26.01.2004

THEATERDas Wunder von Köpenick

Der berühmte Berliner Schauspieler Otto Sander spielt in Bochum die berühmteste aller Berliner Theaterrollen - und sagt: „Det is ja det Gefährliche.“
Schimmlig-grün schillert das nächtlich angeleuchtete Brandenburger Tor, kalkweiß krümmt sich tief drunten in einem Torbogen ein kurzgewachsener älterer Mann. Der zerschlissene braune Anzug, den er trägt, ist viel zu groß; der Seehundschnauzer in seinem Gesicht zittert bedenklich. Der bleiche Mann will einen Job in der Fabrik und buckelt nun im Personalbüro: "Ick bin nämlich vorbestraft", barmt er mit grässlich trompetender Stimme, "det sag ich lieber gleich, als dass es rauskommt."
Potztausend, es wird nach Kräften gegen alle muffige Berliner Schultheiss-Gemütlichkeit angepustet auf der Bühne des Bochumer Schauspielhauses während der Proben zu Carl Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick". Schließlich soll die Premiere am Samstag dieser Woche ein Großereignis des Theaterwinters werden - und das nicht so sehr, weil der Bühnenbildner Bernhard Kleber eine besonders schöne grün patinierte Brandenburger-Tor-Nachbildung in den Theatersaal gebaut hat oder weil der Intendant Matthias Hartmann die Chose mit viel Schmackes hinbrettern will. Nein, der Held des Abends soll der Mann sein, der die Titelrolle spielt: Otto Sander.
Kein Geringerer als Sander spielt den Schuster Wilhelm Voigt, der im Herbst 1906 eine Leih-Uniform anzog, ein paar Soldaten auf der Straße als Begleitkommando rekrutierte, das Rathaus in Köpenick stürmte und dort die Stadtkasse kaperte. Man könnte auch sagen: Otto Sander spielt die Rolle, die viele für die Rolle seines Lebens halten.
Denn ist der Mann nicht - spätestens seit Harald Juhnkes tragisch umflortem Abtransport ins Pflegeheim - der Inbegriff des Berliner Schauspielers schlechthin? In Wim Wenders' "Der Himmel über Berlin" war er der strenge Engel Cassiel; in den legendären Zeiten der Berliner Schaubühne zwischen Anfang der siebziger und Mitte der achtziger Jahre spielte er lauter seltsam versehrte und komische Käuze, etwa in Peter Steins "Peer Gynt" oder Luc Bondys Botho-Strauß-Inszenierung "Kalldewey, Farce"; im Fernsehen scheute er nicht zurück vor Auftritten in einer so massiv dämlichen, wenngleich von Massen angehimmelten Serie wie "Das Traumschiff".
Dazu und vor allem ist Sander einer der wenigen Stars der Berliner Gesellschaft. Weil ihn, wie er sagt, "Volkstheater schon immer interessiert hat", flaniert er bei nahezu jeder hauptstädtischen Film-, Mode- oder sonstwie Society-Gala mit zotteliger Freundlichkeit über den roten Teppich; gibt er vor jedem dahergelaufenen Fotografen den Beschützer-Buddy seiner ebenso lärmenden wie halbbegabten Stiefkinder Meret und Ben Becker - und brilliert in der Rolle des republikweit notorischen Tresenstehers, dem am frontalen Trinkpult der so genannten Paris Bar in der Kantstraße ein Messingschild einen Ehrenplatz zuweist.
"Ick bin Berufs-Berliner", sagt Otto Sander, aufgewachsen im niedersächsischen Peine und zum Schauspielkünstler ausgebildet an der Münchner Falckenberg-Schule. Ist also der "Hauptmann von Köpenick" tatsächlich eine Lebensrolle für ihn? Sander lässt erst mal einen großen Schluck Mittagsbier in seine Kehle rauschen, pafft seine Zigarette und sagt dann: "Ich werde schon dafür sorgen, dass sie nicht aussieht wie die Rolle meines Lebens."
Und dann erzählt er doch, wer alles schon fand, dass er, gerade er, unbedingt Zuckmayers Hauptmann spielen müsse: Vom großen Regisseur Rudolf Noelte über allerlei liebe Kollegen bis zum berühmtesten aller Hauptmann-Darsteller Heinz Rühmann, der ihm während der Feier des 90. Rühmann-Geburtstags ins Ohr geflüstert habe: "Du musst irgendwann den Hauptmann machen." Tja!
Der Bochumer Regisseur Hartmann spricht von einem "Geschenk" an Sander - und will natürlich doch mehr sein als nur der Verpacker. Der Dramaturg Andreas Erdmann spricht davon, wie sehr Zuckmayers Stück von 1931 im Rühmann-Film von 1956 für eine Darstellung des kleinen Mannes als herumgeschubstes Opfer der Zeitläufte herhalten musste - ähnlich wie das "Wunder von Bern" und das "Wunder von Lengede" stehe die Köpenicker Wundertat des Schusters Voigt seither für den Mythos von deutschem Wir-sind-wiederwer und Schwamm-drüber.
Alles schön und gut, und doch beteuern alle Beteiligten immer wieder: Der Otto ist ideal für diese Rolle. Otto Sander aber warnt: "Det is ja det Gefährliche."
All die berühmten Zuckmayer-Hauptmänner, "Ob Rudolf Platte oder Heinz Rühmann - ich habe sie alle vor Augen, das ist das Problem", sagt Sander.
Dabei ist dem Mann so leicht nichts peinlich. Er sagt: "Bevor ich nur für die Theaterkritiker im Feuilleton spiele, höre ich lieber gleich auf."
Aber jetzt - kokettiert er nur damit, dass er nun doch ein bisschen Bammel hat? Und könnte der am Ende noch berechtigt sein?
Ach was, soweit das bei den Proben zu sehen war, spielt er in Bochum mit einem wunderbaren Schluri-Charme alle Zweifel ebenso in Grund und Boden wie alle übersteigerte Bedeutungshuberei: Er ist kein deutscher Hinkemann, der von himmelschreiendem Elend niedergeschmettert ist und seine Wut herausschluchzt wie ein tragischer Clown. Er ist ein deutscher Hutzelmann, der zart und beharrlich seinen Kampf ausficht - und am Ende eben nicht milde verzeihend triumphiert.
Um "Komik und Anarchie, die ja immer zusammengehören", gehe es ihm zuallererst, sagt Sander, "um das Nicht-Zurechtkommen in der Welt". Und so raunzt er dann auch den Zuckmayer-Satz "Wie schön Deutschland ist, wenn man weit weg ist und immer nur dran denkt": Nicht mit Stauneaugen und als eifriger Ranwanzer ans deutsche Gemüt, sondern in der bitteren Gewissheit, dass kein noch so waghalsiger Kostümstreich etwas ändern könnte am Lauf der Welt. WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 5/2004
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