09.02.2004

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDer Alptraum der Queen

Ein Reispflanzer soll der wahre König von Großbritannien sein.
Michael Hastings, Witwer, wohnhaft in Jerilderie im Südosten Australiens, hatte sich in seinem Leben eingerichtet. Morgens stand er auf, fuhr zur Arbeit in die nahe gelegene Reis-Forschungsstation, abends trank er ein paar Bier mit Freunden, oder er sah fern. Das war sein Leben, und Hastings war recht zufrieden. Er war 62 Jahre alt, bald würde er in Rente gehen, er erwartete keine großen Veränderungen mehr, als es im Juni des vergangenen Jahres an seiner Tür klopfte.
Draußen stand ein Fremder, ein Journalist, Mitarbeiter einer britischen Filmfirma, und der Fremde setzte Hastings davon in Kenntnis, dass der britische Channel 4 einen Film über ihn drehen wolle, denn er, Michael Hastings, sei der rechtmäßige Erbe des Throns des britischen Königreichs und Oberhaupt des Commonwealth. Ihm gehöre die Krone, der Titel, der Buckingham Palace. Die Queen habe dort nichts verloren. Sie sei keine Königin, sondern nur irgendeine Adlige.
Hastings schluckte, dann stammelte er: "Strewth!", was so viel heißt wie: "Oh, mein Gott."
Hastings wusste, er ist ein Graf, der 14. Earl of Loudoun, als Kind hatte er im Schloss seiner Großmutter in Schottland gespielt. Aber dieser Titel existierte nur auf einem Stück Papier, er hatte keinen Einfluss auf Hastings' Leben. Er liebt Pubs, keine förmlichen Empfänge, er trägt kurze Hosen, keine Anzüge, und seine Reise nach Australien gehörte nicht zur Erziehung eines weltgewandten Adligen, sie war einer Laune entsprungen.
Vor vielen Jahren hatte er in London ein Plakat gesehen, auf dem zu lesen war: "Junge Burschen gesucht, die Lust auf Abenteuer haben". Geboten wurden Jobs auf Farmen in Australien. Hastings unterschrieb einen Vertrag für zwei Jahre und blieb für immer. Während dieser Zeit war er "Mike", nie ein Graf. Und das war gut so.
Aber nun, den Fremden in seinem Haus, fragte er sich, ob das so bleiben müsse.
Er könnte König sein.
Den Anspruch auf den britischen Thron verdankt Hastings einem Historiker, Michael Jones, einem anerkannten britischen Biografen. In Frankreich, in der Bibliothek der Kathedrale von Rouen, hatte Jones vor einiger Zeit ein Schriftstück entdeckt. Es beweise, dass Queen Elizabeth II. den Thron zu räumen habe, sagt Jones, denn ihr Titel beruhe auf einer 500 Jahre alten Lüge.
Bis zur Entdeckung in den Büchern der Kathedrale von Rouen galt König Edward IV., Regent von 1461 bis 1483 und Vorgänger von Elizabeth II., als Sohn von Richard, Duke of York, und Cecily Neville. Der Historiker Jones behauptet nun, Edward IV. sei nicht das Kind des Duke of York, sondern das Ergebnis einer Affäre zwischen einem französischen Bogenschützen und Cecily Neville, gezeugt zu einer Zeit, als der Duke of York nicht mit seiner Frau lebte, sondern Krieg gegen die Franzosen führte. Der rechtmäßige Thronerbe sei deshalb der Zweitgeborene des Duke of York. Sein Name: George, Duke of Clarence, dessen direkter Nachfahre Michael Hastings ist.
Die Folgen dieser Entdeckung sind selbst für ihren Entdecker, den Historiker Jones, "begeisternd und erschreckend zugleich". Die Windsors müssten abdanken, das ist der begeisternde Teil. Aber außer ihnen hätten 25 Könige und Königinnen ihre Plätze in den Geschichtsbüchern zu räumen, unter anderem Publikumslieblinge wie Heinrich VIII., der Frauenköpfer, und Edward VIII., der auf seinen Thron verzichtete, um die Bürgerliche Wallis Simpson heiraten zu können. Sie würden ersetzt werden durch Unbekannte, durch Theophilus Hastings und seinen Enkel gleichen Namens, durch Francis Rawdon, Earl of Moira, durch Lady Barbara, Mutter von Michael Hastings.
Die Dokumentation über Hastings wurde vor kurzem gesendet, und so erfuhren die Briten von ihrem neuen König, Ahnenforscher bestätigten die Legitimität des Anspruchs, die Windsors bemühten sich, die aufkommenden Diskussionen durch einen steiflippigen Satz zu ersticken: "Der Anspruch ist eine Sache der Filmproduzenten."
Nun liegt es an Michael Hastings, wie es mit der Monarchie in Großbritannien weitergeht. Werden Elizabeth, Charles und dessen Söhne weiter durch ihr Reich stolpern, oder wird König Michael I. den Briten ein wenig australische Lässigkeit bringen?
So wie es aussieht, wird alles bleiben, wie es ist. Hastings wird wohl auf den Thron verzichten.
Er sitzt in seiner Wohnung, in T-Shirt und Shorts, eine Büchse Bier in der Hand und sagt: "Ich will das alles nicht. Ich werde der Königin keinen Brief schreiben, in dem steht: Du hast drei Monate Zeit, den Palast zu räumen, und außerdem schuldest Du mir die Miete für 500 Jahre." Er könne gut ohne Butler, Luxus und die ganzen Verpflichtungen eines Königs leben. Er wolle seine Ruhe haben und gönne sie auch den Windsors.
Ob das so bleiben wird, ist offen. Michael ist nicht der Letzte der Hastings. Er hat drei Söhne. Und zwei Töchter. Und fünf Enkel. UWE BUSE
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 7/2004
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Der Alptraum der Queen

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