26.01.2004

Das Phantom von Dimona

In Jerusalem gilt das Thema immer noch als Staatsgeheimnis, aber Experten weltweit sind sich einig: Israel besitzt als einziger Staat im Nahen Osten Atombomben. Die „Operation Samson“ war ein Triumph ehrgeiziger Politiker, Wissenschaftler und Spione - mit dramatischen Folgen. Von Erich Follath
Wer eine Geschichte über Israels geheimes Atompotenzial und seine abenteuerlichen Geburtswehen recherchiert, wird an drei Figuren nicht vorbeikommen: an Schimon dem Friedensbewegten (Politiker), an Rafi dem Skrupellosen (Spion) und an Mordechai dem Zweifler (Wissenschaftler).
Der Erste hat 1994 den Friedensnobelpreis bekommen und bewegt sich seit über 50 Jahren in den Spitzenkreisen des israelischen Establishments. Der Zweite brachte es innerhalb der Geheimdienste zu hohen Ehren, fiel aber Mitte der achtziger Jahre wegen zweifelhafter Aktionen aus der Gunst der Regierenden. Der Dritte sitzt seit über 17 Jahren in einem Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Aschkelon - als israelischer Landesverräter.
Die Karrieren von Schimon Peres, 80, von Rafi Eitan, 77, und Mordechai Vanunu, 49, spiegeln zentrale Etappen in der Geschichte des Judenstaats wider - seiner Erfolge, seiner Niederlagen, seiner Zerrissenheit. Und rühren immer wieder an ein Tabu, das offiziell bis heute gilt und erst nach und nach von unabhängigen Historikern und Journalisten aufgebrochen wird*.
Schimon Peres aus dem Schtetl von Wiszniewo, im heutigen Weißrussland gelegen, kommt als Elfjähriger mit seiner Familie nach Palästina. Er schließt sich als junger Mann in britischen Mandatszeiten der jüdischen Untergrundarmee Haganah
an, setzt aber immer eher auf Verhand-
lungen als auf Terror gegen die Besatzer. Gemäßigt und ehrgeizig, dabei aber ein glühender Patriot, macht er schnell Karriere und wird schon 1953 Generaldirektor des Verteidigungsministeriums - die Nummer zwei in Israels Sicherheitsfragen, unterstellt nur David Ben-Gurion.
Der legendäre Regierungschef und Staatsgründer ist besessen von der Angst, der Holocaust könnte sich wiederholen, geprägt von dem Alptraum, die Juden würden diesmal von fanatischen Arabern an den Rand der Ausrottung getrieben. Ben-Gurion sucht eine Waffe gegen die Hilflosigkeit, die auch wirkt, wenn der Feind übermächtig scheint: "Nie wieder lassen wir uns wie Lämmer zur Schlachtbank führen." Er begeistert sich für moderne Technologien und liest alles über die Möglichkeiten der Kernspaltung; er will die Atombombe. "Was die drei Juden Einstein, Oppenheimer und Teller für die Amerikaner getan haben, könnten jüdische Wissenschaftler doch auch für ihr eigenes Volk tun", schreibt er 1956 in einem Brief an einen Freund.
Ben-Gurion beauftragt nun Schimon Peres, alles zu tun, um diesen Traum zu verwirklichen, das ultimative zionistische Projekt. Für mögliche Ängste der Palästinenser, die ja schon Jahrhunderte in dem "Land ohne Volk" leben und massenweise aus der Heimat vertrieben werden, fehlen Ben-Gurion die Antennen.
So streng geheim ist das Unternehmen, dass der Name Peres nirgendwo in einem der staatlichen Atomkomitees oder deren Veröffentlichungen auftaucht; nicht einmal andere Kabinettsmitglieder wissen von der klandestinen "Operation Samson", benannt nach dem sagenumwobenen israelitischen Supermann und Philister-Schreck aus biblischen Zeiten.
Peres macht sich keine Illusionen, dass eine der damals drei Atommächte die Technologie an den Judenstaat weitergeben wird. Die Sowjetunion und auch Großbritannien kommen kaum in Frage. Aber auch die USA erklären sich nur zur Lieferung eines winzigen Reaktors zur Energiegewinnung bereit - und warnen die Israelis vor nuklearen Ambitionen.
Peres erkennt anderswo die Gunst der Stunde. Er wendet sich an Paris; Frankreich beginnt in jenen Tagen sein Atomwaffenprogramm zu entwickeln und hat im Herbst 1956 aus strategischen Überlegungen nichts dagegen, den Israelis im Tauschgeschäft gegen Geheimdienstinformationen und wissenschaftliche Hilfe unter die Arme zu greifen. Beim Kampf gegen arabische Großmachtträume haben Paris und Tel Aviv die gleichen Interessen. In einer abgestimmten Kampagne stürmen britische, französische und israelische Streitkräfte den Suez-Kanal und die Sinai-Halbinsel. Ein dankbarer Premier Guy Mollet verspricht Peres Anfang 1957 in einem Geheimabkommen das Know-how für einen großen Reaktor in der Negev-Wüste bei Dimona. Er taugt zur Produktion von Plutonium - dem Stoff, aus dem die Bomben sind.
Als die offizielle israelische Atomenergiekommission dann zum ersten Mal die Baupläne für Dimona sieht, kommt es zu erregten Diskussionen. Sechs von sieben Wissenschaftlern treten von ihren Ämtern zurück. Ihnen ist klar, dass damit Israels Weg zur Atommacht vorgezeichnet ist; von "wahnsinnig" bis "abenteuerlich riskant" reichen ihre Kommentare. Doch auch die Ausgeschiedenen werden unter Strafandrohung zum Schweigen verpflichtet. Die Welt soll nicht wissen, was in dem abgelegenen Wüstenkaff, 30 Kilometer südöstlich von Beerscheba, vor sich geht. Nach offizieller Lesart entsteht dort eine "Textilfabrik".
Peres wird von Ben-Gurion mit Lob überschüttet. Aber man darf vermuten, dass der von Eitelkeit gezeichnete Politiker dennoch leidet - er kann seine diplomatische Meisterleistung als "Vater der Bombe" nicht publik machen. Und der Zwang, über Jahre im Verborgenen mit einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, Polit-Strategen und Geheimdienstlern zu dealen, entfremdet ihn dem militärischen Establishment. Peres, der "ungediente" Zivilist, erfährt als Verteidigungsminister nie den Respekt der Generäle, die Anerkennung der Truppe. Auch die israelischen Wähler, die ihm an der Urne eine Abfuhr nach der anderen erteilen, scheinen irgendwie zu spüren, dass dieser Mann ihnen - aus welch guten Gründen und mit welch Bauchschmerzen auch immer - öfter die Unwahrheit erzählt.
Da ist Rafi Eitan anders: Er hat keine Mühe mit dem Lügen, Tarnen und Täuschen, es ist sozusagen sein Lebenselixier. Schon im Kampf gegen die Briten fälscht er Papiere und kämpft mit brutaler Entschlossenheit an der Spitze der "Palmach"-Stoßtruppen im Untergrund, dann in Israels Unabhängigkeitskrieg gegen die Araber. Anfang der fünfziger Jahre heuert der in einem Kibbuz Aufgewachsene beim Geheimdienst des neuen Staates an.
Äußerlich ist er alles andere als ein James Bond: klein, kurzsichtig, mit einem absurd großen Brustkorb und Bizeps; seit einem Bombenunfall hört er auf dem linken Ohr nichts mehr. Er gilt als hart gegenüber Freunden, als skrupellos gegenüber Feinden. Bei tollkühnen Einsätzen hinter den Linien hat er arabische Kämpfer nach eigenen Worten öfter "mit bloßen Händen erwürgt und dabei Genugtuung empfunden". Rafi Hamasriach nennen ihn die Agentenkollegen, Rafi das Ekel. Sehr respektvoll, ein wenig wohl auch von seiner Eiseskälte abgestoßen.
Eitan wird zum Helden berühmter Kommandounternehmen des Mossad. 1960 etwa ist er entscheidend beteiligt an der Entführung des Nazi-Verbrechers Adolf Eichmann aus Argentinien. Der Meisterspion lässt es sich nicht nehmen, den Delinquenten nach dessen Verurteilung durch ein israelisches Gericht zum Henker zu begleiten. "Ich hoffe, du folgst mir bald nach", sind Eichmanns letzte Worte, zu seinem Häscher gewandt.
Drei Jahre später ist Rafi Eitan wieder an einer "Verschleppung" beteiligt - doch dieses Mal geht es nicht um Personen, sondern um spaltbares Material für die Atombombe. Anders als Frankreich, das 1962 die nukleare Zusammenarbeit mit Israel endgültig aufkündigt, verfügt Israel weder über Uran-Minen in befreundeten afrikanischen Staaten und vor allem nicht über genügend hochangereicherten Stoff. Solch "heißes" Material ist nicht auf legalem Weg zu bekommen. Ein Mossad-Team streckt die Fühler aus nach geheimen Beschaffungskanälen. Sie suchen Schwachpunkte im System der internationalen Überwachung - und mögliche Sympathisanten.
Zweimal werden Rafi & Co. unter dramatischen Umständen fündig. Einmal bei einer kleinen amerikanischen Firma, die ihren Sitz in Apollo (Pennsylvania) hat und einem brillanten jungen Wissenschaftler gehört. Zalman Shapiro ist der Sohn eines orthodoxen Rabbi, der einen Teil seiner Familie im Holocaust verloren hat, ein glühender Zionist, der Israel bewundert. Seine Firma "Nuclear Materials and Equipment Corp. (Numec)" beliefert die damals schnell steigende Zahl kommerzieller Atomreaktoren. Außerdem werden in dem Werk größere Mengen hochangereicherten Urans aus Regierungsaufträgen zwischengelagert.
Dem Mossad-Team gelingt es, das kostbare Material abzuzweigen und nach Israel zu transportieren. Numec-Direktor Shapiro meldet den Verlust nicht. Es dauert Monate, bis die US-Atomenergiekommission bei Routinekontrollen feststellt, dass über 100 Kilogramm Uran verschwunden sind. Shapiro kann sich das nicht erklären, die Beweislage reicht nicht für eine Anklage.
Die Numec macht er bald darauf zu. In einem Untersuchungsbericht des amerikanischen Kongresses heißt es später kryptisch: "Möglicherweise sind durch die aktive Mithilfe eines Mannes in der Fabrik oder durch eine Gruppe, die sich eines solchen Mannes bediente, bedeutende Mengen hochangereichertes Uran beiseite geschafft worden."
Der zweite Coup des Mossad ist noch abenteuerlicher. Mit gefälschten Papieren lässt Eitan 200 Tonnen Uranoxid bei der Brüsseler "Société Générale des Mineraux" kaufen. Als Mittelsmann dient den Israelis - möglicherweise unwissentlich - der deutsche Geschäftsmann und Firmenteilhaber Herbert Schulzen mit seiner Wiesbadener "Asmara Chemie GmbH", die für den Deal 8,5 Millionen Mark als Garantiesumme auf eine Schweizer Bank einzahlt.
Als Endverbraucher wird ein Unternehmen in Italien eingetragen - das Geschäft läuft innerhalb der EWG und ist darum relativ unverdächtig. Niemand ahnt in Brüssel, dass die italienische Färbemittelfirma noch nie etwas mit Uran zu tun hatte und die Papiere nur unterzeichnet, weil sie sich lediglich als Zwischenhändler sieht, geködert mit einer Vermittlungsgebühr. Die Überwachungsbehörde Euratom genehmigt den Kauf.
Doch am Zielhafen Genua kommt die heiße Ware nie an. Top-Agent Eitan hat vorgesorgt und von einer Hamburger Reederei einen abgetakelten 1000-Tonnen-Frachter gekauft. Die "Scheersberg A" übernimmt in Antwerpen die Ladung - und verschwindet damit im Mittelmeer. Später rekonstruieren peinlich berührte Euratom-Funktionäre und Reporter die Fahrt. Irgendwo bei Zypern auf hoher See sollen die Uran-Fässer auf ein "legales" israelisches Schiff umgeladen worden sein, das die Ware nach Haifa brachte. Und von dort wurde sie nach Dimona verfrachtet, zur Fertigstellung mehrerer Atombomben. Rafi das Ekel wird zum Vizechef des Geheimdienstes befördert.
Die "Scheersberg" taucht Ende 1968 in der Südtürkei wieder auf, von der Besatzung fehlt jede Spur. Im Logbuch gibt es für die Reise ab Antwerpen keine Aufzeichnungen. Uran-Käufer Schulzen erklärt, er habe das Geschäft nur im Auftrag ausgeführt, für einen ihm unbekannten Kunden. Er fühle sich "von Geheimdiensten benutzt". War dabei der Mossad allein am Werk? Oder haben CIA und BND womöglich an der Seite Israels aktiv daran mitgewirkt, den Weg des Judenstaats zur Atommacht zu erleichtern?
Eitan hat solche Hilfe in den wenigen Fällen, als er - nach seinem Rückzug aus dem aktiven Spionagegeschäft - mit Journalisten sprach, vehement verneint. Tatsächlich hat die CIA Jahre gebraucht, um das israelische Atomprogramm zu enttarnen. Als John F. Kennedy Ende 1960 von dem wahren Zweck der "Textilfabrik" von Dimona erfuhr, zeigte er sich äußerst besorgt. Zu Beginn seiner Regierungszeit war JFK Israel zugeneigt wie kaum ein US-Präsident zuvor - "schließlich wurde ich von New Yorker Juden ins Amt gewählt, ich muss was für sie tun", sagte er Freunden -, doch noch stärker war seine Angst vor der Verbreitung von Nuklearwaffen.
Kennedy verlangte von Ben-Gurion ultimativ, Dimona von Spezialisten kontrollieren zu lassen. Der sperrte sich, erkannte jedoch, dass sich Inspektionen nicht mehr vermeiden ließen. Dem israelischen Geheimdienst gelang es, die US-Wissenschaftler bei ihren - angemeldeten - Besuchen an der Nase herumzuführen.
1967 hat Israel seine erste, primitive Atombombe zusammengebaut, was nicht einmal den Amerikanern verborgen bleibt. Bei Nachfragen speisen die Israelis das Weiße Haus mit einer bewusst schwammig gehaltenen Standardformel ab, die der diplomatische Schimon Peres öfter anwendet und die bis heute Ausdruck der offiziellen Politik ist: "Wir werden nicht die Ersten sein, die im Nahen Osten Atomwaffen einführen."
Die militärische Lage nach dem Überraschungsangriff der Ägypter und Syrer während des Jom-Kippur-Feiertags 1973 ist so verzweifelt, dass Ministerpräsidentin Golda Meïr - wie man heute aus Geheimdienstberichten weiß - ihrem Verteidigungsminister Mosche Dajan den Befehl erteilt, 13 Bomben gefechtsbereit zu machen. Die Nuklearwaffen werden zu Luftwaffeneinheiten transportiert. Für einige Tage um den 9. Oktober herum steht die Welt am Rande eines Atomkriegs.
Aber noch bevor die Waffen scharf gemacht werden, wendet sich das Blatt, Israels konventionelle Streitkräfte gewinnen die Oberhand. Die 13 Bomben wandern zurück in ihre unterirdischen Wüstenbunker.
Nichts befürchten Israels Politiker mehr, als dass ein feindliches arabisches Land nukleares Vernichtungspotenzial in die Hände bekommen könnte. Mit größter Besorgnis beobachtet Jerusalem seit den siebziger Jahren vor allem die rapiden atomaren Fortschritte des Irak. Saddam Hussein hat in Tuweitha südlich von Bagdad mit Hilfe Frankreichs einen höchst verdächtigen Kernreaktor erbaut. Israels Premier Menachem Begin sieht nur eine Chance, Saddam zu stoppen: Er befiehlt die Ausschaltung der "Osirak"-Anlage.
In den frühen Morgenstunden des 7. Juni 1981 schickt Begin acht F-16-Kampfbomber mit Tausend-Kilo-Bomben los, begleitet von sechs F-15-Abfangjägern. Sie legen den Reaktor, 900 Kilometer von der israelischen Grenze entfernt, in Schutt und Asche. Bevor die Iraker realisiert haben, was da passiert ist, sind die Flugzeuge unbehelligt in ihre Basis nahe Eilat zurückgekehrt.
Es ist ein Triumph des Mossad, der die Pläne für die tollkühne Aktion ausgeheckt hat - und eine Niederlage für Peres. Der vorsichtige Politiker, damals in der Opposition, war als einer der wenigen Politiker in den Plan eingeweiht worden und hatte wegen zu großer Risiken für Leib und Leben der Piloten wie für die künftigen Beziehungen zu den arabischen Staaten vehement abgeraten. Aber nach einem kurzen Sturm der Entrüstung, in den auch die USA ("Verletzung des Völkerrechts") einstimmen, legt sich die Empörung.
Israel gewöhnt sich an seine im Nahen Osten einmalige "Bombe im Keller", spielt immer selbstbewusster seine Rolle als David mit einer atomar bestückten Schleuder - allen voran der scharfmacherische Verteidigungsminister (und heutige Premier) Ariel Scharon. Er schlägt nach Erkenntnissen des Politikwissenschaftlers Yoel Cohen zu Beginn des Libanon-Feldzugs 1982 im Kabinett allen Ernstes einen Atomschlag gegen Syrien vor, weil die Syrer angeblich drauf und dran seien, die Golanhöhen anzugreifen.
Und doch glauben manche in Jerusalem, dass die Fähigkeit zum nuklearen Erstschlag von den Feinden Israels nicht ernst genug genommen würde. Wie lässt sich die Erkenntnis über Israels Arsenal verbreiten, ohne die eigene Politik der Verheimlichung aufzugeben?
Es beginnt die mysteriöseste Affäre in der Geschichte des mysteriösen israelischen Atomwaffenprogramms. Sie verbindet sich mit einem marokkanisch-jüdischen Namen: Mordechai Vanunu.
Seine Eltern, er Lebensmittelhändler, sie Schneiderin, führen in Marrakesch das Leben einer Mittelklassefamilie. Mordechai ist eines von sechs Kindern; er wächst wie die anderen dreisprachig auf, wobei er Arabisch und Französisch besser beherrscht als Hebräisch. Von Kreditzusagen der "Jewish Agency" lassen sich die sephardischen Juden 1963 ins Heilige Land locken - und finden, nach der Zuteilung eines bescheidenen Hauses in der Wüstenstadt Beerscheba, das Leben eher härter als in der alten Heimat. Der neunjährige Mordechai besucht bis zum Abitur nur streng orthodoxe Schulen.
Er bewährt sich beim Militärdienst als "sehr guter Unteroffizier" (Armeezeugnis), schafft aber weder die Piloten-Examina noch die Eingangsprüfung für den Inlandsgeheimdienst Schin Bet. Er schreibt sich in Tel Aviv im Studienfach Physik ein, bricht nach einem Jahr ab. Wie viele der orientalischen Juden tendiert er politisch stark nach rechts.
Mordechai Vanunu will schnell Geld verdienen und bewirbt sich im "Nuklearforschungszentrum" Dimona. Dort besteht er 1977 einen Intensivkurs in Physik, Chemie, Mathematik und Englisch - und die Sicherheitsprüfung. Er bekommt den Dienstausweis mit der Nummer 320, der ihn zum Betreten von "Machon 2" berechtigt. Dieser achtstöckige, weitgehend unterirdische Gebäudekomplex, so erfahren die Neueingestellten jetzt, dient als Anlage zur Plutoniumgewinnung. Alle müssen eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben.
Vanunu wird Kontrolleur der Nachtschicht, eine Aufgabe, bei der er sämtliche Abteilungen von Machon 2 durchläuft. Über neun Jahre macht er, ebenso zuverlässig wie unauffällig, den stumpfsinnigen Routinejob. Zwischenzeitlich schreibt er sich an der Universität von Beerscheba für Philosophiekurse ein, Spezialität Nietzsche. Und wechselt dabei die politischen Lager. Scharons Libanon-Krieg 1982 und Israels harte Besatzungspolitik im Westjordanland treiben ihn zu den extremen Linken. Vanunu gibt der Studentenzeitung aufrührerische Interviews, nimmt an Kursen der israelischen Kommunisten teil - schwer vorstellbar, dass dem allgegenwärtigen Inlandsgeheimdienst dies alles entgangen sein soll.
Im Dezember 1985 werden in Dimona "aus wirtschaftlichen Gründen", wie es heißt, 180 Arbeiter entlassen. Vanunu gehört zu ihnen - und tritt, noch bevor er seine Papiere abholt, in die KP ein ("Beruf: Student"). Doch der Einzelgänger findet in der Partei keine Freunde, eine Liebesbeziehung zu einer Hebamme scheitert. Vanunu beschließt, eine Weltreise zu machen, Richtung Fernost. Er nimmt auch seine Kamera mit. Ferner im Gepäck: belichtete Filme mit brisanten Bildern, die der Atomwächter - angeblich unbemerkt - in der hoch geheimen Anlage gemacht hat.
Über Athen, Moskau, Bangkok und Katmandu kommt er nach Sydney. Dort schlägt er sich als Taxifahrer durch, freundet sich in der Anglikanischen Kirche St. John mit dem Pfarrer an. Er tritt zum Christentum über. Die pazifistischen Bibelstunden bestärken Vanunu in seiner Ablehnung des israelischen Atomprogramms. "Es ist unmoralisch", sagt er - und zeigt einigen seiner neuen Brüder Bilder von Dimona. Schnell taucht ein Journalist auf, der ihn zum Enthüllungscoup überredet und den Kontakt zur Londoner "Sunday Times" herstellt. Vanunu wird von dem Blatt in die britische Hauptstadt geflogen.
Die Geschichte, die am 5. Oktober 1986 erscheint, wird zur Weltsensation. Die Politiker mögen sich um eine Bestätigung drücken, die offensichtlich authentischen Bilder und Berichte belegen: Israel besitzt etwa 100 bis 200 Atombomben.
Die israelische Regierung (nun unter Führung von Premier Peres) beschließt bereits vor dem Erscheinen seiner Enthüllungen, Vanunu aus dem Verkehr zu ziehen - mit einer Honigfalle. Eine hübsche blonde Dame macht sich im Auftrag des Mossad in London an ihn heran, lockt ihn zu einem gemeinsamen Urlaub auf eine British-Airways-Maschine nach Rom. Dort verschwindet Vanunu. 40 Tage später bekennt sich die israelische Regierung dazu, den "Verräter" in Gewahrsam zu haben. Gerüchteweise heißt es, er sei in Rom unter Drogen gesetzt und in einem Schiff verschleppt worden. Ein Gericht in Jerusalem verurteilt Vanunu in nichtöffentlicher Verhandlung zu 18 Jahren Gefängnis. Die meiste Zeit muss er in Isolationshaft verbringen.
Bis heute gibt das totale Versagen der Dimona-Überwachungsbehörden Rätsel auf. Oder hat Israels Geheimdienst den Atomwächter Vanunu selbst an der langen Leine geführt? "Die glaubwürdigste Erklärung lautet, dass der Mossad dem Wissenschaftler Vanunu auf die Schliche kam und beschloss, ihm Gelegenheit zu geben, seine brisanten Entdeckungen weiterzuerzählen", meint der britische Nuklearexperte Frank Barnaby.
Die drei von der atomaren Tankstelle - Schimon der Friedensbewegte, Rafi der Skrupellose und Mordechai der Zweifler - blicken in diesen Tagen in eine zutiefst unterschiedliche Zukunft.
Schimon Peres spricht inzwischen erstaunlich offen über die nukleare Option Israels: "Wir haben uns besondere waffentechnische Möglichkeiten nicht angeeignet, um Hiroschima zu wiederholen, sondern um so etwas wie (den Friedensprozess von) Oslo durchzusetzen." Auch mit jetzt 80 Jahren hat der allseits Einsetzbare die Hoffnung auf ein hohes Staatsamt nicht aufgegeben - doch Konjunktur haben in Israel auf absehbare Zeit eher die Hardliner.
Rafi Eitan hat sich längst verbittert ins Privatleben zurückgezogen, sich als Geschäftsmann versucht. Mal arbeitete er als Makler im Westjordanland, mal als Zierfischhändler mit Büro in Kuba (wobei er mehrfach Fidel Castro traf). Eitan hat es nicht zum Mossad-Chef gebracht und gilt seit seiner eigenmächtigen Rekrutierung des Wissenschaftlers Jonathan Pollard, der für Israel die USA ausspionierte, in Amerika als Persona non grata.
Man solle PLO-Chef Arafat wie einst Eichmann in Israel den Prozess als Kriegsverbrecher machen, schlug Scharon-Freund Eitan kürzlich im israelischen Radio vor. Auf den Websites durchgeknallter Verschwörungstheoretiker wird Eitan neuerdings als der Mann gehandelt, der hinter dem Terror vom 11. September 2001 in New York stand - und im Auftrag des Mossad eine ähnlich monströse, neue Tat plant.
Mordechai Vanunu soll am 21. April aus dem Gefängnis von Aschkelon entlassen werden. Ein amerikanisches Ehepaar, das ihn adoptiert hat, und ein befreundeter Anglikaner-Priester planen in den USA, wohin der Häftling auswandern will, eine große Party. Fans nominierten ihn für den Friedensnobelpreis.
Noch ist völlig unsicher, ob es zur Freilassung kommt. Das Verteidigungsministerium will Vanunu nach einem sonst nur bei palästinensischen Terrorverdächtigen angewendeten Gesetz weiterhin hinter Gittern halten. Oder ihn allenfalls gegen die Zusicherung laufen lassen, dass er über seine Erfahrungen in Dimona und seine Entführung schweigt.
"Ich glaube an die Redefreiheit, sie ist das höchste demokratische Gut", hat der "Verräter" seinen Adoptiveltern gesagt.
* Avner Cohen: "Israel and the Bomb". Columbia University Press, New York; 478 Seiten; 14,70 Dollar. Yoel Cohen: "Die Vanunu-Affäre. Israels geheimes Atompotential". Palmyra Verlag, Heidelberg; 440 Seiten; 12 Euro.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 5/2004
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Das Phantom von Dimona

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