02.02.2004

Der stille Texaner

Berühmt wurde Tommy Lee Jones in Hollywood-Nebenrollen. Im Berlinale-Wettbewerb ist er als Held eines Westerns zu sehen.
Im Western "The Missing" trägt Tommy Lee Jones lange graue Haare, Fransenjacken und Ketten mit indianischen Glücksbringern. Er spielt einen alten Mann namens Samuel Jones, der seine Familie einst verließ, um unter Apachen zu leben. Er schläft bei den Pferden, schickt im Morgengrauen mit freiem Oberkörper indianische Gebete in den Winterhimmel, er kann Spuren lesen, wälzt sich im Staub und beherrscht auch ein paar Medizinmanntricks.
Es ist zunächst etwas verwirrend, ihn kurz nach einer Kinovorstellung an der Park Avenue zu treffen.
Tommy Lee Jones trägt nun einen gut sitzenden schwarzen Anzug, ein blütenweißes Hemd, eine silbrige Krawatte und glänzende dunkelbraune Schuhe, sein Haar ist kurz. Er sitzt in einem gelblichen Sofa in einer New Yorker Hotelsuite, seine dunklen Augen schauen so müde und teilnahmslos wie die Augen des US-Marshalls Sam Gerard, den er im Film "Auf der Flucht" spielte.
Der Teppich ist dick, es ist ganz still, Jones hasst Interviews. Für einen Moment scheint es unmöglich, von hier aus in den Wilden Westen zurückzukehren. Dorthin, wo "The Missing" spielt, und dorthin, wo Tommy Lee Jones lebt. Sie haben den Film in der Gegend um Santa Fe gedreht, wo es Berge und Wüste gibt. Jones hat dort im Nachbarstaat eine Rinderfarm. Die Landschaft hat nichts Liebliches, sie ist schroff, unbarmherzig und schön.
Wie wichtig ist Landschaft für einen Western? "Sie ist so wichtig wie die Hauptdarsteller", sagt Jones.
Am Anfang des neuen Ron-Howard-Films reitet Samuel Jones aus den Winterwäldern, um sich von seiner Tochter behandeln zu lassen, die als eine Art Heilpraktikerin auf einer verlassenen Farm mit zwei Mädchen und einem Liebhaber wohnt. Cate Blanchett spielt die hart gewordene Frau, die ihren Vater dafür hasst, dass er sie und ihre Mutter vor Jahrzehnten im Stich ließ. Sie will, dass er verschwindet, aber als am nächsten Morgen ihr Freund von Indianern getötet und ihre ältere Tochter entführt wird, machen sich Vater und Tochter zusammen auf die Suche. Es ist ein klassisches Westernthema, das an den "Schwarzen Falken" von John Ford erinnert.
Vielleicht kommt nach den Sandalen- und Piratenfilmen nun auch der Western zurück? "Oh, keine Ahnung. So denken Marketingleute, ich traue dieser Art von Denken nicht", sagt Jones.
Ist es denn Zufall, dass der einzige Film, in dem er vor Jahren Regie führte, ein Western ist? "Na ja, es gibt Staub und Pferde, und so hat jemand das Label Western draufgeklebt. Aber das hat nicht viel Bedeutung. Ich habe in drei Filmen mitgemacht, in denen Pferde vorkamen und die im 19. Jahrhundert im Nordwesten Amerikas spielten. Ich weiß nicht, ob das Western waren, aber sie sind alle frei von Stereotypen."
"The Missing" kann man nicht vorwerfen, dass er die Indianer zu gut darstellt. Sie sind so böse und hässlich, dass man gar nicht mehr hingucken mag. Der Anführer hat Pockennarben, braune Zähne und kann mit Hilfe von toten Klapperschlangen und bunten Pulvern Menschen verzaubern.
Tommy Lee Jones aber trägt seine langen grauen Haare 130 Minuten lang mit Würde. Er passt in die Landschaft.
Bevor er stirbt, wird Samuel Jones gefragt, wieso er von zu Hause wegging. "Ich bin einem Falken gefolgt", sagt er. Und warum ist er nicht zurückgekommen? "Der Falke ist einfach immer weitergeflogen."
Tommy Lee Jones ist in Midland groß geworden, der Heimat von George W. Bush, aber seine Eltern hatten wenig Geld. Jones hat sich über Football-Stipendien aus Texas herausgekämpft. Er hat in Harvard englische Literatur studiert, er lag zusammen mit Al Gore auf dem Zimmer, für den er später in den Wahlkampf zog. Er spielte Theater am Broadway. Er hat sieben Jahre in New York gelebt, bevor er nach Hollywood ging, um berühmt und reich zu werden. Er hat es mit Nebenrollen geschafft, an der Seite von Ryan O'Neal, Woody Harrelson, Kevin Costner. Und so hat er den Nebenrollen-Oscar bekommen. Für den unnachgiebigen Marshall im Harrison-Ford-Drama "Auf der Flucht". Da war er schon längst wieder nach Texas zurückgekehrt.
Er hat ein Haus, das drei Meilen von dem Ort entfernt ist, an dem er geboren wurde. Er ist dem Falken gefolgt wie der alte Mann in "The Missing".
Hat es ihn beeinflusst, dass seine Großmutter eine Indianerin war? Er schaut einen aus dunklen müden Augen an. "Es gibt keinen Weg für mich, diese Frage in so einem Interview angemessen zu beantworten. Also versuche ich's gar nicht", sagt er.
Wieso will er in Texas leben? "Es ist meine Heimat. Meine Kinder sind Texaner der neunten Generation."
Ärgert es ihn, dass Texas so einen schlechten Ruf hat? "Hat es das? Wo?", fragt er. In Europa zum Beispiel. "Es ist mir egal. Ich mag es. Ich arbeite nicht beim Tourismusbüro. Ich will Ihnen die Schönheit meines Landes nicht verkaufen. Es ist nicht mein Job", sagt Tommy Lee Jones leise.
Es ist, als würde man gegen einen Stein rennen. Er redet noch ein bisschen über die Haarverlängerungen, die er während der ganzen Drehzeit trug, über den schwierigen Apachen-Akzent, den er für seine Rolle einstudierte, und darüber, wie schnell Cate Blanchett das Reiten lernte. Dann ist die Zeit um. Jones hat seinen Job gemacht.
Es gibt einen texanischen Dichter, der sagte, die Leute aus seiner Gegend verbrächten den ersten Teil ihres Lebens damit, von zu Hause wegzulaufen, und den zweiten Teil, zurückzukommen. Tommy Lee Jones ist 57 Jahre alt. Er sieht nun auch in seinem schwarzen Maßanzug aus wie ein Cowboy. Wenn jemand den Western zurückbringen sollte, wäre er der Mann dafür. Er steht auf und verlässt mit langsamen Schritten die Suite.
Es wäre nicht verwunderlich, wenn sein Pferd in der Lobby warten würde.
ALEXANDER OSANG
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 6/2004
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