieren und Recken?
So spaziert Ebberfeld durch die Weltgeschichte der "Gesäßinszenierung". Nebenher klärt sie dabei auch das Zentralgeheimnis des wirkmächtigen Speckgewölbes: Woher die Unbefangenheit beim Herzeigen? Selbst die Brustwarzen werden ja weit skrupelhafter verwahrt. Zwei Hauptvorzüge des Hinterns hat die Forscherin erkannt: Er ist frei von der heiklen Eindeutigkeit der Geschlechtsorgane. Und vor allem: Er sitzt hinten.
Die Männer haben gelernt, einer Frau tapfer in die Augen zu stieren - auch, wenn sich darunter ein Ausschnitt von bestürzender Weitherzigkeit regt. Kaum dreht aber die Frau sich um und schreitet davon, ist es vorbei mit der Zivilisation. Wer wäre stark genug, dem unergründlichen Schaukeln, Wallen und Wogen nicht unbemerkt hinterherzusinnieren!
Die Frau, zum Glück für beide, hat hinten keine Augen. Der Mann darf brünstig plieren - die Betrachtete wiederum muss sich nicht sittsam empören und ist frei im Ausspielen ihrer Reize: "Die Betrachtung des Hinterteils", sagt Ebberfeld, "wird nicht kontrolliert."
Je schärfer also die Regeln für den Blick auf Scham und Brüste, desto gemütlicher geht es offenbar rückwärtig zu. Der Hintern ist das niedrigschwellige Angebot an die ganz gewöhnliche Lüsternheit: Hier bin ich Tier, hier darf ich''s sein.
Schließlich: Worauf gründet sich der ganze Zauber des Steißspecks? Es genüge ein Blick auf "die archaische Begattungsweise" unserer Vorfahren, meint Ebberfeld. Der Affe erklimme sein Weib zumeist von hinten, schreibt die Forscherin, "wobei nicht selten das weibliche Tier das männliche mit dem Hinterteil lockt". Das war eine Welt, in der man noch auf Augenhöhe mit dem Gesäß lebte.
Wie es weiterging, ist bekannt: Die Menschen erhoben sich auf die Hinterbeine, drehten einander die Vorderseiten zu und regelten gesittet den Blickverkehr. Die Kopulation von hinten verfiel einer gewissen Degoutanz, das geliebte Schnüffeln am fremden Hinterteil ebenfalls. Verstohlenes Schielen muss seither genügen.
Unter besondere Ächtung kam eine Gepflogenheit, die am deutlichsten vom alten Tier herrührt: Anilingus, der Kuss auf den Darmausgang, gilt seit dem Mittelalter als Ausgeburt des Diabolischen. Der Teufel selbst, hieß es, verlange diesen Kuss von seinen Jüngern.
Auch sonst hat der Homo sapiens alles getan, die animalische Herkunft seiner Hinternliebe zu verschleiern. Bald wollte ihm nicht einmal mehr einleuchten, warum gerade das weibliche Gesäß überhaupt so anziehend gestaltet ist. Forscher ersannen immer neue Theorien - für Ebberfeld eine abwegiger als die andere.
Der Ethnologe Hans Peter Duerr etwa sieht den Speck an Brust und Po als Signal für die Ausdauer der Gebärerin: Sieh her, ich habe das Zeug, Kinder auszutragen und zu nähren. Aber strebt das Menschenmännchen wirklich zunächst nach Kindern und dann erst nach Sex?
Am weitesten verrannte sich ein polnischer Forscher: Die Evolution, so wähnte er, habe die ausladenden Speckmassen erfunden als Gegengewicht für den Bauch der Schwangeren (damit die Frauen nicht nach vorn fallen).
Anatomisch lag der Mann nicht ganz daneben. In der Tat waren es die Gesäßmuskeln, kraft derer der Urahn des Menschen sich allmählich
vom Boden erhob. Und sie wurden dabei immer stärker. Kein Tier kann da mithalten, wie schon der Franzose Jean-Luc Hennig in seinem Standardwerk "Der Hintern" von 1995 erkannt hat: "Einzig der menschlichen Gattung sind zwei als Halbkugeln beschaffene, aus dem Körper hervorragende Pobacken zu Eigen."
Was deren Gestalt angeht, so hat jeder Mann seine Vorlieben, verteilt zwischen den Polen Apfel und Birne. Frühere Zeiten schrieben ungescheut ganzen Völkerschaften deren jeweilige Lieblingsform zu. Eine Auswahl präsentierte 1912 der Ethnologe Jean Wegeli in seiner Abhandlung "Das Gesäß im Völkergedanken". Der Japaner etwa, so steht es dort, sei eher dem kindlich kleinen Bäckchenpaar zugetan. Der Perser hingegen liebe gerade die dicken Frauen mit einem Hintern wie "der aufgehende Vollmond".
Während also die breitere Japanerin sich immerhin zum Perser retten könnte, gibt es anders herum kaum eine Varianz. Frauen in aller Welt, da ist sich die Forschung einig, wollen am Mann offenbar immer den gleichen Hinterbau: Klein, rund und fest soll er sein. In den Worten des Fachmagazins "Fit for fun": Ideal ist der "Arsch zum Nüsseknacken". Mit dem Hintern, von dem die Frauen träumen, wird sich vielleicht die nächste Studie von Ingelore Ebberfeld befassen. Denn noch ist viel zu tun. Als die Kulturwissenschaftlerin anfing, blickte sie auf ein unbestelltes Feld. Es gibt kaum Arbeiten über den Po, ganz als sei das bisschen Sitzfleisch keinen Forscherfleiß wert.
Ebberfeld aber ist geübt im Ergründen des Verkannten. 1998 trat sie mit einer Studie zur Macht der Körpergerüche auf den Plan. Bei 432 Menschen holte sie dafür Auskünfte ein über deren Erleben beim Schnüffeln und Schlecken. Als nächstes nahm Ebberfeld sich den Kuss vor, und schon war er seiner Unschuld beraubt. Speziell der Mundkuss wurde bis dahin gern zum Muster der Sittsamkeit erhöht. Forscher sahen ihn - anders als den eher verachteten Genitalkuss - als ein Kind bestenfalls harmloser Triebe. Für die einen war er eine "abgeleitete Fütterungshandlung", für die anderen eine Reminiszenz an das Saugen an der Mutterbrust.
Ebberfeld dagegen erklärte das Geschnäbel ungerührt als halbe Vorwegnahme des Geschlechtsakts. In ihrem viel gelobten Buch "Küss mich" führt sie den Kuss auf sein Herkommen aus der Tierwelt zurück: Er leite sich, sagt sie, von der Anbahnung der Kopulation her, vom allseitigen Schnüffeln und Belecken also - wiederum vornehmlich des Hinterns.
Gerade dieser Körperteil aber geriet, als der Mensch sich aufrichtete, leider außer Reichweite. Seither müssen die Zweibeiner wechselweise mit ihren Mündern vorlieb nehmen - nicht ohne verstohlen nach unten zu lugen, wo die verlorene Herrlichkeit zu Hause ist. So führt, wie es scheint, alles Sehnen auf das Gesäß zurück: das Inbild des auf ewig Entrückten. MANFRED DWORSCHAK
* Ölgemälde: "Urteil des Paris" von Peter Paul Rubens (1577 bis 1640).
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 4/2004
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